Artenschutz beim Windradbau: „Wer bedrohte Vogelarten finden will, der findet sie auch“

Wie bestellt fliegt zum Ortstermin ein Schwarzmilan vorbei. „Ich beobachte hier 20 Überflüge pro Tag“, erzählt Dirk Bernd. Nicht nur des Schwarzen, auch seines roten Bruders. Der Artenschutzgutachter aus Lindenfels steht gerade auf einem Feldweg zwischen Weschnitz und Ober-Ostern, unterhalb der Windenergieanlage Kahlberg, von dem aus man eine herrliche Sicht bis zu Schloss Reichenberg, zu Stotz und Range, Richtung Rohrbach mit Lärmfeuer und Morsberg sowie Hammelbach hat.

Dirk Bernd sieht sie alle, die bedrohten Arten. Die auf der roten Liste stehenden Schwarzstörche fliegen bei seinen Untersuchungen mehrmals am Tag vorbei. „Ginge es nach dem Artenschutz, dürfte im Odenwald kein einziges Windrad betrieben werden“, macht der renommierte Fachmann klar. Denn wer will, der findet. Und zwar reichlich. Nicht nur vorbei fliegende Tiere, sondern auch Horste. „Wir haben hier ein Brut- und Nahrungshabitat für Rot- und Schwarzmilan, ein Dichtezentrum mit regelmäßigen Überflügen“, hebt er hervor.

Die Betonung Bernds liegt auf dem Wollen. Er wurde bei seinen faunistischen Gutachten bisher in allen Gebieten fündig, wo vorher bestellte Gutachter der Betreiber so gut wie nichts entdeckt hatten. Auf seinen Untersuchungen basieren im Odenwald sämtliche sogenannten „Weißflächen“ im aktuellen Windkraft-Regionalplanentwurf, wo aufgrund der Gutachten-Ergebnisse die Planungen erst einmal zurückgestellt werden. Heute entscheidet in Frankfurt die Regionalversammlung über diesen Plan. Eigentlich, sagt Bernd, müssten die Windkraft-Planer diese Aufgaben übernehmen. „Aber die könnten ja bei Funden nichts durchbringen.“ Und zu finden gibt es viel.

Dirk Bernd ist in seinem Element, wenn er über seinen Beruf spricht. Man merkt ihm die Sorge um die Natur an. „Es ist extrem, was wir hier kaputt machen“, bedauert er. „Ich mache es für die Sache und hoffe, dass es was bringt.“ Um gleich danach den Finger in die Wunde zu legen: „Unseriöser geht’s kaum“, meint er zur bisherigen Genehmigungspraxis bei Windkraftanlagen, seien es nun Greiner Eck, Stillfüssel oder Kahlberg. „Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet.“

Die fünf Windräder auf dem Kahlberg drehen sich an diesem Tag mit etwa 150 Stundenkilometern, schätzt der Gutachter. 300 sind das Maximum. 2016 beobachtete er hier noch 30 Überflüge des europaweit geschützten Rotmilans an einem Tag. Als dann gerodet wurde, waren die entstandenen Freiflächen ein beliebtes Jagdrevier des Raubvogels. „Die Zahl der Überflüge blieb gleich, aber die Verweildauer stieg auf das Sechsfache an“, beobachtete er.

Mit dem Start der Rotoren begann das große Gemetzel. „Eine Zeitlang geht das noch gut“, weiß der Fachmann. Aber nicht lange. Denn der Rotmilan, an der Spitze der Nahrungskette, „erkennt die Rotoren nicht als Gefahr“, erläutert Dirk Bernd. Er fliegt zwischen ihnen hindurch und spielt unfreiwillig Russisch-Roulette. Mal geht es gut, mal nicht. Eine Tötung des Vogels wird für ihn deshalb billigend in Kauf genommen. „Das ist absolut wiederrechtlich und illegal“, macht er seinem Frust Luft.

Die aktuell 40 und mehr werdenden Windräder im Odenwald „hält keine Rotmilan-Population aus“, warnt er. Die Bestände an Vögeln „werden den Planungen angepasst“, kritisiert der Gutachter. Nicht nur bei diesen: Abstände zu Quartierbäumen der Mopsfledermaus wurden laut Bernd immer mehr verringert, von 5000 auf jetzt 200 Meter. „Sonst könnte man etwa im Spessart überhaupt kein Windrad bauen.“

Dirk Bernd machte auch zahlreiche Brutpaare des Rotmilans im Bereich um den Kahlberg aus. „Die drei am nächsten gelegenen waren ein Jahr später (nach Inbetriebnahme des Kahlberg-Windparks, d.Red.) nicht mehr da“, klagt er an. „Die Projektierer haben keinen davon gesehen“, moniert er. Dabei gehören doch „Rotmilan und Odenwald zusammen“, weist er auf das hohe Vorkommen hin.

Bei Raumanalyen „kann man tricksen“, schildert der Planer. Das betreffende Gebiet wird in bestimmte Raster eingeteilt, die weniger beflogenen werden rausgezogen und für Windradbebauung zur Verfügung gestellt. Nur: „Der Rotmilan hält sich nicht an Flugbahnen und Rasterkästchen.“ Diese Art der Arbeit dient seiner Meinung nach nur dazu, „die Pläne zu realisieren“. Aus Erfahrung weiß Bernd, dass sich Raumanalysen von einem zum anderen Jahr „diametral unterscheiden“. Die Vögel fliegen nicht dahin, wohin sie sollen.

„Wenn einer nichts sehen will, ist immer eine Genehmigung zu kriegen“, schildert der Fachmann. Damit war es einfach, meint der Gutachter ironisch, „kein erhöhtes Tötungsrisiko festzustellen“. Denn dessen Existenz würde das Aus für einen Windpark bedeuten. Da aber genau dieses nach all seinen Untersuchungen besteht, „dürfte hier (und damit meint er den ganzen Odenwald, d.Red.) nicht gebaut werden“.

„Egal wo ich nachgeschaut habe, ich habe immer etwas gefunden“, verdeutlicht Dirk Bernd die existierenden Populationen. Und fügt hinzu: „Ich kann meine Argumentation sehr gut begründen.“ Er arbeite mit den aktuellen Methoden-Standards, dokumentiere seine Sichtungen in der Regel mit Bildern.

Stellt Bernd etliche Überflüge und Horste bedrohter Arten fest, ein anderer, von den Firmen beauftragter Gutachter aber nicht, „folgte die Genehmigungsbehörde dem politischen Druck“, moniert er. Und winkte die Windräder durch. Erst in letzter Zeit ändert sich daran etwas, siehe Weißflächen.

Wobei diese ja auch nicht für alle Zeit aus der Planung sind, sondern nur ein paar Jahre. Was für den Fachmann absoluter Blödsinn ist. „Der Schwarzstorch hält an seinem Revier fest“, betont er. „Der ist eigentlich nie weg.“ Horste werden im Umkreis von ein paar hundert Metern gebaut. Damit sind laut Bernd die Weißflächen Augenwischerei, da sich der Status Quo nicht ändern wird. Außer es werden die Bäume gefällt, wo sich die Horste befinden, wie es vergangenes Jahr am Morsberg bei Reichelsheim geschah. Und selbst dann bauen der Rotmilan oder Schwarzstorch im Umfeld einen neuen Horst, den es dann wieder zu finden gilt.

Info: Dirk Bernd hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: „Windindustrie versus Artenvielfalt – Eine Studie über die Auswirkungen der Windenergienutzung auf Großvögel- und Fledermausarten am Beispiel Odenwald und weiteren Mittelgebirgsräumen“. Man kann es kostenlos als Pdf unter www.muna-ev.com/veröffentlichungen/ herunterladen.

Kahlberg-Schwarzstörche

Die Windräder am Kahlberg „liegen zwischen den Horsten von drei Schwarzstorch-Brutpaaren“, sagt Dirk Bernd. Die gehen an Weschnitz und Ulfenbach zur Nahrungssuche runter und überfliegen dabei regelmäßig die Rotoren. Aufgrund des Flugradius’ der Tiere „müsste man in einem Zehn-Kilometer-Umkreis prüfen“, hebt er hervor. Obwohl der Genehmigungsbehörde Bilder von Schwarzstörchen, sogar von einem Paar aus den Monaten Mai und Juni vorlagen, sei der Windpark in Betrieb gegangen. Begründung: „Die Vögel könnten auf dem Zug gewesen sein.“ Der Gutachter weiß nicht, ob ihn das zum Lachen oder Weinen bringen soll. Denn: „Die Schwarzstörche kommen bereits im März.“ Sein Fazit: „Es wird gebogen und gelogen, um eine Genehmigung zu erhalten.“

Zur Person

Dirk Bernd (47), aus Heppenheim stammend, wohnt seit zwölf Jahren in Lindenfels und betreibt dort ein Büro für Faunistik und Landschaftsökologie. Er erstellt als Gutachter Flächennutzungspläne für Gemeinden, ist für Fauna und Flora in kommunalen Bebauungsplanverfahren etwa für Gewerbe- und Wohngebiete zuständig. Am Kahlberg, im Dreieck zwischen Weschnitz, Grasellenbach und Mossautal, war er für die dortige Bürgerinitiative tätig, als Artenschutzgutachter in Reichelsheim – bei Stotz und Range – ebenso für die Gemeinde wie im Mossautal oder Breuberg. „Ich stehe auf einer Anhöhe und schaue das Plangebiet entlang“, beschreibt der Gutachter seine Arbeit. Das geschieht in einem Umkreis von sechs bis zehn Kilometern mit Fernglas und Spektiv. Zur Dokumentation hat Bernd eine Kamera mit 600mm-Objektiv dabei.

„Der Energiewandel muss intelligent gemacht werden“, fordert er. Man kann nicht einfach zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft ausweisen, „aber nicht wissen, wie das umgesetzt werden soll“, kritisiert er. Die dadurch bisher entstandenen Schäden an der Fauna sind „nachweisbar und erkennbar“. Da technisch an den Windrädern keine Verbesserungen möglich sind, um die Tiere zu schützen, „kann es nur ein Entweder-oder geben“. Dirk Bernd ist der Meinung, „dass wir die Stromwende auch mit Fotovoltaik hinkriegen könnten“. Dazu noch ordentliche Speicher „und es geht kein Vogel daran kaputt“. Für ihn ist es extrem, „was wir hier zerstören“. Er weiß von zwei Fledermaus-Arten, die aufgrund der Windkraft schon zu 90 Prozent ausgerottet sind. Zahlreiche weitere der 24 heimischen Arten sind durch die Windenergienutzung ebenfalls stark gefährdet.

 

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Vorerst keine weiteren Windräder auf Wald-Michelbacher Gemarkung

„Sechs Jahre haben wir hart dafür gekämpft“, sagt Bürgermeister Dr. Sascha Weber. Umso mehr freut es ihn, dass der Teilflächennutzungsplan (TFNP) Windkraft fürs Gemeindegebiet nun vom Regierungspräsidium Darmstadt genehmigt wurde. Der zementiert für ein paar Jahre den Status quo in Sachen Windräder, bis irgendwann einmal der Regionalplan Südhessen in Kraft tritt. Das heißt: Es dürfen in dieser Zeit außer denen bei „Stillfüssel“ keine weiteren Rotoren auf Wald-Michelbacher Gemarkung gebaut werden.

Drei fette Aktenordner mit fast 1200 Seiten zeugen von der Bemühungen der Gemeinde, Ordnung in den wild wuchernden Windenergie-Wahnsinn zu bekommen. Der Aufstellungsbeschluss für den TFNP fiel vor fast genau sechs Jahren, am 3. Juli 2012. Dann gab es die Beteiligung der Öffentlichkeit 13/14, die Auswertung im Jahr 2014, Bearbeitung, Behördentermine und einiges mehr. Am 5. September 2017 brachte Weber den dann verabschiedeten Entwurf in die Gemeindevertretung ein, von der er am 17. April 2018 beschlossen wurde.

Dokumentensammlung, Ablauf des Genehmigungsverfahrens sowie Gutachten und Umweltberichten sind weiterhin archiviert. Die akribische Arbeit hat sich gelohnt. Anfang des Monats kam die begehrte Antwort vom RP mit der Genehmigung. Wenn dann noch in wenigen Wochen die Bekanntmachung erfolgt ist, tritt der TFNP in Kraft. „Das ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung der Lebensqualität im Überwald“, freut er sich. Als eine von wenigen Gemeinden in Hessen beschritt Wald-Michelbach den Weg über einen eigenen TFNP.

Weber betrachtet die Genehmigung als großen Erfolg, wenn auch „nur“ Etappensieg. Denn aktuell sind im Regionalplan Südhessen noch fünf Vorranggebiete für Windenergie projektiert. Mit dem TFNP werden diese vorerst ad acta gelegt. „Es bleibt somit nur Stillfüssel“, betont der Rathauschef. Mit den dortigen 145 Hektar, die 2,3 Prozent der Gemeindefläche entsprechen, „hat Wald-Michelbach für die Windenergie substanziell Raum geschaffen“, hebt er hervor. Und sogar das Landesziel von zwei Prozent Gemarkungsfläche übererfüllt. „Damit ist unser Beitrag zur Energiewende auf lokaler Ebene geleistet.“

„Das ist für uns ein ganz wichtiger Meilenstein“, sagt Dr. Weber. Die Bemühungen der vergangenen Jahre mit dem Ziel, Windenergieanlagen auf nur einer Fläche zu konzentrieren, seien damit verwirklicht worden. Allerdings fängt für Weber die Arbeit damit erst an. Denn der genehmigte Teilflächennutzungsplan bietet nur eine vorübergehende Sicherheit. „So lange, bis der Regionalplan in Kraft tritt“, erläutert er. Denn der wird auf einer übergeordneten Ebene beschlossen und setzt damit den kommunalen Plan wieder außer Kraft.

Wobei er mit einer dritten Lesung für den Regionalplan rechnet, womit dieser nicht vor 2022 in Kraft treten dürfte. Deshalb will Weber in den kommenden Monaten alles daran setzen, die Mitglieder der Regionalversammlung Südhessen „zu bearbeiten“, dass diese keine weiteren Vorrangflächen auf Wald-Michelbacher Gemarkung ausweisen. Ziel: Der TFNP soll 1:1 in den Regionalplan mit aufgenommen werden.

Weber betont: „Die Gemeinde hat auf lokaler Ebene alles erreicht, was möglich ist.“ Die langfristige Entwicklung liege bei der Regionalversammlung. Um diese von den Wald-Michelbacher Anliegen zu überzeugen, wird sich der Bürgermeister auch nicht zu schade sein, viele Klinken im Sinne der Gemeinde zu putzen. „Ich werde alles tun, damit der TFNP gesichert wird und nicht weitere Windräder auf unserer Gemarkung entstehen“, sagt er.

Zuerst einmal will Weber die Vertreter in der Regionalversammlung mit dem gleichen (SPD)-Parteibuch kontaktieren. Dann geht es parteiübergreifend an die Mitglieder aus der näheren und weiteren Umgebung. „Ich will ungefähr mit der Hälfte der Versammlung ins Gespräch kommen“, kündigt er an. Eine Sisyphusarbeit, aber das Vorhaben des Bürgermeisters ist klar: Nur Stillfüssel und das war’s dann in punkto Windkraft-Gebiete.

Weber bezieht klar Stellung: „Ich erwarte, dass alle Bergsträßer Vertreter mein Vorhaben unterstützen.“ Und nennt gleich die Betreffenden: Josef Fiedler und Gerhard Herbert auf SPD-Seite, von der CDU Christian Engelhardt und Bürgermeister Rolf Richter aus Bensheim, Thilo Figai (Grüne), Christopher Hörst (FDP) und Dr. Erwin Schuster (AfD).

Der Rathauschef ist stolz über das Erreichte. Federführend war auf Gemeindeseite dabei Stefan Jäger vom Bauamt, dem das Planungsbüro IntraPro Lorsch mit Dirk Hettrich zur Seite stand. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurde das Projekt in enger Abstimmung mit dem Regierungspräsidium vorangetrieben. „Zu 80 Prozent“ hatte Weber im Vorfeld die Erfolgsaussichten des TFNP geschätzt. 60 Prozent gibt er nun als Zahl für den Bestand dieses Plans vor der Regionalversammlung an.

Bis zum Inkrafttreten des Regionalplans wird sowieso noch viel Wind über die Odenwald-Hügel wehen. Oder auch nicht. Je nach den neuesten Erkenntnissen über Windhöffigkeit oder Wirtschaftlichkeit der WKA könnte das Thema vielleicht sowieso irgendwann obsolet sein, hofft er. Dazu kommt der starke öffentliche Druck aus der Bevölkerung gegen eine weitere Verspargelung der Landschaft. „Der Zeitgewinn hilft uns, weil dann neuere Erkenntnisse vorliegen“, sagt er.

„Einer der besten Standorte im Odenwald“

Hirschhorn/Neckarsteinach. Wenn er über die sogenannte Windhöffigkeit am Greiner Eck spricht, kommt Jürgen Simon von der Viernheimer Firma 3P Energieplan GmbH fast ins Schwärmen. Denn auf dem Odenwald-Hügel zwischen den beiden hessischen Städten Hirschhorn und Neckarsteinach sowie den badischen Nachbarn Schönau und Heddesbach bläst der Wind überaus kräftig, so dass die entsprechenden Flächen im Plan nicht nur rot, sondern gar dunkelrot gekennzeichnet sind. Was eine wesentliche Voraussetzung für einen Windpark darstellt. „Einer der besten Standorte im Odenwald“, so Simon. 3P als von den Investoren Stadtwerke Viernheim und Bad Vilbel beauftragtes Ingenieurbüro koordiniert die Planungen für das Windpark-Projekt mit fünf Windrädern.

Dass die Theorie mit der Praxis übereinstimmt, freut den Planer umso mehr. Denn Ende vergangenen Jahres wurden die Messungen vor Ort beendet. „Die prognostizierten Werte wurden bestätigt“, sagt Jürgen Simon: durchschnittliche Windgeschwindigkeiten über 6,3 bis knapp an die sieben Meter pro Sekunde. Die Windmessungen waren nur ein Schritt unter vielen, die die Vorarbeit für die Errichtung des Windparks mit fünf Windrädern mit sich bringt (siehe Zahlen und Fakten).

Zwei Jahre sind die Planer schon am Werk. Wenn erst einmal mit dem Bau begonnen wurde, dauert dieser nur noch einen Bruchteil der Vorbereitungszeit. Falls das Genehmigungsverfahren in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen stattfinde und sich die Stellungnahmen ebenfalls zeitnah abhandeln ließen, könnten sich laut Simon schon im zweiten Quartal 2016 die großen Rotoren über dem Greiner Eck drehen.

Aktuell laufen Simon zufolge die verschiedenen Verfahren in Form von Bauanträgen beim Regierungspräsidium Darmstadt. Einsprüchen sieht der Planer eher gelassen entgegen: Weil schon im Vorfeld 20 Behörden an der Genehmigung beteiligt seien, geht er davon aus, „dass alles abgeklopft ist“. Da es sich beim Greiner Eck um ein FFH-Gebiet handle, habe es im Vorfeld eine Verträglichkeitsuntersuchung gegeben, ob der Windpark mit den Schutzzielen kollidiere. „Das ist nicht der Fall“, so Simon.

Seitens der Planer werde versucht, auch den Bedenken aus der Bevölkerung Rechnung zu tragen, erläutert Bauingenieur Simon. „Natürlich verursachen Windräder Geräusche“, sagt er. Doch gebe es Auflagen für die Betreiber, aufgrund derer sie nachweisen müssten, dass geltende Grenzwerte nicht überschritten würden. Für ein Dorf und Mischgebiet seien dies nachts 45 Dezibel (dB). „Wir liegen sogar unter 40 dB“, so Jürgen Simon.

Zum Punkt „Infraschall“ führt er aus, dass „in vielen Alltagsgeräuschen deutlich mehr davon enthalten ist im Geräusch eines Windrads in 1000 Meter und mehr Entfernung“. Natürlich bedeuteten Windräder in dieser Größe ein verändertes Landschaftsbild. Andererseits, sagt der Planer, wolle praktisch jeder die Energiewende, aber wenn es dann vor der eigenen Haustüre geschehe, sei es doch nicht recht.

In der Theorie, so seine Berechnung, könnten die fünf Windräder mit ihrer jährlichen Leistung von 40.000 Megawattstunden 11.400 Haushalte versorgen – also praktisch alle Anliegergemeinden. In der Praxis werde der Strom allerdings in Neckarsteinach ins allgemeine Stromnetz eingespeist. Und natürlich lieferten die Windräder allein nicht den kontinuierlichen Strom, den man zur Haushaltsversorgung brauche.

Netter Nebeneffekt für die Kommunen: Die erwirtschaftete Gewerbesteuer bleibt zu 70 Prozent vor Ort. Dazu fließen Pachtbeiträge für die Grundstücke. Durch die Einspeisevergütung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sei die Einspeisevergütung für 20 Jahre gesichert, erläutert der Planer. Er rechnet aber damit, dass sich die Anlage schon viel früher amortisiert. Für einen späteren Rückbau müsse man genau festgesetzte Rücklagen bilden, sagt Simon.

Während die politischen Vertretungen in den beiden hessischen Neckartalgemeinden dem Projekt eher positiv gegenüber gegenüberstehen, ist man im badischen Steinachtal und in Heddesbach weniger begeistert. Dazu hat sich mit Sitz in Langenthal die „Bürgerinitiative Greiner Eck (www.bi-greinereck.de) gegen den Windpark gebildet. Die von ihr ins Feld geführten Punkte sind unter anderem zweifelhafte Wirtschaftlichkeit, Landschaftsverschandelung, Grundwassergefährdung und gesundheitliche Gefahren durch Infraschall.

Windpark „Greiner“ Eck in Zahlen und Fakten

  • Standort: Greiner Eck zwischen Hirschhorn, Neckarsteinach, Schönau und Heddesbach
  • Start der Planung Dezember 2012
  • ab März 2013 ein Jahr lang Vogel- und Fledermauskartierung
  • Februar 2014 Abschluss Pachtvertrag mit Hessen Forst, danach mit den Städten Hirschhorn und Neckarsteinach sowie Privateigentümern
  • ab Dezember 2013 ein Jahr lang Windmessungen
  • Spätjahr 2014: Beginn des Genehmigungsverfahrens
  • Frühester Baubeginn/Rodung Oktober 2015, früheste Fertigstellung 2. Quartal 2016
  • 5 Windräder mit 135 Meter Nabenhöhe, inkl. Rotoren ca. 200 Meter Höhe
  • Drehzahl: vier bis 12,8 Umdrehungen pro Minute
  • Komplette Windpark-Fläche 4,2 Hektar, davon 3,3 Hektar dauerhafte Rodungsfläche einschließlich Zuwege und Stellfläche
  • Windhöffigkeit: über 6,3 Meter/Sekunde
  • jährliche Leistung ca. 40.000 Megawattstunden
  • theoretische Abdeckung 11.400 Haushalte
  • Geräuschimmission maximal 40 dB (A)
  • Entfernung zu Wohnbebauung 1000 Meter und mehr
  • 25 Millionen Euro Investitionssumme
  • Ausschüttung der Gewerbesteuer zu 70 Prozent am Windpark-Standort
  • Betreiber: Windpark Greiner Eck GmbH & Co. KG: Stadtwerke Viernheim und Bad Vilbel, nach Fertigstellung zusätzlich Energie-Genossenschaft Starkenburg

Das obere Bild zeigt eine Visualisierung von der Schönbrunner Straße in Ersheim am Ortsausgang, das untere Vom Dilsberg aus.

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„Greiner-Eck“-Stellungnahme ist noch veränderbar

Hirschhorn. Die geplanten Windräder am „Greiner Eck“ zwischen Hirschhorn und Neckarsteinach sind ein heißes Eisen. Und ein gutes Beispiel für das „St.-Florians-Prinzip“. Denn im Prinzip ist ja jeder für die Nutzung erneuerbarer Energien. Außer man wird ganz direkt, in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, damit konfrontiert. Dann wird eine grundsätzliche Zustimmung schnell mit einem „Ja, aber…“ versehen. Dass bei dem Thema die Emotionen hochkochen, zeigte sich schon bei mehreren Infoveranstaltungen, auch in Hirschhorn. Bürgermeister aus den umliegenden Kommunen, vor allem aus dem Gemeindeverwaltungsverband Schönau, positionierten sich gegen den Windpark.

Hirschhorn ist insofern davon betroffen, dass ein Bruchteil der benötigten Fläche von 69 Hektar der Stadt gehört. Das meiste ist aber in Privatbesitz oder gehört zu Neckarsteinach. Vor allem in Langenthal sind die Bedenken groß. Sie beziehen sich auf die Sichtbarkeit der 135 Meter hohen Rotoren. Dort hat sich auch eine Bürgerinitiative gebildet, die gegen das Bauvorhaben Front macht. „Betroffen“ sind auch Heddesbach und Brombach.  Als Nachklapp zu einer Infoveranstaltung hatte die SPD in der kurz darauf folgenden Stadtverordnetensitzung Anfang November wissen wollen, ob der Antrag der Stadt zur Vorrangfläche „Greiner Eck“ zurückgezogen werden könne. Was aber, so Fraktionsvorsitzender Max Weber damals, nicht als eine Kehrtwende bei der Windkraft verstanden werden solle.

Auf der aktuellen Stavo-Sitzung gab es nun die Antwort der Verwaltung: Demnach sei „die Frist zur Abgabe von Stellungnahmen zum Entwurf des Sachlichen Teilplans Erneuerbare Energien (TPEE) abgelaufen“, so Bürgermeister Rainer Sens. Da es nach dem hessischem Landesplanungsgesetz keine Ausschlussfrist zur Abgabe von Stellungnahmen gebe und die Bearbeitung der Stellungnahmen aus dem ersten Beteiligungsverfahren noch nicht abgeschlossen sei, könne die Stadt Hirschhorn in diesem Fall ihre Stellungnahme vom 22.04.2014 durch eine weitere ergänzen/verändern, verlas er eine Mitteilung des Regierungspräsidiums (RP). „Dies sollte dann sobald wie möglich geschehen.“

Nach derzeitiger Beschlusslage der Regionalversammlung Südhessen sollten in Natura 2000-Gebieten keine Vorranggebiete für die Windenergienutzung ausgewiesen werden, solange das „Zwei-Prozent-Ziel“ außerhalb der Natura 2000-Gebiete erreicht werden könne, heißt es vom RP weiter. Eine Entscheidung, ob das „Greiner Eck“ als Vorranggebiet für Windenergienutzung im TPEE für das zweite Beteiligungsverfahren aufgenommen werde, erfolge bei den Beratungen der Regionalversammlung über die Stellungnahmen zum ersten Beteiligungsverfahren. Die Beratungen seien aber noch nicht terminiert, so Sens. Insofern könnte die Stadt Hirschhorn die Beratungen abwarten und sich im zweiten Beteiligungsverfahren entsprechend äußern, äußert sich das RP weiter.

Die SPD wollte darüber hinaus wissen, welche Auswirkungen die Rücknahme des Antrags habe. Dazu heißt es vom RP: Da die Beratungen über die Stellungnahmen des ersten Beteiligungsverfahrens zum Entwurf des TPEE noch nicht stattgefunden hätten, handele es sich beim Entwurf noch nicht um eine gefestigte Planung. Daher hätten dieser Entwurf des TPEE oder die Stellungnahme der Stadt Hirschhorn dazu im laufenden Genehmigungsverfahren nach Bundesimmisionsschutzgesetz keine Auswirkungen.

Antwort bekam auch Thomas Uhrig, CDU. Demnach stellt die Betreiber- und Planerfirma 3P Energieplan aus grundsätzlichen Erwägungen (schlechte Erfahrungen durch unerlaubte Weitergabe und Online-Veröffentlichung) Präsentationen grundsätzlich nicht mehr zur Verfügung. Laut Planer Jürgen Simon von 3P (der das Projekt schon mehrmals vorstellte) ist das Greiner Eck mit einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von 6,4 bis sieben Metern pro Sekunde der windhöffigste Standort im weiten Umkreis. Die fünf Windräder haben eine Leistung von 3000 Kilowatt, die Rotoren einen Durchmesser von 115 Metern. Von den für die Aufstellung notwendigen 69 Hektar Land sollen nur 2,7 Hektar für die Windräder tatsächlich in Anspruch genommen werden.

Zum Bild: Langenthal unterm Windradberg? So würde nach einer von der Bürgerinitiative (BI) „Greiner Eck“ erstellten Fotomontage der Hirschhorner Stadtteil überschattet, wenn die fünf Windräder wie geplant gebaut würden.