Franz Kain lud sich unterhaltsame Gäste in den Schlosshof ein

Da ist der Lokalmatador in seinem Element. Wenn Franz Kain einlädt, ist natürlich auch ein saftiges Stück Franz Kain mit drin. Der Kabarettist kennt sie alle, die Woinemer Befindlichkeiten, und lässt sich trefflich „uff Woinemerisch“ drüber aus. Eingeladen hat er sich zum „Zehnjährigen“ als Solokünstler alte und junge Weggefährten zum Open-Air in den Schlosshof.

Eine sticht dabei besonders heraus und läuft dem Gastgeber fast den Rang ab: Anna Krämer, die als Sängerin begeistert und dabei noch Witz ohne Ende mitbringt. Aber sicher kein Problem für Kain: Denn er kennt die Vollblut-Entertainerin der „Schönen Mannheims“ ja schon lange. Markus König von den „Spitzklickern“ sowie Felicitas Hadzik und Kains Tochter Patricia als Duo „Zweisamkeit“ runden den gelungenen Abend ab.

Die Kugel Eis beim „Eishäusl“ für 1,10 Euro. „Ist auf die Waffel Pfand?“, fällt Kain da nur noch ein. Von Tempo 10 auf der Mannheimer Straße ist es nur ein kleiner Sprung zu den ewigen Autobahnbaustellen, bei denen nie ein Bauarbeiter anzutreffen ist. Der Kabarettist lässt sich wort- und gestenreich über die „Orte der Ruhe und des Friedens“ aus, menschenleer, das „Stonehenge des Straßenbaus“ mit den weiß-roten Pylonen.

Mit den Kaulquappen im Schlossparkteich hat Kain ein lohnendes Ziel seines Spotts gefunden, das mit viel Applaus honoriert wird. Schon wieder kann die Bühne dort nicht gestellt werden – letztes Jahr waren die Enten schuld. Seine Erstbesteigung des Boxspringbetts und der gequälte Müsliriegel-Ruf von Seitenbacher sind ebenfalls mitten aus dem Leben gegriffen.

Kontrastprogramm dann mit Felicitas Hadzik und Patricia Kain. „Waterloo“ aus dem Abba-Musical, das beeindruckende Duett „A million Dreams“ und „One Night only“ als Grund, „weshalb wir uns extra in die Paletten geschmissen haben“. Die beiden verstehen die Gäste im sehr gut gefüllten Schlosshof zu begeistern. „Der Papa hatte keine andere Wahl als uns auftreten zu lassen“, scherzt Patricia. Aber bestimmt nicht nur, weil sie seine Tochter ist… Das zeigen sie auch noch einmal in der zweiten Hälfte.

Markus König, grinst der Angesprochene, kennt er länger als seine Tochter. „Mit dem trete ich schon 36 Jahre auf“ – davon 27 mit den „Spitzklickern“. Beide schreiben auch gemeinsame die Szenen – das merkt man. Kain-König harmonieren wie ein altes Ehepaar und spielen sich wortreich gegenseitig die Bälle zu.

Ihr Sketch rund um die Fußballer-Väter, die sich einen Showdown neben dem Spielfeld liefern und dabei die Kids aufstacheln, dem jeweils anderen eine „Blutgrätsche“ zu verpassen, ist klasse. Immer mehr steigern sich die Comedians hinein, um sich dann selbst an die Gurgel zu gehen – wie aus dem richtigen Leben, woher die Idee natürlich auch stammt.

Auf die Spitze treiben es die beiden später als Kampfhundehalter von Drago und Milo. Das ist so derb, so herrlich, wie sich Kain und König über die Intoleranz der Nichthundehalter aufregen, aber gleichzeitig ihre Vierbeiner noch so richtig aufhetzen, am Jogger zu knabbern, dass einem fast das Lachen im Hals stecken bleibt. Die Rolle traut man Markus König, der sich vorher noch filigran auf dem Piano über die mitmenschlichen Klischees beklagt, gar nicht zu.

Zu didaktischer Hochform läuft der Spitzklicker daneben auf, wenn er falsche Wortbilder karikiert. Ob es ein Schlag mit Bronchial-Gewalt ist, Verkehrsschilder retouchiert werden, dem Kerl eine Lotion erteilt wird oder der Pflichtverteidiger eine Konifere ist: Wie er da auf dem Stuhl vor sich hinsinniert, hat das viel von einem Rolf Miller, der ebenfalls die Macht des (unausgesprochen) Wortes par excellence beherrscht.

Und dann kommt sie: Anna Krämer. Die „Crème de la Krämer“ hat es in sich. Das Publikum kann gar nicht anders, es ist mitten im Geschehen. Anna Krämer schreitet durch die Reihen, improvisiert, singt, bezirzt die Leute. Sie sprüht förmlich vor Lebenslust, ihre große Präsenz als Entertainerin ist im ganzen Schlosshof spürbar.

Einen drauf setzt sie noch mit dem „Baby don’t care“. Nicht nur die Stimme ist klasse, voluminös, wandlungsfähig, melodisch, Krämer schafft es zwischen den Songfragmenten in einer Riesenshow die Besucher mit deren angeblichen Gedanken einzubinden und später dann auf der Bühne das gleiche in umgekehrte Richtung zu variieren. Dann noch eine Hommage an Edith Piaf und Udo Jürgens: Das macht jetzt schon Lust auf ihren Soloauftritt in der Alten Druckerei am 8. November.

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Beim Trio 3D wird das gespielt, was Spaß macht

Trio 3D, das ist nicht Musik aus Raum und Zeit zum Anfassen, sondern dahinter verbergen sich die drei Dörsam-Brüder, jeder auf dem eigenen Instrument Meister seines Fachs. Seit 15 Jahren knapsen sie sich aus ihren jeweiligen prall gefüllten Terminkalendern Zeit ab, um gemeinsam genau die Musik zu machen, worauf sie Lust haben – und die sich jenseits der gängigen Klischees bewegt. Wie jetzt an einem herrlichen Frühsommerabend im Schlosshof, wozu fast 200 Zuschauer gekommen sind.

Wären die drei keine Musiker, so hätten sie bestimmt auch im Comedy-Fach reüssieren können. Denn die kleinen liebevollen Spitzen gegen die zwei anderen Brüder, kombiniert mit einer gewissen Selbstironie und den spielerischen Intermezzi auf den Instrumenten zeigen die Freude an der komischen Sache, die von ihnen so gar nicht ernst genommen wird. Es wird das gespielt, was Spaß macht, was den dreien gefällt, egal ob es auch dem Publikum gefällt.

Natürlich wissen die Gäste aber, was sie an den Künsten von Adax Dörsam, Matthias Dörsam und Franz-Jürgen Dörsam an den jeweiligen Saiten oder auf den Blech- und Holzblasinstrumenten haben. Sicherlich am meisten in Erscheinung tritt der Senior der Truppe, Adax, der schon vielen Künstlern aus der Region seine Fertigkeiten auf allen, was zupfbar ist, lieh. Akustische und elektrische Gitarre oder Harfencister: Keine Stahlsaite ist vor ihm sicher.

Die beiden anderen Dörsams, ebenfalls professionelle Musiker, haben zwar ihre eigenen, etwas unbekannteren Nischen, zeigen aber dem vorlauten Erstgeborenen, dass er sich nicht alles erlauben darf. Matthias Dörsam ist der Meister für Klarinette und Saxophon. Beiden entlockt er die prägnanten, oftmals dominierenden Töne, die es locker mit der Gitarre aufnehmen können. Mit der Studiobühne in Fürth hat er noch dazu seinen eigenen Veranstaltungsort.

Und schließlich Franz-Jürgen Dörsam, körperlich der größte, aber der letztgeborene, wodurch er natürlich dem Spott der älteren ausgesetzt ist. Auf seinem Fagott schafft er es, dass die Besucher seinen schnellen Fingern kaum folgen können. Viele Orchester wissen seine Künste zu schätzen, an der Musikhochschule in Lissabon unterrichtet er auch sein Instrument.

Schon der Einmarsch ist eine Show. Die drei ziehen erst einmal ausgiebig über den Schlosshof, ehe sie dann auf der Bühne Platz nehmen, um zu spielen und sich zu kabbeln. Die klassischen Komponisten stehen im Vordergrund. Ab und zu darf auch mal Adax die Rockgitarre auspacken, auch wenn es nicht gerade ein Stück dafür ist. Wie etwa Chatschaturjans furioser Säbeltanz in einer so bestimmt noch nicht gehörten Version.

Doch es wurde nicht nur gecovert. Das Dörsam-Trio komponiert auch selbst. Wie es sich für drei Musiker gehört, gibt es bereits drei Studioaufnahmen plus eine Weihnachts-CD. „Threesome“ heißt die aktuelle Scheibe, die augenzwinkernd penetrant beworben wurde und aus der auch verschiedene Songs zu hören waren. Etwa „Luna lacht“, ein getragenes, ruhiges Stück nach einem flotten Beginn des Konzerts. Oder Franz-Jürgens „Gallop“, der die Instrumente flott vor sich hin galoppieren sah.

So hat man den norwegischen Komponisten Edvard Grieg bestimmt noch nicht gehört. Am bekanntesten ist von ihm die Peer-Gynt-Suite, aber die war nur ein Teil des Ganzen. In einem fünfminütigen musikalischen Parforceritt wird mit vielen Anklängen und Zitaten sein komplettes Werk in nur einem einzigen Song zusammengefasst. Kein Wunder, dass hier wie auch später das interessierte Publikum begeisterten Applaus zollte.

Wenn bei manch gestandenen Männern die Modelleisenbahn das Kind zum Vorschein kommen lässt, so ist bei Dörsam-Trio die gegenseitige Lust, sich überbieten, den letzten Ton haben zu wollen, bei der sie wieder ganz die Jungs von früher werden, die in der Großfamilie zusammen mit zwei Schwestern immer in Action waren. Bei all dem Unsinn auf der Bühne vergessen die drei nie, der zu danken, die sich immer unterstützte: Mutter Adelheid.

Sabrina Keller macht mit ihrem Gesang bei Mozarts „Laudate dominum“ aus dem Trio ein Quartett, der Rimbacher Rainer Hebenstreit an der Triangel darf Adax‘ wilde Solo-Melange aus Alpenliedgut, Led Zeppelin, nordafrikanischen Melodien und Mozart beschließen. Die auf Anregung der Mutter geschriebenen Weihnachtslieder strotzen nur so vor subversivem Inhalt, wenn plötzlich ganz andere Versatzstücke zu hören sind.

Die musikalische Melange, der Crossover aus Klassik, Klezmer, Klamauk und Kalauern kommt an. Dazu noch die Ourewäller Buwe, die in der langen Pause gerne palavern: ein Heimspiel par excellence in einer klasse Atmosphäre.

Die Krönung eines magischen Abends mit der „Queen Revival Band“

Als sich Harry Rose bei „We are the champions“ die Krone aufsetzt, dann ist dies in auch in natura die Krönung eines magischen Abends im Schlosshof. Mehr als zweieinhalb Stunden lang hatte die „Queen Revival Band“ die schönsten Songs der britischen Supergruppe um den Ausnahmesänger Freddie Mercury nach Weinheim gebracht. Und war dabei auf ein zunehmend euphorisches Publikum getroffen, das nicht genug bekommen konnte.

Doch irgendwann muss Schluss sein. Aber wie Rose den zelebriert, hat schon einen gehörigen Gänsehaut-Faktor und etwas von dem Feeling, wie es 1985 bei Live Aid im Londoner Wembley-Stadion gewesen sein könnte. Ohne jegliche Instrumental-Begleitung stimmt der Sänger noch einmal einen der schönsten Queen-Songs überhaupt, „Love of my life“, an, lässt eine vielhundertköpfige, in ihrem königlichen Glück schwelgend, mitsingen, ehe dann der Zeitpunkt naht, den keiner haben will: das Ende.

Harry Rose dominiert während des Konzerts eindeutig das Geschehen auf der Bühne. Seine Mitmusiker Christoph Stowasser (Bass), Sebastian Simmich (Keyboards), Stefan Pfeiffer (Gitarre) und Piid Plötzer (Schlagzeug) agieren bis auf den Mann an den sechs Saiten meist im Hintergrund, ordnen sich dem „Chef“ unter.

Auch optisch hat sich der Sänger seinem großen Vorbild bis ins Detail angenähert. Die gleiche Frisur, der gleiche Schnauzer, die gleiche Kleidung, die gleichen Bewegungen: Rose macht die Illusion (fast) perfekt. Natürlich ist er nicht Freddie himself und weiß das auch, aber doch eines der besten Imitate, das auf den Bühnen unterwegs sein dürfte.

Vom Elfjährigen mit dem BVB-T-Shirt bis zum 70-jährigen „Zeitzeugen“, der Queen bestimmt noch live erlebt hat: Die Magie der Band zieht immer noch, nicht erst seit dem Kinofilm „Bohemian Rhapsody“. Sicherlich hat der noch ein paar neue Fans hervorgebracht, aber das Gros im mittleren Alter dürfte dem Original schon seit ein paar Jahrzehnten treu sein.

„Seven Seas of Rhye“ oder „Tie your mother down“ sind ein paar selten gehörte Perlen aus der früheren Queen-Zeit vor 45 Jahren. „It’s a kind of magic“ oder „Hammer to fall“ spannen schon den Bogen in die 80er Jahre, ehe die Cover-Band mit dem „Spread your wings“ aus der Feder von John Deacon ein heimliches, ruhiges Highlight inmitten des ersten Sets voller Uptempo-Nummern anstimmt.

Harry Rose fremdelt zu Beginn noch etwas mit der Location, seiner Stimme fehlt das Volumen gerade in den höheren Tönen, die Präsenz des charismatischen Queen-Frontmann geht ihm bisschen ab. Die Songs wirken manchmal etwas schematisch, runtergespielt. Die Coverband macht auch den Fehler, möglichst viele Stücke in ihr Programm quetschen zu wollen, hechelt sich in einem Medley ab.

Ist der Applaus am Anfang noch freundlich-verhalten, so platzt aber schnell der Knoten. „Friends will be Friends“ sieht bereits einen großen Queen-Chor im Schlosshof, der sich später noch kräftig steigern soll. „Flash“, „Play the Game“ oder „Bicycle Race“ führen zu Harry Roses stimmlichem Spiel mit dem Publikum, wie es Freddie Mercury meisterlich beherrschte. Die Weinheimer halten die Gesangakrobatik locker mit. „Don‘t stop me now“ ist dann der richtige Kracher, um auf die zweite Hälfte heiß zu machen.

In die kommt die Band mit viel mehr Spielfreude zurück, als hätte ihnen der Trainer bei einem Fußballspiel in der Halbzeit den Marsch geblasen. „Radio Gaga“, „Under pressure“ oder „I want to break free“ sehen den Shouter besser disponiert, die Tonlage der späteren Mercurys aus den 80er Jahren liegt ihm einfach. Das Timbre, der Klang der Stimme passt sowieso wie die Faust aufs Auge. Das macht Harry Rose einfach perfekt, wie er ganz Freddie unnachahmlich den Ton hält.

„Bohemian Rhapsody“ ist das, worauf alle gewartet haben. Der Schlosshof tobt. Mit „Somebody to love“ setzt die Coverband noch einen Klassiker obendrauf. Die Backgroundvocals kommen auf den Punkt, der Song ist ein Knaller. „Those were the days“ bildet einen kurzen melancholischen Ausflug zur letzten Single zu Lebzeiten des 1991 gestorbenen Ausnahmesängers, ehe dann „Hammer to fall“ inklusive fettem Gitarrensolo die beste Überleitung zum Paradeschluss ist: „We will rock you“ und „We are the champions“.

Schluss? Falsch gedacht, dann jetzt die Fans so richtig heiß. „Too much love will kill you“ als zweite Zugabe taucht die Location mitsamt des besonderen Himmelsschauspiels der leuchtenden Nachtwolken in ein besonderes Licht – da hat wohl einer von oben gerne zugeschaut. „Love of my life“ ist ein Abschluss, wie er besser nicht sein könnte. Magie pur oder wie Freddie sagen würde: „It’s a kind of magic“.

Lucky Wilson macht die Zuschauer im Muddys glücklich

Lucky Wilson macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Der Weinheimer Bernd Hoffmann vereinnahmt sie mit seiner Band einfach alle: die Mitmusiker werden quasi adoptiert, die Komponisten der gespielten Coversongs zu entfernten Verwandten erklärt – und eigentlich haben die ja geklaut. Wahrscheinlich wird der Trick bei der Gema trotzdem nicht funktionieren. Mit der Mischung aus Americana, Country (und Western), Blues und einer Prise Rock hatte die Lucky Wilson Band beim Heimspiel im „Muddys Club“ leichtes Spiel.

Santa Claus Wilson (Klaus Pelzer), Virginia Wilson, geborene Woolfe (Verena Rach), „Babyface“ Phil Wilson (Philipp Wetzel) und Willie Wilson (Bernd Windisch) sind der Schnodder-Schnauze des Familienoberhaupts auf der engen Bühne voll ausgesetzt. Erst stellt der mal klar, dass der jüngste der Truppe, Gitarrist Phil, „nicht zu Kelly-Family gehört“. Willie, kolportiert der Bandleader, hat es nicht so mit den Zahlen und wurde deshalb Bassist.

Verena Rach an Geige, Akkordeon und Gesang kommt in der Aufzählung noch am besten weg. Denn Schlagzeuger Sante Claus wird unterstellt, der habe sich in seiner Jugend für ganz anderes Schlagzeug wie etwa Baseballschläger interessiert. Zusammen reiten die wilden Cowboys mit ihren Instrumenten musikalisch wie die wilde Horde an der Bergstraße entlang hinein in den Odenwald. Bieten aber trotz der martialischen Ankündigung Gute-Laune-Musik und angenehme abendliche Klänge.

Als einer der „entfernten Verwandten“ kommt Solomon Burke zum Zug. Der war ein US-amerikanischer Soul- und Rhythm-and-Blues-Sänger, dessen Song „Millionaire“ von der Band rübergebracht wird. Hoffmanns Eigenkomposition „Wedding day“ beschäftigt sich mit dem vorgeblich schönsten Tag des Lebens, „The Castle is still there“ ist der Weinheimer Burg gewidmet, die „Grandpa Wilson“ jeden Tag aus dem Fenster sieht. Hier geht’s durch die sehr gefühlvollen, schwebenden Geigentöne schon fast Richtung Irish Folk.

Ein paar Songs auf der akustischen Gitarre gezupft, dann mal wieder ein paar verzerrte Töne, die melodische Geige: Die beiden Männer und die Frau an den Saiteninstrumenten bestimmen das Bild. Bass und Schlagzeug halten sich dezent im Hintergrund, überlassen dem Bandleader mit seinen launigen Ansagen das Feld.

Die Musik ist an diesem Abend ein langer, ruhiger Fluss, kommt eher gemächlich rüber. Passend dazu lodert neben der Bühne in einem vorgeblich alten Röhrenfernseher ein behagliches Kaminfeuer vor sich hin. Wohlfühl-Atmosphäre pur, die von den Besuchern im Keller immer wieder mit reichlich Beifall für die Leistungen der Musiker goutiert wird.

Fast meint man schon das Bonanza-Thema zu hören oder Fury um die Ecke reiten zu sehen, wenn die Gruppe den „Tennessee Stud“ anstimmt. Virginia Wilson nimmt die à la Monty Python die Kokosnussschalen zur Hand, um Hufgeklapper zu erzeugen. Die E-Gitarre verleiht dem countrylastigen Stück dann doch noch einen rockigen Touch.

Ob Tom Petty oder Tom Waits: Über ein paar Ecken sind sie alle mit den Wilsons verwandt, ob sie wollen oder nicht. Pettys „She’s the one“ kommt mit zwei E-Gitarren und der Mundharmonika schön flott rüber. Auch Hoffmanns Eigenkomposition „Favourite Son“, geschrieben für einen Münsteraner Tatort, sieht den jüngsten im Bunde als filigran auf seinem Instrument. Mit Verena Rach am Gesang bekommt Bob Dylons „Believe in you“ anschließend einen ganz neuen Touch.

„Finest Amerikana Music“ auch danach. Nicht nur Country, sondern auch Chart-Songs und unvergessene Klassiker hat die Gruppe in den mehr als zwei Stunden ihres Programm auf der Setliste. „Come together“ zeigt in den Zugabe die Beatles von einer ganz neuen Seite. Der „Bartender Blues“ von James Taylor ist an diesem Abend natürlich dem Club gewidmet. „Roly Poly” macht Laune: Der humorvolle Western-Swing-Standard, 1946 von Fred Rose geschrieben, ist ein Klassiker mit seiner dauernden Wiederholung des Themas.

„Hidden From The Eyes“ ist ein ironischer Song Hoffmanns über das Chatten pubertierender Jugendlicher. „Happy Sad And Lonely Blues“ war für den Grandpa zwiespältig, denn eigentlich ist er ein viel zu fröhlicher Mensch, um Blues-Songs zu schreiben. „Ol‘ 55“, die Hommage von Tom Waits an einen Straßenkreuzer, gibt‘s zum Schluss auch noch zu hören, bevor sich die Truppe wieder auf die Flucht vor den Sheriffs macht.

Lizzy Aumeier liest auf bayrisch die Leviten

Mit Lizzy Aumeier sollte sich keiner anlegen, außer er bekommt gerne einen auf den Deckel, dass es nur so scheppert. Die Kabarettistin aus der Oberpfalz ist die Kampfbayerin par excellence, die zum Glück ihre Feindbilder zuhauf im Freistaat findet, sodass sie nicht groß in Baden-Württemberg wildern muss. Horst Seehofer, Florian Silbereisen, Markus Söder oder Alexander Dobrindt zieht sie im Programm „Wie jetzt?“ durch den Kakao.

Aumeier erschlägt sie alle mit ihrem losen Mundwerk, das unaufhaltsam sprudelt, sich selbst überholt. Sie zieht gnadenlos vom Leder, redet sich in Rage, dass die Sätze nur noch so aus ihr raus purzeln. Vor lauter Wut überschlägt sie sich fast in ihrem Furor, verfällt so tief in ihre Mundart, dass die Weinheimer die Ohren spitzen müssen.

„Ich habe gehört, dass ich nuschele“, fragt sie ungläubig nach der Pause in die Menge. Ein lautes „Ja“ schallt ihr entgegen. Zurecht, denn in der ersten Hälfte kam sie etwas schwer verständlich in ihrem flotten, verschluckten Oberpfälzisch rüber. Später hatte dann der ganze Saal viel mehr von ihren Lebensweisheiten, teilweise eher derb unter der Gürtellinie, teilweise einfach nur gnadenlos offenherzig rübergebracht. Wobei mindestens der eine oder andere Gag schon bekannt war.

Wobei Lizzy Aumeier zwei Pluspunkte hat: ihre Musik und ihre Grimassen. Dass sie eine begnadete Kontrabassisten ist, zeigt sie ein ums andere Mal mit Svetlana Klimova, der Konzertmeisterin der Moskauer Philharmoniker und ihrer Nachbarin im bayrischen 500-Seelen-Dorf. Wie die in ihrem russischen Slang in Mundart loslegen muss, ist eine vielbeklatschte Show. Ob Michael Jacksons Thriller oder Vivaldis aufgepeppte Vier Jahreszeiten: Die beiden würden auch als Musik-Duo reüssieren.

Und dann die Grimassen. Aumeier macht sich über Sport 1 lustig, wo nachts die „nackerten Weiber“ zu sehen sind. Damit ins Senderschema passt, müssen die leichtbekleidet eben Sport machen. Auf Zuruf legt das Oberpfälzer Vollweib die wildeste Pantomime hin, dass die Zuschauer aus dem Lachen nicht mehr rauskommen. Fußball, Reiten, Rugby, Tennis: Lizzy lässt die Hautlappen vibrieren und grimassiert sich einen ab.

Überhaupt die Körperfülle und das Altwerden: ein Dauerbrenner in ihrem Programm. „Leider ist der BMI wichtiger als der IQ“, bedauert sie. Der Zug zu Thin Lizzy ist halt abgefahren. Mit zu vielen Kilos hat die 55-Jährige kein Problem. Sie ist nicht dick, sondern die, „die im Kettenkarussell weiter außen fliegt“. Bewegungsmelder statt Schrittzähler lautet zuhause ihre Devise.

Aus ihrer politischen Heimat macht die Oberpfälzerin kein Geheimnis, auch wenn sie einen Abgesang auf die SPD liefert. Zur „Westerland“-Melodie wünscht sie sich die Partie Helmut Schmidts und Willy Brandts wieder herbei, findet kein gutes Haar an Gerhard Schröder und beschwert sich über das Gekrächze von Andrea Nahles, wo die Sozialdemokraten doch jede Stimme brauchen.

Pointiert, bissig, böse, startet Aumeier den ultimativen Rundumschlag, watscht Sophia Thomalla, Jens Spahn, Mesut Özil oder Christinan Lindner ab. Lieblingsfeind: natürlich die Rechten mit ihrer Doppelmoral. Dazu noch der Kurzdurchlauf aller Tatort-Handlungen und ein hämischer Nestle-Klatscher. „Denen ist gelungen, dass in Äthopien in den vergangenen zehn Jahren keiner ertrunken ist“, meint sie zum Grundwasser-Raub.

Ein paar bekannte Gags später (Komasaufen in Baden-Württemberg ist Vorglühen in Bayern, der Traktor auf dem Land vor den Motorradrasern: „Das Safety-Car ist draußen“) richtet sie einige bitterböse Bitten ans Universum: Spahn soll ein Jahr lang nur von Hartz IV leben oder Seehofer einen schwulen syrischen Sozialdemokraten als Pfleger bekommen.

Die Angst des Ablebens vor dem Fernseher mit Florian Silbereisen als letztem Eindruck, ihre Abrechnung mit der MeToo-Debatte oder zwei Wochen Kreuzfahrt für die Senioren, weil das immer noch günstiger ist als zwei Wochen betreutes Wohnen: Mit Lizzy Aumeier gibt’s ein gnadenloses Bashing all dessen, was ihr zuwider ist. Das Lachen ist in der Alten Druckerei quasi der Bordun-Ton des Abends. Rauschender Beifall verabschiedet sie nach der kurzen Zugabe.

Hennis Verklärung des Hessischen

Henni, bleib bei deinem Hessisch. Irgendwie ist es komisch, wenn die am oberen Ende behaarte Hälfte des Comedy-Duos „Badesalz“ plötzlich hochdeutsch redet – kennt man Henni Nachtsheim doch eher als Mundart-Babbler, der für seine Schnelligkeit im heimischen Idiom schon fast einen Waffenschein braucht. Mit seinem Solo-Programm „Gisela“ war der Comedian nun in der Alten Druckerei zu Gast – und es waren erstaunliche viele Stühle noch frei.

Vielleicht lag es daran, dass der 62-Jährige mit seiner Stubenfliege Gisela bereits bald zwei Jahre auf Tour ist – da mögen ihn die Fans vielleicht schon anderswo gesehen haben. Die Angst der Weinheimer, Nachtsheim nicht verstehen zu können, dürfte es nicht gewesen sein. Denn der redet erstaunlich viel Schriftsprache an diesem Abend, und selbst wenn: Mit den paar Kilometern bis zur hessischen Grenze tun sich keine unüberwindbaren Sprachbarrieren auf.

Aber möglicherweise kamen manche auch in Kenntnis des Programms nicht. Es wurde viel gebabbelt, viel geredet, auch vorgelesen und erzählt – und das zog sich. Die richtig großen Lacher, die Schenkelklopfer in hessischem Singsang, die von „Badesalz“ im Gedächtnis sind, die unvorhersehbaren Pointen, die gegenseitigen, ausartenden Beschimpfungen – die fehlten.

Nachtsheim ist dann in seinem Element, wenn er seine Herkunft betont: „Hessen als schlaustes Bundesland“. Lauter Jubel im Publikum zeigt, dass einige von dort über die grüne Grenze nach Baden-Württemberg gekommen sind. Den riesigen Wissensdurst, den Durst nach Weiterbildung verbindet die hessisch eingefärbte Vorstellung in den Rängen natürlich prompt eher mit Äbbelwoi-Dorschd.

Herrlich seine Schilderung der verschiedenen speziellen VHS-Kurse, die es in anderen Bundesländern nicht gibt. Kompaktgespräche etwa nach dem Motto „Unn?“, gefolgt von „Selber?“ Alles gesagt. Auskunftsfreude, Empathie, Sympathie: Zwei Wörter voller Bedeutung. Der hessische „Sch“, in Wörter gezimmert, wo es eigentlich nicht vorgesehen ist, nimmt diesen die Schärfe, beweist er. Stöffsche, Bömbsche. „Es macht die Sprache flüssiger und erotischer, ist besser für die Gesundheit.“

Und dann noch die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten für Handkäse, die sich dem Nicht-Hessen selbst in seinen wildesten Träumen nicht erschließen. Handkäs- statt Bernsteinzimmer, Brustvergrößerung durch Handkäs (analog dem Frankfurter Würstchen in der Hose) oder als Bausubstanz, um die Auswirkungen von Stürmen abzufedern (Häuser brechen nicht so leicht).

Gut bei sich selbst geklaut ist schon einen Programmteil wert: Henni Nachtsheim erzählt vom wahren Helden seiner Kindheit abseits von Micky Maus oder irgendwelchen Marvel-Figuren. Tat er aber schon im vergangenen Jahr bei seinen „Dollbohrer“-Gastspielen mit Rick Kavanian. Denn der wahre Held ist für ihn Kioskbetreiber Kurt Veith, der ihm immer die rot-schwarzen Gummiteufel verkaufte.

Überhaupt Kindheit und Familie: Denen widmet der in Neu-Isenburg aufgewachsene neben Stubenfliege Gisela (wie aber auch die ständig schimpfende Tante hieß) einen Großteil des weit über zweistündigen Abends. Er zeichnet liebevoll-bissig die verschiedenen Verwandten mit ihren besonderen Fehlern nach. So Onkel Karl-Heinz als schlechtester Elvis-Imitator ever (kein Wunder bei 1,63 und 162 Kilo), Drehbücher-Charly, dessen Filme es immer bereits gab, oder Porno-Paul als allerhässlichsten, dessen Stimme jedoch Träume produzierte.

Und eben Tante Gisela mit ihrem riesigen Schimpfwortarsenal. Alle waren sie hibbelig und nervös. Das muss sich wohl auch auf den jungen Henni vererbt haben, der fast ohne Punkt und Komma vor sich hin babbelt, gerne auch mal spontan aufs Publikum reagiert und kein Problem damit hat, nahtlos von einem Thema zum nächsten zu wechseln.

Neben Gisela gibt’s natürlich noch andere, frühere Haustiere, die kein allzu schönes Ende fanden. Etwa der Hamster auf der Carrera-Bahn oder der vorwitzige und vorlaute Rabe („schmeckt besser als Hähnchen“). Auf die eigenen drei Kinder ist der Comedian, auch wenn er das geschickt in eine Geschichte über deren Fehler verpackt, maßlos stolz. Denn die haben trotz aller Vorurteile des Papas, ob sie es überhaupt drauf haben, ihren Weg gemacht.

„Indiana Henni“, angetan mit Peitsche und Schlapphut, wollte in Weinheim ja ganz anders starten. Etwa mit der Sprengung einer Felswand, einer riesigen Showtreppe, gesäumt von 284 aserbaidschanische Tänzerinnen. Oder Peter Maffay auf einem Elefanten. Und einem Wasserbecken mit weißem Hai. Gibt’s nicht, sagte das Management. Bekommt alles Gerd Knebel für seine Show. Apropos: Die beiden zusammen sind besser als ein Teil davon.

Der Blues ist Erja Lyytinen bei weitem nicht genug

Mit ihr geht die Post im Gewölbekeller ab. Zwar „nur“ für eineinhalb Stunden, aber die reichen, damit die finnische Gitarristin und Sängerin Erja Lyytinen das Publikum im „Muddy’s Club“ um den Finger wickelt. Das tut sie nicht im Alleingang, sondern mit einer bestens gelaunten Band, aus der vor allem Hammond-Spieler Kasperi Kallio ein ums andere Mal heraussticht, wenn er auf den vielen schwarzen und weißen Tasten der Meisterin auf den sechs Saiten Paroli bietet.

„Lover’s Novel“ heißt ihr erstes Stück, für das die 40-Jährige gleich viel Vorschussapplaus einheimst. Schon die ersten Töne machen klar, dass allein der Blues für Lyytinen bei weitem nicht genug ist. Dieses musikalische Korsett ist viel zu eng für die filigrane Künstlerin auf ihren Gitarren, die aufgrund ihrer zierlichen Gestalt fast schon überdimensional wirken. Auf dem glitzernd-blauen Sechssaiter spielt die Finnin mit Bottleneck eine eingängige Slidegitarre, weshalb sie auch gerne mit Bonnie Raitt verglichen wird.

Ein sehr rockiger Blues ertönt, der den dieser Musikrichtung oft innewohnenden Puristen-Schwermut sofort vergessen lässt. Kasperi Kallio, der zusammen mit Tatu Back (Bass) und Iiro Laitinen (Drums) fürs musikalische Fundament zuständig ist, gibt hier gleich mit den dominanten Orgelklängen den Ton an, sorgt für das mächtige, melodiöse Fundament der Songs, wenn er à la Jon Lord seine Hammond im Hintergrund schweben lässt, genau in den richtigen Momenten mit seinen Einsätzen einen dichten Soundteppich erzeugt.

Erja Lyytinen ist schon das dritte Mal im „Muddy’s“, lässt sie die Gäste in ihrem finnischen Deutsch wissen. Kallio dagegen „ist neu im ersten Gang“, radeberecht sie augenzwinkernd, und will damit sagen, dass der Kollege mit seinem roten Instrument heute Premiere in Weinheim feiert. Die Finnin gibt sich als Musikerin zum Anfassen, die in der Pause geduldig am Merch-Stand Fragen beantwortet und für ihre neue Scheibe „Another World“ wirbt, sodass aus angesetzten 20 Minuten schnell eine halbe Stunde wird.

„Black Ocean“ macht die Zuschauer mit einer anderen Seite der rockenden Blueserin bekannt. Sie kann auch ganz getragen, leise, balladesk. Zu schwebend-sphärischen Keyboard-Klängen zaubert Lyytinen ein wunderbar-gefühlvolles Solo in den Keller, kostet jede Saite bis zum Letzten aus. Soundtechniker Olli Huttunen darf sich gleich doppelte Glückwünsche abholen. Zum einen bringt er die Band sehr differenziert und extrem gut hörbar rüber, sodass die Töne sitzen, zum anderen bekommt er zum 40. Geburtstag gleich noch ein „Happy-Birthday“-Ständchen gesungen.

Warum die sympathische Finnin als „Best Guitarist“ beim European Blues Awards 2017 ausgezeichnet wurde, zeigt sie im Anschluss unter anderem bei „Hard as Stone“. Das ist sehr eingängig mit Hitqualitäten, groovt mit seinem schweren Refrain in die Menge und zeigt sie einmal mehr in Höchstform. Bei „Miracle“ agiert das Quartett quasi bluesbefreit, kommt frisch, fröhlich, verspielt rüber und erntet viel Beifall.

Wenn dann ein ruhiges Stück wie „Slowly burning“ erklingt, überrascht die Gitarristin mit einer ganz neue Seite: In dem klassischen Bluesstück kommt ihre ausdrucksstarke Stimme richtig volltönend zur Geltung und zeigt, dass sie auch eine hervorragende Sängerin ist. Zart zupft sie die Töne an, nur vom Klacken des Schlagzeugstocks belgleitet, um dann übergangslos in die Vollen zu gehen. Sehr emotional, ausufernd, exzessiv ist dieser Song, in dem Erja Lyytinen alle Spielarten des Blues unterbringt.

Die Mischung macht es: „Another World“, Titelstück des neuen Albums, ist ein klassischer AOR-Song mit schweren Hammond-Klängen und klaren Gitarrenstrukturen. „Snake in the Grass“ bietet einen wummernden Stampfer, inklusive eines angedeuteten Battles zwischen Gitarre und Hammondorgel. Mit leisen Klängen, fast schon Country-Americana-like, geht es unaufhaltsam dem Schluss zu, bei dem die Finnin noch einmal alles herausholt, was ein gutes Konzert ausmacht. „Cherry Overdrive“ taucht tief in den dunklen Blues ab, „Wedding Day“ fetzt los, als ob es kein Morgen gäbe. „Rockin‘ Chair“ schließlich sieht die Gäste voll einbezogen in einen vielstimmigen Chor, wechselweise auf Finnisch, Englisch und Deutsch. Die Zugabe ist selbstredend und wird lautstark gefordert.