Kartoffeln in allen Formen: Verein für ökologische Landwirtschaft Luna aus Kocherbach hatte zum Fest eingeladen

Alles drehte sich um die Kartoffel in allen möglichen Formen. Ob in einer leckeren Suppe mit allerlei weiteren Zutaten, ob in Form von Kartoffelpuffern mit Apfelmus oder einfach nur „pur“ im Fünf-Kilo-Sack. Der Verein zur Förderung umweltverträglicher, nachhaltiger und artgerechter Landwirtschaft „Luna“ aus Kocherbach hatte vor kurzem seine erste Kartoffelernte eingebracht und das zum Anlass genommen, auf den Hof der Biolandwirte und Wasserbüffelzüchter Wolfgang Schierenbeck und Joachim Mauermann zum Vereinsfest einzuladen.

Pfiff morgens noch der Wind durch die Scheune und kam der Regen waagrecht, so gesellte sich pünktlich zu Beginn die Sonne zu den Gästen, die sich erst zaghaft, dann in immer größerer Zahl auf den Weg in die Güttersbacher Straße machten. Luna hatte neben viel Schmackhaften auch die „Hardware“ in Form von Infos über den Verein im Gepäck. „Wir haben alles geboten, was es im Herbst gibt“, so Vorstandsmitglied Gerhard Ader.

Und natürlich einiges zum Anschauen: nicht nur die Eicher-Bulldogs der beiden Landwirte, sondern auch eine alte Apfelpresse und eine Waage, mit der die verkauften Kartoffeln abgemessen wurden. Etwa einen Zentner Kartoffeln verarbeiteten die Vereinsmitglieder für Puffer und Suppe. Der Zustrom aus dem Überwald und weit darüber hinaus war so groß, dass am Nachmittag „nicht nur die Kartoffelspezialitäten, sondern auch die Kuchentheke trotz üppiger Bevorratung geplündert waren“, freute sich Ader. Von den Hobby-Imkern Keil und Mayer gab es Honig und Liköre zu erstehen.

Die vielen Besucher von auswärts hatten etliche Fragen im Gepäck. Damit erreichte der Verein genau das, was er wollte, nämlich über seine Vorstellungen von ökologischer Landwirtschaft zu informieren. Die Erdäpfel zogen viel Interesse auf sich. Die Gäste wollten wissen, wo der Anbau erfolgt und ob es noch mehr geben wird. Eine Überlegung, mit der man sich jetzt auch mit Blick auf kommendes Jahr bei Luna beschäftigen wird. Wer was Schmackhaftes mitnehmen wollte, durfte als Nichtmitglied fünf Kilo Nicola erstehen.

Angebaut worden war von den Vereinsmitgliedern die Sorte Nicola, eine Bio-Pflanzkartoffel der Klasse A. Dabei handelt es sich um eine festkochende, schmackhafte alte deutsche Kartoffel, die sehr vielfältig in der Küche eingesetzt werden kann. Die Anbaufläche von etwa einem Morgen Land (2500 Quadratmeter) wurde schon jahrelang nicht mehr industriell genutzt. Es wurden somit keine Gülle und Spritzmittel aufgetragen. Bewuchs war bisher eine Klee-Wiesen-Mischung.

Die Rindswürste vom Galloway-Rind stammen aus eigener Produktion der Biolandwirte. Hackfleisch und Salami sind weitere Erzeugnisse. 35 Wasserbüffel inklusive Jungtiere stehen derzeit auf den Weiden rund um Gras-Ellenbach. Laut Schierenbeck bleiben die Tiere ganzjährig in Freilandhaltung draußen. Es gibt einen Weideunterstand. Für zwei von ihnen, etwas ein halbes Jahr alt, übernimmt der Verein Luna die Patenschaft und kümmert sich nach der Schlachtreife um die Vermarktung.

Wegen der begrenzten Fläche ist auch die Anzahl der Büffel begrenzt, um die Wiesen zu schonen. Die Weiden befinden sich unter anderem im Naturschutzgebiet Gras-Ellenbacher Wiesen. Vor dreieinhalb Jahren starteten die beiden Landwirte mit der Haltung. Damals zusammen mit dem Megaherbivoren-Verein aus Bensheim, dem Förderkreis große Pflanzenfresser im Kreis Bergstraße.

Wer neben den „Standard-Getränken“ etwas ganz Frisches genießen wollte, konnte sich am direkt vor Ort gepressten Apfelsaft laben. Fünf Zentner Äpfel waren von den Luna-Mitgliedern am Tag zuvor auf den Streuobstwiesen gesammelt worden. „Dieses Jahr war wenig auf den Bäumen drauf“, meinte Schierenbeck. Denn der späte Frost im April setzte den Blüten arg zu und ließ die Ernte schrumpfen. Das gekelterte Ergebnis konnte sich trotzdem sehen, pardon trinken, lassen.

Das Fest war daneben ein spontanes Bürgermeister-Treffen. Dr. Sascha Weber aus Wald-Michelbach, selbst aus dem Vereinssitz Kocherbach stammend, kam mit Gattin Katrin in die Nachbargemeinde. Jens Helmstädter aus Mörlenbach ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, alte Schulkameraden zu treffen. „Platzhirsch“ Markus Röth traf beim Besuch mit seinem fahrbaren Untersatz ins Schwarze. Er hatte die volle Aufmerksamkeit, als er mit seinem historischen Allgaier-Traktor bei den Eicher-Fans Schierenbeck/Mauermann vorfuhr. Den Bulldog kaufte Röth in Niedersachsen und ließ ihn dann per Spedition in den Überwald schaffen.

„Wir waren vom Besuch, den offenen Fragen, dem Kaufinteresse an den Biokartoffeln und spontanen Vereinseintritten absolut positiv überrascht“, bilanzierte Gerhard Ader für den Vorstand. „Die Gäste wiederum waren vom breiten Angebot absolut begeistert.“ So ging es auch den Organisatoren und Helfer, die von der Freundlichkeit und dem großen Interesse der Besucher sehr angetan waren

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Landwirtschaft betreiben, ohne dass dabei die Böden kaputt gehen

Bernhard Schmitt nimmt die latent vorhandene Skepsis in der Nachbarschaft mit Humor. „Wenn die mich einen Spinner nennen, bin ich gerne einer“, meint er lachend. Wer in Kocherbach seit einigen Jahren Lamas halte und ökologische Landwirtschaft propagiere, werde manchmal schon mit etwas Argwohn beäugt. Doch damit kann der Schriftführer des Vereins zur Förderung umweltverträglicher Landwirtschaft (LUNA) gut umgehen. Denn er ist von seiner Sache überzeugt.

Wichtig sind ihm die Vereinsziele, die auch im Namen zum Ausdruck kommen: eine Tierhaltung nach ökologischen Maßstäben und eine Landwirtschaft ohne Überdüngung des Bodens. Doch der eingefleischte Kocherbacher ist weit davon entfernt, diese missionarisch wie einen Popanz vor sich herzutragen. Er setzt eher auf ein Umdenken in der Gesellschaft, wie es derzeit schon zu beobachten sei, und auf Überzeugungsarbeit. Und damit auch auf immer mehr Zuspruch für den Verein selbst und seine Produkte. Der lasse sich schon kurz nach der Gründung feststellen, sieht er LUNA auf einem guten Weg. „Es gibt laufend Neuzugänge“, stellt er fest, unter anderem aus der Pfalz oder sogar aus NRW.

Erstes Glied in der Reihe der Aktivitäten ist ein Hühnergehege. Die ganze vergangene Woche wurde schon gewerkelt, zur Gemeinschaftsaktion traf man sich nun am Wochenende: Die Vereinsmitglieder gingen am Samstag daran, den Zaun des neuen Geheges zu errichten. 60 Stück Federvieh sollen hier ein Zuhause finden – gehalten nach den Kriterien ökologischer Hühnerhaltung. Ein Teil davon, berichtet Schmitt, sollen die auf der roten Liste stehenden deutschen Lachshühner sein. Denn es gehe dem Verein nicht nur um den „Erlös“ in Form von frischen Eiern, sondern auch um ein züchterisches Projekt, die Vermehrung einer erhaltenswerten Rasse.

Aber natürlich gibt‘s die „LUNA-Eier“ auch zu kaufen: im Hofladen von Kersten Wiemer gleich um die Ecke gegenüber der Kirche. Dort soll es nach dem Willen der Vereinsmitglieder auch bald noch mehr eigene Erzeugnisse geben. Der Kräutergarten am Ortseingang ist in der Mache. Noch dieses Jahr soll in Affolterbach eine Streuobstwiese angepflanzt werden, die dann Äpfel liefert.

Über das Projekt „HALM“ des hessischen Umweltministeriums gibt es dafür Zuschüsse. Gleichzeitig werden dort alle lokalen Obstbaumsorten benannt, die für eine Wiederanpflanzung in Betracht kommen. Stichwort Zuschüsse: Sie sind eine Finanzierungsquelle des Vereins, dazu kommen neben den Mitgliederbeiträgen aber auch Spenden etwa von örtlichen Unternehmen. Im nächsten Jahr steht daneben die Ansiedlung von Bienenvölkern an, was dann in vereinseigenem Honig seinen Niederschlag finden soll. Und ein besonderes Projekt in punkto Tierhaltung: Wasserbüffel.

„Wir wollen Alternativen aufzeigen“, bekräftigen Schmitt und Vereinsmitglied Gerhard Ader. Seit 30 Jahren lebe man in einer Region mit intensiver Landwirtschaft und großen Monokulturen. Dazu komme die starke Düngung in Form von Gülle, die Beeinträchtigungen in Form von unangenehmen Gerüchten mit sich bringe und eventuell auch Auswirkungen aufs Grundwasser habe. „Man kann Landwirtschaft extensiv auch ohne diese Nebenwirkungen betreiben“, ist sich Schmitt in seinem Gegenmodell sicher.

Obstanbau und Tierhaltung sollen seinen Worten zufolge nach den Ökokriterien des Landes Hessen erfolgen. „Für die Produkte streben wir eine Bio-Zertifizierung an“, sagt er. Über Jahre hinweg habe man sich schon in kleiner Runde mit diesen Ideen befasst und wolle sie nun in die Tat umsetzen. Die ländliche Umgebung habe ein Übriges dazu beigetragen. „Wir wollen Landwirtschaft betreiben, ohne dass dabei die Böden kaputt gehen“, erläutert Schmitt.

Dass der Verein dafür einen langen Atem braucht, ist den Mitgliedern klar. Schon allein die Kündigung von Pachtverträgen dauert zwei Jahre, berichtet er. Erst dann könne man wieder über die eigenen Flächen verfügen. Andererseits haben sich die Aktivitäten von LUNA bereits herumgesprochen. „Wir bekommen schon Flächen angeboten“, sagt Schmitt – von heimischen Grundstückseigentümern, die gerne ihr Land nach alter Väter Sitte bestellen wollen.

„Wir machen eigentlich nichts anderes als vor 50 Jahren“, betonen Schmitt und Ader in diesem Zusammenhang. Eben vor dem Aufkommen der immer extensiven Landwirtschaft. Im Gegenteil, seitens des Vereins propagiere man ein Vorgehen, wie es sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt habe. Dazu passt, „dass wir einen langen Atem brauchen“, wie Gerhard Ader sagt. Denn auch der vorher extensiv genutzte Boden müsse erst einmal vorbereitet werden. „Learning by doing“, laute das Motto.