Artenschutz beim Windradbau: „Wer bedrohte Vogelarten finden will, der findet sie auch“

Wie bestellt fliegt zum Ortstermin ein Schwarzmilan vorbei. „Ich beobachte hier 20 Überflüge pro Tag“, erzählt Dirk Bernd. Nicht nur des Schwarzen, auch seines roten Bruders. Der Artenschutzgutachter aus Lindenfels steht gerade auf einem Feldweg zwischen Weschnitz und Ober-Ostern, unterhalb der Windenergieanlage Kahlberg, von dem aus man eine herrliche Sicht bis zu Schloss Reichenberg, zu Stotz und Range, Richtung Rohrbach mit Lärmfeuer und Morsberg sowie Hammelbach hat.

Dirk Bernd sieht sie alle, die bedrohten Arten. Die auf der roten Liste stehenden Schwarzstörche fliegen bei seinen Untersuchungen mehrmals am Tag vorbei. „Ginge es nach dem Artenschutz, dürfte im Odenwald kein einziges Windrad betrieben werden“, macht der renommierte Fachmann klar. Denn wer will, der findet. Und zwar reichlich. Nicht nur vorbei fliegende Tiere, sondern auch Horste. „Wir haben hier ein Brut- und Nahrungshabitat für Rot- und Schwarzmilan, ein Dichtezentrum mit regelmäßigen Überflügen“, hebt er hervor.

Die Betonung Bernds liegt auf dem Wollen. Er wurde bei seinen faunistischen Gutachten bisher in allen Gebieten fündig, wo vorher bestellte Gutachter der Betreiber so gut wie nichts entdeckt hatten. Auf seinen Untersuchungen basieren im Odenwald sämtliche sogenannten „Weißflächen“ im aktuellen Windkraft-Regionalplanentwurf, wo aufgrund der Gutachten-Ergebnisse die Planungen erst einmal zurückgestellt werden. Heute entscheidet in Frankfurt die Regionalversammlung über diesen Plan. Eigentlich, sagt Bernd, müssten die Windkraft-Planer diese Aufgaben übernehmen. „Aber die könnten ja bei Funden nichts durchbringen.“ Und zu finden gibt es viel.

Dirk Bernd ist in seinem Element, wenn er über seinen Beruf spricht. Man merkt ihm die Sorge um die Natur an. „Es ist extrem, was wir hier kaputt machen“, bedauert er. „Ich mache es für die Sache und hoffe, dass es was bringt.“ Um gleich danach den Finger in die Wunde zu legen: „Unseriöser geht’s kaum“, meint er zur bisherigen Genehmigungspraxis bei Windkraftanlagen, seien es nun Greiner Eck, Stillfüssel oder Kahlberg. „Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet.“

Die fünf Windräder auf dem Kahlberg drehen sich an diesem Tag mit etwa 150 Stundenkilometern, schätzt der Gutachter. 300 sind das Maximum. 2016 beobachtete er hier noch 30 Überflüge des europaweit geschützten Rotmilans an einem Tag. Als dann gerodet wurde, waren die entstandenen Freiflächen ein beliebtes Jagdrevier des Raubvogels. „Die Zahl der Überflüge blieb gleich, aber die Verweildauer stieg auf das Sechsfache an“, beobachtete er.

Mit dem Start der Rotoren begann das große Gemetzel. „Eine Zeitlang geht das noch gut“, weiß der Fachmann. Aber nicht lange. Denn der Rotmilan, an der Spitze der Nahrungskette, „erkennt die Rotoren nicht als Gefahr“, erläutert Dirk Bernd. Er fliegt zwischen ihnen hindurch und spielt unfreiwillig Russisch-Roulette. Mal geht es gut, mal nicht. Eine Tötung des Vogels wird für ihn deshalb billigend in Kauf genommen. „Das ist absolut wiederrechtlich und illegal“, macht er seinem Frust Luft.

Die aktuell 40 und mehr werdenden Windräder im Odenwald „hält keine Rotmilan-Population aus“, warnt er. Die Bestände an Vögeln „werden den Planungen angepasst“, kritisiert der Gutachter. Nicht nur bei diesen: Abstände zu Quartierbäumen der Mopsfledermaus wurden laut Bernd immer mehr verringert, von 5000 auf jetzt 200 Meter. „Sonst könnte man etwa im Spessart überhaupt kein Windrad bauen.“

Dirk Bernd machte auch zahlreiche Brutpaare des Rotmilans im Bereich um den Kahlberg aus. „Die drei am nächsten gelegenen waren ein Jahr später (nach Inbetriebnahme des Kahlberg-Windparks, d.Red.) nicht mehr da“, klagt er an. „Die Projektierer haben keinen davon gesehen“, moniert er. Dabei gehören doch „Rotmilan und Odenwald zusammen“, weist er auf das hohe Vorkommen hin.

Bei Raumanalyen „kann man tricksen“, schildert der Planer. Das betreffende Gebiet wird in bestimmte Raster eingeteilt, die weniger beflogenen werden rausgezogen und für Windradbebauung zur Verfügung gestellt. Nur: „Der Rotmilan hält sich nicht an Flugbahnen und Rasterkästchen.“ Diese Art der Arbeit dient seiner Meinung nach nur dazu, „die Pläne zu realisieren“. Aus Erfahrung weiß Bernd, dass sich Raumanalysen von einem zum anderen Jahr „diametral unterscheiden“. Die Vögel fliegen nicht dahin, wohin sie sollen.

„Wenn einer nichts sehen will, ist immer eine Genehmigung zu kriegen“, schildert der Fachmann. Damit war es einfach, meint der Gutachter ironisch, „kein erhöhtes Tötungsrisiko festzustellen“. Denn dessen Existenz würde das Aus für einen Windpark bedeuten. Da aber genau dieses nach all seinen Untersuchungen besteht, „dürfte hier (und damit meint er den ganzen Odenwald, d.Red.) nicht gebaut werden“.

„Egal wo ich nachgeschaut habe, ich habe immer etwas gefunden“, verdeutlicht Dirk Bernd die existierenden Populationen. Und fügt hinzu: „Ich kann meine Argumentation sehr gut begründen.“ Er arbeite mit den aktuellen Methoden-Standards, dokumentiere seine Sichtungen in der Regel mit Bildern.

Stellt Bernd etliche Überflüge und Horste bedrohter Arten fest, ein anderer, von den Firmen beauftragter Gutachter aber nicht, „folgte die Genehmigungsbehörde dem politischen Druck“, moniert er. Und winkte die Windräder durch. Erst in letzter Zeit ändert sich daran etwas, siehe Weißflächen.

Wobei diese ja auch nicht für alle Zeit aus der Planung sind, sondern nur ein paar Jahre. Was für den Fachmann absoluter Blödsinn ist. „Der Schwarzstorch hält an seinem Revier fest“, betont er. „Der ist eigentlich nie weg.“ Horste werden im Umkreis von ein paar hundert Metern gebaut. Damit sind laut Bernd die Weißflächen Augenwischerei, da sich der Status Quo nicht ändern wird. Außer es werden die Bäume gefällt, wo sich die Horste befinden, wie es vergangenes Jahr am Morsberg bei Reichelsheim geschah. Und selbst dann bauen der Rotmilan oder Schwarzstorch im Umfeld einen neuen Horst, den es dann wieder zu finden gilt.

Info: Dirk Bernd hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: „Windindustrie versus Artenvielfalt – Eine Studie über die Auswirkungen der Windenergienutzung auf Großvögel- und Fledermausarten am Beispiel Odenwald und weiteren Mittelgebirgsräumen“. Man kann es kostenlos als Pdf unter www.muna-ev.com/veröffentlichungen/ herunterladen.

Kahlberg-Schwarzstörche

Die Windräder am Kahlberg „liegen zwischen den Horsten von drei Schwarzstorch-Brutpaaren“, sagt Dirk Bernd. Die gehen an Weschnitz und Ulfenbach zur Nahrungssuche runter und überfliegen dabei regelmäßig die Rotoren. Aufgrund des Flugradius’ der Tiere „müsste man in einem Zehn-Kilometer-Umkreis prüfen“, hebt er hervor. Obwohl der Genehmigungsbehörde Bilder von Schwarzstörchen, sogar von einem Paar aus den Monaten Mai und Juni vorlagen, sei der Windpark in Betrieb gegangen. Begründung: „Die Vögel könnten auf dem Zug gewesen sein.“ Der Gutachter weiß nicht, ob ihn das zum Lachen oder Weinen bringen soll. Denn: „Die Schwarzstörche kommen bereits im März.“ Sein Fazit: „Es wird gebogen und gelogen, um eine Genehmigung zu erhalten.“

Zur Person

Dirk Bernd (47), aus Heppenheim stammend, wohnt seit zwölf Jahren in Lindenfels und betreibt dort ein Büro für Faunistik und Landschaftsökologie. Er erstellt als Gutachter Flächennutzungspläne für Gemeinden, ist für Fauna und Flora in kommunalen Bebauungsplanverfahren etwa für Gewerbe- und Wohngebiete zuständig. Am Kahlberg, im Dreieck zwischen Weschnitz, Grasellenbach und Mossautal, war er für die dortige Bürgerinitiative tätig, als Artenschutzgutachter in Reichelsheim – bei Stotz und Range – ebenso für die Gemeinde wie im Mossautal oder Breuberg. „Ich stehe auf einer Anhöhe und schaue das Plangebiet entlang“, beschreibt der Gutachter seine Arbeit. Das geschieht in einem Umkreis von sechs bis zehn Kilometern mit Fernglas und Spektiv. Zur Dokumentation hat Bernd eine Kamera mit 600mm-Objektiv dabei.

„Der Energiewandel muss intelligent gemacht werden“, fordert er. Man kann nicht einfach zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft ausweisen, „aber nicht wissen, wie das umgesetzt werden soll“, kritisiert er. Die dadurch bisher entstandenen Schäden an der Fauna sind „nachweisbar und erkennbar“. Da technisch an den Windrädern keine Verbesserungen möglich sind, um die Tiere zu schützen, „kann es nur ein Entweder-oder geben“. Dirk Bernd ist der Meinung, „dass wir die Stromwende auch mit Fotovoltaik hinkriegen könnten“. Dazu noch ordentliche Speicher „und es geht kein Vogel daran kaputt“. Für ihn ist es extrem, „was wir hier zerstören“. Er weiß von zwei Fledermaus-Arten, die aufgrund der Windkraft schon zu 90 Prozent ausgerottet sind. Zahlreiche weitere der 24 heimischen Arten sind durch die Windenergienutzung ebenfalls stark gefährdet.

 

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Siedelsbrunner Nabu ist wegen „Stillfüssel“ noch in der „Schockstarre“

Die Windindustrieanlagen am „Stillfüssel“ standen im Mittelpunkt der Jahreshauptversammlung des NABU-Siedelsbrunn und der Vogelschutzgruppe. Vorsitzender Alfred Wolf thematisierte die Entwicklung im vergangenen Jahr. Die Mitglieder trafen sich im neu geschaffenen Biotop gegenüber der Teichanlage. Wolf berichtete von den vielen Arbeitsstunden, die zur Instandsetzung geleistet wurden. Sogar der Bachlauf findet wieder Anschluss an die gegenüberliegende Teichanlage und speist diese. Diese schöne Oase soll auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen.

2017 stand seinen Worten zufolge „ganz im Zeichen der Schockstarre“ durch den Bau der Windindustrieanlagen und die damit einhergehende „nachhaltige Naturzerstörung“. Dadurch wurde ein ganzes Ökosystem ausgelöscht, zum einen durch die Abholzung, zum anderen durch den einschneidenden Ausbau der Zufahrtswege. Der Schaden sei viel größer als der Nutzen. Die seltenen Vogelarten wie zum Beispiel der Rauhfuß- und der Sperlingskauz, die am Stillfüssel heimisch waren, „wurden nach den Baumaßnahmen nicht mehr gesichtet“, bedauerte er. „Wir haben eine besondere Verantwortung“, betonte Wolf.

Nach abgewiesener Klage vor dem Verwaltungsgericht in Darmstadt sei jetzt die Klage der IHO von Michael Hahl vor dem Verwaltungsgerichtshof Kassel anhängig. „Hier hoffen wir auf eine unabhängige Justiz, die die Naturschutzgesetze anwendet“, sagte Wolf. Eindringlich wies er darauf hin, dass es „weiterhin die Natur zu schützen gilt“. Nur durch ständiges Beobachten sei es möglich zu wissen, „welche Tiere bei uns leben und wie diese sich mit den Windindustrieanlagen arrangieren“.

Als Ausgleichsmaßnahmen wurden laut dem Vorsitzenden 35 Fledermauskästen und ebenso viele Vogelnistkästen im Bereich des Eiterbachtales aufgehängt. Die Ergebnisse hierzu würden erst in etwa drei Jahren durch die ökologische Baubegleitung vorliegen. Etwa 30 Nistkästen, die bei den Fällungen am Stillfüssel entfernt wurden, brachte Förster Jürgen Lampert. Nach Instandsetzung sollen diese andernorts neu aufgehängt werden.

Wolf ging kurz auf die Pflegeplanbesprechung von Hessen Forst ein. Erfreulicherweise sei im Steinachtal die Natur vorbildlich intakt und im Rahmen von Natura 2000 in die Kategorie „hervorragende Qualität“ aufgenommen worden. Des Weiteren berichtete er Wolf über den Vogel des Jahres 2018, den Star, „der bei uns noch recht häufig vorkommt“. Zur Fütterung der Vögel habe auch die Gemeinde Sonnenblumenkerne zur Verfügung gestellt.

Zum Teil wurde die Blumenwiese neu eingesät, berichtete er. Durch Sturmschäden kam es zum Verlust mehrerer Bäume an der Teichanlage. Dabei ging das Entenhaus entzwei. Die abgebrochenen Bäume wurden von der Gemeinde entfernt. Das Umknicken der Bäume müsse kein Nachteil sein, dann dadurch komme wieder mehr Licht ins Biotop und neue Pflanzen könnten sich entwickeln. Erfreulicherweise seien weniger Kröten überfahren worden, sodass der Teich voller Molche war. Alfred Wolf würde gerne wieder mehr die Streuobstwiesen bearbeiten, sagte er. Zurzeit hat der Verein 20 Nabu- und zwölf Vogelschutzmitglieder. Für 2018/19 erhofft sich der Vorsitzende mehr aktive Naturschützer.

Klaus Krause berichtete über das Insektensterben durch Pestizide und Monokulturen in der Landwirtschaft und den damit verbundenen Nahrungsmangel für die Vögel. Erfreulicherweise habe sich der Amselbestand gut erholt. 2017 stand die Vogelbeobachtung und Dokumentation für das Regierungspräsidium im Vordergrund. Besonders gefährdet seien Schwarzstorch, Rotmilan, Wespenbussard und der Uhu. Der Schwarzstorch wurde mehrfach über dem Stillfüssel und dem Eiterbachtal gesichtet. Die Naturschutzorganisation Muna habe zwei Brutpaare mit Jungvögeln unter anderem an der Wegscheide beobachtet.

Krause zeigte Verständnis für Touristen und Siedelsbrunner, die sich über die Arbeitsweise von Hessen Forst beschwerten. Die Wege um den Hardberg seien nach Fahrten mit schwerem Gerät nicht mehr zugänglich gewesen. Die Beschwerde wurde weitergeleitet und die Wege wieder begehbar gemacht. Er forderte dazu auf, in diesem Jahr besonders auf die Wiederaufforstung der Zuwegung und der Kranstellflächen am Stillfüssel zu achten.

Dr. Thomas Michel legte den positiven Kassenbericht vor. Marco Weigand und Dr. Angelika Grimm-Eckardt bestätigten die ordnungsgemäße Führung der Kasse. Nach Antrag von Weigand erfolgte die Entlastung des Vorstandes einstimmig. Dr. Thomas Michel regte an, dass in Zukunft auf Zäune mit Stacheldraht zu verzichten sei. Dazu bedürfe es einer Mitnahme der Landwirte.

Vorerst keine weiteren Windräder auf Wald-Michelbacher Gemarkung

„Sechs Jahre haben wir hart dafür gekämpft“, sagt Bürgermeister Dr. Sascha Weber. Umso mehr freut es ihn, dass der Teilflächennutzungsplan (TFNP) Windkraft fürs Gemeindegebiet nun vom Regierungspräsidium Darmstadt genehmigt wurde. Der zementiert für ein paar Jahre den Status quo in Sachen Windräder, bis irgendwann einmal der Regionalplan Südhessen in Kraft tritt. Das heißt: Es dürfen in dieser Zeit außer denen bei „Stillfüssel“ keine weiteren Rotoren auf Wald-Michelbacher Gemarkung gebaut werden.

Drei fette Aktenordner mit fast 1200 Seiten zeugen von der Bemühungen der Gemeinde, Ordnung in den wild wuchernden Windenergie-Wahnsinn zu bekommen. Der Aufstellungsbeschluss für den TFNP fiel vor fast genau sechs Jahren, am 3. Juli 2012. Dann gab es die Beteiligung der Öffentlichkeit 13/14, die Auswertung im Jahr 2014, Bearbeitung, Behördentermine und einiges mehr. Am 5. September 2017 brachte Weber den dann verabschiedeten Entwurf in die Gemeindevertretung ein, von der er am 17. April 2018 beschlossen wurde.

Dokumentensammlung, Ablauf des Genehmigungsverfahrens sowie Gutachten und Umweltberichten sind weiterhin archiviert. Die akribische Arbeit hat sich gelohnt. Anfang des Monats kam die begehrte Antwort vom RP mit der Genehmigung. Wenn dann noch in wenigen Wochen die Bekanntmachung erfolgt ist, tritt der TFNP in Kraft. „Das ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung der Lebensqualität im Überwald“, freut er sich. Als eine von wenigen Gemeinden in Hessen beschritt Wald-Michelbach den Weg über einen eigenen TFNP.

Weber betrachtet die Genehmigung als großen Erfolg, wenn auch „nur“ Etappensieg. Denn aktuell sind im Regionalplan Südhessen noch fünf Vorranggebiete für Windenergie projektiert. Mit dem TFNP werden diese vorerst ad acta gelegt. „Es bleibt somit nur Stillfüssel“, betont der Rathauschef. Mit den dortigen 145 Hektar, die 2,3 Prozent der Gemeindefläche entsprechen, „hat Wald-Michelbach für die Windenergie substanziell Raum geschaffen“, hebt er hervor. Und sogar das Landesziel von zwei Prozent Gemarkungsfläche übererfüllt. „Damit ist unser Beitrag zur Energiewende auf lokaler Ebene geleistet.“

„Das ist für uns ein ganz wichtiger Meilenstein“, sagt Dr. Weber. Die Bemühungen der vergangenen Jahre mit dem Ziel, Windenergieanlagen auf nur einer Fläche zu konzentrieren, seien damit verwirklicht worden. Allerdings fängt für Weber die Arbeit damit erst an. Denn der genehmigte Teilflächennutzungsplan bietet nur eine vorübergehende Sicherheit. „So lange, bis der Regionalplan in Kraft tritt“, erläutert er. Denn der wird auf einer übergeordneten Ebene beschlossen und setzt damit den kommunalen Plan wieder außer Kraft.

Wobei er mit einer dritten Lesung für den Regionalplan rechnet, womit dieser nicht vor 2022 in Kraft treten dürfte. Deshalb will Weber in den kommenden Monaten alles daran setzen, die Mitglieder der Regionalversammlung Südhessen „zu bearbeiten“, dass diese keine weiteren Vorrangflächen auf Wald-Michelbacher Gemarkung ausweisen. Ziel: Der TFNP soll 1:1 in den Regionalplan mit aufgenommen werden.

Weber betont: „Die Gemeinde hat auf lokaler Ebene alles erreicht, was möglich ist.“ Die langfristige Entwicklung liege bei der Regionalversammlung. Um diese von den Wald-Michelbacher Anliegen zu überzeugen, wird sich der Bürgermeister auch nicht zu schade sein, viele Klinken im Sinne der Gemeinde zu putzen. „Ich werde alles tun, damit der TFNP gesichert wird und nicht weitere Windräder auf unserer Gemarkung entstehen“, sagt er.

Zuerst einmal will Weber die Vertreter in der Regionalversammlung mit dem gleichen (SPD)-Parteibuch kontaktieren. Dann geht es parteiübergreifend an die Mitglieder aus der näheren und weiteren Umgebung. „Ich will ungefähr mit der Hälfte der Versammlung ins Gespräch kommen“, kündigt er an. Eine Sisyphusarbeit, aber das Vorhaben des Bürgermeisters ist klar: Nur Stillfüssel und das war’s dann in punkto Windkraft-Gebiete.

Weber bezieht klar Stellung: „Ich erwarte, dass alle Bergsträßer Vertreter mein Vorhaben unterstützen.“ Und nennt gleich die Betreffenden: Josef Fiedler und Gerhard Herbert auf SPD-Seite, von der CDU Christian Engelhardt und Bürgermeister Rolf Richter aus Bensheim, Thilo Figai (Grüne), Christopher Hörst (FDP) und Dr. Erwin Schuster (AfD).

Der Rathauschef ist stolz über das Erreichte. Federführend war auf Gemeindeseite dabei Stefan Jäger vom Bauamt, dem das Planungsbüro IntraPro Lorsch mit Dirk Hettrich zur Seite stand. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurde das Projekt in enger Abstimmung mit dem Regierungspräsidium vorangetrieben. „Zu 80 Prozent“ hatte Weber im Vorfeld die Erfolgsaussichten des TFNP geschätzt. 60 Prozent gibt er nun als Zahl für den Bestand dieses Plans vor der Regionalversammlung an.

Bis zum Inkrafttreten des Regionalplans wird sowieso noch viel Wind über die Odenwald-Hügel wehen. Oder auch nicht. Je nach den neuesten Erkenntnissen über Windhöffigkeit oder Wirtschaftlichkeit der WKA könnte das Thema vielleicht sowieso irgendwann obsolet sein, hofft er. Dazu kommt der starke öffentliche Druck aus der Bevölkerung gegen eine weitere Verspargelung der Landschaft. „Der Zeitgewinn hilft uns, weil dann neuere Erkenntnisse vorliegen“, sagt er.

Bodenbrand an den Stillfüssel-Windrädern simuliert

Der generelle Einsatzplan ist in Ordnung“, freute sich Wald-Michelbachs Gemeindebrandinspektor (GBI) Peter Capuani nach der Einsatzübung an den „Stillfüssel“-Windkraftanlagen. 100 Feuerwehrleute waren dort bei einem simulierten Bodenbrand auf etwa einem Hektar Fläche zugange. „Im Wesentlichen hat alles so funktioniert wie geplant“, sagte er. Was für Capuani doppelter Grund zur Freude war, denn der Plan war von ihm und er fungierte auch als Einsatzleiter.

Die Ortseilwehren aus Wald-Michelbach Mitte, Schönmattenwag, Affolterbach und Kreidach waren ebenso auf die Höhe ausgerückt wie der Einsatzleitwagen des Kreises Bergstraße aus Lampertheim sowie die Tanklöschfahrzeuge (TLF) aus Abtsteinach, Wahlen, Mörlenbach und Hirschhorn. Capuanis Annahme sah vor, dass es beim Wechsel von 900 Liter Getriebeöl an einem Windrad eine Leckage gab. Von der Gondel tropfte es auf einen am Boden stehenden Lkw herab, der noch einmal diese Menge an Öl geladen hatte.

Durch die Entzündung an der Auspuffanlage stand der Laster schnell in Vollbrand, während das Öl von oben fröhlich weiter tropfte und das Feuer noch anheizte. Die Windkraftanlage selbst war dem Szenario zufolge nicht betroffen, aber der angrenzende Wald nordöstlich entzündete sich. So entstand ein Bodenfeuer, das sich bis auf einen knappen Hektar Fläche ausbreitete.

Dass fürs Löschen die mit 20 Kubikmeter Wasser gefüllte Zisterne nicht ausreichen würde, war klar. Deshalb legten die Wald-Michelbacher Wehren eine Leitung von der Systelios-Klinik hin zum Zollstock. Von dort ab es einen Pendelverkehr der dann befüllten Tanklöschfahrzeuge hin zur Windkraftanlage, um die Zisterne immer wieder nachzufüllen. „Wir haben dadurch eine Kapazität von 30 Kubikmeter in der Stunde“, so der GBI. Für ein Bodenfeuer sei diese Menge ausreichend. Wäre mehr Wasser nötig gewesen, etwa bei einem Waldbrand, „hätten wir die Kapazität erhöhen können“.

Vom WKA-Betreiber Entega waren zwei Mitarbeiter vor Ort, um sich das Geschehen anzuschauen. Ebenso war Revierförster Stefan Aßmann dabei, der als Fachberater im Einsatzgremium mitwirkt. Der stellvertretende Kreisbrandinspektor Werner Trares gab dem Einsatzplan seinen Segen. Bürgermeister Dr. Sascha Weber dankte den beteiligten Wehrleuten aus der Großgemeinde für ihren ehrenamtlichen Einsatz und auch denen aus den umliegenden Kommunen für die Unterstützung.

Nach etwa zwei Stunden war das Feuer, wie im Einsatzplan vorgesehen, gelöscht. Danach wurde die Zisterne wieder gefüllt, um für den Fall der Fälle ordentlich gerüstet zu sein. Im Anschluss ließen sich die Brandschützer das am Tag zuvor von drei Wehrleuten zubereitete Gulasch schmecken. Dazu gab’s die Manöverkritik.

„An der einen oder anderen Stelle hakte es noch bisschen“, so Capuani. Er stellte kleinere handwerkliche Fehler fest, die aber den positiven Gesamteindruck nicht schmälerten. Dazu gab es noch ein paar Hinweise, was verbessert werden könnte. So könnte unter anderem die Einbahnregelung für die TLF präzisiert werden. Auch die Aufstellflächen für die Feuerwehrfahrzeuge direkt vor Ort könnten vergrößerte werden.

Der GBI war froh darüber, dass es am Übungstag nicht so heiß war wie die Tage zuvor. Denn aufgrund der Topographie waren die Wehrleute in stetig ansteigendem Gelände tätig. „Bei Hitze gehen die Einsatzkräfte dadurch schnell auf dem Zahnfleisch“, machte er die Knochenarbeit plastisch deutlich. Selbst bei „nur“ 20 Grad waren die Schlauch verlegenden Einheiten am Ende des Tages mit den Kräften am Ende.

„Wir haben 1200 Meter Schlauchleitung verlegt“, machte Capuani die Dimensionen deutlich. Die TLF hatten vom Zollstock zwei Kilometer bis zur Einsatzstelle zurückzulegen. Durch den Kreisverkehr war die Rückfahrt sogar noch ein Stück länger. Von der Zisterne zur Einsatzstelle galt es noch einmal 80 Meter zu bewältigen.

„Trotz der Entfernung der Wasserversorgung war es aber überschaubar“, meinte der GBI. Würde es wirklich zum Ernstfall kommen, „könnten wir die doppelte Menge an Schlauchmetern verlegen“, erläuterte er. Um sich nach diesen Worten auch eine Auszeit zu gönnen und einen Nachschlag vom leckeren Gulasch zu holen.

Anti-Windkraft-Bürgerinitiativen bleiben weiterhin am Ball

Wind ging zwar keiner, wie schon der Name „Schwachwindfest“ nahelegte. Aber leider gab es dafür umso mehr (nicht vorhergesagten) Regen, als die Windkraftgegner zum Grillfest an der Ober-Abtsteinacher Grillhütte eingeladen hatten. Doch zum Glück hatten die Organisatoren vorgesorgt und einige zusätzliche Zelte aufgestellt, sodass die Bürger bei Gegrilltem und Getränken gemütlich beisammen sitzen konnte. Dabei entwickelten sich dann etliche Informations- und Diskussionsgespräche.

„Wir wollen die Menschen aus dem Überwald mitnehmen“, erläuterte Udo Bergfeld die Motivation zur Veranstaltung. Es heiße oft, dass die Windkraft ganze Dörfer in zwei Lager teile. Die wolle man mit dem Fest wieder an einen Tisch bringen. Es gehe darum Brücken zu bauen, über das Thema zu reden und Informationen auszutauschen. „Wir wollen keine Zweiteilung“, betonte er.

Veranstaltet wurde das Fest vom Verein Naturschutz und Gesundheit Südlicher Odenwald in Zusammenarbeit mit den BIs Gegenwind Siedelsbrunn und Ulfenbachtal. Der Name ist dabei Programm: „Wir leben in einer Schwachwindzone“, verdeutlichte Bergfeld. In der aber trotzdem aufgrund der staatlichen Subventionen Windräder in die Landschaft zementiert werden.

Die BI wollten ihre Sicht der Dinge darstellen und damit dazu beitragen, dass die Bürger nicht nur einseitig mit den entsprechenden Infos versorgt werden, erläuterte er. Deshalb konnte man auf der Wiese auch Einblick in einen Teil der Dokumentation rund um die Entwicklung am „Stillfüssel“ nehmen.

Anhand der vielen Bilder könne man sich jetzt eventuell vorstellen, was beim Bau der Anlage alles vor sich ging, so Bergfeld. „Viele kennen den Stillfüssel in dieser Form vielleicht noch nicht‘“, meinte er. Außerdem ging es natürlich in den Gesprächen um die aktuellen Verfahren. Ganz konkret um den Widerspruch der BI gegen den Stillfüssel-Sofortvollzug, der vom Verwaltungsgericht Kassel abgelehnt worden war, wogegen die BI nun Einspruch einlegten.

„Wir sind in Revision gegangen“, erläuterte Stephan Hördt. Sollte man damit erfolgreich sein, „stehen hier fünf Schwarzbauten“, deutete er auf den gegenüber liegenden Höhenrücken. Bei dieser Klage gegen den Betrieb rechnet man mit einer Entscheidung im Laufe dieses Jahres. Die Hauptklage gegen das komplette Projekte vor allem aus naturschutzrechtlichen Gründen (Stichwort Schwarzstorch und Uhu) steht allerdings noch aus. „Die Entscheidung dürfte wohl noch zwei oder drei Jahre dauern“, meinte Hördt.

„Die Entega nutzt den Windpark auf eigenes Risiko“, verdeutlichte Bergfeld. Sollte die Klage der BI erfolgreich sein, kämen bei einem Rückbau keine Kosten auf die Gemeinde zu, betonte er. Die Aktivisten wollten beim Fest weiter darauf hinweisen, „dass es nicht mit fünf Anlagen getan ist“. Schon jetzt stehen am Kalhberg und am Greiner Eck weitere. Käme der Regionalplan zum Tragen, „werden noch viel mehr kommen“, warnte Hördt.

Wie Bergfeld ergänzte, „sollen die Leute begreifen, dass alles noch am Laufen ist“.  Auch die Anlagen auf dem Kahlberg seien gerichtlich noch nicht endgültig bestätigt. Deshalb werden die Donnerstagsdemos in Wald-Michelbach fortgesetzt. Die kommende am 24. Mai findet genau ein Jahr nach dem Start der Demonstrationen statt. Aktive der Bürgerinitiativen kümmerten sich beim Fest um das Wohl der Gäste, während auf der Bühne die Band „Ofos“ (Old farts on stage) bekannte Songs spielte

Für Bergfeld ist eindeutig: „Wir sprechen uns ganz klar gegen die dort projektieren Anlagen aus.“ Würde der Regionalplan 1:1 umgesetzt, wären sieben Prozent der Odenwaldfläche mit Windrädern zugepflastert. „Die gehören hier nicht her“, sagte er. Das Gebiet sei in sich ein Naturpark und diene den Menschen zur Naherholung. In Deutschland gebe es bereits 30.000 Windräder. Damit sei man bei den Erneuerbaren Energien am Limit angekommen, mehr lasse sich gar nicht nutzen. „Wir müssen bereits jetzt Strom ins Ausland abfließen lassen“, kritisierte er.

Schon jetzt zeigen sich laut Bergfeld die negativen Begleiterscheinungen der fünf Windräder auf dem Stillfüssel. Die Menschen in Siedelsbrunn und Schönmattenwag klagten über Schallbeschwerden durch die ständigen Rotorengeräusche. „Man kann sich nicht mehr auf den Balkon setzen“, verdeutlichte er.

Info: 44. Donnerstagsdemo gegen Windkraft in Wald-Michelbach am 24. Mai, 18 Uhr, Start Ecke Schul- und Ludwigstraße

 

„Stillfüssel“ und sonst nichts: Abtsteinacher Gemeindevertretung stimmt Wald-Michelbacher Teilflächennutzungsplan Windenergie zu

Der Wald-Michelbacher Windkraft-Teilflächennutzungsplan (TFNP) findet Zustimmung bei den Abtsteinacher Gemeindevertretern. Einstimmig wurde der Windenergienutzung im Bereich „Stillfüssel“ auf 172 Hektar zugestimmt. Damit, so die Mandatsträger, werde auf substanzielle Weise ausreichend Raum geschaffen und der Privilegierung der Windenergie im Außenbereich Rechnung getragen. Schon im Laufe dieses Jahres hatte die Gemeindevertretung mit einer harschen Kritik am Regionalplan klar gemacht, dass mehr als die schon genehmigten Rotoren für sie nicht in Frage kommt.

Der Teilplan „Erneuerbare Energien“ des Regionalplans Südhessen habe den Hintergrund, Vorranggebiete für Windenergie zu schaffen, erläuterte Bürgermeisterin Angelika Beckenbach den Hintergrund. Im Umkehrschluss ist diese dann auf den verbliebenen Gemeindeflächen nicht mehr möglich. Man wolle damit die bisherige Handhabung nach Paragraf 35 des BGB in geordnete Bahnen lenken und eine geordnete, einheitliche Vorgehensweise ermöglichen. Denn die drei Windparks im Kreis Bergstraße, Greiner Eck, Stillfüssel und Kahlberg, wurde alle auf Basis der bisherigen Vorschriften genehmigt.

Die benachbarte Kommune stellte einen eigenen FNP auf, um die Entwicklung koordinieren zu können und damit dem Regionalplan zuvorzukommen. Denn dieser sieht auf Gemeindegebiet mehrere Vorrangflächen vor, die dort so nicht gewünscht sind, weil sie acht Prozent der Gemarkung bedecken würden und diese mit Rotoren zupflasterten. Wald-Michelbach will aber nur eine: Stillfüssel mit 172 Hektar. Dort sind bereits fünf Windräder genehmigt und ein sechstes zurückgestellt.

Wie Beckenbach sagte, habe die Überwald-Gemeinde im Hinblick auf die Entwicklung einer schlüssigen gesamträumlichen Planungskonzeption zunächst die für das Gemeindegebiet relevanten harten Tabukriterien ermittelt. Dabei wurden Ausschlussflächen bestimmt, die aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht als Potenzialfläche in Frage kommen.

Weiterhin wurden weiche Tabukriterien ermittelt und damit Ausschlussflächen bestimmt, in denen nach städtebaulichen Vorstellungen, die die Gemeinde anhand eigener Kriterien entwickelte, keine Windenergieanlagen aufgestellt werden sollten. Die Potenzialflächen, die nach Abzug der harten und weichen Tabuzonen verblieben, wurden in einem weiteren Arbeitsschritt zu den auf ihnen konkurrierenden Nutzungen in Beziehung gesetzt. Als Ergebnis der Abwägung muss allerdings der Windenergie in substanzieller Weise Raum geschaffen werden. So die Vorgabe der Behörden.

Die Gesamtfläche von 172 Hektar entspricht einem Flächenanteil am Gemeindegebiet von 2,3 Prozent. Das auf Landesebene anvisierte Ziel, zwei Prozent der Landesfläche Hessens für Windenergienutzung zur Verfügung zu stellen, wird somit von Wald-Michelbach um 15 Prozent übertroffen, heißt es. Der Geltungsbereich des TFNP erstreckt sich über das gesamte Gemeindegebiet von Wald-Michelbach und umfasst eine Fläche von 7436 Hektar.

Für den bereits genehmigten Windpark am Standort „Stillfüssel“ mit derzeit fünf Anlagen wurde ein durchschnittlicher Energieertrag von 43 Gigawattstunden jährlich und eine Versorgungsabdeckung für durchschnittlich 14.000 Haushalte prognostiziert. Da Wald-Michelbach über rund 4400 Haushalte verfügt, würde durch den Windparkstandort ein rechnerischer Überschuss von über 300 Prozent erzielt. Damit sieht die Gemeinde ihren Beitrag zur Umsetzung der Energiewende erfüllt.

Abtsteinach hatte bereits 2014 klar gemacht, dass man nur die Vorrangfläche „Stillfüssel“ mit rund 145 Hektar befürwortet. Die südlich dargestellte Fläche des Regionalplans mit einer Restfläche von 350,1 Hektar wurde abgelehnt. 2017 erfolgte die Präzisierung: Mit dem Bau der Anlagen in Grein und im Mossautal sowie den im Bau befindlichen am Stillfüssel und am Kahlberg wurden „quasi Fakten geschaffen, mit denen wir durchaus noch leben können“. Aber mehr ist nicht drin, verdeutlichten die Gemeindevertreter.

Dass aus 145 jetzt 172 Hektar wurden, ist nach Wald-Michelbacher Angaben durch eine Abrundung der Randgebiete im Rahmen der Abwägung begründet. Ursprünglich war der Bau von sechs Rotoren geplant. Hiervon sind fünf genehmigt und eines zurückgestellt. „Die Aufstellung weiterer Windräder ist nach heutigem Stand nicht geplant“, heißt es.

Windkraft sorgt erneut für einen Meinungssturm in der Wald-Michelbacher Gemeindevertretung

Ein kühler Luftzug hätte den erhitzten Gemütern bei der Gemeindevertreter-Sitzung sicherlich gut getan. So aber schaukelten sich die Meinungen im heißen Ratssaal immer wieder hoch, während der Schweiß von der Stirn perlte, als es um die Stellungnahme zum Windkraft-Regionalplanentwurf ging. Die einzelnen Mandatsträger ließen sich bei ihren Statements nicht den Wind aus den Segeln nehmen und fachten im Gegenteil mit ihren Äußerungen den sich aufbauenden Sturm öfters aufs Neue an.

Die beiden Stellungnahmen zum hessischen Windkraft-Regionalplan und zum Eberbacher Teilflächennutzungsplan (TFNP) in Bezug auf Brombach-Nord hatten der Versammlung viele Zuschauer beschert, die die Ränge auf der Tribüne bis auf den letzten Platz besetzten. Ob sie angesichts der sich verzettelnden Diskussion schlauer raus- als hineingingen, sei dahingestellt. Außerdem fiel noch keine Entscheidung in punkto TFNP.

Letztendlich kristallisierte sich durch die Vorträge und Meinungsäußerungen heraus, dass der von Wald-Michelbach angestrebte eigene Windkraft-TFNP, mit dem man dem Erneuerbare-Energien-Plan des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt zuvorkommen will, ein klein wenig Augenwischerei ist. Denn eigentlich wollen fast alle mehr oder weniger am 2011 propagierten Ziel festhalten, dass „Stillfüssel“ die einzige Windkraftanlage auf der Gemarkung sein soll.

Weil aber das RP eine einzige Fläche nicht akzeptiert, ist im TFNP nun außerdem noch der Meisenberg zwischen Aschbach und Affolterbach in einer Größe von 65 Hektar ausgewiesen. Bürgermeister Joachim Kunkel erläuterte noch einmal die entsprechende Vorstellung aus dem Bau- und Energieausschuss. Unter der Hand, wurde deutlich, erhofft man sich aber, dass dieses Gebiet nicht in Anspruch genommen werden muss oder sich letztendlich vielleicht bei genauerer Prüfung artenschutzrechtliche Hindernisse ergeben, die es verhindern.

Stefan Werner (BfW) hatte vor Eintritt in die Tagesordnung versucht, beide Punkte noch einmal für eine separate Beratung in den Ausschuss zu verweisen. Denn bei dessen vorangegangener Sitzung hätten in Bezug auf die Eberbacher Absichten nicht alle Informationen zur Verfügung gestanden. Denn es würden dort sieben bis zehn Windräder im Bereich Brombach-Nord genannt. Eine Zahl, die mit Blick auf das direkt angrenzende Flockenbusch-Gebiet von erheblicher Bedeutung sei. Beide Anträge auf Vertagung wurden allerdings von der Mehrheit des Gremiums abgelehnt.

Seine Argumentation für die Vertagung wiederholte Werner dann nochmals mit Nachdruck bei der Beratung. Ihm ging es um einen „schlüssigen Plan“, der Flockenbusch und Lannertskopf mit einbeziehe. Zusammen mit dem Stillfüssel sollte man diese in den eigenen TFNP aufnehmen „und somit die Voraussetzung für einen genehmigungsfähigen Plan setzen“. Damit könne man der Regionalplanung substanziell etwas entgegensetzen.

Mit Blick auf den Regionalplan hatte Gemeindevertreter-Vorsitzender Nothung Köhler zu Beginn die Haltung Wald-Michelbachs unmissverständlich deutlich gemacht. Die Gemeinde verweigere sich nicht umweltpolitischen Zielen, sagte er. Deshalb habe man schon 2011 die entsprechenden Planungen auf den Weg gebracht und sich für Stillfüssel als einzigen Windpark auf der Gemarkung ausgesprochen.

Köhler kritisierte, dass das im Landesentwicklungsplan genannte Ziel der Konzentration von Windrädern durch den aktuellen Regionalplanentwurf „torpediert wird“. Denn der sieht auf Wald-Michelbacher Gemarkung gleich fünf Standorte vor. Dadurch entstehe „eine Verspargelung der Landschaft“, was eigentlich genau verhindert werden sollte. Durch den geringen Abstand der einzelnen Anlagen „entsteht eine Bedrängungswirkung“, sagte er. Deshalb habe man im TFNP den Abstand auf fünf Kilometer festgelegt, um größere Beeinträchtigungen von Mensch und Natur zu verhindern.

Köhler sah es als „krassen Verstoß gegen die kommunale Planungshoheit“, dass der TFNP im Regionalplan nicht berücksichtigt werde. Auch hätten die Planersteller nicht das Gebot befolgt, dass bei einer Flächeninanspruchnahme von mehr als zwei Prozent (in Wald-Michelbach mit über 600 Hektar acht Prozent der Gemeindefläche) besondere Kriterien gelten müssten.

„Wir sind nur begrenzt handlungsfähig“, sagte Bürgermeister Joachim Kunkel auf der Gemeindevertretersitzung. Das ergebe sich aus den Einschätzungen des von der Gemeinde beauftragen Juristen Ralf Bitterwolf. Man müsse „schwierige gesetzliche Vorgaben beachten“: Die Begeisterung über die Windkraft sei bei allen inzwischen abgeflaut, meinte er. Er wies darauf hin, dass der Teilflächennutzungsplan (TFNP) für Windkraft „heute weder aufgestellt noch verabschiedet wird“. Im Sommer soll auf einer Sondersitzung des Gremiums über seine Offenlage entschieden werden.

Sollte der Regionalplanentwurf zur Windkraft so Realität werden wie im Entwurf dargelegt, „ist das eine Situation, mit der wir überhaupt nicht leben können“, betonte der Bürgermeister. Er skizzierte die bereits im Bauausschuss dargelegte Situation und ging auf den aktuellen Stand des TFNP ein, der neben Stillfüssel nur noch Meisenberg nennt – unter Berücksichtigung des Fünf-Kilometer-Abstands, um eine Einkesselung von Ortschaften zu vermeiden.

Kunkel hob hervor, es gehe aktuell darum, „das Beste für die Gemeinde herauszuholen“. Seiner Meinung nach „wäre es fatal, nicht die eigenen Möglichkeiten zu nutzen“, um so eine akzeptable Lösung zu erreichen und selbst die Entwicklung zu steuern. Er wies auf die artenschutzrechtliche Untersuchung am Meisenberg hin. Mit dieser könnten dann die sogenannten „harten Kriterien“ greifen. Damit wäre „das gewünschte Ergebnis“ in Reichweite: nämlich dass es beim Stillfüssel bleibt.

Dieses Vorgehen nach dem Prinzip Hoffnung stieß nicht bei allen Gemeindevertretern auf Gegenliebe. Manchen waren zu viele Unwägbarkeiten mit enthalten. Zum einen wurde befürchtet, dass das Regierungspräsidium sowieso macht, was es will. Zum anderen sah man die Einflussmöglichkeiten der Gemeinde beim Meisenberg nur bedingt gegeben, weil sich 50 Hektar davon im Besitz von Hessen Forst befinden. Die Behörde lasse sich wohl nicht davon irritieren, dass nur 15 Hektar in Gemeindebesitz seien und könnte somit einen Windanlagenbau vorantreiben.

Stefan Werner (BfW) hätte sich eine länderübergreifende Verständigung mit Eberbach gewünscht, um im Bereich Flockenbusch/Brombach-Nord die Zahl der Windräder möglich gering zu halten. Ihm wie auch Fraktionskollegen Dirk Hennrich fehlte ein schlüssiger Plan. „Jetzt haben wir statt Flockenbusch den Meisenberg“, sagte dieser. Hennrich monierte, dass mit dem TFNP „den Bürgern Sand in die Augen gestreut wird“. Fraktionskollegin Christiane Hennrich sprang argumentativ Werner zur Seite. Noch Beratungsbedarf bei der aktuellen Fassung des TFNP sah Henrik Schork (Grüne), nachdem die bisherige Version nicht genehmigungsfähig gewesen sei.

Stefan Doetsch (CDU) war anderer Meinung. Die jetzige Planung sei „nach bestem Wissen und Gewissen“ erarbeitet worden und gebe ihm eine gewisse Sicherheit – wenn auch 100 Prozent nicht machbar seien. Aktuelle Entwicklungen wurden seinen Worten zufolge mit in die Planung eingearbeitet. Ihm sekundierte Udo Klos (SPD). Diesem erscheint der TFNP „als einzig schlüssiger und gangbarer Weg“, auch wenn man keine Garantie habe. Er wies darauf hin, dass die Begrenzung auf Stillfüssel „weitgehend Konsens war“.

Einige Wort-Scharmützel zwischen Doetsch und Werner später, die sich um die BfW-Befürwortung für Flockenbusch drehten, erläuterte Kunkel die derzeitige Entwicklung des TFNP. Diesen habe man erst wieder vorantreiben können, nachdem Ende 2016 die Stillfüssel-Genehmigung vorlag. Er sehe in ihm „die größte Chance das zu erreichen, was wir eigentlich wollen“.

Das ganze Hin und Her stieß Günther Roßbach (FW) sauer auf. „Das wird immer verworrener“, kritisierte er. Für ihn sind „Köder“, die man den Entscheidungsbehörden hinwerfe, um eine Genehmigung zu erhalten, kontraproduktiv zu dem, was früher beschlossen wurde. Stillfüssel sei bisher das Limit gewesen. Wenn es nun mehr werden sollte, „kann ich nicht mitgehen“.

Die ablehnende Stellungnahme zum Regionalplan, wie sie bereits im Ausschuss vorgestellt worden war, wurde anschließend vom Gremium mehrheitlich angenommen. Mit noch größerer Mehrheit wurde das Eberbacher Ansinnen zurückgewiesen, an der Ländergrenze bei Brombach-Nord einen Windpark genehmigen zu wollen.

Im Vorfeld hatte Kunkel eine Nachricht der Entega vorgelesen. Laut dem Energieversorger wurde im 18-Monats-Betrieb des Windmessmastes am Stillfüssel auf 120 Metern Höhe eine mittlere Windgeschwindigkeit von 6,4 Meter/Sekunde gemessen. Somit laut Entega „ein sehr windhöffiger Standort“.