An Ostern soll der Winter vertrieben und verbrannt werden

Ostern ist das höchste christliche Fest im Kirchenjahr. Wie viele andere Feierlichkeiten im Christentum „hat auch Ostern einen weit vorchristlichen Ursprung“, erzählt Heimatkundler Horst Mühlfeld. Für uns hat der Heimatforscher aus Wahlen in verschiedenen Büchern geblättert und interessante Details über die „Osterbräuche im Odenwald“ zusammengestellt.

Bis sich die christliche Glaubenslehre dem Osterfest annahm, bestand Sinn und Zweck der Feier etwa in germanischer Zeit darin, den Übergang vom Winter in den Frühling zu feiern, sagt Mühlfeld. „Der Winter wurde vertrieben und das Leben in der Natur erwachte.“ Deren Wiederbelebung nach einer langen, entbehrungsreichen und harten Jahreszeit sollte gebührend bejubelt werden. „Die ersten Blumen brechen aus der Erde, die Luft verbreite einen eigentümlichen frühlingshaften Geruch.“

Um den Winter zu vertreiben, zu verbrennen oder auszutragen, wurden laut dem Heimatkundler aus Stroh und Lumpen Puppen hergestellt, die unter Singen durch das Dorf getragen und anschließend verbrannt wurden. Mit Peitschenknallen sollte der Winter verscheucht werden und der Sommer Einzug halten. Junge Burschen und Mädchen sprangen über das Osterfeuer, brennende Räder wurden einen Abhang hinunter gerollt.

Das Osterfeuer sei das Symbol der Reinigung, werde aber auch als Mittelpunkt des Lebens, der Fruchtbarkeit und des Wachstums der Ernte angesehen, erläutert er. Es werde in der Nacht zum Ostersonntag im Dorf entzündet und oft von einem Priester geweiht. Mittels der Osterkerze oder einer Fackel trage man das geweihte Feuer in jeden Haushalt und entzünde mit ihm den heimischen Herd. Das solle die bösen Geister davon abhalten, Unglück und Krankheiten zu verbreiten, so die Ausführungen von Horst Mühlfeld.

Zur Ostermythologie gehört seinen Worten zufolge auch das Schöpfen von Quellwasser aus einem bestimmten Brunnen noch vor Sonnenaufgang am Ostermorgen. Das Wasser solle Heilwirkung besitzen, die Handlung dürfe nur von unverheirateten Frauen vorgenommen werden. „Sie dürfen während der Zeremonie nicht sprechen und nicht lachen, sonst verfliegt die Wirkung des Wassers. Es wird zu Babbelwasser“, zeigt er den Bezug von alten Bräuchen zu noch heute gängigen Redewendungen auf.

Schon seit Jahren wird in Hirschhorn der Brunnen auf dem Marktplatz durch die Kolpingsfamilie festlich geschmückt. Auch dieses Jahr wieder haben sich die Mitglieder viel Mühe gegeben und den Marktbrunnen übers Osterfest mit viel Liebe zum Detail dekoriert.

Ein weiterer Osterbrauch ist nach Mühlfeld das Zubereiten des Osterlammes. Diesen Ritus führe man auf das jüdische Passahfest zurück, wo tatsächlich ein Lamm Gott geopfert werde. „Das Osterlamm in unseren Breiten ist ein Ostergebäck und hat nur eine symbolische Bedeutung.“ Es sei ein sogenanntes „Gebildbrot“, das auch in anderen Formen wie Vögel, Sonne oder Hasen gebacken werden könne.

Osterhase und Osternest mit Osterei sind laut dem Heimatforscher ebenfalls überlieferte Bräuche. Der Hase und das Ei seien schon in der ägyptischen Mythologie Symbole der Fruchtbarkeit gewesen „und wurden an die unterschiedlichen Kulturen weitergereicht“. Bereits im 1. Jahrhundert n.Chr. hätten sich die Menschen gegenseitig Eier als Geschenke überreicht. Im 4. Jahrhundert kamen die ersten farbigen Eier auf, wobei die Farbe Rot dominierte. Ab dem 16. Jahrhundert habe sich der Osterbrauch immer weiter entwickelt, bis die Eigestaltung zu einer wahren Kunst geworden sei, so Mühlfeld. „Viele dieser Techniken wurden bis in die heutige Zeit überliefert und erfreuen sich weiter großer Beliebtheit.“

Die Ostergeschenke würden etwa seit dem 17. Jahrhundert nicht persönlich überreicht, sondern im Garten versteckt. Warum aber bringe sie gerade der Osterhase und lege sie in ein dafür vorgesehenes Osternest, greift Mühlfeld eine immer wieder gestellte Frage auf. Erklärung: „Die Osterzeit fällt in die erste Paarungszeit des wild lebenden Hasen nach dem Winter.“ Der Hase wiederum „ist ein Symbol für die Fruchtbarkeit und das Ei das Symbol für erwachendes Leben“. In diesem Zusammenhang gesehen falle es nicht schwer, „die Behauptung aufzustellen, dass der Hase die Ostereier bringt“.

Ostern sei ein beweglicher Feiertag und werde nach dem Mondkalender festgelegt, erklärt Mühlfeld. Der Ostersonntag falle immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond zwischen dem 22. März und dem 25. April eines Jahres. „Dieser Zeitrahmen wurde auf dem päpstlichen Konzil von Nicäa 325 n.Chr. festgelegt und hat sich bis heute nicht verändert.“

Die Kirche biete den Gläubigen an Ostern eine Form des Feierns an. Aber die Menschen selbst hätten im Laufe von Jahrhunderten bestimmte Traditionen entwickelt, wie sie sich das Osterfest vorstellen und entsprechend feiern möchten. Das Osterbrauchtum wiederum dürfe nicht für sich alleine betrachtet werden. „Die Bräuche im Winter gehen fließend in die Sommerbräuche über“. Denn in vergangener Zeit gab es laut dem Heimatforscher „nur zwei Jahreszeiten, nämlich die Sommerzeit und die Winterzeit“. Allzu viel hat sich wettermäßig allerdings heutzutage auch nicht daran geändert, wie der Blick aus dem Fenster aufs Osterwetter zeigt.

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Heiraten am Donnerstag sollte eine lange und glückliche Ehe garantieren

„Kennst du den noch?“ oder „Ist das nicht der…?“: Die alten Bilder aus Wahlen und Umgebung, gezeigt von Horst Mühlfeld bei seinem Vortrag „Brauchtum im Odenwald im Jahresablauf“, riefen bei Besuchern und Vereinsmitgliedern so manche Erinnerung wach. Fleißig wurde gerätselt, wer denn nun auf dem Bild zu sehen sei oder wo dieses entstand. Der Vereinsvorsitzende referierte über die zahlreichen lokalen Bräuche im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Geschichts- und Kulturvereins Wahlen.

„Kaum eine Landschaft besitzt ein so reichhaltiges Brauchtum wie der Odenwald“, leitete Mühlfeld seinen Vortrag ein. Viele Völker seien im Laufe der Jahrhunderte hier durchgezogen. Auch sei der Gegensatz von Kurmainz und Kurpfalz sowie von Katholiken und Protestanten sehr fruchtbar in Bezug auf kulturelle Hinterlassenschaften gewesen. Der Versuch der Altvorderen, unter schwierigen äußeren Bedingungen der Familie ein gutes Leben zu ermöglichen, habe sich in vielfältigen Bräuchen niedergeschlagen.

Und natürlich in den Festen des Jahreslaufs. Diese „ließen den harten Alltag für kurze Zeit vergessen“, so der Vorsitzende. Viele Bräuche seien aber im Übergang von einer landwirtschaftlich zur städtisch-industriell geprägten Gesellschaft verloren gegangen. „Neuen Bräuchen fehlt oftmals die Traditionskette“, so Mühlfeld.

Vielfältige Verhaltensregeln machte er aus, wenn im Odenwald früherer Zeiten die Geburt eines Kindes anstand. „Die Schwangere durfte kein Garn wickeln und nicht unter einer Wäscheleine hindurchlaufen“, berichtete Horst Mühlfeld. Nachts herrschte für sie Ausgehverbot. War das Kind geboren, „durfte es nicht aus dem Fenster gehalten werden“. Verpönt war auch der Aufenthalt im Regen. Denn dadurch konnten Sommersprossen entstehen. Die Fingernägel mussten dem Kind abgebissen werden – würde sie die Mutter schneiden, könnte aus dem Zögling später ein Dieb werden.

Weiteres Thema von Mühlfelds Vortrag waren die Hochzeitsbräuche. War zuerst die Eheschließung nur der Kirche vorbehalten, so änderte sich dies 1876. Ab dieser Zeit, so der Vereinsvorsitzende, sei die Ehe nur noch durch Unterschrift auf dem Standesamt gültig gewesen. In früherer Zeit „wurden die Kinder oft schon in der Wiege einander versprochen“, sagte er. Wichtig sei der jeweilige Stand der potenziellen Eheleute gewesen und ob sie zusammen passten.

Ein anderer wesentlicher Schritt in der Eheanbahnung war laut dem Referenten die Mitgiftverhandlung. Ging diese erfolgreich über die Bühne, stand die Herrichtung der Hochzeitskrone an. Eheschließungen selbst fanden Mühlfeld zufolge immer an Donnerstagen (dem germanischen Gott Donar gewidmet) statt. Davon erhoffte man sich „eine lange und glückliche Ehe“. Eine den Brautleuten übergebene Schale mit Brot und Salz sollte dafür sorgen, dass im gemeinsamen Haus „nie Armut einzieht“.

Ob nun das Wort Fastnacht vom alten deutschen Zeitwort „fasen“ (für Unsinn treiben) oder von der Fastenzeit hergeleitet wird: Laut Mühlfeld geht es darum, den Winter auszutreiben. Hauptzeit im Odenwald war der Fastnachtsdienstag. Dann wurde der Viehstall ausgemistet und mit Holzasche kreuzförmig ausgestreut. Die Arbeit auf dem Feld musste an diesem Tag ruhen, die Frauen durften keine Wäsche waschen. Und zum Abendessen gab es nach Mühlfelds Worten Blutwurst mit Dörrobst und Kreppel (was in der Zuhörer-Runde ein allgemeines Ihhh nach sich zog).

Doch die Winteraustreibung war nicht nur auf diesen Anlass beschränkt. Der Sonntag Laetare in der Mitte der Fastenzeit, Osterfeuer und Pfingstbräuche sind ebenfalls dem Thema zuzuordnen. An Laetere etwa, erläuterte der Referent, gingen (verkleidete Bürger als) Winter und Sommer zusammen zu allen Höfen. Oftmals würden sie auch hereingebeten, worauf der Sommer die Fenster öffne, damit der Winter besiegt werden kann.

„Das Hauptfest der Landbevölkerung im Odenwald“ ist Mühlfeld zufolge die Kerwe oder Kirchweih. Bei ihrem Ablauf sei der örtliche Pfarrer miteingebunden gewesen. Ab dem 16. Jahrhundert habe die Obrigkeit zunehmend kritisch reagiert, ab dem 18. Jahrhundert gab es weitere Verordnungen, „um den Landmann nicht von seiner Arbeit abzuhalten“. Doch die Bevölkerung ließ sich dem Referenten zufolge „ihre Kerwe nicht nehmen“.

Richtung Weihnachten gab es dann die leuchtenden Rübenköpfe, den „Nickel“ oder das Christkind. Dieses sei auf die Gestalt der Frau Holle aus vorchristlicher Zeit zurückzuführen, so Mühlfeld. „Silvester war früher eine ernste Angelegenheit“, betonte er. Denn es sei darum gegangen, Hexen und Dämonen nicht ins neue Jahr mitzunehmen. Die Lösung: sie durch Lärm vertreiben. Daneben gab es Rituale wie das Blei gießen oder Karten legen – „was sich bis heute erhalten hat“. „Kommt der Wind von Osten, gibt es ein gutes Obstjahr, kommt er von Westen, wird es ein gutes Milchjahr“ – so die Weisheiten zum Jahresbeginn.

Das Osterfeuer diente nach den Worten des Vereinsvorsitzenden dazu, böse Geister abzuwehren. Dazu sei es in die Häuser getragen worden. Auch das Schöpfen von Wasser aus geweihten Brunnen sei so einzuordnen. „Das Volksbrauchtum basiert auf naturgebundenem Erfahrungswissen und heimatlichen Alltagsgewohnheiten“, fasste Mühlfeld zusammen. Symbolhandlungen seien zum Teil aus dem Glauben, zum Teil aus Aberglauben entstanden, schloss er seinen mit viel Beifall bedachten Vortrag.