Heiraten am Donnerstag sollte eine lange und glückliche Ehe garantieren

„Kennst du den noch?“ oder „Ist das nicht der…?“: Die alten Bilder aus Wahlen und Umgebung, gezeigt von Horst Mühlfeld bei seinem Vortrag „Brauchtum im Odenwald im Jahresablauf“, riefen bei Besuchern und Vereinsmitgliedern so manche Erinnerung wach. Fleißig wurde gerätselt, wer denn nun auf dem Bild zu sehen sei oder wo dieses entstand. Der Vereinsvorsitzende referierte über die zahlreichen lokalen Bräuche im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Geschichts- und Kulturvereins Wahlen.

„Kaum eine Landschaft besitzt ein so reichhaltiges Brauchtum wie der Odenwald“, leitete Mühlfeld seinen Vortrag ein. Viele Völker seien im Laufe der Jahrhunderte hier durchgezogen. Auch sei der Gegensatz von Kurmainz und Kurpfalz sowie von Katholiken und Protestanten sehr fruchtbar in Bezug auf kulturelle Hinterlassenschaften gewesen. Der Versuch der Altvorderen, unter schwierigen äußeren Bedingungen der Familie ein gutes Leben zu ermöglichen, habe sich in vielfältigen Bräuchen niedergeschlagen.

Und natürlich in den Festen des Jahreslaufs. Diese „ließen den harten Alltag für kurze Zeit vergessen“, so der Vorsitzende. Viele Bräuche seien aber im Übergang von einer landwirtschaftlich zur städtisch-industriell geprägten Gesellschaft verloren gegangen. „Neuen Bräuchen fehlt oftmals die Traditionskette“, so Mühlfeld.

Vielfältige Verhaltensregeln machte er aus, wenn im Odenwald früherer Zeiten die Geburt eines Kindes anstand. „Die Schwangere durfte kein Garn wickeln und nicht unter einer Wäscheleine hindurchlaufen“, berichtete Horst Mühlfeld. Nachts herrschte für sie Ausgehverbot. War das Kind geboren, „durfte es nicht aus dem Fenster gehalten werden“. Verpönt war auch der Aufenthalt im Regen. Denn dadurch konnten Sommersprossen entstehen. Die Fingernägel mussten dem Kind abgebissen werden – würde sie die Mutter schneiden, könnte aus dem Zögling später ein Dieb werden.

Weiteres Thema von Mühlfelds Vortrag waren die Hochzeitsbräuche. War zuerst die Eheschließung nur der Kirche vorbehalten, so änderte sich dies 1876. Ab dieser Zeit, so der Vereinsvorsitzende, sei die Ehe nur noch durch Unterschrift auf dem Standesamt gültig gewesen. In früherer Zeit „wurden die Kinder oft schon in der Wiege einander versprochen“, sagte er. Wichtig sei der jeweilige Stand der potenziellen Eheleute gewesen und ob sie zusammen passten.

Ein anderer wesentlicher Schritt in der Eheanbahnung war laut dem Referenten die Mitgiftverhandlung. Ging diese erfolgreich über die Bühne, stand die Herrichtung der Hochzeitskrone an. Eheschließungen selbst fanden Mühlfeld zufolge immer an Donnerstagen (dem germanischen Gott Donar gewidmet) statt. Davon erhoffte man sich „eine lange und glückliche Ehe“. Eine den Brautleuten übergebene Schale mit Brot und Salz sollte dafür sorgen, dass im gemeinsamen Haus „nie Armut einzieht“.

Ob nun das Wort Fastnacht vom alten deutschen Zeitwort „fasen“ (für Unsinn treiben) oder von der Fastenzeit hergeleitet wird: Laut Mühlfeld geht es darum, den Winter auszutreiben. Hauptzeit im Odenwald war der Fastnachtsdienstag. Dann wurde der Viehstall ausgemistet und mit Holzasche kreuzförmig ausgestreut. Die Arbeit auf dem Feld musste an diesem Tag ruhen, die Frauen durften keine Wäsche waschen. Und zum Abendessen gab es nach Mühlfelds Worten Blutwurst mit Dörrobst und Kreppel (was in der Zuhörer-Runde ein allgemeines Ihhh nach sich zog).

Doch die Winteraustreibung war nicht nur auf diesen Anlass beschränkt. Der Sonntag Laetare in der Mitte der Fastenzeit, Osterfeuer und Pfingstbräuche sind ebenfalls dem Thema zuzuordnen. An Laetere etwa, erläuterte der Referent, gingen (verkleidete Bürger als) Winter und Sommer zusammen zu allen Höfen. Oftmals würden sie auch hereingebeten, worauf der Sommer die Fenster öffne, damit der Winter besiegt werden kann.

„Das Hauptfest der Landbevölkerung im Odenwald“ ist Mühlfeld zufolge die Kerwe oder Kirchweih. Bei ihrem Ablauf sei der örtliche Pfarrer miteingebunden gewesen. Ab dem 16. Jahrhundert habe die Obrigkeit zunehmend kritisch reagiert, ab dem 18. Jahrhundert gab es weitere Verordnungen, „um den Landmann nicht von seiner Arbeit abzuhalten“. Doch die Bevölkerung ließ sich dem Referenten zufolge „ihre Kerwe nicht nehmen“.

Richtung Weihnachten gab es dann die leuchtenden Rübenköpfe, den „Nickel“ oder das Christkind. Dieses sei auf die Gestalt der Frau Holle aus vorchristlicher Zeit zurückzuführen, so Mühlfeld. „Silvester war früher eine ernste Angelegenheit“, betonte er. Denn es sei darum gegangen, Hexen und Dämonen nicht ins neue Jahr mitzunehmen. Die Lösung: sie durch Lärm vertreiben. Daneben gab es Rituale wie das Blei gießen oder Karten legen – „was sich bis heute erhalten hat“. „Kommt der Wind von Osten, gibt es ein gutes Obstjahr, kommt er von Westen, wird es ein gutes Milchjahr“ – so die Weisheiten zum Jahresbeginn.

Das Osterfeuer diente nach den Worten des Vereinsvorsitzenden dazu, böse Geister abzuwehren. Dazu sei es in die Häuser getragen worden. Auch das Schöpfen von Wasser aus geweihten Brunnen sei so einzuordnen. „Das Volksbrauchtum basiert auf naturgebundenem Erfahrungswissen und heimatlichen Alltagsgewohnheiten“, fasste Mühlfeld zusammen. Symbolhandlungen seien zum Teil aus dem Glauben, zum Teil aus Aberglauben entstanden, schloss er seinen mit viel Beifall bedachten Vortrag.

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