Austausch bei Windbeuteln über Windkraft

Die Lage ist einfach nur sehr idyllisch. Saftig-grüne Wiesen, dunkle Wälder ringsherum, viel Sonne: So herrlich liegt das Café Bauer im Gassbachtal. Von der Terrasse aus kann man in absoluter Ruhe den Blick über die Odenwald-Landschaft schweifen lassen. Bis er an dem Windrad hängen bleibt, das direkt über dem Waldstück in die Höhe ragt. Ein passender Ort für Landrat Christian Engelhardt, um unter dem Motto „Nachhaltiger Klimaschutz gegen nachhaltiger Landschaftsschutz“ über Windkraft ins Gespräch zu kommen.

Von der Walburgiskapelle aus war die kleine Gruppe zuvor mitten durch die Windenergieanlagen des Kahlbergs hinüber nach Hammelbach gewandert. Engelhardt besorgte sich noch kurz seine Sonnencreme, bevor man Open-Air Platz nahm. Roland Bauer gab dort Infos zum 1965 von seinem gegründeten Café, das er seit dem Jahr 2000 leitet. Spezialität: Windbeutel. Bürgermeister Markus Röth zeigte sich „froh über das Gassbachtal“, das „hochfrequentiert von Touristen“ sei. Die Windkraft sah er im Spannungsfeld zwischen Natur und Tourismus.

Röth war das „schwierige Feld“ bewusst, auf dem er sich bewegte. Denn Diskussionen seien leider „gar nicht großartig sachlich möglich“. An diesem Tag sowieso nicht, denn Windkraftgegner waren zu dem Termin nicht eingeladen. Mit dem BUND Bergstraße und seinem Vorstandssprecher Guido Carl kam allerdings ein expliziter Befürworter dieser Form der Erneuerbaren Energien ausführlich zu Wort.

Im Bereich Kahlberg arbeiteten laut Röth die Gemeindevertretungen von Grasellenbach und Fürth einvernehmlich zusammen. Zusammen mit einer guten Information der Bürger sah der Bürgermeister dies mit als Grund, dass es „eine im Vergleich ruhige Ecke“ sei, wenn es um Proteste gehe. Jedoch gibt es seinen Worten zufolge „sicherlich Dinge, die Anwohner stören könnten“. Deshalb sollte man eventuell auch Nachuntersuchungen ins Auge fassen und über die Abschaltzeiten reden.

„Wenn das mit den Leitungen funktionieren würde“, so Röth, könnten theoretisch 18.000 Haushalte und somit mehr als der gesamte Überwald durch die fünf Windräder mit Strom versorgt werden. „Auf jeden Fall besser als Kohlestrom oder Atomkraft“, postulierte er die Rotoren als eine Art kleineres Übel. Windkraft ist seiner Meinung nach „machbar und sinnvoll, wenn der Odenwald nicht zugekleistert wird“.

Wenn es aber zu viele Anlagen werden, meinte er mit Blick auf den benachbarten Odenwaldkreis, in dem mehr Vorrangflächen als im Kreis Bergstraße ausgewiesen sind, „dann ist der Grundkonsens in der Bevölkerung weg“. Deshalb müsse die Landesregierung auch darauf achten, „dass die Verteilung nicht zu ungleich wird“.

Laut Engelhardt ist die Position des Kreises eindeutig. Oder anders: Er hat keine eigene dazu und unterstützt die Kommunen in ihren jeweiligen Ansinnen, egal wie die jetzt aussehen – ob sie für oder gegen Windkraft ausgerichtet sind. Denn: Diese Energieform leiste ihren Beitrag zum Klimaschutz, aber sei in ihrer Auswirkung doch sehr lokal bezogen, sagte der Landrat. Da die Gemeinden für die Lebensverhältnisse vor Ort zuständig sind, wolle man diesen die Entscheidung überlassen. Denn: Was geschehe, muss in einen demokratischen Prozess einbezogen und „dauerhaft mehrheitsfähig sein“.

Fürths Bürgermeister Volker Öhlenschläger erläuterte, dass man sich im Weschnitztal „dem Thema frühzeitig stellte“, nämlich schon ab 2009. Zum Kalhberg gab es dort ein klares Bekenntnis. Die weitere Entwicklung, betonte er, sollte weitgehend im Konsens mit dem Bürgern gestaltet werden. „Sonst werden wir Schiffbruch erleiden.“ Öhlenschläger ist eine klare Linie, eine ordentliche Steuerung wichtig, „damit die Menschen keine Angst haben“.

Laut dem Gemeindeoberhaupt hat die Anlage auf dem Kahlberg den höchsten Ertrag der fünf ähnlich gelagerten EnBW-Anlagen in Süddeutschland. Gewerbesteuer wird daraus in den ersten Jahren noch keine fließen, da es hohe Abschreibungen aus den Investitionen gibt. Die Pachteinnahmen für die Grundstücke teilen sich beide Gemeinden hälftig. „Wir wollen gestalten“, betonte er, um die weitre Planung nicht über sich ergehen zu lassen.

Der BUND versteht sich laut Carl „als Energiewendeverband“. Der Klimawandel komme viel schneller als erwartet und deshalb müsse zügig gehandelt werden. „Wo ist die Alternative zur Windkraft“, stellte er in den Raum. Es gehe nicht um die Frage, wie viel es sein solle, sondern „wie wenig wir uns noch leisten können“, um den Klimawandel aufzuhalten. Die Menschen, so seine Vermutung, „werden sich daran gewöhnen und in Zukunft ihren Frieden damit machen“.

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Artenschutz beim Windradbau: „Wer bedrohte Vogelarten finden will, der findet sie auch“

Wie bestellt fliegt zum Ortstermin ein Schwarzmilan vorbei. „Ich beobachte hier 20 Überflüge pro Tag“, erzählt Dirk Bernd. Nicht nur des Schwarzen, auch seines roten Bruders. Der Artenschutzgutachter aus Lindenfels steht gerade auf einem Feldweg zwischen Weschnitz und Ober-Ostern, unterhalb der Windenergieanlage Kahlberg, von dem aus man eine herrliche Sicht bis zu Schloss Reichenberg, zu Stotz und Range, Richtung Rohrbach mit Lärmfeuer und Morsberg sowie Hammelbach hat.

Dirk Bernd sieht sie alle, die bedrohten Arten. Die auf der roten Liste stehenden Schwarzstörche fliegen bei seinen Untersuchungen mehrmals am Tag vorbei. „Ginge es nach dem Artenschutz, dürfte im Odenwald kein einziges Windrad betrieben werden“, macht der renommierte Fachmann klar. Denn wer will, der findet. Und zwar reichlich. Nicht nur vorbei fliegende Tiere, sondern auch Horste. „Wir haben hier ein Brut- und Nahrungshabitat für Rot- und Schwarzmilan, ein Dichtezentrum mit regelmäßigen Überflügen“, hebt er hervor.

Die Betonung Bernds liegt auf dem Wollen. Er wurde bei seinen faunistischen Gutachten bisher in allen Gebieten fündig, wo vorher bestellte Gutachter der Betreiber so gut wie nichts entdeckt hatten. Auf seinen Untersuchungen basieren im Odenwald sämtliche sogenannten „Weißflächen“ im aktuellen Windkraft-Regionalplanentwurf, wo aufgrund der Gutachten-Ergebnisse die Planungen erst einmal zurückgestellt werden. Heute entscheidet in Frankfurt die Regionalversammlung über diesen Plan. Eigentlich, sagt Bernd, müssten die Windkraft-Planer diese Aufgaben übernehmen. „Aber die könnten ja bei Funden nichts durchbringen.“ Und zu finden gibt es viel.

Dirk Bernd ist in seinem Element, wenn er über seinen Beruf spricht. Man merkt ihm die Sorge um die Natur an. „Es ist extrem, was wir hier kaputt machen“, bedauert er. „Ich mache es für die Sache und hoffe, dass es was bringt.“ Um gleich danach den Finger in die Wunde zu legen: „Unseriöser geht’s kaum“, meint er zur bisherigen Genehmigungspraxis bei Windkraftanlagen, seien es nun Greiner Eck, Stillfüssel oder Kahlberg. „Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet.“

Die fünf Windräder auf dem Kahlberg drehen sich an diesem Tag mit etwa 150 Stundenkilometern, schätzt der Gutachter. 300 sind das Maximum. 2016 beobachtete er hier noch 30 Überflüge des europaweit geschützten Rotmilans an einem Tag. Als dann gerodet wurde, waren die entstandenen Freiflächen ein beliebtes Jagdrevier des Raubvogels. „Die Zahl der Überflüge blieb gleich, aber die Verweildauer stieg auf das Sechsfache an“, beobachtete er.

Mit dem Start der Rotoren begann das große Gemetzel. „Eine Zeitlang geht das noch gut“, weiß der Fachmann. Aber nicht lange. Denn der Rotmilan, an der Spitze der Nahrungskette, „erkennt die Rotoren nicht als Gefahr“, erläutert Dirk Bernd. Er fliegt zwischen ihnen hindurch und spielt unfreiwillig Russisch-Roulette. Mal geht es gut, mal nicht. Eine Tötung des Vogels wird für ihn deshalb billigend in Kauf genommen. „Das ist absolut wiederrechtlich und illegal“, macht er seinem Frust Luft.

Die aktuell 40 und mehr werdenden Windräder im Odenwald „hält keine Rotmilan-Population aus“, warnt er. Die Bestände an Vögeln „werden den Planungen angepasst“, kritisiert der Gutachter. Nicht nur bei diesen: Abstände zu Quartierbäumen der Mopsfledermaus wurden laut Bernd immer mehr verringert, von 5000 auf jetzt 200 Meter. „Sonst könnte man etwa im Spessart überhaupt kein Windrad bauen.“

Dirk Bernd machte auch zahlreiche Brutpaare des Rotmilans im Bereich um den Kahlberg aus. „Die drei am nächsten gelegenen waren ein Jahr später (nach Inbetriebnahme des Kahlberg-Windparks, d.Red.) nicht mehr da“, klagt er an. „Die Projektierer haben keinen davon gesehen“, moniert er. Dabei gehören doch „Rotmilan und Odenwald zusammen“, weist er auf das hohe Vorkommen hin.

Bei Raumanalyen „kann man tricksen“, schildert der Planer. Das betreffende Gebiet wird in bestimmte Raster eingeteilt, die weniger beflogenen werden rausgezogen und für Windradbebauung zur Verfügung gestellt. Nur: „Der Rotmilan hält sich nicht an Flugbahnen und Rasterkästchen.“ Diese Art der Arbeit dient seiner Meinung nach nur dazu, „die Pläne zu realisieren“. Aus Erfahrung weiß Bernd, dass sich Raumanalysen von einem zum anderen Jahr „diametral unterscheiden“. Die Vögel fliegen nicht dahin, wohin sie sollen.

„Wenn einer nichts sehen will, ist immer eine Genehmigung zu kriegen“, schildert der Fachmann. Damit war es einfach, meint der Gutachter ironisch, „kein erhöhtes Tötungsrisiko festzustellen“. Denn dessen Existenz würde das Aus für einen Windpark bedeuten. Da aber genau dieses nach all seinen Untersuchungen besteht, „dürfte hier (und damit meint er den ganzen Odenwald, d.Red.) nicht gebaut werden“.

„Egal wo ich nachgeschaut habe, ich habe immer etwas gefunden“, verdeutlicht Dirk Bernd die existierenden Populationen. Und fügt hinzu: „Ich kann meine Argumentation sehr gut begründen.“ Er arbeite mit den aktuellen Methoden-Standards, dokumentiere seine Sichtungen in der Regel mit Bildern.

Stellt Bernd etliche Überflüge und Horste bedrohter Arten fest, ein anderer, von den Firmen beauftragter Gutachter aber nicht, „folgte die Genehmigungsbehörde dem politischen Druck“, moniert er. Und winkte die Windräder durch. Erst in letzter Zeit ändert sich daran etwas, siehe Weißflächen.

Wobei diese ja auch nicht für alle Zeit aus der Planung sind, sondern nur ein paar Jahre. Was für den Fachmann absoluter Blödsinn ist. „Der Schwarzstorch hält an seinem Revier fest“, betont er. „Der ist eigentlich nie weg.“ Horste werden im Umkreis von ein paar hundert Metern gebaut. Damit sind laut Bernd die Weißflächen Augenwischerei, da sich der Status Quo nicht ändern wird. Außer es werden die Bäume gefällt, wo sich die Horste befinden, wie es vergangenes Jahr am Morsberg bei Reichelsheim geschah. Und selbst dann bauen der Rotmilan oder Schwarzstorch im Umfeld einen neuen Horst, den es dann wieder zu finden gilt.

Info: Dirk Bernd hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: „Windindustrie versus Artenvielfalt – Eine Studie über die Auswirkungen der Windenergienutzung auf Großvögel- und Fledermausarten am Beispiel Odenwald und weiteren Mittelgebirgsräumen“. Man kann es kostenlos als Pdf unter www.muna-ev.com/veröffentlichungen/ herunterladen.

Kahlberg-Schwarzstörche

Die Windräder am Kahlberg „liegen zwischen den Horsten von drei Schwarzstorch-Brutpaaren“, sagt Dirk Bernd. Die gehen an Weschnitz und Ulfenbach zur Nahrungssuche runter und überfliegen dabei regelmäßig die Rotoren. Aufgrund des Flugradius’ der Tiere „müsste man in einem Zehn-Kilometer-Umkreis prüfen“, hebt er hervor. Obwohl der Genehmigungsbehörde Bilder von Schwarzstörchen, sogar von einem Paar aus den Monaten Mai und Juni vorlagen, sei der Windpark in Betrieb gegangen. Begründung: „Die Vögel könnten auf dem Zug gewesen sein.“ Der Gutachter weiß nicht, ob ihn das zum Lachen oder Weinen bringen soll. Denn: „Die Schwarzstörche kommen bereits im März.“ Sein Fazit: „Es wird gebogen und gelogen, um eine Genehmigung zu erhalten.“

Zur Person

Dirk Bernd (47), aus Heppenheim stammend, wohnt seit zwölf Jahren in Lindenfels und betreibt dort ein Büro für Faunistik und Landschaftsökologie. Er erstellt als Gutachter Flächennutzungspläne für Gemeinden, ist für Fauna und Flora in kommunalen Bebauungsplanverfahren etwa für Gewerbe- und Wohngebiete zuständig. Am Kahlberg, im Dreieck zwischen Weschnitz, Grasellenbach und Mossautal, war er für die dortige Bürgerinitiative tätig, als Artenschutzgutachter in Reichelsheim – bei Stotz und Range – ebenso für die Gemeinde wie im Mossautal oder Breuberg. „Ich stehe auf einer Anhöhe und schaue das Plangebiet entlang“, beschreibt der Gutachter seine Arbeit. Das geschieht in einem Umkreis von sechs bis zehn Kilometern mit Fernglas und Spektiv. Zur Dokumentation hat Bernd eine Kamera mit 600mm-Objektiv dabei.

„Der Energiewandel muss intelligent gemacht werden“, fordert er. Man kann nicht einfach zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft ausweisen, „aber nicht wissen, wie das umgesetzt werden soll“, kritisiert er. Die dadurch bisher entstandenen Schäden an der Fauna sind „nachweisbar und erkennbar“. Da technisch an den Windrädern keine Verbesserungen möglich sind, um die Tiere zu schützen, „kann es nur ein Entweder-oder geben“. Dirk Bernd ist der Meinung, „dass wir die Stromwende auch mit Fotovoltaik hinkriegen könnten“. Dazu noch ordentliche Speicher „und es geht kein Vogel daran kaputt“. Für ihn ist es extrem, „was wir hier zerstören“. Er weiß von zwei Fledermaus-Arten, die aufgrund der Windkraft schon zu 90 Prozent ausgerottet sind. Zahlreiche weitere der 24 heimischen Arten sind durch die Windenergienutzung ebenfalls stark gefährdet.

 

Anti-Windkraft-Bürgerinitiativen bleiben weiterhin am Ball

Wind ging zwar keiner, wie schon der Name „Schwachwindfest“ nahelegte. Aber leider gab es dafür umso mehr (nicht vorhergesagten) Regen, als die Windkraftgegner zum Grillfest an der Ober-Abtsteinacher Grillhütte eingeladen hatten. Doch zum Glück hatten die Organisatoren vorgesorgt und einige zusätzliche Zelte aufgestellt, sodass die Bürger bei Gegrilltem und Getränken gemütlich beisammen sitzen konnte. Dabei entwickelten sich dann etliche Informations- und Diskussionsgespräche.

„Wir wollen die Menschen aus dem Überwald mitnehmen“, erläuterte Udo Bergfeld die Motivation zur Veranstaltung. Es heiße oft, dass die Windkraft ganze Dörfer in zwei Lager teile. Die wolle man mit dem Fest wieder an einen Tisch bringen. Es gehe darum Brücken zu bauen, über das Thema zu reden und Informationen auszutauschen. „Wir wollen keine Zweiteilung“, betonte er.

Veranstaltet wurde das Fest vom Verein Naturschutz und Gesundheit Südlicher Odenwald in Zusammenarbeit mit den BIs Gegenwind Siedelsbrunn und Ulfenbachtal. Der Name ist dabei Programm: „Wir leben in einer Schwachwindzone“, verdeutlichte Bergfeld. In der aber trotzdem aufgrund der staatlichen Subventionen Windräder in die Landschaft zementiert werden.

Die BI wollten ihre Sicht der Dinge darstellen und damit dazu beitragen, dass die Bürger nicht nur einseitig mit den entsprechenden Infos versorgt werden, erläuterte er. Deshalb konnte man auf der Wiese auch Einblick in einen Teil der Dokumentation rund um die Entwicklung am „Stillfüssel“ nehmen.

Anhand der vielen Bilder könne man sich jetzt eventuell vorstellen, was beim Bau der Anlage alles vor sich ging, so Bergfeld. „Viele kennen den Stillfüssel in dieser Form vielleicht noch nicht‘“, meinte er. Außerdem ging es natürlich in den Gesprächen um die aktuellen Verfahren. Ganz konkret um den Widerspruch der BI gegen den Stillfüssel-Sofortvollzug, der vom Verwaltungsgericht Kassel abgelehnt worden war, wogegen die BI nun Einspruch einlegten.

„Wir sind in Revision gegangen“, erläuterte Stephan Hördt. Sollte man damit erfolgreich sein, „stehen hier fünf Schwarzbauten“, deutete er auf den gegenüber liegenden Höhenrücken. Bei dieser Klage gegen den Betrieb rechnet man mit einer Entscheidung im Laufe dieses Jahres. Die Hauptklage gegen das komplette Projekte vor allem aus naturschutzrechtlichen Gründen (Stichwort Schwarzstorch und Uhu) steht allerdings noch aus. „Die Entscheidung dürfte wohl noch zwei oder drei Jahre dauern“, meinte Hördt.

„Die Entega nutzt den Windpark auf eigenes Risiko“, verdeutlichte Bergfeld. Sollte die Klage der BI erfolgreich sein, kämen bei einem Rückbau keine Kosten auf die Gemeinde zu, betonte er. Die Aktivisten wollten beim Fest weiter darauf hinweisen, „dass es nicht mit fünf Anlagen getan ist“. Schon jetzt stehen am Kalhberg und am Greiner Eck weitere. Käme der Regionalplan zum Tragen, „werden noch viel mehr kommen“, warnte Hördt.

Wie Bergfeld ergänzte, „sollen die Leute begreifen, dass alles noch am Laufen ist“.  Auch die Anlagen auf dem Kahlberg seien gerichtlich noch nicht endgültig bestätigt. Deshalb werden die Donnerstagsdemos in Wald-Michelbach fortgesetzt. Die kommende am 24. Mai findet genau ein Jahr nach dem Start der Demonstrationen statt. Aktive der Bürgerinitiativen kümmerten sich beim Fest um das Wohl der Gäste, während auf der Bühne die Band „Ofos“ (Old farts on stage) bekannte Songs spielte

Für Bergfeld ist eindeutig: „Wir sprechen uns ganz klar gegen die dort projektieren Anlagen aus.“ Würde der Regionalplan 1:1 umgesetzt, wären sieben Prozent der Odenwaldfläche mit Windrädern zugepflastert. „Die gehören hier nicht her“, sagte er. Das Gebiet sei in sich ein Naturpark und diene den Menschen zur Naherholung. In Deutschland gebe es bereits 30.000 Windräder. Damit sei man bei den Erneuerbaren Energien am Limit angekommen, mehr lasse sich gar nicht nutzen. „Wir müssen bereits jetzt Strom ins Ausland abfließen lassen“, kritisierte er.

Schon jetzt zeigen sich laut Bergfeld die negativen Begleiterscheinungen der fünf Windräder auf dem Stillfüssel. Die Menschen in Siedelsbrunn und Schönmattenwag klagten über Schallbeschwerden durch die ständigen Rotorengeräusche. „Man kann sich nicht mehr auf den Balkon setzen“, verdeutlichte er.

Info: 44. Donnerstagsdemo gegen Windkraft in Wald-Michelbach am 24. Mai, 18 Uhr, Start Ecke Schul- und Ludwigstraße

 

Regierungspräsidium Darmstadt genehmigt Windpark „Stillfüssel“ bei Wald-Michelbach

Das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt hat die beiden Windparks „Kahlberg“ bei Fürth und Grasellenbach sowie „Stillfüssel“ bei Wald-Michelbach/Siedelsbrunn mit zusammen zehn Anlagen genehmigt, heißt es in einer Pressemitteilung des RP. Die entsprechenden immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren wurden jetzt von der RP-Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt in Darmstadt abgeschlossen. Von den für den Windpark „Stillfüssel“ ursprünglich beantragten sechs Anlagen habe der Vorhabensträger aus Darmstadt, die Entega, – nach dem Fund eines Vogelhorstes – die Entscheidung über eine Anlage zurückstellen lassen, damit weitere naturschutzrechtliche Untersuchungen durchgeführt werden können.

Der Ende 2015 beim RP beantragte Windpark “Stillfüssel“ mit seinen Anlagen vom Typ Vestas V 126-3.3 (Nabenhöhe 149 Meter, Rotordurchmesser 126 Meter, Nennleistung je 3,3 MW) solle in den Gemarkungsbereichen von Wald-Michelbach/Siedelsbrunn sowie Ober- und Unter-Schönmattenwag errichtet werden. In dem öffentlich durchgeführten Genehmigungsverfahren wurden nicht nur die zahlreichen Fachbehörden und die Kommune, die laut RP dem Vorhaben zustimmte, sondern auch die betroffenen Bürger angehört, so das Regierungspräsidium.

Etwa 1300 Einwendungen wurden vorgebracht und im Rahmen eines zweitägigen Termins im Mai 2016 mit den Bürgerinitiativen und den weiteren Einwendern in der Wald-Michelbacher Rudi-Wünzer-Halle erörtert. Sämtliche Anregungen und Bedenken der Einwender „wurden durch die jeweils zuständigen Fachbehörden umfassend geprüft und bewertet“, heißt es. Rechtlich relevante Einwendungen hätten ihren Eingang in den Genehmigungsbescheid gefunden.

Grundlage der beiden Genehmigungsentscheidungen seien mehrere fachliche Gutachten, etwa Schall- und Schattenwurfprognosen, Turbulenzgutachten und diverse Gutachten zum Natur- und Artenschutz. Die beiden RP-Genehmigungsbescheide enthalten laut Mitteilung zudem zahlreiche Auflagen, die unter anderem dem Schutz und den Interessen der in der Nähe wohnenden Menschen und dem Lebensraum der Tiere Rechnung tragen sollen. Beispielsweise seien – zur Einhaltung der maximal zulässigen Beschattungsdauer – die Anlagen mit einer Abschaltautomatik ausgerüstet. Um sicherzustellen, dass nicht gegen artenschutzrechtliche Vorgaben verstoßen wird, seien zudem spezielle Schutzvorkehrungen in Form von Abschaltautomatiken für Kraniche und Fledermäuse getroffen worden.

Der von einem Unternehmen aus Lambsheim beantragte Windpark „Kahlberg“ besteht aus fünf Windkraftanlagen vom Typ Nordex N-131 (Nabenhöhe 134 -Meter, Rotordurchmesser 131 Meter, Leistung jeweils 3,3 MW), wobei drei Anlagen im Grasellenbacher Bereich errichtet werden sollen, die beiden anderen auf der Gemarkung von Fürth. Wie das Regierungspräsidium weiter erläutert, wurden in dem nun abgeschlossenen Genehmigungsverfahren für den Windpark „Kahlberg“ zahlreiche Stellungnahmen der Fachbehörden und der betroffenen Kommunen eingeholt.

Die Gemeinden Fürth und Grasellenbach erteilten im Juni 2016 ihr Einvernehmen, so das RP. Die von einer Bürgerinitiative vorgebrachten Bedenken und Einwendungen „wurden von den zuständigen Fachbehörden geprüft, bewertet und seien in die Entscheidungen mit eingeflossen“, heißt es. Da drei Anlagen im Bereich von Wasserschutzgebieten lägen, wurden zudem zahlreiche Schutzmaßnahmen vorgegeben, teilt das RP mit.

Pressemitteilung der Naturschutzinitiative (NI) und der Initiative Hoher Odenwald  (IHO):

Die Genehmigung zweier Odenwälder „Windparks“ auf dem Kahlberg bei Fürth/Grasellenbach und auf dem Stillfüssel in Wald-Michelbach (beide im südhessischen Kreis Bergstraße) durch das Regierungspräsidium Darmstadt sind verantwortungslos und ein Schlag ins Gesicht tausender Menschen der Region, die sich ihrer Natur und Landschaft verbunden fühlen.

Obwohl sich gegen den Bau der Windindustrieanlagen auf dem Kahlberg und auf dem Stillfüssel zahlreiche Bürgerinitiativen der Region, der Naturschutzverein Initiative Hoher Odenwald e.V. (IHO), die Naturschutzinitiative e.V. (NI), der NABU-Kreisverband Bergstraße und die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) ausgesprochen haben, hat das Regierungspräsidium Darmstadt offensichtlich auf politischen Druck die Genehmigung erteilt. Es ist völlig unverständlich, dass hierdurch Landschaften und naturnahe Ökosysteme erheblich geschädigt werden.

„Am Stillfüssel, oberhalb des Eiterbachtals, und am Kahlberg, mit der bekannten Walburgiskapelle, sind zahlreiche geschützte Arten wie der Schwarzstorch nachgewiesen, außerdem etliche Fledermausarten“, so erklärten Harry Neumann, Bundesvorsitzender sowie hessischer Landesvorsitzender der Naturschutzinitiative e.V. (NI) und Michael Hahl, Vorsitzender Initiative Hoher Odenwald (IHO) und Länderbeirat der NI. Ein Horst im Tabubereich sei vom deutschlandweit renommierten Experten Carsten Rohde eindeutig dem Schwarzstorch zugeordnet worden, was auch von der Staatlichen Vogelschutzwarte bestätigt wurde. „Bei beiden Standorten sind Wasserschutzgebiete und herausragende Kulturlandschaften mit wichtigen Kulturgütern betroffen, wodurch auch der „UNESCO Global Geopark“ immens an Wertigkeit verliert; so Geograph Hahl weiter.

„Wer bei einem solchen Vorgehen noch von „Ökostrom“ und „Umweltschutz“ spricht, der stellt die naturschutzfachlichen und artenschutzrechtlichen Fakten auf den Kopf. Hier solle wohl eher im Sinne einer grünen Ideologie der Natur- und Landschaftsschutz auf dem Altar einer falschen Energiewende geopfert werden. Dass eine Partei, die die Bewahrung der Schöpfung in ihrem Parteiprogramm stehen hat, dies aus machtpolitischen Gründen mitmacht, ist unverantwortlich und werden wir zukünftig auch thematisieren“, erklärte NI-Bundesvorsitzender Harry Neumann. „Jeder, der sich seiner Heimat und dem Natur- und Landschaftsschutz im Odenwald verbunden fühlt, muss jetzt gegen diesen derart fehlverstandenen EEG-Wahn aufbegehren“, ergänzt Geograph Hahl.

Gundolf Reh, Mitglied im Gemeindevorstand der Gemeinde Wald-Michelbach, schreibt: „Eine Entscheidung aufgrund von Fakten und nicht von Mutmaßungen. Ich freue mich darüber als Grüner und als Mitglied im Gemeindevorstand. 5 Jahre Arbeit haben sich gelohnt. Von Seiten der Gemeinde wurde das richtige Verfahren gewählt, mit dem alles im Vorfeld geregelt wurde, um eine Genehmigung zu erreichen. Ich hoffe jetzt auf ein bisschen mehr Ruhe und Sachlichkeit in der Diskussion um Windkraft.

(Animation Stillfüssel/Siedelsbrunn: BI Gegenwind Siedelsbrunn)