Weihnachtsgeschichten von Jürgen Flügge auf der Tromm: Warum „Schimmeldewog“ keine Geschenke erhielt

Seine Paradegeschichte hatte sich Jürgen Flügge etwas aufgehoben: Der Chef des Hoftheaters auf der Tromm gibt in ihr stimmlich alles, bildet die ganze Tierwelt rund um die imaginäre Krippe ab. Er schreit wie Esel, blökt wie ein Schaf, muht wie der Ochse und brummt wie ein Kamel. Die Kinder kichern und lachen bei der Weihnachtsgeschichte, die Flügge unter anderen zum Besten gibt. „Vom Himmel hoch“ heißt die Veranstaltung im historischen Pferdestall von 1836, zu der neben den Kleinsten natürlich auch Eltern und Verwandte eingeladen waren. Bei dem neblig-kalten Wetter hatten aber nicht viele das wohlige Heim verlassen.

Ein kleiner Weihnachtsbaum in der Ecke, daneben eine Krippe, eine heimelige Atmosphäre mit Kerzen, geschmückte Tische, dazu etwas zum Knabbern und ein paar (wärmende) Getränke: Die Zuschauer hatten es sich im Untergeschoss des Hof-Theaters gemütlich gemacht, um nicht alltäglichen weihnachtlichen Geschichten zu lauschen, die auch einen ernsten Hintergrund hatten, zum Nachdenken oder zum Lachen anregten.

So wie die der vier Tiere, die darum wetteifern, wer von ihnen dem Jesuskind in der Krippe am nächsten und am nützlichsten ist. Ochs, Kamel, Esel und Schaf überboten sich dabei in ihren Ausschmückungen, mit viel Gestik und Tönen durch Jürgen Flügge verkörpert. Der schnaufende Ochse, der hektische Esel, das hochnäsige Kamel und das arrogante Schaf bewirken nur eines: dass Maria sie als „dumme Tiere“ bezeichnet.

Denn mit ihren unnötigen Streit haben sie ganz Bethlehem geweckt. Und weil diese Aussage Marias vom Lämmchen neben der Krippe an alle weitererzählt wird, wissen laut Flügge bald alle vom „dummen“ Ochsen und vom „dummen“ Esel. Allerdings, merkte er als Moral von der Geschicht‘ an, „die Menschen merken oftmals nicht, dass sie sich ähnlich dumm verhalten wie die Tiere“.

„Ungewöhnliche Geschichten über die Weihnacht für Jung und Alt“ hatte der Theatermann den Nachmittag betitelt. Im Hintergrund schwang immer der Bezug zum Fest mit, aber die Unterhaltung kam ebenso nicht zu kurz wie die Botschaft der einzelnen Werke. Und natürlich ist der er einer, der sein kleines und großes Publikum durch die Art seines Vortrags zu fesseln weiß. Er lebte die vorgetragenen Geschichten förmlich und brachte sie mit viel Verve rüber.

Herrlich auch die Odenwälder Mär vom Aufruhr in Schimmeldewog, weil der Weihnachtsmann das Doppeldorf nicht mit Geschenken bedacht hatte. In aller Ausführlichkeit erzählte Flügge die Details, wie der Ärger im wahrsten Sinne „bis ganz nach oben schwappte“ und der Geschenkbringer zum Rapport bei Gott einbestellt wurde. Er konnte sich erst keinen Reim darauf machen, wieso die Einwohner von Unter- und Ober-Schönmattenwag nichts erhalten hatten.

Einige Überflüge und einen Besuch im Odenwald später ist der Weihnachtsmann schlauer, muss er doch erkennen, dass der langjährige Ratsdiener im Jahr zuvor in Rente gegangen war. Der hatte brav alle Geschenkewünsche auf Hochdeutsch nach oben gemeldet. Sein Nachfolger aber vermerkte als Bestimmungsort „Schimmeldewog“ – und die Lieferung kam als unzustellbar zurück, weil keiner den Dialekt beherrschte. Aber Ende gut, alles gut…

Dass auch alte „Technik“ ankommt, bewies Jürgen Flügge mit der historischen Drehorgel in Kleinformat. „Das Instrument ist über 100 Jahre alt“, erläuterte er. „Ich habe die von meiner Oma.“ Sie funktioniere ganz ohne Strom, sagte er. Die alten Schallplatten wie auch der Mechanismus waren von großem Interesse. „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder „Oh Tannenbaum“ klangen gleich ganz anders, wenn sie aus dem Instrument drangen – und nicht aus einer Lautsprecherbox oder den Kopfhörern.

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas „im Original“ hatte es Jürgen Flügge ebenfalls angetan. „Die steht so ganz anders in der Bibel, als es heute an Weihnachten zugeht“, meinte er. Und die „Ourewäller“ Fassung davon in Reimform hatte ihren ganz besonderen Reiz. „Was wäre wenn“ hieß es außerdem, wenn alles in Frankfurt passieren würde. „Mit merke nix von denne Sache, weil mir grad was anneres mache“, lautete eine Strophe treffend. „Zwei meiner Lieblingsgedichte“ zum Thema Schenken von Ludwig Thoma und Theodor Storm hatten im Anschluss eher einen nachdenklichen Charakter.

In Herzen von Lappland spielte weiterhin die Geschichte vom Nikolaus, der gerne mit dem Weihnachtsmann Urlaub in der Südsee machte. Anschaulich schilderte Flügge die verschiedenen Töpfer-, Glas- und Krippen-Werkstätten sowie die staunenden Blicke von drei „Lappen“, die per Zufall dessen Haus in der Einöde entdeckt hatten. Um die Mitmenschlichkeit drehte sich eine andere Erzählung, wie ein Überfallener den Heiligen Nikolaus anbetete und prompt Unterstützung bekam.

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„Dalilas lange Nacht“ im Trommer Hoftheater: Der Weg ins Land der Träume entwickelt sich fast zum Albtraum

Sie nutzt die gesamte Breite des von Davis Maras gestalteten Bühnenbildes. Flüstert, bettelt, schreit, erzählt, bittet gurrend um Beistand, hofft wortreich, lässt ihrer Verzweiflung freien Lauf. In ihrem Gesicht spielt sich die ganze Bandbreite der Mimik zwischen erwachender Hoffnung und fortschreitender Verzweiflung bis hin zur Desillusionierung ab, gefolgt von ungläubigen Erstaunen über den Erfolg: Ayca Basar beherrscht als Dalila beim Ein-Frau-Stück „Dalilas lange Nacht“ im Trommer Hoftheater die Bühne, zieht in ihren Bann.

Der vom Münchner Autorenteam Hürdem Riethmüller, Tristan Berger und Orhan Güner geschriebene Monolog über das Fremdsein (auch im eigenen Land) ist sogar älter als die 1993 geborene und jetzt in Mannheim wohnende Schauspielerin Basar. Und ist trotzdem von ungeahnter Aktualität. So stark, dass es nach seiner Erstaufführung Ende der 80er Jahre zwischenzeitlich aktualisiert wurde.

Für die Aufführung auf der Tromm nahm sich Jürgen Flügge des Themas als Regisseur an. Die aktuelle politische Situation scheint an allen Ecken und Ende durch. Dalila ist eine der vielen Flüchtlinge, Migranten und Einwanderer, die versuchen, hierzulande Fuß zu fassen. Und dabei auf ein undurchdringliches Dickicht an Behördenwirrwarr trifft. Dem versucht Dalila mit orientalischer Schläue entgegen zu stehen, möchte die kalten Bürokraten mit der Wärme arabischer Geschichten schlagen.

Ins Land ihrer Träume zu kommen entwickelt sich dabei nach und nach fast zum Albtraum. Dalila droht an den aufgebauten Hürden zu verzweifeln, kommt mit den unterschiedlichen Mentalitäten nicht klar. Die Worte werden ihr im Mund herumgedreht, gängige Vorurteile machen die Missverständnisse leicht. Kurz vor der Abschiebung hält sie dann doch eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Händen – kann sich aber überhaupt nicht mehr drüber freuen.

Ayca Basar, im fünften Semester Studentin an der Mannheimer Theaterakademie, zieht dabei alle Register ihrer Schauspielkunst. Ohne sichtbaren Anflug von Nervosität füllt sie die Bühne aus, zeigt große Präsenz, geht auf die Zuschauer zu, spricht zwischendurch auch einmal wie mit sich selbst, lässt die Gäste an ihrer Seelenpein teilhaben. Denn sie will ja eigentlich nichts anderes, als ins gelobte Land zu kommen, von dem ihr zuhause erzählt worden war.

„Sie können mich nicht erkennen? Kaum dass ich einen Fuß in dieses Land gesetzt habe, zwingen Sie mich, meine äußere Erscheinung aufzugeben, und dann … werfen Sie mir vor, nicht mehr die Dalila zu sein, die auf dem Passbild zu sehen ist.“ Basars zeternde, säuselnde, bittende, hoffende Dalila hadert mit den Widrigkeiten, sich einerseits anpassen zu sollen, andererseits aber doch immer wieder auf ihre Herkunft reduziert zu werden.

Deshalb versucht sie, mit der Bildgewalt der Geschichten aus „1001 Nacht“ und zahlreichen Gleichnissen den Beamten ihre Welt näherzubringen. Mit der Magie der alten arabischen Märchenwelt möchte sie die fünf Prüfungen vor den seelenlosen Torwächtern bestehen, die ihr den Zutritt verwehren. Phantasie gegen deutsche Verwaltungs-Nüchternheit, farbige, vor Leben strotzende Erzählungen gegen vorgezeichnete Verfahren – eigentlich ist in der Realität kein Happy-end vorprogrammiert.

Bunte Erzählungen mit einem Schuss Unwahrscheinlichkeit, pfiffiger Witz und ein bisschen Derbheit: Ayca Basar geht in ihren Geschichten auf, lässt das verliebte Paar zu Wort kommen, die Haremsfrauen, weiß von der Prinzessin und dem Affen ebenso zu berichten wie von der alten Frau in der Wüste. Immer verbirgt sich ein tieferer Sinn dahinter, der oftmals an Moral und Anstand, an aufrechte Haltung appelliert. Und in den sonst sich an Gesetzesbuchstaben klammernden Beamten erstaunliche Reaktionen auslösen.

Nach einer guten Stunde ist Dalila erschöpft, fast desillusioniert, jedoch am Ziel ihrer Träume. Ayca Basar schwankt das letzte Mal zwischen purer Verzweiflung und erstaunter Freude über die unverhoffte Anerkennung. Der imaginäre Vorhang fällt, die 23-Jährige eilt von der Bühne, um dann für begeisterten Applaus zurückzukehren. Und sich großes Lob von Jürgen Flügge einzuheimsen: „Du hast Unglaubliches geleistet“, sagt der. Was in den vielen Glückwünschen aus dem Zuschauerraum ebenso zum Ausdruck kommt.

Jürgen Flügge erzählte auf der Tromm ungewöhnliche Geschichten über die Weihnacht

Jürgen Flügge gibt alles: Er schreit wie Esel, blökt wie ein Schaf, muht wie der Ochse und brummt wie ein Kamel. Die Kinder finden es klasse, wenn sich ein Erwachsener vor ihnen zum Affen macht. Sie kichern und lachen bei der Weihnachtsgeschichte, die der Chef des Trommer Hof-Theaters unter mehreren zum Besten gibt. „Vom Himmel hoch“ heißt die Veranstaltung im historischen Pferdestall von 1836, zu der neben den Kleinsten natürlich auch Eltern und Verwandte eingeladen waren.

Ein kleiner Weihnachtsbaum in der Ecke, daneben eine Krippe, heimelige Atmosphäre mit Kerzen, geschmückte Tische, dazu etwas zum Knabbern und ein paar Getränke: Die Zuschauer hatten es sich im Untergeschoss des Hof-Theaters gemütlich gemacht, um nicht alltäglichen Geschichten zu lauschen, die auch einen ernsten Hintergrund hatten oder zum Nachdenken anregten.

So wie die der vier Tiere, die darum wetteifern, wer von ihnen dem Jesuskind in der Krippe am nächsten und am nützlichsten ist. Ochs, Kamel, Esel und Schaf überbieten sich dabei in ihren Ausschmückungen, mit viel Gestik und Tönen durch Jürgen Flügge verkörpert. Der schnaufende Ochse, der hektische Esel, das hochnäsige Kamel und das arrogante Schaf bewirken nur eines: dass Maria sie als „dumme Tiere“ bezeichnet.

Denn mit ihren unnötigen Streit haben sie ganz Bethlehem geweckt. Und weil diese Aussage Marias vom Lämmchen neben der Krippe an alle weitererzählt wird, wissen laut Flügge bald alle vom „dummen“ Ochsen und vom „dummen“ Esel. Allerdings, merkt er als Moral von der Geschicht‘ an, „die Menschen merken oftmals nicht, dass sie sich ähnlich dumm verhalten wie die Tiere“.

„Ungewöhnliche Geschichten über die Weihnacht für Jung und Alt“ hatte Flügge den Nachmittag betitelt. Im Hintergrund schwang immer der Bezug zum Fest mit, aber die Unterhaltung kam ebenso nicht zu kurz wie die Botschaft der einzelnen Werke. Und natürlich ist der Hoftheater-Mann einer, der sein kleines und großes Publikum durch die Art seines Vortrags zu fesseln weiß. Er lebt die vorgetragenen Geschichten förmlich und bringt sie mit viel Verve rüber. Gefesselt hängen die Kinder an seinen Lippen.

Etwa, wenn er davon erzählt, warum es keine Weihnachtslärche gibt. Daran ist nämlich nur der Wind schuld, weiß Flügge. Denn die Bäume wollten vom Herbst ein neues Kleid haben, nachdem sie schon vom Frühling und vom Sommer so reich mit Blüten und Früchten beschenkt würden.

Nach einigem Disput mit dem Winter gibt’s einen Kompromiss: Die Laubbäume dürfen im Herbst ganz bunt sein, die Nadelbäume müssen ihr Grün behalten. Dumm nur, dass der Wind als Überbringer dieser Botschaft vergisst, unter den Nadelbäumen die Lärche zu erwähnen – weswegen diese ebenfalls im Herbst farbige Nadeln bekommt und sie dann abwirft.

Vom Teilen mit denen, die noch bedürftiger sind als man selbst, handelte die Geschichte „Der kleine Straßenkehrer und das Engelshaar“. Der Straßenkehrer findet ein Engelshaar und bekommt daraus die fehlenden Stücke seines Handschuhs genäht, damit er an den Fingern nicht mehr frieren muss. Den gibt er dann an die alte Zeitungsfrau weiter, die gar keinen Handschuh für ihre klammen Finger mehr hat.

Und siehe da: Plötzlich haben sie beide warme Hände – auch der, der eigentlich keinen Schutz mehr hat. Was so viel heißt wie: Wer mit anderen teilt, auch wenn er selbst nur wenig hat, der bekommt dafür sehr viel Wärme zurück.

Dass bei den „Kids“ alte „Technik“ ankommt, bewies Jürgen Flügge mit der historischen Drehorgel in Kleinformat. „Das Instrument ist über 100 Jahre alt“, erläuterte er. „Ich habe die von meiner Oma.“ Sie funktioniere ganz ohne Strom, sagte er. „Ohne nix“, kam es aus Kindesmund postwendend zurück. Sein Angebot an die Kleinen, das Instrument genau in Augenschein zu nehmen, stieß auf viel Zuspruch.

Die alten Schallplatten wie auch der Mechanismus waren von großem Interesse. „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder „Oh Tannenbaum“ klangen gleich ganz anders, wenn sie aus dem Instrument drangen – und nicht aus einer Lautsprecherbox oder den Kopfhörern. Zu Tee und heißer Schokolade für die Kinder sowie Glühwein für die Erwachsenen gab es noch etwas Gebäck zum Knabbern, sodass einem weiteren gemütlichen Nachmittag nichts im Wege stand.

Skulptur und Bild gehören für Ingrid Scholz zusammen: Kunstaktion „Beziehungswand“ und Skulpturen-Wiese auf der Tromm vorgestellt

Auf die Skulpturenwiese genau auf der Grenze zwischen Wald-Michelbach und Grasellenbach hatte Künstlerin Ingrid Scholz zur Vernissage eingeladen. Vorgestellt wurden sowohl die Kunstaktion „Beziehungswand“ als auch die auf der Wiese befindlichen Skulpturen. Anschließend konnten die Skulpturen im nahe gelegenen Scholz-Garten und Bilder in der Galerie „artstract“ bewundert werden. Begrüßt wurden die Gäste von Prof. Gerold Scholz.

„Kunst bedeutet für Ingrid Scholz, unterschiedliche Vorstellungen und Empfindungen in ihren Wirkungen darzustellen und damit nachvollziehbar zu machen“, sagte der Leiter des Hof-Theaters Tromm, Jürgen Flügge, in seiner Eröffnungsrede. „Offenbar ist die Tromm ein Anziehungspunkt für Menschen, die künstlerisch tätig sein wollen“, meinte er Blick auf die vielen Aktivitäten auf dem und rund um den Hügelrücken.

„Wer auf der Tromm wandert, soll Natur und Kultur genießen können. Und wer hier angekommen ist, kann erleben, wie sich Kunst und Natur zueinander verhalten“, formulierte Flügge. Sechs Objekte habe Ingrid Scholz mittlerweile auf der Wiese versammelt – und dazu noch die Beziehungswand. Flügge versprach den Gästen: „Wenn Sie nächstes Jahr wiederkommen, werden Sie neue Objekte vorfinden.“

Flügge erläuterte das Konzept hinter Ingrid Scholz‘ Schaffen: Ein Teil der Skulpturen passe sich der Landschaft an und verstärke deren Atmosphäre. Andere Skulpturen kontrastierten wiederum das Landschaftsbild. Für Ersteres stehe das große Blatt. „Es ist fast sechs Meter hoch und drängt sich dennoch nicht auf. Man hat das Gefühl, es stünde schon immer da.“ Für die zweite Intention, die Kontrastierung, sei das Kreuz aus Computerteilen mit dem Titel „Anbetung“ ein Beispiel. Die Kunstaktion Beziehungswand wiederum mache sichtbar, „dass Kunst hier zum Dialog auffordern will, dazu, sich zu dem, was man hier anfassen und sehen kann, zu verhalten“.

„Skulptur und Bild gehören für sie zusammen“, meinte Flügge zum Kunstverständnis von Ingrid Scholz. „Beide sind nur unterschiedliche Mittel, um Ideen anschaulich zu machen.“ Scholz mische diese Elemente auch. So klebe sie Edelstahl auf ihre Bilder und bearbeite den Stahl so, dass er eine bildhafte Struktur erhalte. „Das Bild wird durch die Skulptur inspiriert und umgekehrt.“ Diese Offenheit entspreche ihrer Kunstauffassung.

Wie der Leiter des Hof-Theaters weiter ausführte, lege Scholz „auf die inhaltliche Aussage ihrer Arbeiten Wert“ – trotz des unverkennbaren Bezuges zum Konstruktivismus, der ihren Werke eigen sei. „Skulpturen wie Anbetung weisen deutlich in diese Richtung.“ Bei vielen Bildern dominierten heitere, helle Farben: rot, gelb, blau. Viele hätten einen Bezug zu Urlaubsreisen und damit verbundenen Erlebnissen oder Beobachtungen. „Viele Bilder sind heiter und zuversichtlich“, so Flügge. Die erkennbare Freude stehe nicht im Kontrast zur Analyse und zum Nachdenken. „Wer wahrnimmt und nachdenkt, so möchte ich sie übersetzen, kann sich dabei erfreuen.“

Die besondere Stellung der Tromm nicht nur unter Natur-, sondern auch unter kreativen Gesichtspunkten würdigte Wald-Michelbachs Bürgermeister Joachim Kunkel. Das sei für beide Gemeinden „sehr bemerkenswert“, sprach er für seinen ebenfalls anwesenden Kollegen Markus Röth aus Grasellenbach.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich der Ort nicht nur durch die Anstrengungen von Ingrid Scholz in Sachen Kunst einen Namen gemacht. Der Überwald „ist in punkto Kunst, Kultur und Schauspiel allgemein gut aufgestellt“, wies Kunkel auch auf den am Donnerstag beginnenden Trommer Sommer mit einem reichhaltigen und weit über die Grenzen der Region hinaus strahlenden Angebot hin.

Im Folgenden erläuterte Ingrid Scholz die Beziehungswand: Dort könne jeder ein Objekt, eine Erinnerung, ein Bild aufhängen, mit dem er eine besondere Beziehung habe. Alles werde dokumentiert und unter www.beziehungswand.de ins Internet gestellt. Scholz selbst machte den Anfang und erklärte, was sie dort befestigt hatte: einen alten Wasserschlauch. In Erinnerung an einen Küchenbrand im Haus und mit der Hoffnung verbunden, dass so etwas nie mehr passieren möge.

Die Beziehungswand in Verbindung mit dem Ort und dem Odenwald sei „einfach klasse“, lobte Christa Mücke. Sie hängte ein Plakat mit einer persönlichen Notiz auf. Derya Michel hatte aus der Türkei ein sogenanntes „Blauauge“ mitgebracht, das böse Blicke abwenden soll. Angelika Borchert zeigte sich nach anfänglicher Skepsis von der „Durchlässigkeit“ der Beziehungswand begeistert. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein auf dem Scholz-Anwesen bestand in ungezwungener Atmosphäre die Möglichkeit, die dortigen Skulpturen im Garten, aber auch die Arbeiten von Ingrid Scholz in ihrem Atelier in Augenschein zu nehmen.

Wie erreicht die Kultur aus dem Überwald die Rheinebene?

„Wie definieren wir Kultur?“ Und: „Wie transportieren wir unsere kulturellen Veranstaltungen über den Überwald hinaus?“ Zwei Fragen, mit denen sich die Teilnehmer am dritten Kulturforum beschäftigten. In „Gelis Bistro“ am Bahnhof Wald-Michelbach traf man sich, um darüber zu diskutieren, wie für die kulturellen Aktivitäten vor Ort mehr Interessenten erreicht werden können. Relativ schnell kristallisierte sich heraus, dass der beste Weg hierzu eine eigene Publikation in welcher Form auch immer sein könnte.

Die Frage, ob „Kerwen“ als kulturelle Veranstaltung in die Arbeiten des Kulturforums aufgenommen werden sollten, wurde laut Schröder beim vorherigen Treffen länger diskutiert. Eine Mehrheit habe sich dafür ausgesprochen, diese Angebote bei einer Kulturentwicklungsplanung auszuklammern. Es sollten solche Angebote im Kulturforum aufgegriffen werden, die sich in Art und Weise von anderen abhöben und einen besonderen Charakter aufwiesen.

Um die Auswahl der über das Kulturforum unterstützten Kulturangebote im Überwald weiter zu filtern, wurde letztes Mal die Einrichtung von Untergruppen besprochen. Eine Gruppe soll sich mit der Auswahl von Angeboten im Bereich „Einrichtungen und Bauwerke“ und eine andere mit „Persönlichkeiten, Vereinen und Soziales“ beschäftigen. Beide sollen bestimmen, welche Angebote aus den genannten Schwerpunkten in eine Vermarktung über das Kulturforum gelangen.

Das Thema solle gemeinsam angegangen werden, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren, sagte ZKÜ-Geschäftsführer Sebastian Schröder zu Beginn des jetzigen Treffens. Ähnlich äußerte sich auch Jürgen Flügge vom Trommer Hoftheater als Initiator eines Kulturentwicklungsplans. Es gelte zu klären, was man vorantreiben wolle. Den großen Rahmen dürfe man dabei nicht außer Acht lassen. Aus der Bestandsaufnahme heraus solle die Marschrichtung entstehen, wo man hinwolle.

Es gehe darum, so Flügge, in einer ländlichen Region zu zeigen, wie ein gut gemachtes Kulturprogramm mit den entsprechenden Inhalten als Heft aussehen könne. Allerdings benötige es für eine solche Publikation auf einem guten Niveau auch Partner, betonte er. Er habe deshalb bereits den Kontakt zu einem Stadtmagazin aus Darmstadt gesucht. Flügge ist ein hoher Informationsgehalt wichtig. Außerdem müsse die Überlegung vorgeschaltet sein, was in einen solchen Kulturflyer mit aufgenommen werde, wie weit der Begriff Kultur gefasst, wie er definiert werde, sagte er.

Dass dies dann auch den „Charakter eines Magazins“ hätte, wie Schröder einwarf, bestätigte Flügge. Ihm gehe es nicht um einen reinen Veranstaltungskalender. Dem Theaterwissenschaftler schwebt ein „wertiges“ Produkt vor, irgendwo in der Mitte zwischen einem Hochglanzmagazin und einer Anzeigenzeitung angesiedelt. Darin könne man auch die Kulturschaffenden der Region präsentieren.

Sebastian Schröder merkte an, dass man beim vergangenen Kulturforum übereingekommen sei, „nicht auf Masse zu gehen“, sondern unter anderem auch einzelne Akteure in den Vordergrund zu rücken. Auch hatte er Bedenken, zu viele Termine mit in eine Publikation zu packen. In Sachen Veranstaltungskalender hatte Theo Reichert eine Anregung. Die Bergstraße gebe einen Mini-Flyer im DIN-A-7-Format heraus, „der auf Messen einen reißenden Absatz findet“. Gundolf Reh wies auf ein entsprechendes Produkt im Heidelberger Raum hin, das alle zwei bis drei Monate erscheine.

Regionale Kunst und Kultur hätten mehr Aufmerksamkeit verdient, betonte Jürgen Flügge. Es gehe darum, wie man die Kultur im Überwald weiter voranbringen könne. Für ihn gehöre vom Kirchenkonzert bis hin zur Rockmusik alles dazu. Laut Schröder sollen die regionalen Ereignisse über den eigentlichen Bereich hinaus transportiert werden, um auch Interessenten etwa in Mannheim oder Darmstadt zu erreichen.

Bürger sollten als Partner der Kultur gesehen werden, nicht nur als Nutzer, so Flügge. Förderung solle dort ansetzen, wo es sonst Künstlern schwierig sei, ein größeres Publikum zu erreichen. Es gelte zu überlegen, für welche Projekte man Fördergelder aus welchen Töpfen akquirieren könne. Eine Kooperation von Kultur und Wirtschaft sei wünschenswert. Auch den Aufbau eines regionalen Kulturmanagements analog der Wirtschaftsförderung konnte er sich vorstellen.

Es gelte, einen professionellen Partner mit ins Boot zu holen, der in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum entsprechende Angebote erstelle, so Schröder zusammenfassend. Flügge will in dieser Sache nun beim genannten Stadtmagazin vorfühlen, Schröder bei den lokalen Medien eruieren, inwieweit die Überwälder Kultur auch überregional publik gemacht werden könne.

Schröder wies daneben darauf hin, dass das ZKÜ „keine Kulturförderstelle“ sei. Der inhaltliche Impuls müsse von den Kulturschaffenden ausgehen. Das Kulturforum stehe allen offen. „Jeder, der mitarbeiten will, kann einsteigen“, sagte Schröder. Man verstehe sich als offener Arbeitskreis. Veranstalter, die eine Aufnahme eigener Projekte wünschten, könnten sich einbringen. „Wir wollen was draus machen, was Bürgern und Auswärtigen präsentiert werden kann“, so sein Resümee

In Syrien: „Alles ist kaputt, zerbombt, zerstört“

Es ist doch immer wieder etwas anderes, sowieso schon erschütternde Flüchtlingstragödien in den Medien zu verfolgen oder aus erster Hand vom Leid zu erfahren, das Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Zerstörung und der Suche nach einem besseren Leben ertragen mussten und müssen. Zwei syrische Flüchtlinge, Mohammad und Hani, berichteten auf dem Freundschaftsfest der Flüchtlingshilfe Grasellenbach von ihrem abenteuerlichen und gefahrvollen Weg heraus aus ihrer Heimatstadt Aleppo in den Odenwald.

„Europa hat sich abgeschottet, obwohl es ein Gutteil zur jetzigen Situation beigetragen hat“, meinte Jürgen Flügge mit Blick auf die Verwicklung der EU im Nahen Osten oder in den Maghreb-Ländern. Der Trommer Theaterregisseur ist einer derjenigen, der den Flüchtlingen Deutschkurse gibt, und moderierte den Informationsblock über Syrien und die Flucht(wege) der jetzt in Grasellenbach lebenden Menschen.

„Wir erleben gerade die Explosion einer Region, wie sie Peter Scholl-Latour vorausgesagt hat“, bezog sich Flügge auf eine Äußerung des im vergangenen Jahr verstorbenen Nah-Ost-Experten. In vielen Gesprächen mit den Flüchtlingen sei es um ihre Heimat, ihre Erlebnisse, ihre „lebensgefährlichen Fluchtwege“ nach Europa gegangen, die zwei von ihnen nun den Gästen näherbringen wollten.

„Alles ist kaputt, zerbombt, zerstört“, berichtet Hani über seine Heimatstadt, das (frühere) Weltkulturerbe Aleppo. Er ist – wenn man diesen Vergleich überhaupt ziehen kann – noch einer derjenigen, die einigermaßen „gut“ von Syrien hierher kamen. Einen Monat habe seine Flucht gedauert, sagt er, bis er in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ankam. Zu Fuß ging’s von Aleppo über die türkische Grenze, von dort aus weiter durch insgesamt fünf Länder, bis er Deutschland erreichte.

Seit etwa drei Monaten ist Hani nun in Grasellenbach und hat durch seine Deutschkenntnisse eine wichtige Funktion innerhalb der Gruppe. Denn er lernte in „ruhigeren Zeiten“ am Goethe-Institut von Aleppo Deutsch. Hani war es auch, der sich im Namen der Flüchtlinge zu Beginn bei den Gästen für deren Interesse bedankt hatte. Die Syrer fühlten sich „wie in einer Familie aufgenommen“, zollte er der Aktivität der hiesigen Flüchtlingshilfe höchstes Lob.

Einen sehr steinigen Weg hat dagegen Mohammad hinter sich. Auch er stammt aus Aleppo. „Die meisten Syrer haben keinen Pass“, erläutert er, und müssten deshalb illegal über die türkische Grenze gehen. Sieben Monate verbrachte er in Ankara, um dort einen Weg in die EU zu finden. Dann ging es weiter nach Istanbul, von dort zur bulgarisch-griechischen Grenze. Mit etwas Glück, so Mohammad, komme ein Flüchtling an ein Flug- oder Busticket in die EU, mit Pech müsse er laufen – „über den ganzen Balkan“.

Er weiß von anderen Syrern, die sich durch ganz Griechenland an die westliche, Italien nächstgelegene Küste durchschlugen. Dort gebe es – wie vor der libyschen Küste auch – absolut meeruntüchtige Nussschalen von 20 Metern Länge, auf die 300 oder 400 Menschen zusammengepfercht würden. Auch diese sinken seinen Worten zufolge in regelmäßigen Abständen. Das dortige Leid spiele aber in öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber den Tragödien, die sich bei Sizilien und Lampedusa abspielten, nur eine untergeordnete Rolle.

„Wir Syrer wollen Sicherheit und Frieden, nichts anderes“, verdeutlicht Hani in eindringlichen Worten. Jede Familie dort habe Angehörige verloren. Viele verkauften „ihr letztes Hab und Gut“, um fliehen zu können. „Alles, was sie haben“, gehe für die Flucht drauf, die zwischen 30.000 und 40.000 Dollar kosten könne. Doch der Krieg im Land sei „total“, deshalb sähen die Menschen keine andere Chance mehr.

Aus allen Berufs- und gesellschaftlichen Schichten kommen die jetzt in Grasellenbach untergebrachten Syrer: Arbeiter, Angestellte, Studierte, Studierende. Mohammad etwa studierte im neunten Semester Informationstechnologie und war kurz vor dem Abschluss, als der Krieg ausbrach. Namensvetter Mohamad hat gleich drei Abschlüsse: als Agraringenieur, im Krankenhausmanagement und im Marketingbereich. Dazu kommen aber auch Mechatroniker oder Schneider.

Als Vertreter des Pfarrgemeinderats hatte Heribert Dahlke zu Beginn die knapp 100 Gäste im überfüllten katholischen Gemeindehaus begrüßt. „Wir unterstützen die Flüchtlingshilfe gern“, sagte er. Es sei schön, „dass es Menschen gibt, die sich in dieser Weise ehrenamtlich engagieren“. Ihrer Freude über den sehr guten Besuch gab Christa Schwalb-Mücke Ausdruck. Dieser Freude stehe aber das Leid bei den Tragödien im Mittelmeer gegenüber.

Durchs Programm führte Uli Krell, der auch Mouaouia mit seiner Oud, der „Mutter der Laute“, begrüßte. Dieser spielte einige mit viel Beifall aufgenommene Stücke. Musikalische Unterhaltung gab es daneben auch vom Flötenensemble „Windspiel“ mit Stücken von deutschen Meistern aus zwei Jahrhunderten und der „Krellyfamily“ mit historischen und aktuellen Folksongs. Zum Schluss berichtete Belal in ergreifenden Worten von seinem Abschied aus Syrien, von der letzten Umarmung mit der Familie, den Todesängsten, die er während der Flucht ausstand.

Flüchtlingsinitiative moniert Nachholbedarf bei Behörden in punkto Koordination und Unterstützung

„Wir werden allein gelassen“, sagt Uli Krell von der Flüchtlingshilfe Hammelbach. Ohne Groll, aber als Feststellung und gleichzeitig anklagend. Zehn Personen umfasst der harte helfende Kern derjenigen, die seit Gründung vor etwa drei Monaten ihre Freizeit im Dienste der Mitmenschlichkeit opfern. Aber ohne Unterstützung „von oben“, wie er ausführt. Vor Ort würden die Ehrenamtlichen sich selbst überlassen, müssten sich „alle Infos selbst besorgen“, bekämen nichts an die Hand. Und nichts in die Hand, nämlich nicht einmal Kostenerstattungen für Behördenfahrten oder Anschaffungen.

Denn davon gibt es laut Uli Krell genug, auch aufgrund der vielen noch vorhandenen Unsicherheiten – eben wegen fehlender Infos. Deutschkurse, sagt er, bekämen die Asylbewerber erst dann bezahlt, wenn sie anerkannt seien. Doch da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn Krell hat die Beobachtung gemacht, dass auf den Ämtern manche Mitarbeiter nicht mal Englisch sprächen.

Wie soll also die Verständigung laufen? Natürlich über die Ehrenamtlichen, die dann die Brücke zwischen den Sprachen bilden. Aber dadurch viel Zeit auf den Ämtern und auf dem Weg dorthin verbringen. Und zwischenzeitlich ehrenamtlich versuchen, den Flüchtlingen zumindest einen Grundstock der deutschen Sprache näherzubringen. Uli Krell sieht aber andererseits auch „die Leute auf dem Ausländeramt hoffnungslos überfordert“. Denn es kämen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland, die Mittel reichten hinten und vorn nicht, die notwendigen Kapazitäten seien nicht vorhanden.

Dazu kommen noch andere behördliche, für die Flüchtlingshilfe nicht nachvollziehbare Hürden bei der Eingliederung. Mohamad etwa, der mit dem Abschluss in Krankenhausmanagement, würde gerne ein unbezahltes Praktikum in einem Altenheim machen. Das wiederum würde ihn „gerne nehmen, darf aber nicht“, berichtet Bettina Krell. Warum, kann ihr niemand wirklich beantworten. Denn Ein-Euro-Jobs dürften Asylbewerber schon nach drei Monaten annehmen.

Von den etwa 25 in Grasellenbach untergebrachten Flüchtlingen seien 18 bis 20 Syrer, sagt Bettina Krell, darunter viele junge Männer um die 30 Jahre. Jede der verschiedenen Hilfsorganisationen in den Bergstraßen-Orten „kämpft für sich“, beklagt sie. Immerhin habe man vor kurzem Hilfe aus dem benachbarten Odenwaldkreis bekommen. Von einer dortigen Initiative gebe es Fortbildungsangebote. Doch die tägliche Arbeit spannt alle ein: „Wir müssen für Mohamad noch eine Wohnung finden“, ruft Bettina Krell ihrem Mann Uli hinterher.

Info: Die Flüchtlingshilfe Grasellenbach ist für weitere personelle Unterstützung, etwa bei Behördengängen, dankbar. Infos bei Christa Schwalb-Mücke, Telefon 06253/1289.