Digitale Projekte sind notwendige Investitionen wie Maschinen

Die Chancen der Digitalisierung nutzen, aber den unverzichtbaren persönlichen Kontakt aufrechterhalten: So beschreibt Christian Jöst, Geschäftsführer der gleichnamigen Firma im Wald-Michelbacher Ortsteil, seinen Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Die Wirtschaftsförderung Bergstraße (WFB) hatte in Zusammenarbeit mit der Zukunftsoffensive Überwald und dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Darmstadt Unternehmer aus dem Odenwald zur Infoveranstaltung eingeladen.

Bürgermeister Dr. Sascha Weber bezeichnete in seinen einleitenden Worten die Digitalisierung sowohl im täglichen Leben als auch für die Industrie wichtig. Mit dem leistungsfähigen Breitbandnetz sei die Gemeinde in Sachen Internet gut aufgestellt, sagte er. Bei der Firma Jöst sei die WFB-Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Roadshow – Ihr Weg zur Digitalisierung“ genau am richtigen Ort, denn der Betrieb sei sehr innovativ. Weber erhoffte sich, „dass wir den Odenwald gemeinsam voranbringen“.

In seinem kurzen Abriss der Firmengeschichte erläuterte der Geschäftsführer, dass der Betrieb mit seinen 56 Mitarbeitern in diesem Jahr voraussichtlich einen Umsatz von elf Millionen Euro erwirtschafte. 50 Prozent der Produktion gehen in den Export mit einem weltweiten Kundenstamm. „Der amerikanische Markt gestaltet sich schwierig“, fügte er aus aktuellen Anlass an. Jöst hat sich auf die Entwicklung, die Herstellung und den Vertrieb von Schleifmitteln und –systemen spezialisiert.

In den letzten Jahren, erklärte Christian Jöst, „gehen wir verstärkt in den Reinigungsbereich“. Seit drei Jahren wird eine eigene Maschine zum Schleifen und Reinigen produziert. „Der gigantische Vorteil“, schmunzelte er: „Die kann jeder bedienen.“ 95 Prozent der damit möglichen Arbeiten werden ohne Chemikalien durchgeführt. „Wir bekommen aus der ganzen Welt dafür Anfragen“, freute er sich. „Alles Made in Germany.“ Also langlebig, „aber man braucht viele Schleifmittel“, so Jöst augenzwinkernd.

Digitalisierung schön und gut, meinte er. Aber: Wenn Jöst vom Neckartal bis nach Affolterbach fährt, „ist zwischendurch fünfmal das Handy-Netz weg“. Vom Internet ganz zu schweigen. Hier sieht der Geschäftsführer Handlungsbedarf. Andere europäische Länder machen das selbst in der absoluten Pampa viel besser. Siehe Lappland. In der Einöde „gibt’s vollen Handyempfang und LTE-Netz“.

Auch in anderer Hinsicht ist er froh, nicht auf die Mobilfunk- und Internetriesen angewiesen zu sein. Jöst baut gerade im Gewerbegebiet Ober-Abtsteinach ein neues Vertriebs- und Versandzentrum auf 6400 Quadratmetern und will die beiden Standorte digital verbinden. Von der HSE bekommt er einen VDSL-Anschluss mit 250 Mbit für einen sehr guten Preis, führte er aus. Die Telekom könnte ihm nur 16 Mbit zu Mondpreisen anbieten.

Industrie 4.0, so Jöst, „macht bei unseren Produkten nicht viel Sinn“. Das sei eher etwas für die Großfirmen. Er beleuchtete auch die Nachteile: „Du musst echt aufpassen, was du machst“, wies der Geschäftsführer auf Hackerangriffe hin. Ein Betrieb, forderte er, „muss digitale Projekte ebenso als notwendige Investitionen ansehen wie Maschinen“. Etwa die Handscanner, in die Jöst 60.000 Euro investiert. Sie sind unverzichtbar für eine systematische Lagerhaltung.

Tobias Meudt vom Darmstädter Kompetenzzentrum wies auf verschiedene Möglichkeiten hin, wie sich traditionelle Betriebe im digitalen Zeitalter neu aufstellen können. Das reicht von der Möglichkeit, beim Metzger online den eigenen Rollbraten zu konfigurieren, über den Tischler, bei dem der Massivholztisch ganz nach den Wünschen des Kunden im Internet konzipiert werden kann, bis zum Allrounder, der kleineren Betrieben die tägliche Arbeit wie das Rechnungs- und Mahnwesen abnimmt.

Laut Meudt schwinden langsam die Vorbehalte der Firmen gegenüber der Digitalisierung. Als „größere Aufgabe“ bezeichnete er es, die kleinen Unternehmen auf diese Reise mitzunehmen. Das im April 2016 gegründete Kompetenzzentrum biete seine Leistungen kostenfrei an. Kann das in Darmstadt nicht weiterhelfen, gibt es den Kontakt zu 24 weiteren in Deutschland. Wie etwa beim Thema Handel, das aus der Runde nachgefragt wurde.

„Informieren, analysieren, qualifizieren, umsetzen“, beschrieb Meudt die Aufgaben. Man offeriere Schulungen in einer Lernfabrik, beschäftige sich mit den Themen IT-Sicherheit oder Prozessen und Unternehmen. Er stellte auch die „Wertstromanalyse“ vor, die Verschwendung in den Betrieben erkennen und beheben soll. Schlussworte sprach Marco Stibe, Projektleiter im WFB-Unternehmerservice.

Bild: Vor Ort in den Räumen der Jöst GmbH (v.l.): Sebastian Schröder, Geschäftsführer der Zukunftsoffensive Überwald GmbH, Tobias Meudt, Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Darmstadt, Bürgermeister Dr. Sascha Weber, Gemeinde Wald-Michelbach, Christian Jöst, Geschäftsführer der Jöst GmbH, Marco Stibe, Projektleiter im WFB-Unternehmerservice, und Andreas Furch, Projektmanager im WFB-Unternehmerservice, Kooperationsprojekt Neue Wege. – © WFB

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Neue Wachstumspotenziale durch Digitalisierung: Firma Jöst Abrasives erhält Landeszuschuss für Digitalisierungsprojekt

„Der Förderbescheid kam auf Papier, nicht digital“, lachte Christian Jöst. Das Geld allerdings wurde von der Wirtschafts- und Infrastrukturbank (WI-)Bank Hessen überwiesen und nicht in bar vorbeigebracht. 10.000 Euro erhielt die Firma Jöst Abrasives nach erfolgreicher Fördermittelberatung durch die Wirtschaftsförderung Bergstraße (WFB) als Landes-Zuschuss für ihr Digitalisierungsprojekt. WFB-Geschäftsführer Matthias Zürker freute sich mit WFB-Projektmanager Marco Stibe und Sebastian Schröder von der ZKÜ darüber.

„Das ist schlankes Programm, über das man schnell Mittel beantragen kann“, zeigte sich Jöst positiv überrascht. „Drei Stunden und ich war durch.“ Zwei Wochen später kam schon die Zusage. „Das war der beste Tipp, den ich je bekommen habe“, zollte er der WFB großes Lob. Denn normalerweise rechne sich – obwohl es genug Fördertöpfe gibt – die Beantragung einer Förderung für ein mittelständisches Unternehmen nicht, „weil es einen hohen bürokratischen Aufwand bedeutet“.

Jöst will aktuell – auch im Zuge des Hallen-Neubaus in Ober-Abtsteinach – seinen kompletten Wareneingang digitalisieren. „Der Online-Versand wird immer wichtiger“, betonte der Geschäftsführer. Die Firma ist Experte für die Entwicklung und Herstellung von Schleifmitteln und –systemen.

Um auf dem neuesten Stand und für die Zukunft gerüstet zu sein, „haben wir eine neue Homepage mit Shop erstellen lassen“. Noch ein paar Zertifikate obendrauf und das Ganze kostete 170.000 Euro. Ein zusätzliches Scanner-Programm schlug mit 40.000 Euro zu Buche. Da kann man 10.000 Euro als Förder-Höchstsumme immer gut gebrauchen. Da die Förderung projektbezogen ist, kann sie für weitere, zusätzliche Maßnahmen aufs Neue beantragt werden, so Jöst. Er wies darauf hin, dass der Zuschuss auch für kleinere Betriebe interessant sei: Wenn jemand eine Investition mit 8000 Euro habe, könne er diese eventuell sogar komplett abdecken.

Inzwischen, betonte der Jöst-Geschäftsführer, „investieren wir in Software schon fast so viel wie in Maschinen“. Das Digitale lasse sich allerdings schwerer greifen. Innovation hat in der Firma Tradition. „Mein Vater Peter kaufte in den 80er Jahren für 5000 Mark einen der ersten IBM-Computer“, erinnerte sich Christian Jöst. Die Digitalisierung von Logistikprozessen „spart wirklich viel Zeit“, betonte er. Die Firma lagere Rohstoffe für ein halbes Jahr auf Vorrat. Die Scannerlösung „hilft dabei, Mangel zu vermeiden“. Bisher kam es schon mal vor, dass nur noch eine Rolle auf Lager war, die für sechs Stunden reichte und die Nachlieferung aber sechs Wochen braucht. Das soll jetzt der Vergangenheit angehören.

„Es fällt kein Arbeitsplatz dadurch weg“, hob der Geschäftsführer hervor. Im Gegenteil: Für die Mitarbeiter wird alles leichter zu händeln. Als nächsten Schritt nannte er die Digitalisierung des Warenausgangs. Bei 1600 Produkten bedeute dies eine große Erleichterung. So könne eine gezielte europaweitere Auslieferung auch kleinteiliger erfolgen. „Amazon ist an uns herangetreten. Die würden gerne unsere Produkte vertreiben“, sagte Jöst. Auch dafür braucht man die Abwicklung über Computer. Wenn die Lagerhalle in Abtsteinach fertig ist, kann der Betrieb in die Vollen gehen.

Das Unternehmen Jöst ist genau auf dem richtigen Weg. „Die Digitalisierung ist ein wichtiges Zukunftsthema“, betonte Zürker. „Wir sagen den Betrieben immer, sie sollen sich damit beschäftigen.“ Es gebe zwar Risiken, „aber noch viel mehr Chancen“. Viele Kunden setzten inzwischen schon die Abwicklung per Computer voraus. Zürker erkannte zusätzliches Potenzial, wenn sich Firmen auf diese Weise breit aufstellen.

„Es gibt inzwischen die notwendige Infrastruktur“, hob der WFB-Geschäftsführer hervor. Internet sei in der Fläche mit 50 Mbit vorhanden, „wer was drauflegt, bekommt sogar 1 Gbit Download“. Das Glasfaserkabel werde dann direkt bis zum Unternehmen gelegt.

Nur bei der Mobilfunkabdeckung hapert es noch ein bisschen, ergänzte ZKÜ-Geschäftsführer Sebastian Schröder. Der bezeichnete die Firma Jöst als Aushängeschild des Überwalds, die als Hessen-Champion der Region einen bundesweiten Bekanntheitsgrad garantierte. Der Betrieb sei ein Innovationsvorreiter. „Wir dürfen bei den Erneuerungsprozessen nie aufhören“, forderte er. Das festige den Wirtschaftsstandort und mache ihn zukunftsfähig.

Die Digitalisierung ist laut Schröder allerdings auch „kein Allheilmittel“. Es werde immer etwas Analoges bleiben – was er als positiv bezeichnete. Gerade auf dem Land „ist der menschliche Faktor wichtig“. Hier hakte Christian Jöst ein. Der Überwald bedeutet für ihn keinen Standortnachteil, sagte er. Einen Fachkräftemangel konnte er auch nicht feststellen. Im Gegenteil: gute, motivierte Mitarbeiter.

Info: Am Förderprogramm „Zuschuss zu Digitalisierungsmaßnahmen“ interessierte Unternehmen können sich an WFB-Projektmanager Marco Stibe, Telefon 06252-6892950, E-Mail marco.stibe@wr-bergstrasse.de, wenden.

Foto: Wirtschaftsförderung Bergstraße

Ein Unternehmer von altem Schrot und Korn

Peter Jöst ist genau der Typ Mittelständler, um den das Ausland Deutschland so beneidet. Mit seinen 73 Jahren ist der Gründer und Geschäftsführer von „Jost Abrasives“ in Affolterbach vor Ideen sprühend, agil, jeden Morgen um 8 Uhr im Büro, in der Region verwurzelt, sozial engagiert, um das Wohl seiner Mitarbeiter besorgt. Patente sammelt er wie andere Leute Bierdeckel. Ein mehr als interessanter Gesprächspartner somit für den SPD-Landratskandidaten Gerald Kummer.

Der jetzige Landtagsabgeordnete war aber nicht allein gekommen. Mit ihm statteten Karin Hartmann, ebenfalls MdL und wohnhaft im Nachbarort Grasellenbach, der Erste Beigeordnete Peter Bihn, SPD-Fraktionsmitglied Wolfgang Wojcik und der Ortsvereinsvorsitzende Sascha Weber dem Werk einen Besuch ab. Jöst Abrasives stellt Schleifmittel und Schleifsysteme für viele namhafte Unternehmen in aller Welt her. Sei es für Auto-, Möbel-, Stahl, Schiffsbau, Flugzeug- oder Kunststoffbau. Würth, Honda, VSM oder Umicore zählen zu den Kunden der Firma aus Affolterbach.

Mit 50 Mitarbeitern wird auf 8000 Quadratmetern ein Jahresumsatz von etwa acht Millionen Euro erwirtschaftet. Eigentlich ist die Firma Jöst damit ein Zwerg in der Branche – aber nicht, wenn es um Erfindungen geht. Denn Peter Jöst ist ein Tüftler. Seine Ideen sind so gut, dass große Konzerne ihm die Patente streitig machen wollen. In der Hoffnung, dass Jöst nicht die notwendigen finanziellen Mittel hat, um aufwendige Gerichtsprozesse durchzustehen. Aber weit gefehlt. Jöst macht als David den Goliaths immer wieder das Leben schwer, wehrt sich mit Zähnen und Klauen und nimmt den (erfolgreichen) Kampf gegen milliardenschwere Global Player auf.

So etwa im Fall einer Multiloch-Scheibe, deren Patent er mit Erfolg gegen einen französischen Bauprodukte-Konzern verteidigte. Ein Kampf, der ihm immer wieder an die Substanz geht. Und ihm bei einer Niederlage um die Zukunft seiner Firma und vor allem der Mitarbeiter fürchten lässt. Aber nachgeben wird und will er trotzdem nicht. Denn für Peter Jöst ist klar: „Die Mitarbeiter sind das Herz des Betriebs.“ Viele arbeiten schon Jahre und Jahrzehnte hier.

„Ich habe noch nie einen einzigen Euro Zuschuss beantragt“, ist der Unternehmer stolz. Und beantwortet damit auch indirekt Gerald Kummers Frage, was er sich von der Politik wünsche. Allerdings fände er es sinnvoll, staatliche Zuschüsse auch an den Umgang mit den Mitarbeitern zu koppeln. Wer Geld bekomme, der dürfe nicht Arbeitnehmer vor allem mit Zeitverträgen beschäftigen und nach zwei Jahren wieder auf die Straße setzen.

Für Jöst ist eine soziale Absicherung in Form unbefristeter Arbeitsverträge auch gesellschaftspolitisch wichtig. Denn so könnten Arbeitnehmer Fuß fassen, sesshaft werden, eine Familie gründen. Wenn man sie dagegen immer wieder auf die Straße setze, dürfe man sich auch nicht beklagen, dass es immer weniger Kinder und Familien gebe. „Das zeichnet Sie aus, dass Sie so denken“, meint Kummer in Richtung des Unternehmers. Und Karin Hartmann ergänzt: „Es ist bedauerlich, dass es immer weniger Familienunternehmen gibt, die so langfristig denken.“

Denn trotz des Exports in alle möglichen Weltregionen ist die Firma im Odenwald verwurzelt. Jöst selbst kommt aus Ober-Abtsteinach, in die Firma sind inzwischen die beiden Söhne Christian und Dominik eingestiegen. In Wald-Michelbach ist der Betrieb im örtlichen Leben präsent und bringt sich auch sozial unterstützend ein, etwa bei der Einrichtung der Kleiderkammer.

Christian Jöst kann daneben keinen Standortnachteil erkennen. Pakete seien zu 99 Prozent am nächsten Tag deutschlandweit bei den Kunden. Seit der Einführung des schnellen Internets mit 50 Mbit/s surfe man nun besser als in manchen Großstädten. Wenn die Förderung des Landstrichs so fortgeführt werde wie unter dem bisherigen Landrat, ist er zuversichtlich. Die Firma investiere laufend, gerade aktuell wieder in zwei neue Fertigungsmaschinen.

Es werde immer mehr am Mittelstand rumgeknapst, so SPD-Kandidat Kummer. „Irgendwann gibt es ihn nicht mehr.“ Man dürfe nicht nur von Förderung reden, sondern müsse sie auch praktizieren. Sowohl für einen Landrat als auch für einen Unternehmer sei es wichtig, mit den Bürgern bzw. den Beschäftigten zu reden „und nicht im Elfenbeinturm zu sitzen“, postulierte er. Ein Landrat dürfe nicht spalten, „er muss die Menschen zusammenführen“.

Zu Beginn hatte Peter Jöst seinen Lebens- und Berufsweg skizziert: Wie er als 15-Jähriger eine Schlosserlehre bei Freudenberg begann, danach in Rumänien, China, Japan und den USA für das Unternehmen tätig war, ehe er mit knapp 40 Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. 1981 war es dann soweit, er gründete am Standort Wald-Michelbach die noch heute bestehende gleichnamige Firma. Die wurde zwischenzeitlich beständig erweitert und stößt immer wieder an Kapazitätsgrenzen. „Denn wir haben immer neue Produkte und Patente entwickelt“, so Jöst. Jetzt wurden 1200 Quadratmeter bei Coronet zusätzlich angemietet.