Der einheimische Bläuling leidet besonders unter dem Klimawandel

„Die Insektenpopulationen sind dramatisch auf dem Rückzug“, weiß der Weiherer Hobby-Entomologe Siegfried Winkler, der sich dem Thema bereits ein knappes halbes Jahrhundert widmet. Für den ehemaligen Förster war und ist die heimische Natur mit ihrer Artenvielfalt schon seit jeher nicht nur Beruf, sondern Passion. Aktuell macht er die Gefahr für das Fortbestehen etwa von Schmetterlingen Arten am stark bedrohten Wiesenknopf-Ameisenbläuling fest.

Es gibt in der Region den hellen und der dunklen Ameisenbläuling. Bei Weiher, Schlierbach und Wahlen sind laut Winkler Wiesen bekannt, die in Jahren mit normalen Niederschlägen diesen seltenen, europaweit besonders geschützten Arten eine Heimat geben. Die kleinen Bläulinge fliegen im Juli. Sie legen nach der Paarung ihre Eier in der Blüte des „Großen Wiesenknopfes“. Dort entwickelt sich das kleine Räupchen bis zur dritten Häutung.

Danach lässt sich die kleine Raupe auf den Boden fallen. Dort wird sie von einer bestimmten Ameisenart gefunden und ins Nest getragen. Hier wird nun aus dem Veganer ein Fleischfresser. Die Raupe lebt fortan von der Ameisenbrut. Etwa 600 Larven und Puppen vertilgt sie im weiteren Verlauf ihres Lebens. Bei dieser Symbiose profitieren die Ameisen von einem zuckerhaltigen Sekret, das die Raupe abgibt. Im nächsten Jahr schlüpft der Falter im Ameisennest, muss sich dann aber sputen, dieses zu verlassen, da die Ameisen jetzt keinen Nutzen mehr verspüren und ihm nachstellen.

Der „Große Wiesenknopf“ entwickelt sich auf wenig gedüngten Feuchtwiesen nach der ersten  Mahd, nach der Heuernte Ende Mai/Anfang Juni. Der Zeitpunkt ist für Winkler entscheidend für das Vorkommen der Schmetterlinge. Erfolgt die Mahd zu spät, kann die Pflanze ihre Blüte nicht mehr entwickeln.

Das passiert aber leider auch, wenn nach der Mahd eine Trockenperiode das feuchtigkeitsliebende Gewächs ausbremst. Ohne Blüte haben die eierlegenden weiblichen Falter keine Chance, ihre Fracht los zu werden. „Das ist leider die momentane Situation auf vielen Wiesen“, bedauert der Weiherer. Das Wachstum stockt nach der Heuernte, der Wiesenknopf kann sich nicht gut entwickeln, die Pflanze blüht nicht. „Keine Blüte, kein Nachwuchs für die Ameisenbläulinge.“

Viele Menschen bemerken, dass vielerorts die Schmetterlinge gegenüber dem Vorjahr stark abgenommen haben, sagt er. Das lag an der Hitze und dem damit verbundenen Vertrocknen zahlreicher Futterpflanzen für die Raupen im vergangenen Spätsommer und Herbst. So hatte der Schwalbenschwanz entgegen seiner üblichen Gewohnheit eine dritte Generation im September.

Dessen Nachkommen konnten sich aber an der vertrockneten „Wilden Möhre“ nicht fertig entwickeln. Solche Populationsschwankungen aufgrund kleinklimatisch „schwieriger Jahre“ kann die Natur aber wieder ausgleichen. Häufen sich aber diese „schwierigen Entwicklungsjahre“, sterben Arten aus.

Mit der „Krefelder Studie“ und den Veröffentlichungen von Prof. Reicholf (TU München) wurde 2017 von den Medien aufgegriffen, was Entomologen, die überwiegend unbeachtet von der Öffentlichkeit ihren Forschungen nachgehen, schon lange wussten, schildert Winkler: Die Insektenpopulationen sind dramatisch auf dem Rückzug. Gründe dafür sind vielfältig: veränderte Landwirtschaften mit vermehrten Maisanbau und dem Einsatz von Neonicotinoiden, Düngung, Rückgang von Brachflächen oder Versiegelungen.

Die Erwärmung des Klimas spielt dabei auch eine Rolle, erläutert er. Seit den 90er Jahren habe sich in der Region der Eichenprozessionsspinner breit gemacht – ein Schmetterling, der vorher nur aus mediterranen Gebieten bekannt war. Auch der Schwammspinner, eigentlich schon immer hier beheimatet, hat sich durch warme Sommer besser entwickelt als zuvor.

Lästige Schwammspinnerraupen-Invasionen erregten die Gemüter durch lokales Massenauftreten in Thüringen, Sachsen und Bayern. Im Gegensatz zum Eichenprozessionsspinner „sind die Raupen aber nicht gesundheitsschädlich“. So profitieren manche Insekten von der Klimaveränderung, weiß der Fachmann. Aber: „Viele unserer durch lange Zeiträume evolutionärer Prozesse hier heimische Arten können sich nicht rasch genug anpassen.“

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