„Die Zwei von der Klangstelle“: Es klang auf der Tromm wie im Salon der Weimarer Republik

Vorhang auf und die Zeitreise in die Weimarer Republik beginnt. Chansonnier Markus Weber und Dieter Scheithe am Piano entführen unter dem Motto „Die Zwei von der Klangstelle“ im Hoftheater in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Musikalisch perfekt, in Kleidung und Auftreten absolut authentisch, locken die beiden vorwiegend Vertreter der älteren Generation auf die Tromm. Die kommen trotz des Winterwetters erstaunlich zahlreich auf den Höhenrücken.

Das könnte auch daran liegen, dass Weber als Gründungsmitglied der Weinheimer Kabarettgruppe „Spitzklicker“ und Fastnachter mit Leib und Seele in der Region bekannt ist wie ein bunter Hund und damit etliche Fans mitbringt. Die Illusion, die er an diesem Abend jedenfalls bietet, ist perfekt. Angefangen bei der graukarierten Hose mit den Hosenträger, dem schwarzen Hemd, den schwarz-weißen Schuhen und dem Gehstock. Dazu noch der Mannheimer Klaviervirtuose Scheithe als Kontrapart: Das passt.

Als „Tanz auf dem Vulkan“ kennzeichnet Weber die damalige Zeit: die Dekadenz der Charleston-Generation, der erst aufkeimende und dann wieder bröckelnde Wohlstand, die zunehmende Armut durch die Weltwirtschaftskrise, die Populisten, der Fremdenhass. „Eine Zeit, die unserer erschreckend ähnlich ist.“ Aber auch eine solche der schillernden Unterhaltung. Gerade die Chansons sind bis heute Zeugen dieser Epoche und auch fast 100 Jahre später noch Ohrwürmer.

Das macht auch das vorsichtige Mitsummen oder -singen bei manchen Stücken deutlich, die in Fleisch und Blut übergangen sind. Beim Blick in die Zuschauerreihen dürften einige Gäste die bekannten Stücke noch auf dem Grammophon oder dem Plattenspieler der Eltern gehört haben. „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?“ hat sich sogar noch als Hit in die Babyboomer-Zeit hinüber gerettet. „Ich hab‘ das Fräulein Helen baden sehn’“ macht die Frivolität der damaligen Jahre deutlich.

„Schöner Gigolo, armer Gigolo“ heißt es im Chanson über den Husaren aus dem Jahr 1928, der sich als adliger, aber durch den Krieg verarmter Edelmann reichen Frauen andienen muss. Wie Weber das nicht nur hier mit dem Tremolo in der wandlungsfähigen Stimme, seinen Bewegungen und seinen Blicken rüberbringt, ist eine Show für sich. Dazu noch Scheithe als kongenialer Partner am Flügel: Die Revue aus einem Nachtclub oder einer Bar der Weimarer Zeit ist perfekt.

Nicht nur der verarmte Husar macht deutlich, dass es in den Goldenen 20ern oftmals schon von den Wänden abblätterte und auch die unschönen Seiten immer mehr zum Vorschein kamen. Als der Tonfilm Fahrt aufnahm, hatten plötzlich die Stummfilm-Orchester keine Berechtigung mehr. „Mein Bruder macht beim Tonfilm die Musik“, heißt das entsprechende Lied dazu. Für die einzelnen Geräusche wird gleich das Publikum eingespannt.

Gesellschaftliche Umwälzungen kündigen sich durch die Emanzipation der Frau an. Frisuren, Kleider, Aussehen: Alles ändert sich. Gleichzeitig wirkt noch die Prüderei des Kaiserreichs nach, was eben beim Fräulein Helen deutlich wurde. Waren die Männer zu Beginn der 20er Jahre noch harmlos, wie Weber in der „keuschen Susanne“ schmunzelnd rüberbringt, kommt immer mehr der Playboy zum Vorschein. Passend dazu der Evergreen von Theo Mack: „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami“.

Aber auch die Damen wussten mitzuhalten: „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, singt Markus Weber fürs weibliche Geschlecht. Was sie vom Playboy aus der Czardasfürstin oder der Lustigen Witwe halten, brachte Walter Kollo zum Ausdruck: „Die Männer sind alle Verbrecher.“ Wiederum Theo Mack hatte dafür in Gestalt der Femme Fatale der 30er Jahre, Zarah Leander, die passende Antwort: „Nur nicht aus Liebe weinen.“

Die „Nacht voller Seligkeit“ darf natürlich ebenso nicht fehlen wie das berühmte „Es wird einmal ein Wunder geschehen“. Peter Kreuder mit seinen Evergreens („Ich brauche keine Millionen“ und „Das gibt‘s nur einmal“) wechselt sich ab mit nachdenklichen Passagen von Ringelnatz oder Tucholsky. Heiter, frivol, aber auch melancholisch, traurig, ergänzen sich der Mann am Mikro und der Klavierspieler, werfen sich immer wieder gesanglich und textlich die Bälle zu, ziehen sich selbst durch den Kakao.

Humor und Lebensfreude stehen dabei im Kontrast zu dem, was 1933 folgte und vor dessen Wiederkehr die beiden Künstler den warnenden Zeigefinger erheben. Aber nicht zu viel Botschaft in einem eigentlich heiter-lustig-beschwingten Programm:  „Eine Nacht voller Seligkeit“ von Marika Rökk, Zarah Leanders „Kann denn Liebe Sünde sein?“ oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von Marlene Dietrich finden begeisterten Anklang bei den Zuschauern. Wie auch „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“ zum Abschluss.

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Rollentausch wie im Märchen: Irina Maier spielte im Hoftheater auf der Tromm das Stück „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“

„Ein fulminantes kleines großes Stück“: Da hatte Jürgen Flügge wohl recht mit seiner Kurz-Beschreibung, die er vor der Aufführung von „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ dem Publikum im Hoftheater gab. Der Theaterchef führte Regie, hatte auch die Texte zu dem Stück nach dem Märchen der Brüder Grimm geschrieben. Verkörpert wurde es in allen Facetten von Irina Maier, die als „One-Women-Show“ dabei eine unglaubliche Wandlungsfähigkeit an den Tag legte.

Wenn man von einer gespaltenen Persönlichkeit reden kann, dann der von Maier in der Märchenadaption. Die mehr als 20 Rollen der Geschichte wurden allein von ihr verkörpert. Von einem Augenblick auf den nächsten schlüpfte von einer Person in die nächste, war der herrische, arrogante König, dann das verschüchterte Findelkind Felix, die Räuber-Großmutter, die hochnäsige, überkandidelte Königin, der quengelnde Teufel und, und, und….

Das Klopfen des Stocks, der ebenso wie seine Besitzerin vielen verschiedenen Zwecken diente, kündigte den Beginn an. Mit weiten, wallenden, farbenfrohen Gewändern kommt Maier auf die Bühne, springt gleich mitten ins Stück, berichtet von dem alten Mann, dessen Antriebslosigkeit sie so gar nicht verstehen kann. Vom Fährmann, der seinen geraden Weg geht, weil er sonst immer hin und her musste.

Der Fährmann ist es auch, der als immer wiederkehrender Bezug den Bogen schlägt zu den verschiedenen Passagen des Märchens. In der einen Minute ist Irina Maier noch dieser, wie er vom Jungen mit der Glückshaut berichtet, der mit 14 Jahren die Tochter des Königs heiraten wird. In der anderen Minute wirft sie den Schal nach hinten, richtet das Hemd, wechselt den Gesichtsausdruck und wird zum König, der sich unerkannt im Dorf herumtreibt und die neuesten Gerüchte aufschnappt.

Die flüsternden Nachbarn, die die Geschichten weitertratschen, die keifenden Frauen und wieder der König: Maier springt so nahtlos von einer Rolle in die andere, dass das Zuschauerauge und -ohr kaum folgen kann. Der Herrscher ist ihr dabei besonders gut gelungen, ihn gibt sie mit viel Pfeffer, macht ihn mit ihrem Auftreten zum Unsympathen des ganzen Stücks, dreckige Lache und Gemeinheiten inklusive.

Der Weg des dann 14-jährigen Felix Müller durch den Wald, das Eintreffen an der Räuber-Hütte, die rührende Räuber-Oma am Kochtopf oder die quietschende Tür: Nicht nur den Personen, auch der Handlung haucht die Schauspielerin mit allerlei Geräuschen und Bewegungen Leben ein. Ihre Paraderollen sind die extravaganten, extrovertierten, charakterreichen Figuren, die in ihrem lauten Tun dann manchmal auch heimlich ein Stück Mitgefühl an den Tag legen.

Der sich verhaspelnde Felix, die armen Müllersleute oder die eher ruhigeren Parts gehen bei der ausdrucksvollen Spielweise von Irina Maier fast schon unter, verblassen gegenüber den überbordenden Parts, mit denen sie den ganzen Saal beherrscht, bei denen ihre Stimme ohne Verstärkung bis in den hintersten Winkel dringt, die schon fast allein auch durch ihre Mimik leben.

Zum Paradestück wird der Höllenbesuch, den der Junge auf Drängen des Königs absolvieren muss, um dem Teufel die drei goldenen Haare zu klauen. Eigentlich ja ein unlösbares Unterfangen, aber wir erinnern uns, es ist ein Märchen. Und deshalb kann Felix des Teufels Großmutter erweichen, dem Enkel diese Haare zu entwenden – und dazu auch noch gleich die Antworten auf drei knifflige Fragen.

Der keifende Teufel, der sich als müder Höllen-Kerl mit Streichelbedarf präsentiert, ist eigentlich auch ein Großmutter-Söhnchen, das sich wie ein quengeliges, schreiendes Kleinkind immer wieder von der singenden Oma beschwichtigen lässt und letztendlich alles Nötige preisgibt. Was bedeutet, dass dem Happy-end logischerweise nichts im Weg steht. Wie das aussieht, können sich Interessierte bei der Wiederholung am 9. April anschauen.

Es ist eine Geschichte vom Streben nach Glück und der unstillbaren Gier der Menschen nach Macht und Gold, die da im Hoftheater auf die Bühne gebracht wurde. Irina Maier schlüpfte mit großer Intensität in jede Figur und gewann so dem alten Stoff ganz neue Seiten ab. Der Zauber und die Faszination des Märchens blieben aber gerade dadurch erhalten. „Wir haben zusammen lange daran gearbeitet, damit das Stück nicht einfach nur erzählt wird“, erläuterte Flügge.

Info: „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ wird noch einmal am Sonntag, 9. April, um 15 Uhr im Hoftheater auf der Tromm aufgeführt.

„Dalilas lange Nacht“ im Trommer Hoftheater: Der Weg ins Land der Träume entwickelt sich fast zum Albtraum

Sie nutzt die gesamte Breite des von Davis Maras gestalteten Bühnenbildes. Flüstert, bettelt, schreit, erzählt, bittet gurrend um Beistand, hofft wortreich, lässt ihrer Verzweiflung freien Lauf. In ihrem Gesicht spielt sich die ganze Bandbreite der Mimik zwischen erwachender Hoffnung und fortschreitender Verzweiflung bis hin zur Desillusionierung ab, gefolgt von ungläubigen Erstaunen über den Erfolg: Ayca Basar beherrscht als Dalila beim Ein-Frau-Stück „Dalilas lange Nacht“ im Trommer Hoftheater die Bühne, zieht in ihren Bann.

Der vom Münchner Autorenteam Hürdem Riethmüller, Tristan Berger und Orhan Güner geschriebene Monolog über das Fremdsein (auch im eigenen Land) ist sogar älter als die 1993 geborene und jetzt in Mannheim wohnende Schauspielerin Basar. Und ist trotzdem von ungeahnter Aktualität. So stark, dass es nach seiner Erstaufführung Ende der 80er Jahre zwischenzeitlich aktualisiert wurde.

Für die Aufführung auf der Tromm nahm sich Jürgen Flügge des Themas als Regisseur an. Die aktuelle politische Situation scheint an allen Ecken und Ende durch. Dalila ist eine der vielen Flüchtlinge, Migranten und Einwanderer, die versuchen, hierzulande Fuß zu fassen. Und dabei auf ein undurchdringliches Dickicht an Behördenwirrwarr trifft. Dem versucht Dalila mit orientalischer Schläue entgegen zu stehen, möchte die kalten Bürokraten mit der Wärme arabischer Geschichten schlagen.

Ins Land ihrer Träume zu kommen entwickelt sich dabei nach und nach fast zum Albtraum. Dalila droht an den aufgebauten Hürden zu verzweifeln, kommt mit den unterschiedlichen Mentalitäten nicht klar. Die Worte werden ihr im Mund herumgedreht, gängige Vorurteile machen die Missverständnisse leicht. Kurz vor der Abschiebung hält sie dann doch eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Händen – kann sich aber überhaupt nicht mehr drüber freuen.

Ayca Basar, im fünften Semester Studentin an der Mannheimer Theaterakademie, zieht dabei alle Register ihrer Schauspielkunst. Ohne sichtbaren Anflug von Nervosität füllt sie die Bühne aus, zeigt große Präsenz, geht auf die Zuschauer zu, spricht zwischendurch auch einmal wie mit sich selbst, lässt die Gäste an ihrer Seelenpein teilhaben. Denn sie will ja eigentlich nichts anderes, als ins gelobte Land zu kommen, von dem ihr zuhause erzählt worden war.

„Sie können mich nicht erkennen? Kaum dass ich einen Fuß in dieses Land gesetzt habe, zwingen Sie mich, meine äußere Erscheinung aufzugeben, und dann … werfen Sie mir vor, nicht mehr die Dalila zu sein, die auf dem Passbild zu sehen ist.“ Basars zeternde, säuselnde, bittende, hoffende Dalila hadert mit den Widrigkeiten, sich einerseits anpassen zu sollen, andererseits aber doch immer wieder auf ihre Herkunft reduziert zu werden.

Deshalb versucht sie, mit der Bildgewalt der Geschichten aus „1001 Nacht“ und zahlreichen Gleichnissen den Beamten ihre Welt näherzubringen. Mit der Magie der alten arabischen Märchenwelt möchte sie die fünf Prüfungen vor den seelenlosen Torwächtern bestehen, die ihr den Zutritt verwehren. Phantasie gegen deutsche Verwaltungs-Nüchternheit, farbige, vor Leben strotzende Erzählungen gegen vorgezeichnete Verfahren – eigentlich ist in der Realität kein Happy-end vorprogrammiert.

Bunte Erzählungen mit einem Schuss Unwahrscheinlichkeit, pfiffiger Witz und ein bisschen Derbheit: Ayca Basar geht in ihren Geschichten auf, lässt das verliebte Paar zu Wort kommen, die Haremsfrauen, weiß von der Prinzessin und dem Affen ebenso zu berichten wie von der alten Frau in der Wüste. Immer verbirgt sich ein tieferer Sinn dahinter, der oftmals an Moral und Anstand, an aufrechte Haltung appelliert. Und in den sonst sich an Gesetzesbuchstaben klammernden Beamten erstaunliche Reaktionen auslösen.

Nach einer guten Stunde ist Dalila erschöpft, fast desillusioniert, jedoch am Ziel ihrer Träume. Ayca Basar schwankt das letzte Mal zwischen purer Verzweiflung und erstaunter Freude über die unverhoffte Anerkennung. Der imaginäre Vorhang fällt, die 23-Jährige eilt von der Bühne, um dann für begeisterten Applaus zurückzukehren. Und sich großes Lob von Jürgen Flügge einzuheimsen: „Du hast Unglaubliches geleistet“, sagt der. Was in den vielen Glückwünschen aus dem Zuschauerraum ebenso zum Ausdruck kommt.

Das war „äänzichartig“, wie sich die beiden in die Wolle bekamen: Das Pfälzer Kabarett-Duo „Spitz & Stumpf“ gastierte

Schrödingers Katze ist einfach an allem Schuld. Das Gedankenexperiment aus der Physik eskaliert schlussendlich in einer Weise, dass sich „Spitz & Stumpf“ nicht nur selbst bis zur Weißglut in die Wolle bekommen, sondern auch die Nachbarn wüst beschimpft werden und zum Schluss die Polizei mit allen verfügbaren Einheiten anrückt. Wie sich die beiden Pfälzer Kabarettisten bei ihrem Auftritt im Hoftheater in Rolle und Szene hineinsteigern, ist eine wahre Pracht. Zu ihrem 20. Bühnenjubiläum gastierten Eugen (Eicheen) Stumpf und Friedel Spitz mit den neuen Programm „Die äänzich Artige“ wieder im Überwald.

Begonnen hat alles ganz harmlos. Die Pfälzer Urgesteine und Wort und (vor allem Eicheen) auch Bild diskutieren ganz sachlich darüber, welches Tier denn in der Jubiläums-Fernsehsendung von „Stumpfs Tierleben“ vorgestellt werden soll. Das würde ziemlich schwierig sein, denn bei wöchentlichen Ausstrahlungen des lokalen Pfalz-Senders aus dem „traditionsbewussten Unternehmen“, dem Stumpfschen Weingut, blieb nicht mehr viel übrig.

Bis auf ein seltenes Exemplar. Das zelebriert der Eicheen genüsslich: den „hausgemeinen Spitz“ mit dem „Ruf eines Kläffers“. Allein die Beschreibung treibt ihm ein ums andere Mal vor Lachen die Tränen in die Augen – und dem Publikum gleich mit. Ob’s nun der toupierte oder der coupierte Schwanz war: Der Friedel Spitz findet das alles nicht besonders lustig. Im Gegensatz zu den Gästen, die ihm gegenüber sitzen und bei Stumpfs bäuerlich derbem Humor bald nicht mehr können.

Das Kammerspiel der zwei Vollblut-Komiker lebt dabei vom Gegensatz: Hier der Etepete-korrekte Friedel, der aber völlig hilflos im Umgang mit den Frauen ist, dort der gnadenlos direkte, aber ebenso einfache Eicheen, der grundsätzlich alles missversteht, was man ihm versucht zu erläutern. Selbst die Botschaften seiner Frau „Mathild“ kommen bei ihm falsch an.

Wie sich die beiden dann bei Schrödingers Katze in einen wahren Rausch hineinspielen, ist ein Erlebnis für sich. Denn der Friedel versucht dem begriffsstutzigen Eicheen das imaginäre Tier für seine Sendung unterzuschieben. Nur hat er nicht Stumpfens Beharrlichkeit in Sachen Verständnis gerechnet. Der zieht erst in Zweifel, dass der Schrödinger überhaupt eine Katze hat („der hot dochn Hund“) und ereifert sich dann einem Maße über die Tierquälerei im dunklen Keller, dass dem Friedel Angst und Bange wird.

Wie sich Eugen Stumpf dabei in Rage redet und aus dem Schreien nicht mehr rausfindet, ist zuerst einmal eine stimmliche Meisterleitung. Außerdem bringt er eine ganz andere Facette seiner Figur zum Ausdruck, die vorher eher augenrollend und grimassen-schneidend à la Louis de Funes auf dem Sofa saß. Der arme Spitz konnte einem nur noch leidtun. Dieses Tempo hielten die beiden Urgesteine über zwei Stunden lang durch.

Die beiden „Äänzich Artige“ haben sich im Laufe der Jahre bereits ein Stammpublikum auf der Tromm erspielt. Stumpf (alias Bernhard Weller) ist der halsstarrige Weinbauer und Spitz (Götz Valter) sein selbst ernannter, besserwisserischer Weingut-Berater. Nach all den bereits erlebten Episoden und Vorkommnissen fragt sich nicht nur der geneigte Theaterbesucher, weshalb bei so viel Tollpatschigkeit und Dollbohrerei das Weingut noch längst nicht Insolvenz angemeldet hat. Anderseits: Bei so viel Unterhaltung gerät die Frage auch schnell wieder in Vergessenheit.

Auch manch Schleier des Geheimnisses wird während des Programms gelüftet. Beispielsweise, weshalb sich Mathild, die Frau von Eicheen, ständig auf Kur befindet. Denn während er denkt, dass sie ihn vollschnarcht, ist es genau anders herum und Mathild will dem Armen mit seinem leichten Schlaf nicht zur Last fallen. Im Hintergrund versucht sie daneben, Friedel unter die Haube zu bringen, damit endlich ein bisschen Ruhe im Weingut einkehrt. Aber das geht prächtig in die Hose.

Einen Friedel Spitz gibt es in jedem Dorf, an jedem Stammtisch. Er geht seiner Umwelt gewaltig auf den Keks, aber man braucht Typen wie ihn auch. So ein Spitz kann für einen ruheliebenden, naturverbundenen Freund eine Heimsuchung sein. Und so weiß Eugen Stumpf oft nicht, ob er Friedel Spitz lieben oder ersäufen soll. Es lässt sich nicht vermeiden, dass er viel zu oft in das strudelnde Fahrwasser der Spitz‘schen Naturkatastrophen gezogen wird.

Skulptur und Bild gehören für Ingrid Scholz zusammen: Kunstaktion „Beziehungswand“ und Skulpturen-Wiese auf der Tromm vorgestellt

Auf die Skulpturenwiese genau auf der Grenze zwischen Wald-Michelbach und Grasellenbach hatte Künstlerin Ingrid Scholz zur Vernissage eingeladen. Vorgestellt wurden sowohl die Kunstaktion „Beziehungswand“ als auch die auf der Wiese befindlichen Skulpturen. Anschließend konnten die Skulpturen im nahe gelegenen Scholz-Garten und Bilder in der Galerie „artstract“ bewundert werden. Begrüßt wurden die Gäste von Prof. Gerold Scholz.

„Kunst bedeutet für Ingrid Scholz, unterschiedliche Vorstellungen und Empfindungen in ihren Wirkungen darzustellen und damit nachvollziehbar zu machen“, sagte der Leiter des Hof-Theaters Tromm, Jürgen Flügge, in seiner Eröffnungsrede. „Offenbar ist die Tromm ein Anziehungspunkt für Menschen, die künstlerisch tätig sein wollen“, meinte er Blick auf die vielen Aktivitäten auf dem und rund um den Hügelrücken.

„Wer auf der Tromm wandert, soll Natur und Kultur genießen können. Und wer hier angekommen ist, kann erleben, wie sich Kunst und Natur zueinander verhalten“, formulierte Flügge. Sechs Objekte habe Ingrid Scholz mittlerweile auf der Wiese versammelt – und dazu noch die Beziehungswand. Flügge versprach den Gästen: „Wenn Sie nächstes Jahr wiederkommen, werden Sie neue Objekte vorfinden.“

Flügge erläuterte das Konzept hinter Ingrid Scholz‘ Schaffen: Ein Teil der Skulpturen passe sich der Landschaft an und verstärke deren Atmosphäre. Andere Skulpturen kontrastierten wiederum das Landschaftsbild. Für Ersteres stehe das große Blatt. „Es ist fast sechs Meter hoch und drängt sich dennoch nicht auf. Man hat das Gefühl, es stünde schon immer da.“ Für die zweite Intention, die Kontrastierung, sei das Kreuz aus Computerteilen mit dem Titel „Anbetung“ ein Beispiel. Die Kunstaktion Beziehungswand wiederum mache sichtbar, „dass Kunst hier zum Dialog auffordern will, dazu, sich zu dem, was man hier anfassen und sehen kann, zu verhalten“.

„Skulptur und Bild gehören für sie zusammen“, meinte Flügge zum Kunstverständnis von Ingrid Scholz. „Beide sind nur unterschiedliche Mittel, um Ideen anschaulich zu machen.“ Scholz mische diese Elemente auch. So klebe sie Edelstahl auf ihre Bilder und bearbeite den Stahl so, dass er eine bildhafte Struktur erhalte. „Das Bild wird durch die Skulptur inspiriert und umgekehrt.“ Diese Offenheit entspreche ihrer Kunstauffassung.

Wie der Leiter des Hof-Theaters weiter ausführte, lege Scholz „auf die inhaltliche Aussage ihrer Arbeiten Wert“ – trotz des unverkennbaren Bezuges zum Konstruktivismus, der ihren Werke eigen sei. „Skulpturen wie Anbetung weisen deutlich in diese Richtung.“ Bei vielen Bildern dominierten heitere, helle Farben: rot, gelb, blau. Viele hätten einen Bezug zu Urlaubsreisen und damit verbundenen Erlebnissen oder Beobachtungen. „Viele Bilder sind heiter und zuversichtlich“, so Flügge. Die erkennbare Freude stehe nicht im Kontrast zur Analyse und zum Nachdenken. „Wer wahrnimmt und nachdenkt, so möchte ich sie übersetzen, kann sich dabei erfreuen.“

Die besondere Stellung der Tromm nicht nur unter Natur-, sondern auch unter kreativen Gesichtspunkten würdigte Wald-Michelbachs Bürgermeister Joachim Kunkel. Das sei für beide Gemeinden „sehr bemerkenswert“, sprach er für seinen ebenfalls anwesenden Kollegen Markus Röth aus Grasellenbach.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich der Ort nicht nur durch die Anstrengungen von Ingrid Scholz in Sachen Kunst einen Namen gemacht. Der Überwald „ist in punkto Kunst, Kultur und Schauspiel allgemein gut aufgestellt“, wies Kunkel auch auf den am Donnerstag beginnenden Trommer Sommer mit einem reichhaltigen und weit über die Grenzen der Region hinaus strahlenden Angebot hin.

Im Folgenden erläuterte Ingrid Scholz die Beziehungswand: Dort könne jeder ein Objekt, eine Erinnerung, ein Bild aufhängen, mit dem er eine besondere Beziehung habe. Alles werde dokumentiert und unter www.beziehungswand.de ins Internet gestellt. Scholz selbst machte den Anfang und erklärte, was sie dort befestigt hatte: einen alten Wasserschlauch. In Erinnerung an einen Küchenbrand im Haus und mit der Hoffnung verbunden, dass so etwas nie mehr passieren möge.

Die Beziehungswand in Verbindung mit dem Ort und dem Odenwald sei „einfach klasse“, lobte Christa Mücke. Sie hängte ein Plakat mit einer persönlichen Notiz auf. Derya Michel hatte aus der Türkei ein sogenanntes „Blauauge“ mitgebracht, das böse Blicke abwenden soll. Angelika Borchert zeigte sich nach anfänglicher Skepsis von der „Durchlässigkeit“ der Beziehungswand begeistert. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein auf dem Scholz-Anwesen bestand in ungezwungener Atmosphäre die Möglichkeit, die dortigen Skulpturen im Garten, aber auch die Arbeiten von Ingrid Scholz in ihrem Atelier in Augenschein zu nehmen.

Wie erreicht die Kultur aus dem Überwald die Rheinebene?

„Wie definieren wir Kultur?“ Und: „Wie transportieren wir unsere kulturellen Veranstaltungen über den Überwald hinaus?“ Zwei Fragen, mit denen sich die Teilnehmer am dritten Kulturforum beschäftigten. In „Gelis Bistro“ am Bahnhof Wald-Michelbach traf man sich, um darüber zu diskutieren, wie für die kulturellen Aktivitäten vor Ort mehr Interessenten erreicht werden können. Relativ schnell kristallisierte sich heraus, dass der beste Weg hierzu eine eigene Publikation in welcher Form auch immer sein könnte.

Die Frage, ob „Kerwen“ als kulturelle Veranstaltung in die Arbeiten des Kulturforums aufgenommen werden sollten, wurde laut Schröder beim vorherigen Treffen länger diskutiert. Eine Mehrheit habe sich dafür ausgesprochen, diese Angebote bei einer Kulturentwicklungsplanung auszuklammern. Es sollten solche Angebote im Kulturforum aufgegriffen werden, die sich in Art und Weise von anderen abhöben und einen besonderen Charakter aufwiesen.

Um die Auswahl der über das Kulturforum unterstützten Kulturangebote im Überwald weiter zu filtern, wurde letztes Mal die Einrichtung von Untergruppen besprochen. Eine Gruppe soll sich mit der Auswahl von Angeboten im Bereich „Einrichtungen und Bauwerke“ und eine andere mit „Persönlichkeiten, Vereinen und Soziales“ beschäftigen. Beide sollen bestimmen, welche Angebote aus den genannten Schwerpunkten in eine Vermarktung über das Kulturforum gelangen.

Das Thema solle gemeinsam angegangen werden, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren, sagte ZKÜ-Geschäftsführer Sebastian Schröder zu Beginn des jetzigen Treffens. Ähnlich äußerte sich auch Jürgen Flügge vom Trommer Hoftheater als Initiator eines Kulturentwicklungsplans. Es gelte zu klären, was man vorantreiben wolle. Den großen Rahmen dürfe man dabei nicht außer Acht lassen. Aus der Bestandsaufnahme heraus solle die Marschrichtung entstehen, wo man hinwolle.

Es gehe darum, so Flügge, in einer ländlichen Region zu zeigen, wie ein gut gemachtes Kulturprogramm mit den entsprechenden Inhalten als Heft aussehen könne. Allerdings benötige es für eine solche Publikation auf einem guten Niveau auch Partner, betonte er. Er habe deshalb bereits den Kontakt zu einem Stadtmagazin aus Darmstadt gesucht. Flügge ist ein hoher Informationsgehalt wichtig. Außerdem müsse die Überlegung vorgeschaltet sein, was in einen solchen Kulturflyer mit aufgenommen werde, wie weit der Begriff Kultur gefasst, wie er definiert werde, sagte er.

Dass dies dann auch den „Charakter eines Magazins“ hätte, wie Schröder einwarf, bestätigte Flügge. Ihm gehe es nicht um einen reinen Veranstaltungskalender. Dem Theaterwissenschaftler schwebt ein „wertiges“ Produkt vor, irgendwo in der Mitte zwischen einem Hochglanzmagazin und einer Anzeigenzeitung angesiedelt. Darin könne man auch die Kulturschaffenden der Region präsentieren.

Sebastian Schröder merkte an, dass man beim vergangenen Kulturforum übereingekommen sei, „nicht auf Masse zu gehen“, sondern unter anderem auch einzelne Akteure in den Vordergrund zu rücken. Auch hatte er Bedenken, zu viele Termine mit in eine Publikation zu packen. In Sachen Veranstaltungskalender hatte Theo Reichert eine Anregung. Die Bergstraße gebe einen Mini-Flyer im DIN-A-7-Format heraus, „der auf Messen einen reißenden Absatz findet“. Gundolf Reh wies auf ein entsprechendes Produkt im Heidelberger Raum hin, das alle zwei bis drei Monate erscheine.

Regionale Kunst und Kultur hätten mehr Aufmerksamkeit verdient, betonte Jürgen Flügge. Es gehe darum, wie man die Kultur im Überwald weiter voranbringen könne. Für ihn gehöre vom Kirchenkonzert bis hin zur Rockmusik alles dazu. Laut Schröder sollen die regionalen Ereignisse über den eigentlichen Bereich hinaus transportiert werden, um auch Interessenten etwa in Mannheim oder Darmstadt zu erreichen.

Bürger sollten als Partner der Kultur gesehen werden, nicht nur als Nutzer, so Flügge. Förderung solle dort ansetzen, wo es sonst Künstlern schwierig sei, ein größeres Publikum zu erreichen. Es gelte zu überlegen, für welche Projekte man Fördergelder aus welchen Töpfen akquirieren könne. Eine Kooperation von Kultur und Wirtschaft sei wünschenswert. Auch den Aufbau eines regionalen Kulturmanagements analog der Wirtschaftsförderung konnte er sich vorstellen.

Es gelte, einen professionellen Partner mit ins Boot zu holen, der in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum entsprechende Angebote erstelle, so Schröder zusammenfassend. Flügge will in dieser Sache nun beim genannten Stadtmagazin vorfühlen, Schröder bei den lokalen Medien eruieren, inwieweit die Überwälder Kultur auch überregional publik gemacht werden könne.

Schröder wies daneben darauf hin, dass das ZKÜ „keine Kulturförderstelle“ sei. Der inhaltliche Impuls müsse von den Kulturschaffenden ausgehen. Das Kulturforum stehe allen offen. „Jeder, der mitarbeiten will, kann einsteigen“, sagte Schröder. Man verstehe sich als offener Arbeitskreis. Veranstalter, die eine Aufnahme eigener Projekte wünschten, könnten sich einbringen. „Wir wollen was draus machen, was Bürgern und Auswärtigen präsentiert werden kann“, so sein Resümee