Durch den Abzug von Lehrerstunden könnte das ÜWG zum „Gymnasium zweiter Wahl“ werden

Martina Tavaglione, 38, ist Vorsitzende des Gesamtelternbeirats am Wald-Michelbacher Überwald-Gymnasium. Zwei ihrer drei Kinder gehen aufs ÜWG. Aus Sicht der Eltern nimmt sie zu den Kürzungsplänen der Landesregierung Stellung.

Frau Tavaglione, in der gymnasialen Oberstufe sollen Lehrerstunden zugunsten des Pakts für den Nachmittag und der Inklusion abgezogen werden. Was sagen Sie dazu?

Tavaglione: Warum muss eine Entlastung der Eltern und Grundschulen eine Belastung der Gymnasien darstellen? Hier wird nur umgeschichtet, anstatt dass das Schulsystem weiter ausgebaut wird. Man nimmt einem Teil des Systems etwas weg, damit ein anderer Teil es bekommt? Ist das gerecht? Nein. Die Gymnasien leisten sehr gute Arbeit. Dafür werden sie jetzt bestraft, weil man meint, sie könnten diese gute Arbeit auch weiterhin erbringen, nur mit weniger Arbeitskräften. Vielleicht hätten sich unsere Gymnasiallehrer nach der ganzen Pisa-Misere weniger ins Zeug legen sollen, dann würde man sie jetzt nicht wegrationalisieren – in dem Glauben, dass ein Lehrer den Job von zweien machen kann.

Hat die PISA-Studie dann aus Ihrer Sicht nichts bewirkt?

Tavaglione: Wenn man sich im Nachhinein anschaut, was die Pisa-Studie an Geldern verschlungen hat und welch bombastischen Aufwand an Personal sie benötigte, wird einem schier schwindelig. Was in der Folge über das Schulsystem hereinbrach, sorgt immer noch bei sehr vielen Eltern und Lehrern für Kopfschütteln.

Welche Auswirkungen befürchten Sie konkret am Überwald-Gymnasium, wenn wie geplant acht Lehrerstunden in der Oberstufe gestrichen werden?

Tavaglione: Am Überwald-Gymnasium wird diese Umverteilung der Mittel folgende Auswirkungen haben: Die Oberstufenkurse wachsen bis auf das doppelte an Schülern an, sodass dann 30 oder mehr Jugendliche in einem Kurs sitzen. Das kann man dann kaum noch Leistungskurs nennen. Die Leistung besteht höchstens darin, überhaupt noch was vom Unterricht mitzukriegen und nicht in einer solch großen Lerngruppe unterzugehen. Außerdem wird das ÜWG bei gekürzten Lehrerstunden sein bisher tolles, breites Angebot an Kursen nicht mehr bieten können.

Was bedeutet dies?

Tavaglione: Es wird weniger Kurse geben, da es weniger Lehrer gibt. Die Schüler können nicht mehr wirklich entsprechend ihren Neigungen nach auswählen. Wenn sie das tun möchten, werden sie an andere, größere Schulen abwandern, die ihnen das bieten können, was das ÜWG gerne bieten würde, aber dann nicht mehr kann.

Welche Konsequenzen befürchten Sie für die Schule?

Tavaglione: Die Kürzung der Oberstufen-Lehrerstunden könnte unser ÜWG womöglich zum Gymnasium zweiter Wahl machen. Die unter vielen Anstrengungen jetzt endlich wieder wachsenden Schülerzahlen in der Unterstufe brechen uns dann Anfang der Oberstufe wieder weg. Das kann ja wohl nicht Sinn und Zweck der Schulpolitik sein.

Was wurde am ÜWG in den vergangenen Jahren in die Wege geleitet?

Tavaglione: Wir sind gerade an unserer Schule seit Jahren sehr engagiert und aktiv, Kinder aus dem Ort nicht an andere, weiter entfernte Schulen abwandern zu lassen. Und dann sollen wir diese in der Oberstufe, mit guten Wünschen, wieder ziehen lassen? Weil uns manche Politiker in einer gewissen „Gutsherrenmanier“ sagen wollen, wie das Geschäft zu laufen hat? Uns, Leuten, die sich täglich damit beschäftigen, allen Kindern nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden. Das kann nicht sein.

Der Pakt für den Nachmittag und die Inklusion sind eigentlich lobenswerte Vorhaben. Wie sollen diese ihre Meinung nach angegangen werden, ohne dass es sich nachteilig auf kleine Gymnasium und deren Schüler auswirkt?

Tavaglione: Die Inklusion ist eine wichtige Sache. Bereits im Kindergarten habe ich mich bewusst dafür entschieden, meine beiden Kinder in die damals noch sogenannte Integrationsgruppe zu geben. Heute heißt es eben Inklusion. Ich wollte, dass meine Kinder früh lernen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt. Mir ist wichtig, dass sie ohne Berührungsängste mit Kindern umgehen können, die anders sind als sie. Und auch der Pakt für den Nachmittag ist eine tolle Sache. Aber weshalb muss an einer ebenso wichtigen Stelle, nämlich der Vorbereitung auf den Beruf und die Universität, gekürzt werden, um Inklusion und Nachmittagsbetreuung möglich zu machen? Das ist ein Armutszeugnis für Hessen und eine Augenwischerei, was die Öffentlichkeit betrifft.

Was kritisieren Sie?

Tavaglione: Hier wird so getan, als käme etwas zu unserem Schulsystem hinzu, stattdessen wird nur umverteilt. Das ist eine sehr kurzsichtige Schulpolitik, die hier betrieben wird. Ein ähnliches Beispiel war das achtjährige Gymnasium – ein offensichtlicher Schuss in den Ofen, bei dem es auch nur um Sparmaßnahmen ging. Und jetzt wird denselben Schülern, die schon unter G8 leiden mussten, auch noch eine Oberstufe mit Einschränkungen zugemutet. Es gehört zusätzliches Geld in den Schulsektor gepumpt. Aber anscheinend lässt Wiesbaden uns lieber ausbluten. Es ist schon klar, was hier dahinter steckt. Man versucht irgendwo, egal wo, zu sparen. Aber hier wird am ganz falschen Ende gespart.

Was ist Ihrer Meinung nach das Ende vom Lied?

Tavaglione: Über kurz oder lang werden die kleinen Gymnasien nicht mehr konkurrenzfähig sein und zugemacht werden. Ich hoffe nur, dem ÜWG wird das nicht passieren.

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Kommunaler Finanzausgleich: Die Hoffnung auf eine Änderung zum Besseren schwindet

Kommunalpolitiker aus dem ganzen Kreis zeigten am Mittwoch Flagge bei der öffentlichen Anhörung zum Gesetzentwurf der Landesregierung in Bezug auf den Kommunalen Finanzausgleich (KFA). Allerdings ist die Hoffnung unter ihnen eher verhalten, dass sich am Gesetz vor der Verabschiedung noch etwas ändern wird. „Nicht viel inhaltliches Neuland“, machte Wald-Michelbachs Bürgermeister Joachim Kunkel aus. Neckarsteinachs Herold Pfeifer formulierte es sarkastisch: „Wir waren halt mal da.“

Immerhin: Der Kreis Bergstraße stellte bestimmt ein Drittel der Besucher aus ganz Hessen, die der kommunalen Ebene zuzuordnen sind. Allein aus Wald-Michelbach waren noch der Erste Beigeordnete Peter Bihn und CDU-Fraktionsvorsitzender Stefan Doetsch dabei, aus Fürth Bürgermeister Volker Oehlenschläger, aus Grasellenbach Markus Röth und vom hessischen Neckartal noch sein Kollege Rainer Sens aus Hirschhorn.

Bergstraße und Ried zeigten ebenfalls Flagge mit Landrat Matthias Wilkes und Finanzdezernent Matthias Schimpf sowie Bürgermeister und städtischen Beigeordneten. „Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“, lässt sich die Reaktion der Zuschauer auf die Äußerungen von Landesregierung und Regierungsfraktionen beschreiben. Mit mehr oder weniger geballter Faust in der Tasche wurden die durch die KFA-Neuordnung eintretenden „Verbesserungen“ zur Kenntnis genommen, die nach Ansicht der Betroffenen aber so gar nicht eintreffen werden.

Ende Juli soll der Landtag das neue Gesetz, welches ab dem 1. Januar 2016 gelten soll, beschließen. Während der Anhörung hatten die kommunalen Verbände (Städte- und Gemeindebund, Landkreis-, Städtetag) die Möglichkeit, ihre Einschätzung vorzutragen. Des Weiteren gaben Gutachter der Verbände und der Landesregierung Stellungnahmen ab und konnten von den Landtagsabgeordneten befragt werden. Für die Bergstraße sprachen Landrat Wilkes und der in der Stadt Bensheim für Finanzen zuständige Stadtrat Adil Oyan.

Nahezu alle Stellungnahmen gingen in die gleiche Richtung: Das vorgelegte Gesetz werde dem Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“ auch für die Zukunft nicht gerecht, die Städte und Gemeinden würden nicht ausreichend finanziert. Sie müssten entweder ihre Leistungen einschränken oder weitere Steuererhöhungen vornehmen, wenn es nicht zu Änderungen komme, fasste Viernheim Bürgermeister Matthias Baaß die Stimmung unter seinen Kollegen zusammen.

Landrat Wilkes verdeutlichte an einem Beispiel die Problematik: Das Land habe den Landkreisen auferlegt, die Kosten der Schülerbeförderung komplett zu übernehmen. Das führe dazu, dass vielen Schülern zum Beispiel im Odenwald ein komplettes Monatsticket für 50 Euro zu zahlen sei. Gerne würde er dafür einen Eigenbeitrag der Eltern verlangen, dies habe die Landesregierung (damals noch Rot-Rot-Grün) aber verboten, die neue Regierung habe es nicht geändert.

In die Bedarfsermittlung, welche jetzt Grundlage für den neuen Finanzausgleich sei, seien diese 50 Euro, die der Landkreis pro Monat und Schüler zu zahlen habe, aber nicht komplett eingeflossen. Wilkes: „Wir werden verpflichtet, 100 Prozent zu zahlen, dürfen keinen Beitrag erheben, bekommen aber nicht 100 Prozent erstattet. Zur Belohnung werden wir dann noch der Unwirtschaftlichkeit bezichtigt. Das ist Unfug.“

Bürgermeister Kunkel machte deutlich, dass die Odenwald-Gemeinden von einer Neuregelung aufgrund ihrer ländlichen Lage noch mehr betroffen seien als die Städte in der Ebene. Er monierte die „zweifelhafte Berechnung“ des Finanzbedarfs der Kommunen, da sie nicht miteinander zu vergleichen seien. „Wir fühlen uns vom Land allein gelassen“, gab Kunkel die Stimmung nicht nur der Überwald-Bürgermeister wieder.

„Der große Wurf nach mehr Gerechtigkeit fehlt“, sagte der Wald-Michelbacher Bürgermeister. Auch wenn die Debatte sachlich gewesen sei, könne er nicht beurteilen, ob Kritik und Zweifel in den Köpfen der Abgeordneten von CDU und Grünen angekommen sei. „Ich weiß nicht, ob sich noch groß was ändert“. Was er sehr bedauere, denn er hätte sich gewünscht, „dass solche weitreichenden Entscheidungen in vertrauensvoller Zusammenarbeit getroffen werden“. Und nicht den Weg über Gerichte gehen müssten.

Sein Neckarsteinacher Kollege Pfeifer könnte sich vorstellen, dass bis zur Verabschiedung „noch was in Richtung Kommunen geht“. Denn Städte- und Gemeindebund würden auf jeden Fall nochmal die Diskussion über den KFA anstoßen. Ansonsten hörte er in der Diskussion „Altbekanntes“. Bei einigen Abgeordneten vermisste er darüber hinaus die Kenntnis darüber, „wie eine Gemeinde funktioniert“.

Die Kirchweih im Überwald als Hauptfest der Landbevölkerung

Die „Kerwesaison“ im Überwald startet in diesem Jahr früh. Den Beginn macht Hartenrod bereits vom 2. bis 4. Mai, gefolgt ein Wochenende später von Aschbach und Kocherbach (8. bis 11. Mai). Für uns hat der Wahlener Heimatkundler Horst Mühlfeld, Vorsitzender des örtlichen Geschichts- und Kulturvereins, in alten Brauchtums-Büchern geblättert, um die Kirchweih, Kerwe oder Kerb als bedeutendstes Fest des Jahres in den Dörfern des Odenwaldes näherzubringen.

Das Kerwefest erstreckt sich laut Mühlfeld meist über drei Tage und findet in der Regel von Samstag bis Montag statt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kirchweih ist, wie der Name schon sagt, der Tag, „an dem die Dorfkirche dem Schutzpatron und Namensgeber geweiht wurde“. Wie kann man aber Kirchweih in einem Dorf feiern, in dem keine Kirche vorhanden ist, stellt Mühlfeld eine interessante Frage in den Raum. Wenn das Dorf keine Kirche habe, so ist dem Heimatforscher zufolge der Schutzpatron des Dorfes für das Kerwedatum zuständig. Die erste Kirchweih wurde seinen Worten zufolge laut Lorscher Kodex im Jahr 765 gefeiert, als die dortige Klosterkirche geweiht wurde. Sogar Karl der Große soll dabei gewesen sein.

In den Ablauf der Kirchweih im Odenwald „war früher stets der örtliche Pfarrer mit eingebunden“, so Mühlfeld. Diese Tradition erfuhr auch mit Aufkommen der Reformation in Deutschland keinen Abbruch. Im Kurmainzer Staat legte die Obrigkeit großen Wert auf die Feste – Kirchweih war laut Mühlfeld neben der Fastnacht das Hauptfest der Landbevölkerung. „Wie auch heute nahm die ganze Gemeinde daran teil.“

Verwandte, Bekannte, Musiker – und häufig auch Diebe – kamen, Händler boten ihre Waren an, Zahnbrecher und Schausteller sorgten für Kurzweil, führt der Vereinsvorsitzende aus. Doch ab dem 16. Jahrhundert „reagierte die Obrigkeit zunehmend kritisch auf Kirchweih und Fastnacht“. Denn die lief ihrer Meinung nach „zu undiszipliniert und ausschweifend ab“. Kirchenverordnungen und Gesetze wurden erlassen, die auch für den Odenwald galten.

1573 kam es laut Mühlfeld sogar so weit, dass das Feiern der Kerb in Hessen unter Androhung von Strafe verboten war. Als Begründung gab man an, dass sie einen katholischen Ursprung habe und es bei diesem Fest „durch übermäßiges Fressen und Saufen zu Unzucht und üblen Schlägereien komme“. Doch die zahlreichen Erlasse nutzten nicht viel, weiß Mühlfeld zu berichten. Oft gelang es der Bevölkerung, die Verbote zu umgehen „und die lokalen Amtsträger und Pfarrer von der Notwendigkeit der Kirchweih zu überzeugen“.

1782 wird von einer Beschwerde an die Landesregierung berichtet, „dass Tantzen, Trincken und Spielen die Nächte durch zum äußersten Verderben der Jugend und zum Veranlass Schlägereien und Unzucht geduldet werde, wie dann in dem kleinen Orth Dresel (Trösel) drey by derley Gelegenheit geschwängerte Mägdlein sich befinden“.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert wurden von der Obrigkeit weitere Verordnungen erlassen, so der Heimatkundler. Mit Genehmigung des Papstes seien 20 niedere Feiertage auf Sonntag verlegt worden, „die Kirchweih durfte nur noch einen Tag nach Sonntag gefeiert werden“. Auch sollten alle Kirchweihtage in der Erntezeit auf einen anderen Termin verlegt werden, Orte ohne eigene Kirche sollten mit ihrem Pfarrort die Kirchweih feiern. Ziel war es, „den Landmann nicht unnötig von der Arbeit abzuhalten“.

Doch nach wie vor erwies sich die Bevölkerung als halsstarrig und feierwütig, erläutert Horst Mühlfeld. Sie ließ sich ihre Kerwe einfach nicht nehmen. „Das sah schließlich auch die Obrigkeit ein und kassierte lieber Strafgelder und Steuern.“ Ähnlichkeiten zum Umgang mit Bestimmungen und Gesetzen in heutiger Zeit sind rein zufällig…

Die Kerwe das höchste Dorffest wird von zahlreichen Bräuchen umrahmt, berichtet er. So werde die Kerwe vor dem Dorf ausgegraben und per Festzug in den Ort geleitet, dort zur Schau gestellt, nach der Feier wieder hinausgetragen und begraben oder verbrannt. Träger des Kerwebrauchs sind seinen Worten zufolge die Kerweburschen, sie übernähmen die gesamte Ausgestaltung des Festes. Sinnbild sei meist der bunt bebänderte Kerwekranz, „in manchen Ortschaften aber auch eine mit Stroh ausgestopfte Puppe“.

Die Kerweumzüge finden Mühlfeld zufolge in der Regel am Nachmittag des Kerwesonntags statt. Die teilnehmenden „Gestalten“ können in den jeweiligen Odenwalddörfern unterschiedlich sein. Meist sei der Anführer der Kerwepfarrer, in manchen Dörfern trete noch der Schimmelreiter, eine Doppelgestalt – Frau mit Mann auf dem Rücken – auf oder werde das Kerwerad mitgeführt. Auch das ausgegrabene Kerwezeichen, „oft ein mit Apfelwein gefüllter steinerner Krug“, werde unter Musik zur Schau getragen.

Der Kerwepfarrer, meist als evangelischer Geistlicher verkleidet, steigt nach den Worten des Wahlener Heimatforschers auf eine Leiter und verliest die Anekdoten aus dem vergangenen Jahr, oft in Versform. Musikanten spielten derzeit die altbekannten und überlieferten Weisen wie „Schnicker“, „Trippler“, „Schleifer“, „Schürzenwalzer“, „Polka“ und vielleicht sogar den „Siebensprung“. Beim Tanz komme oft wieder der Odenwälder Nationaltanz, der Dreischrittdreher, zu Ehren.

Der Kerwemontag wiederum ist laut Mühlfeld den Ortsansässigen vorbehalten, während die auswärtigen Gäste den Sonntag ausgiebig mitfeierten. „Montag um Mitternacht ist die Kerb zu Ende.“ Den Abschluss bilde das Verbrennen der Kerwestrohpuppe oder das Vergraben des Weinkruges. Im Laufe der Zeit habe sich der Kerwebrauch verändert, erläutert er. „Manche Sitten gerieten in Vergessenheit, neue Bräuche kamen hinzu.“ Was aber geblieben sei: Es wird gesungen, getanzt und gelacht, „gefressen und gesoffen“ – die Kerwe ist immer noch die Kerwe.

Horst Mühlfelds Quellen: Geschichts- und Heimatbücher über den Odenwald

Ohne eine vernünftige Anbindung an die Bergstraße geht gar nichts

Auch wenn die B38 im Weschnitztal einige Kilometer entfernt ist, so hat sie doch direkte Auswirkungen auf die Arbeit der Igena in Wald-Michelbach. Wie der technische Leiter Steffen Reinsch gleich zu Beginn des Besuchs von SPD-Landratskandidat Gerald Kummer verdeutlichte, „gab es schon Absagen von Firmen, nach dem die einmal den Weg von der Autobahn hierher gefahren sind“. Nichtsdestotrotz sehen Reinsch und Geschäftsführer Werner Lipp den Industriepark einige Jahre nach seiner Gründung auf einem sehr guten Weg.

Das Thema B38-Umgehung kam wie aus der Pistole geschossen auf Kummers Frage, was der Kreis für ein Unternehmen wie die Igena tun könne. „Hier muss sich so bald wie möglich etwas bewegen“, betonte Lipp. Er halte wenig von Zuschüssen, denn das Geld dafür müsse ja auch wieder irgendwo her kommen. Außerdem bedeute die Beantragung viel Bürokratie. „Es wäre gut, wenn mehr Nachfrage von der Bergstraße her kommt“, sagte er. Nach wie vor würden einige Unterhemen durch die schlechte Verkehrsanbindung abgehalten.

„Bei der B38 müssen wir alle an einem Strang ziehen“, forderte Kummer. Aufgrund der derzeit kursierenden unterschiedlichen Infos „wollte ich konkret wissen, woran es hängt“, so der SPD-Kandidat. Seinen Worten zufolge wurde per Eilantrag gegen die Planfeststellung mit Sofortvollzug geklagt. Dieser Antrag wiederum „liegt unbearbeitet vor Gericht“. Und zwar deshalb, „weil die Finanzierung nicht steht“. Die Argumentation des Gerichts sei, wenn noch keine Gelder im Bundeshaushalt für das Projekt eingestellt seien, „ist der Eilantrag auch nicht eilig“.

„Die verantwortlichen Bundespolitiker aus dem Kreis müssen sich für die Bewilligung der Haushaltsmittel einsetzen“, forderte der SPD-Politiker. Mit Michael Meister (CDU) und Parteifreundin Christine Lambrecht habe man zwei hochkarätige Vertreter in Berlin sitzen. Und der Bundesverkehrsminister solle sich mal mit anderen Themen als der Maut beschäftigen, so Kummer. „Wenn der Sofortvollzug rechtskräftig ist, wird gebaut“, sagte er. Die Planfeststellung als solche könne noch jahrelange beklagt werden.

Deutliche Worte fand in Bezug auf die Bauverzögerung der erste Beigeordnete von Wald-Michelbach, Peter Bihn. Meister und Lambrecht seien so hoch in der Partei- und Regierungshierarche angesiedelt, dass bei ihm der Eindruck entstehe, „die können oder wollen es nicht“. Es sei doch „eine Farce, was hier abläuft“, machte er seinem Ärger Luft. Er als Unternehmer bekomme schon fast keine Spedition aus Mannheim mehr, weil diese den langen Anfahrtsweg scheue.

Mit einem Bau der Umgehung „kehrt auch die Lebensqualität zurück“, ergänzte Kummer. Und nicht zuletzt brauche man für eine starke Wirtschaftsregion die entsprechenden Verkehrswege. „Wir müssen Farbe bekennen, dass die B38a notwendig ist“, betonte er. Sie könne eine Aufwärtsspirale in Bezug auf Wirtschaftsansiedlung und Bevölkerungsentwicklung Gang setzen.

Mit der Igena-Gründung sei die Gemeinde ein hohes Risiko eingegangen, erläuterte Reinsch dem Gast und seiner Begleitung von örtlichen SPD-Politikern die Vorgeschichte. Doch: „Es hat sich gelohnt“, verdeutlichte er. Inzwischen schreibe man Gewinne und sei selbst zum Auftraggeber von örtlichen Firmen geworden. 300.000 Euro gingen als Aufträge in die Region, von den angesiedelten Firmen noch einmal um die 200.000 Euro. Nicht zuletzt profitiere auch die Gemeinde durch etwa 100.000 Euro, die auf die eine oder andere Weise im Haushalt ankämen. Er könne allerdings die damaligen Vorbehalte bei Gründung gut nachvollziehen, ergänzte Lipp.

Das Thema Finanzen wurde auch in einem größeren Kontext behandelt. Werner Lipp übte Kritik an der „schwarzen Null“ im Bundeshaushalt. Die müssten doch letztendlich die Kommunen bezahlen. Bei Landrat Wilkes habe es das Prinzip gegeben: „Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch.“ Das vermisse er immer mehr. So müssten etwa die Kindergärten inzwischen überall knapsen, weil die Landesmittel fehlten. „Da sind wir inhaltlich voll auf einer Linie“, pflichtete Gerald Kummer bei. „Ich habe es noch nie erlebt, dass das Konnexitätsprinzip wirklich angewendet wurde.“

37 Millionen Euro, die der Bund in Hessen den Kommunen für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung stelle, „werden nicht weitergereicht“, sagte er. Sie verblieben beim Land. Denn das stelle sich auf die Position, dass die den Städten und Gemeinden zur Verfügung gestellten Pauschalen reichen müssten. „Tun sie aber nicht“, so Kummer. Und wenn das seitens der Kommune ausgesprochen werde, dann werde man vom Land so hingestellt als könne man „nicht mit Geld umgehen“. Für den SPD-Politiker „ein Unding“.

„Man spürt an der bemerkenswerten Atmosphäre im Raum, dass hier die Chemie stimmt“, zollte Kummer dem Igena-Team Lob. Diesem Urteil pflichtete Reinsch bei. Man treffe sich in kleinem Kreis, um Grundsatzentscheidungen zu diskutieren und zu treffen. Viele eigene Ideen fänden Eingang, sagte Lipp, es seien alte Kontakte aktiviert worden, um das Projekt Igena zu Beginn auf die Beine zu stellen. Die sind es auch hauptsächlich, die zu neuen Mietern führen.

„Wir versuchen Neugründer zu unterstützen und bieten flexible Konditionen“, so Reinsch. „Es ist Leben in der Bude“, meinte er. Bei Raumgröße oder Mietpreis könne man ab und zu geben. Auf diese Weise habe man schon so manche Firma angelockt, die zuerst in kleineren Räumen anfing und danach kräftig aufstockte. Etwa Jöst mit zuerst 200, jetzt 1200 Quadratmetern angemieteter Fläche. Oder Cortec mit früher 500, jetzt 3000 Quadratmetern. Ein Rundgang übers Gelände mit Besichtigung der Holzhackschnitzelanlage schloss sich an.

Befürchtete Kostenexplosion bringt Privatwaldbesitzer auf die Palme

Die hessische Landesregierung hat derzeit scheinbar kein gutes Händchen für ihre Projekte. Der geplante kommunale Finanzausgleich treibt den Bürgermeistern die Zornesröte ins Gesicht, avisierte Kostenerhöhungen um bis zu 500 Prozent in der Privatwaldbetreuung durch Hessen-Forst bringen die Waldbesitzer auf die Palme. Landauf, landab versuchen sowohl die Behörde als auch Vertreter des Umweltministeriums und der Regierungsfraktionen, die Wogen zu glätten. Sie haben keinen leichten Stand, denn ihnen steht eine Übermacht an empörten Waldbesitzern gegenüber.

So auch in Beerfelden, wohin die Forstbetriebsgemeinschaft südlicher Odenwald (FBG) zur Infoveranstaltung eingeladen hatte. Die dortige alte Turnhalle platzte aus allen Nähten ob des großen Andrangs. Aus dem gesamten Odenwald waren die Waldbesitzer gekommen, nicht nur aus dem Einzugsbereich der FBG, der sich mit dem des Forstamts Beerfelden deckt: Wald-Michelbach, Grasellenbach, Abtsteinach, Sensbachtal, Rothenberg, Beerfelden, Hirschhorn, Neckarsteinach, jeweils inklusive Ortsteile.

Das Podium war sehr hochkarätig besetzt. Aus dem hessischen Umweltministerium hielt Martin Küthe das Hauptreferat des Abends. Hessen-Forst war mit seinem Leiter Michael Gerst vertreten. Die Grünen hatten ihre stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Landtag, Martina Feldmayer, gleichzeitig Sprecherin für Landwirtschaft und Wald, in den Odenwald geschickt. Die CDU vertrat der Landestagsabgeordnete Peter Stephan aus dem Kreis Bergstraße, die SPD der Odenwaldkreis-MdL Rüdiger Holschuh. Der Vorsitzende der FBG, der Wald-Michelbacher Bürgermeister Joachim Kunkel, sprach einleitende Worte und moderierte die Diskussion. Später schaute auch noch der Landrat des Odenwaldkreis, Dietrich Kübler, vorbei.

Kurz und knapp fasste er zusammen, was Küthe danach ausführlich beleuchtete: Der Privatwald solle in Zukunft 50 Prozent (oder 3,5 Millionen Euro) der Kosten von 7,3 Millionen Euro erwirtschaften, die bei Hessen-Forst für seine Betreuung aufliefen (aktuell kommen „nur“ 730.000 Euro rein). Als Begründung für die angestrebte bessere Kostendeckung nannte Kunkel auch die in der Landesverfassung verankerte Schuldenbremse. FBG und angeschlossene Kommunen fühlten sich beim Forstamt Beerfelden „in guten Händen“, so der Bürgermeister.

Der Wald sei „viel zu wichtig“, um nun ein „Wegbrechen guter Strukturen zu riskieren“, sagte Kunkel. Denn, so zeigte sich auch in der Diskussion, größere Betriebe könnten angesichts der Preissteigerungen durchaus mit dem Gedanken spielen, Alternativen zu Hessen-Forst zu suchen. Die Ankündigung von höheren Beiträgen kam laut Kunkel „etwas hart rüber“. Ihre Höhe könne in dieser Form „nicht akzeptiert werden“. Falle sie dagegen angemessen aus, wäre dem Rathauschef zufolge durchaus ein Konsens möglich.

Das komplexe System der Waldförderung durch das Land und die Kostenstrukturen von Hessen-Forst stellte Referatsleiter Küthe vor. Der zeigte sich zu Beginn von der vollen Halle beeindruckt. „Der Odenwald toppt alles“, so Küthe. Was aber inhaltlich nichts an seinen Aussagen änderte, dass eine größere Kostenerhöhung kommen werde, nur wie sie genau aussehen wird und wen sie wie trifft, ist noch Gegenstand der Beratung in einer Arbeitsgruppe.

Laut Küthe lassen von 22.000 hessischen Privatwaldbesitzern etwa 50 Prozent ihren Wald von Hessen-Forst betreuen. Derzeit gebe es hier eine Kostendeckung von etwa zehn Prozent, die auf 50 Prozent steigen solle. Schon Ende März solle ein neuer Richtlinienentwurf vorliegen. Immerhin: Solange der nicht in einer Verordnung gemündet sei, gelten Küthe zufolge noch die alten Beitragssätze. „Die forstliche Welt ändert sich“, brachte er es lapidar auf den Punkt. Hessen-Forst müsse – auch vor dem Hintergrund möglicher Entscheidungen des Bundeskartellamts – kostendeckender arbeiten.

Nach aktuellem Stand sollen nach der Neuordnung forstbetriebliche und forsttechnische Betreuung außerhalb der Holzernte unter 30 Hektar Betriebsgröße kostenlos sein. Über 30 ha Betriebsgröße würden für die forsttechnische Betreuung bei Mitgliedschaft in einem forstlichen Zusammenschluss 10 Euro je Hektar und Jahr netto fällig. Für die forsttechnische Betreuung während der Holzernte sei noch unklar, ob ein Kostenbeitrag pro Festmeter oder prozentual vom Erlös erhoben werden solle.

Rechtfertigung, Wut, Frust, Resignation: Zwischen diesen Polen schwankten die folgenden Statements und Diskussionsbeiträge. CDU- und Grünen-Politiker verteidigten die Erhöhung mit Blick auf Schuldenbremse und gewünschte Nettoneuverschuldung des Landeshaushalts, hofften nichtsdestotrotz auf eine gütliche Einigung. Von „Nachhaltigkeit“ auch mit Blick auf die Finanzen sprach Peter Stephan. Hessen-Forst-Chef Gerst sicherte zu, „wir wollen weiterhin eine verlässliche Dienstleistung erbringen“. Man wolle sich „dem Wettbewerb stellen“.

Ralf Kredel, Mitglied des FBG-Vorstands, bemängelte die „viel zu hohe Summe“, die so nicht bleiben könne. Wo sollten die 3,5 Millionen Euro herkommen, die bereits im Landeshaushalt eingeplant sind? Denn seiner Meinung nach werden „die größeren Betriebe bei einer Kostenerhöhung gehen“. Aber die würden einen Großteil dieser Summe beitragen. Er hoffe auf eine Lösung für alle, „doch die Hoffnung schwindet“.

Rüdiger Holschuh mutmaßte, dass das Land über den Weg der Kostenerhöhung vielleicht aus der Beförsterung des Privatwaldes nach und nach aussteigen wolle – weil sich die Waldbesitzer andere Anbieter suchten. Transparenz erst dann herzustellen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen sei, sah er als den falschen Weg an.

Die angestrebte Zertifizierung des hessischen Staatswalds nach FSC bedeutet laut Holschuh, dass acht Prozent der gesamten Fläche im Wert von 250 Millionen Euro aus der Bewirtschaftung herausgenommen würden. „Dagegen sind 3,5 Millionen doch nur ein kleiner Teil“, so Holschuh. Ein Vergleich, gegen den sich die Befürworter allerdings wehrten. Was aber nicht verhinderte, dass in der Diskussion nochmal mit Nachdruck darauf abgehoben wurde.

Waldbesitzer Max-Dieter Gutmann aus Hirschhorn-Langenthal äußerte sich „deprimiert, dass vorher darüber nicht geredet wurde“. Er wertete den Entwurf als „unausgegoren“. Zehn Prozent mehr wären vernünftig gewesen. Die Verantwortlichen sollten doch „im Rahmen bleiben“, so seine Bitte. Der Großteil der privaten Waldbesitzer werde mit dieser „drastischen Erhöhung“ nicht zurechtkommen, prognostizierte er. „Es wird viele Kündigungen geben.“

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Ein Unternehmer von altem Schrot und Korn

Peter Jöst ist genau der Typ Mittelständler, um den das Ausland Deutschland so beneidet. Mit seinen 73 Jahren ist der Gründer und Geschäftsführer von „Jost Abrasives“ in Affolterbach vor Ideen sprühend, agil, jeden Morgen um 8 Uhr im Büro, in der Region verwurzelt, sozial engagiert, um das Wohl seiner Mitarbeiter besorgt. Patente sammelt er wie andere Leute Bierdeckel. Ein mehr als interessanter Gesprächspartner somit für den SPD-Landratskandidaten Gerald Kummer.

Der jetzige Landtagsabgeordnete war aber nicht allein gekommen. Mit ihm statteten Karin Hartmann, ebenfalls MdL und wohnhaft im Nachbarort Grasellenbach, der Erste Beigeordnete Peter Bihn, SPD-Fraktionsmitglied Wolfgang Wojcik und der Ortsvereinsvorsitzende Sascha Weber dem Werk einen Besuch ab. Jöst Abrasives stellt Schleifmittel und Schleifsysteme für viele namhafte Unternehmen in aller Welt her. Sei es für Auto-, Möbel-, Stahl, Schiffsbau, Flugzeug- oder Kunststoffbau. Würth, Honda, VSM oder Umicore zählen zu den Kunden der Firma aus Affolterbach.

Mit 50 Mitarbeitern wird auf 8000 Quadratmetern ein Jahresumsatz von etwa acht Millionen Euro erwirtschaftet. Eigentlich ist die Firma Jöst damit ein Zwerg in der Branche – aber nicht, wenn es um Erfindungen geht. Denn Peter Jöst ist ein Tüftler. Seine Ideen sind so gut, dass große Konzerne ihm die Patente streitig machen wollen. In der Hoffnung, dass Jöst nicht die notwendigen finanziellen Mittel hat, um aufwendige Gerichtsprozesse durchzustehen. Aber weit gefehlt. Jöst macht als David den Goliaths immer wieder das Leben schwer, wehrt sich mit Zähnen und Klauen und nimmt den (erfolgreichen) Kampf gegen milliardenschwere Global Player auf.

So etwa im Fall einer Multiloch-Scheibe, deren Patent er mit Erfolg gegen einen französischen Bauprodukte-Konzern verteidigte. Ein Kampf, der ihm immer wieder an die Substanz geht. Und ihm bei einer Niederlage um die Zukunft seiner Firma und vor allem der Mitarbeiter fürchten lässt. Aber nachgeben wird und will er trotzdem nicht. Denn für Peter Jöst ist klar: „Die Mitarbeiter sind das Herz des Betriebs.“ Viele arbeiten schon Jahre und Jahrzehnte hier.

„Ich habe noch nie einen einzigen Euro Zuschuss beantragt“, ist der Unternehmer stolz. Und beantwortet damit auch indirekt Gerald Kummers Frage, was er sich von der Politik wünsche. Allerdings fände er es sinnvoll, staatliche Zuschüsse auch an den Umgang mit den Mitarbeitern zu koppeln. Wer Geld bekomme, der dürfe nicht Arbeitnehmer vor allem mit Zeitverträgen beschäftigen und nach zwei Jahren wieder auf die Straße setzen.

Für Jöst ist eine soziale Absicherung in Form unbefristeter Arbeitsverträge auch gesellschaftspolitisch wichtig. Denn so könnten Arbeitnehmer Fuß fassen, sesshaft werden, eine Familie gründen. Wenn man sie dagegen immer wieder auf die Straße setze, dürfe man sich auch nicht beklagen, dass es immer weniger Kinder und Familien gebe. „Das zeichnet Sie aus, dass Sie so denken“, meint Kummer in Richtung des Unternehmers. Und Karin Hartmann ergänzt: „Es ist bedauerlich, dass es immer weniger Familienunternehmen gibt, die so langfristig denken.“

Denn trotz des Exports in alle möglichen Weltregionen ist die Firma im Odenwald verwurzelt. Jöst selbst kommt aus Ober-Abtsteinach, in die Firma sind inzwischen die beiden Söhne Christian und Dominik eingestiegen. In Wald-Michelbach ist der Betrieb im örtlichen Leben präsent und bringt sich auch sozial unterstützend ein, etwa bei der Einrichtung der Kleiderkammer.

Christian Jöst kann daneben keinen Standortnachteil erkennen. Pakete seien zu 99 Prozent am nächsten Tag deutschlandweit bei den Kunden. Seit der Einführung des schnellen Internets mit 50 Mbit/s surfe man nun besser als in manchen Großstädten. Wenn die Förderung des Landstrichs so fortgeführt werde wie unter dem bisherigen Landrat, ist er zuversichtlich. Die Firma investiere laufend, gerade aktuell wieder in zwei neue Fertigungsmaschinen.

Es werde immer mehr am Mittelstand rumgeknapst, so SPD-Kandidat Kummer. „Irgendwann gibt es ihn nicht mehr.“ Man dürfe nicht nur von Förderung reden, sondern müsse sie auch praktizieren. Sowohl für einen Landrat als auch für einen Unternehmer sei es wichtig, mit den Bürgern bzw. den Beschäftigten zu reden „und nicht im Elfenbeinturm zu sitzen“, postulierte er. Ein Landrat dürfe nicht spalten, „er muss die Menschen zusammenführen“.

Zu Beginn hatte Peter Jöst seinen Lebens- und Berufsweg skizziert: Wie er als 15-Jähriger eine Schlosserlehre bei Freudenberg begann, danach in Rumänien, China, Japan und den USA für das Unternehmen tätig war, ehe er mit knapp 40 Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. 1981 war es dann soweit, er gründete am Standort Wald-Michelbach die noch heute bestehende gleichnamige Firma. Die wurde zwischenzeitlich beständig erweitert und stößt immer wieder an Kapazitätsgrenzen. „Denn wir haben immer neue Produkte und Patente entwickelt“, so Jöst. Jetzt wurden 1200 Quadratmeter bei Coronet zusätzlich angemietet.

Für bestmögliche Verzahnung der Bildungseinrichtungen

Einen intensiven „Überwald-Abend“ in Wald-Michelbach absolvierte am Montag CDU-Landratskandidat Christian Engelhardt. Sein Schwerpunk im Wahlkampf, die Bildung, wurde dabei ebenso angeschnitten wie örtliche Themen. Gesprächspartner waren neben den drei Schulleitern Fahrenholz, Wilcke und Morper auch die CDU-Vertreter Gölz und Doetsch sowie Bürgermeister Kunkel. Zum Abschluss stellte Engelhardt sich und sein Programm den Mitgliedern der Wald-Michelbacher CDU auf einer Versammlung vor.

Erste Station des Kandidaten waren die drei Schulen des Ortes. Mit den Leitern Reinhard Fahrenholz (Überwald-Gymnasium), Thomas Wilcke (Eugen-Bachmann-) und Corinna Morper (Adam-Karillon-Schule) kam er im Pavillon der Bachmann-Schule ins Gespräch über die Vernetzung der jeweiligen Bildungsanstalten. Es gehe darum, so Engelhardt, „eine bestmögliche Verzahnung zu erreichen“, damit der Übergang von Kindergarten zu Grund- und weiterführender Schule nahtlos funktioniere. Und natürlich später der Weg in den Beruf und – ganz wichtig – die richtige Berufswahl.

Aus seiner Tätigkeit als geschäftsführender Direktor des hessischen Landkreistags sind dem CDU-Landratskandidaten verschiedene Konzepte aus dem ganzen Bundesland bekannt. Einige von ihnen stellte Engelhardt den drei Schulleitern vor. Zur Sprache kam auch der „Pakt für den Nachmittag“, ein für Engelhardt zentrales Thema im Bildungsbereich. Die Integration der Jugendhilfe in diesen Pakt betrachtet er als wichtig.

Angesprochen beim „interessanten Austausch“ (Engelhardt) wurden auch die Schülerzahlen (derzeit stabil) und die Baulichkeiten. Der CDU-Kandidat machte bei letzterem Punkt deutlich, dass das Thema Schulbau bei einem Landrat Engelhardt die gleiche Priorität genießen werde wie beim scheidenden Behördenchef Matthias Wilkes. Darüber hinaus plädiert er für mehr inhaltlichen Einfluss der Landkreise in Bezug auf den Bildungsplan. „Schule und Bildung muss sich auch örtlichen Bedürfnissen anpassen“, so Engelhardt.

Nach einem kurzen Abstecher zum Feuerwachen-Neubau ging es zusammen mit Bürgermeister Joachim Kunkel (li.) sowie dem CDU-Gemeindeverbandsvorsitzenden Manfred Gölz und dem Fraktionsvorsitzenden Stefan Doetsch zur Rudi-Wünzer-Halle (Bild) mit ihrer besonderen Holzbinderbauweise. „Beeindruckend schön“ sei diese, so Engelhardt (re.). Er ließ sich dort über die große Bedeutung der Halle fürs örtliche Leben informieren, aber auch über ihre nicht immer unumstrittene Entstehungsgeschichte.

Im anschließenden Gespräch mit dem Rathauschef ging es um die Stadtentwicklung, den Haushalt und die Finanzierung der Überwald-Gemeinde. Wie viele andere Kommunen des Kreises kämpft auch Wald-Michelbach mit knappen oder sogar fehlenden Mitteln. Engelhardt verdeutlichte, dass er sich für eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Städte und Gemeinden einsetzen wolle, damit diese damit nicht nur ihre Pflichtaufgaben erfüllen könnten, sondern auch „ein bisschen Freiraum bleibt“.

Thematisiert wurde die wieder gestiegene touristische Bedeutung Wald-Michelbachs durch Sommerrodelbahn, Solardraisine und Nibelungenpfad. Weiter ging es um die Bewältigung der Coronet-Pleite und den Igena-Industriepark. Eine „kluge Herangehensweise“ ist für Engelhardt das Agieren der Gemeinde in Sachen Windkraft. Statt einem außenstehenden Investor das Feld zu überlassen, werde Wald-Michelbach selbst aktiv und suche – unter eigener Beteiligung – ein Gebiet mit möglichst breitem gesellschaftlichem Konsens.

Angeschnitten wurde beim Gespräch außerdem die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Engelhardt sieht die Notwendigkeit, Ärzte bei der Ansiedlung auf dem Land zu fördern. Er propagierte das Konzept, die Leitstelle für den Notdienst der kassenärztlichen Vereinigung und Notarztdienst des Landkreises zusammenzulegen, um Synergieeffekte zu erreichen.

Zudem könnten Konzepte wie die „Gemeindeschwester“ (heute auch Versorgungsassistent genannt) letztlich dabei helfen, das wohnortnahe Angebot zu verbessern. „Das Ziel ist gute ärztliche Versorgung“, so Engelhardt. Der CDU-Kandidat hat sich daneben die ÖPNV-Förderung auf die Fahnen geschrieben. So etwa eine nahtlose Verbindung über Kreisgrenzen und Verbundsysteme hinweg sowie ein interkommunales Ruftaxisystem.

Abschluss des Überwald-Abends war bei den CDU-Mitgliedern im „Birkenhof“. Denen stellte Engelhardt sich und sein Programm vor. Fraktionschef Doetsch formulierte – nach Begrüßung durch Manfred Gölz – für Wald-Michelbach wichtige Punkte: Man wünsche sich auch vom neuen Landrat eine solch „starke Unterstützung“ für den Überwald wie bisher von Amtschef Wilkes. Und: Mit der B38a solle es endlich vorangehen.