„Die Zwei von der Klangstelle“: Es klang auf der Tromm wie im Salon der Weimarer Republik

Vorhang auf und die Zeitreise in die Weimarer Republik beginnt. Chansonnier Markus Weber und Dieter Scheithe am Piano entführen unter dem Motto „Die Zwei von der Klangstelle“ im Hoftheater in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Musikalisch perfekt, in Kleidung und Auftreten absolut authentisch, locken die beiden vorwiegend Vertreter der älteren Generation auf die Tromm. Die kommen trotz des Winterwetters erstaunlich zahlreich auf den Höhenrücken.

Das könnte auch daran liegen, dass Weber als Gründungsmitglied der Weinheimer Kabarettgruppe „Spitzklicker“ und Fastnachter mit Leib und Seele in der Region bekannt ist wie ein bunter Hund und damit etliche Fans mitbringt. Die Illusion, die er an diesem Abend jedenfalls bietet, ist perfekt. Angefangen bei der graukarierten Hose mit den Hosenträger, dem schwarzen Hemd, den schwarz-weißen Schuhen und dem Gehstock. Dazu noch der Mannheimer Klaviervirtuose Scheithe als Kontrapart: Das passt.

Als „Tanz auf dem Vulkan“ kennzeichnet Weber die damalige Zeit: die Dekadenz der Charleston-Generation, der erst aufkeimende und dann wieder bröckelnde Wohlstand, die zunehmende Armut durch die Weltwirtschaftskrise, die Populisten, der Fremdenhass. „Eine Zeit, die unserer erschreckend ähnlich ist.“ Aber auch eine solche der schillernden Unterhaltung. Gerade die Chansons sind bis heute Zeugen dieser Epoche und auch fast 100 Jahre später noch Ohrwürmer.

Das macht auch das vorsichtige Mitsummen oder -singen bei manchen Stücken deutlich, die in Fleisch und Blut übergangen sind. Beim Blick in die Zuschauerreihen dürften einige Gäste die bekannten Stücke noch auf dem Grammophon oder dem Plattenspieler der Eltern gehört haben. „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?“ hat sich sogar noch als Hit in die Babyboomer-Zeit hinüber gerettet. „Ich hab‘ das Fräulein Helen baden sehn’“ macht die Frivolität der damaligen Jahre deutlich.

„Schöner Gigolo, armer Gigolo“ heißt es im Chanson über den Husaren aus dem Jahr 1928, der sich als adliger, aber durch den Krieg verarmter Edelmann reichen Frauen andienen muss. Wie Weber das nicht nur hier mit dem Tremolo in der wandlungsfähigen Stimme, seinen Bewegungen und seinen Blicken rüberbringt, ist eine Show für sich. Dazu noch Scheithe als kongenialer Partner am Flügel: Die Revue aus einem Nachtclub oder einer Bar der Weimarer Zeit ist perfekt.

Nicht nur der verarmte Husar macht deutlich, dass es in den Goldenen 20ern oftmals schon von den Wänden abblätterte und auch die unschönen Seiten immer mehr zum Vorschein kamen. Als der Tonfilm Fahrt aufnahm, hatten plötzlich die Stummfilm-Orchester keine Berechtigung mehr. „Mein Bruder macht beim Tonfilm die Musik“, heißt das entsprechende Lied dazu. Für die einzelnen Geräusche wird gleich das Publikum eingespannt.

Gesellschaftliche Umwälzungen kündigen sich durch die Emanzipation der Frau an. Frisuren, Kleider, Aussehen: Alles ändert sich. Gleichzeitig wirkt noch die Prüderei des Kaiserreichs nach, was eben beim Fräulein Helen deutlich wurde. Waren die Männer zu Beginn der 20er Jahre noch harmlos, wie Weber in der „keuschen Susanne“ schmunzelnd rüberbringt, kommt immer mehr der Playboy zum Vorschein. Passend dazu der Evergreen von Theo Mack: „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami“.

Aber auch die Damen wussten mitzuhalten: „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, singt Markus Weber fürs weibliche Geschlecht. Was sie vom Playboy aus der Czardasfürstin oder der Lustigen Witwe halten, brachte Walter Kollo zum Ausdruck: „Die Männer sind alle Verbrecher.“ Wiederum Theo Mack hatte dafür in Gestalt der Femme Fatale der 30er Jahre, Zarah Leander, die passende Antwort: „Nur nicht aus Liebe weinen.“

Die „Nacht voller Seligkeit“ darf natürlich ebenso nicht fehlen wie das berühmte „Es wird einmal ein Wunder geschehen“. Peter Kreuder mit seinen Evergreens („Ich brauche keine Millionen“ und „Das gibt‘s nur einmal“) wechselt sich ab mit nachdenklichen Passagen von Ringelnatz oder Tucholsky. Heiter, frivol, aber auch melancholisch, traurig, ergänzen sich der Mann am Mikro und der Klavierspieler, werfen sich immer wieder gesanglich und textlich die Bälle zu, ziehen sich selbst durch den Kakao.

Humor und Lebensfreude stehen dabei im Kontrast zu dem, was 1933 folgte und vor dessen Wiederkehr die beiden Künstler den warnenden Zeigefinger erheben. Aber nicht zu viel Botschaft in einem eigentlich heiter-lustig-beschwingten Programm:  „Eine Nacht voller Seligkeit“ von Marika Rökk, Zarah Leanders „Kann denn Liebe Sünde sein?“ oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von Marlene Dietrich finden begeisterten Anklang bei den Zuschauern. Wie auch „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“ zum Abschluss.

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Bitterböse bayrische Balladen: „30 Jahre Wellküren“ beim Trommer Sommer

Wenn sich Moni in Rage redet, dann gibt es kein Halten mehr. Minutenlang lässt sie kein gutes Haar an der bayrischen Politik, an den Zuständen auf der Welt im Allgemeinen, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, ihr Dialekt wird immer gnadenloser, dass die Zuschauer die Ohren spitzen müssen. Was die eine im Bunde der drei „Wellküren“ beim Auftritt auf der Tromm liefert, ist eine Show für sich, gegen die die hintersinnigen Lieder auf den Volksmusik-Instrumenten manchmal fast verblassen. „30 Jahre Wellküren“ hieß es zum Abschluss des diesjährigen Kultursommers – was für ein Finale.

Voll gepackt ist der Saal des Hof-Theaters, kaum ein freies Plätzchen ist mehr zu ergattern. Es hat sich auch nach Hessen herumgesprochen, was die drei Schwestern aus dem oberbayerischen Oberschweinbach im Landkreis Fürstenfeldbruck Bissiges zu bieten haben, wie sie sich teils hintersinnig-vorsichtig-feingeistig, teils brachial-direkt-eindeutig den Ereignissen und Exzessen auf der Welt widmen.

Die Well-Schwestern sind dabei in guter Gesellschaft. Nicht nur, dass alle 15 Geschwister zumeist mehrere Instrumente beherrschen, mit den „Biermösl Blosn“ in Gestalt von drei Brüdern zeigen sie, dass die satirische Aufbereitung des Erlebten (und das ist gerade in Bayern einiges) Stoff hergibt für eine fulminante Tour de Force durch die Niederungen und Tiefen der heutigen Zeit.

Wenn dabei die Zuschauer des Öfteren mit offenem Mund dasitzen, ist das aber nicht nur den kunstreichen Wortverdrehungen und verbalen Ausfällen geschuldet, sondern auch dem verzweifelten Versuch, dem bayrischen Idiom zumindest in Ansätzen Herr – oder in diesem Fall Frau – zu werden. Ab und zu zählt allein der olympische Gedanke, wenn eine der drei in Fahrt kommt und in ihrem Furor gegen alles und jeden loswettert.

Wenn sie nicht gerade singen, wird es bei den Schwestern bitterbös. Von wegen verbale Wellness. Konzentrierte Aufmerksamkeit ist angesagt, um die gesammelte Schar von Gemeinheiten zu erfassen, die in einem Wortschwall sondersgleichen ausgestoßen werden. Ob es die freistehende Badewanne des Limburger Bischofs ist, die Verfehlungen von Heimatschutzminister Söder oder der Vergleich des großen Trumps mit dem kleinen Trumpi in Bayern sowie deren Gier nach Abgrenzungen: Moni Well redet sich in Rage, dass die Schwestern Bärbi und Burgi nur kopfschüttelnd daneben stehen können.

„Was grenzt an Dummheit? Mexiko und Kanada“ ist da nur die logische Konsequenz in ihrem Denken. Und die Erkenntnis, dass es noch nie eine erfolgreiche Mauer gab. Allerhöchstens die italienische Abwehr- im Fußballspiel gegen Deutschland. Es schreien doch im Moment die am lautesten danach, die sie am längsten hatten, stichelt sie bitterböse nach Osten. Um sich dann gleich beim Publikum einzuschleimen: Gegen den dortigen Dialekt sei „Hessisch ein Hochgenuss“.

Musikalisch weiß man nicht, wo einem der Kopf steht, so schnell ist die Abfolge der diversen Melodien und Stilarten auf den verschiedenen Instrumenten. Auf Ukulele, Harfe, Tuba, Posaune, Gitarre, Hackbrett, Saxofon und Nonnentrompete gibt‘s Schlager, Jazz, Filmmusik, Mozart und natürlich Stubnmusik zu hören, die klassische bayrische Empfängnisverhütung. Wobei die Eltern damit wohl spät anfingen, meinen die Schwestern aufgrund der großen Kinderschar schmunzelnd.

Die Bayernhymne nach einem bunten Melodien-Potpourri hat natürlich in Hessen nicht die übliche Wirkung. Es steht keiner auf wie bei den Heimspielen. Herrlich Burgis Bekenntnis, immer und überall „ein guter Verlierer“ zu sein: Was sie schon alles unters Volk gebracht, schildert sie gern dem aufmerksam lauschenden Publikum. Sechs Gitarren, dazu den Verstand, ihr Herz und ihre Unschuld hat sie schon verloren.

Das Kinderlied vom „Kuckuck“ wird ein dreistimmiges Kanon-Erlebnis, bei dem sie sich schier in Ekstase singen, um dann ganz gesittet mit einem zarten „Simsalabimbambasaladusaladim“ zu enden. „Wenn Männer im Trainingsanzug die Bundesliga im Fernsehen anschauen, glauben die, sie treiben Sport“ heißt es zwischendurch als Seitenhieb aufs vermeintlich starke Geschlecht, dem aber genauso als Wiedergutmachung ein Lied gewidmet wird. Quasi als Dank dafür, dass es ihre Männer so lange mit den Well-Schwestern ausgehalten haben.

Seitenhiebe gibt’s aber auch in schwesterlicher Liebe: Burgi ist Meisterin im Verlieren, Bärbi hat für alles Globuli, bei Moni muss im Falle des Ablebens die Schwertgosch extra erschlagen werden. Lifestyle-Mamis, Transit-Zonen, der eigene Migrationshintergrund mit Wurzeln in Südtirol und Schottland, Facebook, Thermomix oder die Beschwernisse des Alterns: Es gibt nichts, was vor dem Spott der Schwestern sicher ist.

Es ist dann zwar nicht High Noon auf der Tromm, aber spät und vor allem kalt: Die schlotternden Kabarettistinnen kommen zum Schluss und zum Höhepunkt. Das Stubnmusical ist eine bitterböse Abrechnung mit den autoritären Herrschern, egal ob aus Bayern, Russland oder Ungarn. Zur Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“, herrlich schräg auf der Nonnentrompete gespielt, wird über Windkrafttrassen-Chaos oder verfehlte Schulpolitik philosophiert, um dann fatalistisch zu meinen: „Wenn sie nicht bald sterben, regieren sie noch weiter.“

Beim Trommer Sommer war Günther Lindner mit seinem Papiertheater „Die drei kleinen Schweinchen und der Wolf“ zu Gast

Wer nur ein Bilderbuch zur Hand hat und daraus eine spannende, 45-minütige Geschichte stricken will, der sollte auch schauspielerisch begabt sein. Und das ist der Berliner Günther Lindner auf jeden Fall. Mit seinem Papiertheater „Die drei kleinen Schweinchen und der Wolf“ nach dem bekannten englischen Märchen war er beim Trommer Sommer zu Gast und fand seine begeisterte kindliche Zuhörerschaft.

Auf die Bühne tritt ein Mittfünfziger, der verschämt-kokett erst einmal sein schütteres Haar aus der Stirn streicht und dann nach seinem Hut schaut. Mit Hemd und Jackett bekleidet, heimst er, im ersten Moment etwas schüchtern auftretend, gleich viel Vorschussapplaus ein. Unter dem Arm hat er ein großes Buch mit wenigen Seiten. Das wird schnell am Tisch arretiert und aufgestellt. Und sofort geht es mit dem Aufschlagen direkt hinein in die Geschichte.

Das Buch klappt sich auf und gibt den Blick frei in die heile Schweinchen-Welt, in der die Mutter die drei nervigen Bälger nach einer Woche Regenwetter an die frische Luft setzt, weil sie die Streitereien darüber, wer wem die Kartoffeln weggefressen hat, nicht mehr ertragen kann. Also fast wie im richtigen Menschenleben. Schon hier wird die Wandlungsfähigkeit des Manns vom „Theater oN“ am Prenzlberg (was für „ohne Namen“ steht) deutlich. Tief-brummend gibt er das älteste Schweinchen, kieksend-vorsichtig das jüngste, keifend die Mutter.

In die weite Welt geschickt, sind die drei erstmal vorsichtig. Die weite Welt öffnet sich aber schon einmal mit weiteren Buchseiten. Es tut sich ein gelbes Rapsfeld auf, in das sich dann der älteste Filius hinaustraut. Es kommt, was kommen muss: Eine selbst gebaut Strohhütte bietet nicht genug Schutz vor dem gierigen und hungrigen Wolf, der so seinen Abendtisch deckt.

Nicht viel anders geht es dem mittleren Schweinchen, das sich immerhin eine Reisighütte im Wald gebaut hatte. Aber auch hier: Gegen das Magenknurren des Räubers ist kein Kraut gewachsen. Was mit Pusten nicht geht, funktioniert mit Niedertrampeln. Und wieder landet ein Schweinebraten im Bauch des Nimmersatts. Es ist eine Freude, Günther Lindner beim Wechsel zwischen den verschiedenen Figuren und Stimmen zuzuschauen. Die lässt er dazu noch vor den Hintergrundbildern zappeln und zetern, während er aus seinen Papier- und Buchvorlagen alle möglichen Gegenstände formt.

Die volle Aufmerksamkeit seiner kleinen Zuschauer ist ihm gewiss, wenn Lindner praktisch jede Bewegung kommentiert, ein Rübenfeld, einen Apfelbaum oder ein Riesenrad aus dem Hut zaubert. Dazu noch die Figuren am Rand, die er voll komödiantischen Talents mit den jeweiligen Dialekten fast überzeichnet. Sachse, Berliner oder Böhme sind schnell in ihrer Ausdrucksweise zu erkennen und bringen Farbe ins Spiel.

Wie auch Schweinchen Nummer 3, das schlussendlich dafür sorgt, dass dem Wolf gehörig der Appetit vergeht. Es baut sich nicht nur ein Steinhaus, das Pusten und Trampen wiedersteht. Nein, es erweist sich auch noch als so schlau und gewitzt, dass der Böse letztendlich daran verzweifelt. Jede List wird mit einer Gegenlist beantwortet, sodass der Räuber langsam, aber sicher verzweifelt. Sehr zur Freude der Kinder ist das Schweinchen immer einen Schritt voraus.

Als der Wolf dann noch vom Riesenrad fällt und sich mit Bauchschmerzen in den Wald trollt, ist die Befriedigung groß, dass mal wieder das Gute siegte. Mit der Konsequenz, dass das jüngste Schwein jetzt natürlich Riesenrad fahren über alles liebt und jedem die Geschichte erzählt, wie es den Wolf überrumpelte.

Irgendwie vermittelte der Berliner Lindner mit seinem Stück dann doch ein Stück schwäbische Mentalität: „Schaffe schaffe Häusle baue“ kann durchaus von Vorteil sein. Dazu noch ein bisschen Bauernschläue und Gewitztheit: Fertig ist die Kombination, mit denen sich den Widrigkeiten im Leben begegnen lässt. Mit viel Leichtigkeit, Charme und schauspielerischer Brillanz erzählte er die Geschichte vom Sieg der Klugheit über die Dummheit und erweckte auf beeindruckende Weise die bunt bemalten Figuren und die Papier-Szenerie zu faszinierendem Bühnenleben.

Sich selbst kreativ verwirklichen: Kunst-Mitmach-Aktion bei Ingrid Scholz auf der Tromm

Klopfendes Herz, amputierter Mann oder Durchdringung: Die Bilder und Kunstwerke von Ingrid Scholz sind nicht nur ein Hingucker, sie haben auch griffige Namen, die im Gedächtnis bleiben. Die auf der Tromm beheimatete Künstlerin öffnete beim Bergfest aufs Neue ihr Atelier und gewährte einen Einblick in ihr vielfältiges Schaffen. Gleichzeitig gab es an diesem Tag eine Kunst-Mitmach-Aktion, bei der jede/r Interessierte seine eigenen kreativen Fähigkeiten testen konnte.

Ingrid Scholz setzt in ihren künstlerischen Werken das um, was ihr im täglichen Leben begegnet. Aktuell ist das mit „Sonnenwinde“ eine Betrachtung der aktuellen Situation auf der Welt. Denn die Atmosphäre verändere sich durch die Naturphänomene extrem und sorge für viele Katastrophen. Scholz hat für ihr Bild eine Aluplatte mit einer Flex strukturiert, wodurch die Verwirbelungen im Zentrum entstehen.

Zwei Ausrufezeichen, eines nach oben, eines nach unten zeigend, symbolisieren für sie das Auf und Ab in einer Beziehung. Einmal ist der eine oben, dann wieder unten – und umgekehrt. Beim „amputierten Mann“ griff sie das Gefühl von jüngeren Frauen auf, den Partner eventuell einzuengen. „Was mich bewegt, versuche ich umzusetzen“, verdeutlicht Ingrid Scholz. Ihre Ideen sind direkt aus dem Leben gegriffen.

„Wings in the Wilderness“ entstand etwa bei einem England-Aufenthalt mit den Kindern. Als plötzlich aus den Nebelschwaden viele ihr unbekannte Vögel aufstiegen, inspirierte dies die Künstlerin zu dem Holz-Objekt mit zwei stilisierten Flügeln. „Das sind keine Engelsflügel“, schmunzelt Scholz. Das Erlebnis auf der Insel beeindruckte sie dermaßen, dass sie sich an die Arbeit machte und aus Holz ihr Werk aussägte.

Auf großes Interesse stieß die nachmittägliche Kunst-Mitmach-Aktion im Garten. Sie ist angelehnt an Joseph Beuys. Denn dieser war einer ihrer Dozenten, als Ingrid Scholz Kunst und Pädagogik an der Universität Kassel studierte. Bunte Holzklötze konnten auf eine Metallstange gesetzt werden – beliebig in Farbe und Form, ganz wie es den jeweiligen Künstlern gefiel.

„Jeder Mensch ist kreativ“, meinte Scholz nach der Idee von Beuys. Und genau dazu wollte die Aktion ermutigen: sich selbst künstlerisch zu verwirklichen. Die notwendigen Materialien entstanden in Eigenregie: Die diversen Holzklötze ließ sie in unterschiedlichen Formen sägen und dann Löcher in die Mitte bohren, um sie aufeinander schichten zu können. „Alle sind ein wenig verschieden“, betont die Künstlerin.

Deshalb gibt es wie bei den Lottozahlen auch unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten der in Rot, Weiß, Blau und Gelb gehaltenen Holzklötze. Scholz will jedoch nach Abschluss die Gebilde nebeneinander stellen und zu einem einheitlichen Kunstwerk zusammenfügen. Als die ersten Besucher kamen, „ging es ruckzuck, dass Figuren entstanden“, meinte sie. Jemandem das Gefühl zu geben, selbst kreativ tätig sein zu können, ist für sie etwas sehr Wertvolles.

Eine andere Aktion, die vor zwei Jahren im späten Frühjahr startete und dann auch im Rahmen des Trommer Bergfestes lief, ist jetzt im Internet auf www.beziehungswand.de zu sehen und soll eine Wiederholung erfahren. Ingrid Scholz wollte mit ihrer Beziehungswand quasi ein „Museum in der freien Natur“ schaffen, in das sich alle einbringen könnten, wie sie erläuterte. Im Museum gebe es viele aufgehängte Dinge, diesen Ansatz verfolgte sie auch hier.

Das, was den Weg an die Beziehungswand fand, hing dort so lange, wie es die Natur zuließ. Deshalb wurden manche Objekte auch laminiert oder in Klarsichthüllen gesteckt. Inzwischen nagte der Zahn der Zeit so stark, dass Gerold Scholz die Dinge abhängte. Gleichzeitig stellte er aber einen Dreibeiner an diese Stelle, „damit die Leute wieder etwas dranhängen können“. Denn durch das Aufhängen bekomme man eine Beziehung zu den Objekten, so werde die Beziehungs- auch zu einer Museumswand.

Bergfest zieht immer viele Besucher auf die Tromm

Das Bergfest auf der Tromm, inzwischen zum sechsten Mal immer am ersten August-Wochenende durchgeführt, ist immer eine feste Bank im Veranstaltungskalender. Regelmäßig füllt sich der Höhenrücken mit vielen Menschen, wenn es rund um Odenwald-Institut, Hof-Theater, Atelier „artstract“ und Goldschmiede-Atelier von Helena Clemens-Kohrt Spiel, Spaß, Infos und Attraktionen nebst schönem Kunsthandwerklichem gibt. Das Motto lautete diesmal „Der Natur auf der Spur“.

Schon um die Mittagszeit herrschte auf dem Kunsthandwerkermarkt bei herrlichem Wetter reger Betrieb. Messermacher Otto Morr aus Wald-Michelbach hat vom kleinen Küchenmesser bis hin zum großen Hirschfänger alles dabei. Er fertigt sowohl Griffe als auch Stahl in Handarbeit. Verschiedene Hölzer und Gehörne kommen dabei zum Einsatz. Gebrauchsmesser, Outdoor-Artikel oder Jagdmesser für Jäger, Angler und Waldläufer – Morr hat für alle die entsprechende Klinge im Sortiment.

Kunstglaser Peter Hermanns aus dem Lindenfelser Ortsteil Winterkasten fühlt sich bei seinen Arbeiten augenscheinlich der Historie seines Heimatorts verpflichtet: Der Nibelungendrachen ist auf einigen seiner kunstvollen Fensterdekorationen zu finden. Blumenmotive, aber auch detailverliebte, verzierte Gartenlampen bildeten einen weiteren Schwerpunkt der ausgestellten Objekte.

Schreibgeräte, Gewürzmühlen und Holzgefäße hat Thomas Sauer aus Wahlen mitgebracht, der vor Ort verschiedene Dinge auch gleich selbst drechselt. „Sehr entspannt“ ist für den in Neckarsteinach arbeitenden sein einziger Markt, den er mit seinen Exponaten besucht. Unter den erstaunten Blicken der Besucher entstehen auch Füllfederhalter nach einem eigenen Entwurf von Sauer.

Dorothee Flachs aus Hirschhorn war zum dritten Mal auf dem Markt dabei. Sie ist, wie Organisatorin Helena Clemens-Kohrt auch, Mitglied im Zusammenschluss der Odenwälder Kunsthandwerker. Flachs stellt all ihre Kreationen selbst in ihrer Hirschhorner Werkstatt „Midlandfilz“ her. Tücher, Taschen, Kopfbedeckungen und Sitzkissen bilden den Schwerpunkt. „Ich war schon immer am Filzen interessiert“, erzählte sie. Sie verwendet Rohwolle vom Schaf, die sie direkt verarbeitet. „Sie wird durch das Filzen gewaschen“, erläutert sie.

Ein paar neue Kreationen hatte Johannes Gehrig von den Odenwälder Feinen Bränden aus Litzelbach im Gepäck, der mit seiner Frau Monika schon Stammgast ist. Etwa den „Odenwälder Druiden“ aus Obstler, Misteln und Kräutern. Der ist angelehnt an den istrischen Schnaps „Biska“, nach dem er einmal gefragt wurde – und sich prompt daran machte, die Ingredienzien zu erkunden. Der Raubacher Jockel wiederum ist ein Brand, dessen Alkohol vom alkoholfreien Bier der Mossautaler Schmucker-Brauerei stammt.

Aus Mossautal stammt auch Barbara Macholz mit ihrer Keramik. Ihr Beruf, „von dem man kaum noch leben kann“, ist aber für sie eine wunderbare Möglichkeit, „sich zum Ausdruck zu bringen“. Sie hat gebranntes Steinzeug für den Alltagsgebrauch im Gepäck, das auch die Spülmaschine überlebt. Seit 35 Jahren arbeitet Macholz als Keramikerin und hat den Dingen ihren Stempel aufgedrückt. Die drei Linien bei den Tassen und Tellern „sind meine Handschrift, die habe ich entwickelt“.

Stelen in verschiedenen Formen und Farben sind dagegen das Metier von Claudia Rippl aus Schönau. Fast schon eine „Sucht“ ist es für sie, Achatscheiben mit einzuarbeiten. „Ich liebe die Schatten, die von den Gläsern geworfen werden“, sagt sie. „Deshalb gefällt mir meine Arbeit besonders.“ Das gebogene und geschweißte Metall wird von ihr zum Glas hin mit Zement ausgearbeitet. Gerade von unten nach oben Strebendes kennzeichnet ihre Werke. Für Rippl ist es praktisch, dass ihre eigenen Lieblingsfarben Grün und Türkis „auch bei der Kundschaft gut ankommen“, lacht sie.

Der Trommer Hof, in dem jetzt das Odenwald-Institut untergebracht ist, war begehrtes Ziel bei den Kindern. Die Leseratten konnten sich in der Bücherei Lektüre eindecken. Nebenan wurden beim Kinderschminken aus den Kleinen ruckzuck ein Löwe oder ein Schmetterling. Das handwerklich gefertigte Eis vom Keilvelter Hof war wie immer der Renner. Martina Tolnai hatte wie auch im vergangenen Jahr ihre Salbe, Cremes und Öle aus Wildkräutern im Gepäck.

Flohmarktartikel und Haushaltsgegenstände konnten bei Regina Klieber aus Kocherbach auf Spendenbasis erworben werden. Der Erlös geht an eine Selbsthilfegruppe der Uni Heidelberg, Bürger für Leukämie und Tumorerkrankte, „BLUT“. „Ich war selbst einmal an Leukämie erkrankt und möchte auf diese Weise etwas von der erfahrenen Hilfe zurückgeben“, erläutert Klieber. Sie startete mit gesammelten Dingen aus der Verwandtschaft. „Wenn es gut angenommen wird, soll ein solcher Verkauf regelmäßig stattfinden“, sagt sie.

Jongleur und Artist „Coolumbus“ zeigte auf der Bühne des Trommer Sommers sein Können

Das Publikum ist ganz schön vorwitzig. So frech, dass es dem eigentlich nicht auf den Mund gefallenen „Coolumbus“ einmal doch die Sprache verschlägt. Der Jongleur und Artist kündigte auf der Bühne des Trommer Sommers gerade ein „kleines“ Kunststück an, als es Kindermund ihm entgegen kräht, ob er denn nicht auch ein „großes“ machen könnte. Doch das erste Erstaunen war schnell überspielt – und natürlich gab es dann auch ein großes Kunststück zu sehen.

Mit den Bällen, auf dem Einrad oder an den Fackeln zeigte der Kleinkünstler aus Marburg seine großen Künste, die er sich in den mehr als 30 Jahren Beschäftigung mit diesen Dingen angeeignet hatte. Waren es beim Workshop noch drei Kugeln, mit denen die Anfänger das Jonglieren erlernen sollten, flogen auf der Bühne fünf davon in rasendem Tempo durch die Luft. Mal vor Ralph Giesa, mal neben ihm, mal hinter dem Rücken…

Warum der Name? Bevor die Frage kommt, geht „Coolumbus“ selbst drauf ein. „Ich habe auch etwas entdeckt, was andere vor mir kannten“, meint er mit Blick auf seinen Namensvetter, der Indien finden wollte, Amerika fand, was aber vor ihm schon andere getan hatten. Bei Ralph Giese ist es mit dem Jonglieren das Gleiche. Das gab es auch schon vor ihm, wenngleich er sich bestimmte Tricks und Kniffe ebenso ausdachte.

Nach einer (einfachen) Aufwärmübung für die Ausgenmuskeln zeigte er anhand des Jonglier-Grundmusters „Kaskade“ etliche verschiedene Varianten. Mit eingebaut wurden auch ein kleiner und großer (ausziehbarer) Klostopfer sowie die XXL-Variante, ein Bambusrohr mit Klostopfer-Aufsatz und Übertopf darauf. Bei jeder seiner Darbietungen hielt Coolumbus immer den Kontakt mit dem Publikum, band es in seine Vorführungen mit ein.

Ein bisschen Wortwitz darf auch nicht fehlen, als Elias aus Hammelbach („das hört sich schon so an, als wäre es in der Nähe“) als Gehilfe eingesetzt wird. Der darf fünf Bälle mit dem Eimer auffangen und dem Jongleur drei zuwerfen, als der auf dem Einrad sitzt. Zwischendurch kommt noch ein alter Badeteppich zu seinem Recht. Sodass Giesa danach mit Fug und Recht sagt, „ihr lauft jetzt mit einem ganz anderen Blick durchs Haus, wenn ihr wisst, was da für tolle Sachen sehen“.

Nicht nur der temperaturmäßige Höhepunkt ist das Spiel mit dem Feuer, sprich brennenden Fackeln. Dass das archaische Element immer gut ankommt, merkt man am sofort aufflammenden Applaus. Auch hier wieder das Grundmuster Kaskade. Die Fackeln fliegen ebenso wild durch die Gegend. Beim kalten Wind auf der Tromm mit einzelnen Tropfen gar keine schlechte Möglichkeit um sich aufzuwärmen. Schnell der Countdown von zehn auf null runtergezählt und schon fängt der heiße Coolumbus eine Fackel mit der Kniekehle auf.

Zum Jonglieren mit den Bällen kam Ralph Giesa 1986 eigentlich per Zufall. Er war Anfang 20, als er bei einem Freund strickte. Dort fiel ihm ein Buch über Jonglage in die Hand. Darin war auch zu lesen, wie man Bälle näht, was ihn zuerst interessierte. Als er drei zusammengenäht hatte, war der nächste Schritt, sie zu jonglieren. Danach gab eines das andere.

Auch nach der langen Zeit „hat die Jonglage nichts von ihrer Faszination verloren“, betont er.  Die eigene Körperbeherrschung, gepaart mit Yoga und Balance, hat es ihm dabei angetan. „Ich freue mich jedes Mal auf eine Vorführung“, sagt Ralph Giesa. Am Anfang hatte er natürlich auch nur drei Bälle in der Luft, heute sind es sechs. Wenn es den Zuschauern gefällt und auch ein Workshop gut angenommen wird, dann ist das für ihn eine schöne Genugtuung.

Jonglier-Workshop beim Trommer Sommer mit „Coolumbus“

Das Jonglieren mit drei roten Bällen kann doch eigentlich nicht so schwer sein. Meinen zumindest am Anfang die vielen Kinder und paar Erwachsenen, als sie sich auf der Tromm beim Jonglier-Workshop mit „Coolumbus“ einfinden. Doch Ralph Giesa, wie der Profi mit bürgerlichem Namen heißt, hat den Interessierten 31 Jahre Erfahrung im Umgang mit den bunten Bällen voraus – und da sieht vieles einfach aus, was sich dann als ganz schön knifflig erweist.

Gut Ding will Weile haben, weiß der aus Marburg stammende Kleinkünstler. Und deshalb fängt er auch ganz klein an, mit nur einem Ball. Den lässt er von rechts nach links und links nach rechts werfen, damit alle ein Gefühl für die Kugel bekommen. Als dann alle synchron üben, fliegen viele bunte Bälle über der Wiese in die Luft. Manch einer landet auch bei diesem Einsteiger-Versuch auf dem Boden.

Damit das nicht passiert, hat der Jongleur einen guten Tipp parat. „Stellt euch vor, vor euch steht ein Bilderrahmen. Werft den Ball immer in die andere obere Ecke“, empfiehlt er. Denn runter kommen sie immer. Recht hat er. Aber dieser Ratschlag hilft schon mal weiter. Dann kommt auch schon Schwierigkeitsstufe 2, an der letztendlich fast alle in der einen Stunde scheitern: jonglieren mit zwei Bällen.

Denn hierbei geht es schon um die Koordination der Bewegungen: Es gilt den zweiten Ball genau dann hochzuwerfen, wenn der erste runterkommt. Und zwar nicht beliebig in die Luft, sondern in die Richtung, dass er bei der anderen Hand landet. Das stellt sich doch als etwas schwierig heraus. Kein Wunder, dass viele die Frage danach bejahen. „Wem macht’s schon Spaß“, fragt Coolumbus später in die Menge. Da gehen nur drei verschämte Hände hoch.

Ralph Giesa nimmt das alles sehr sportlich: „Die linke Hand bekommt einen großen Schreck, wenn der Ball plötzlich runterkommt“, verdeutlicht er die ungewohnten Bewegungen. Doch seine plastischen Erklärungen fruchten so langsam, auch wenn die Bälle noch etwas unkoordiniert durch die Luft segeln. Bei den Erwachsenen ist es Ingrid, bei der sich am ehesten die Übungserfolge einstellen. Sie schafft es zum Schluss sogar, drei Bälle zwei Durchgänge lang in der Luft zu halten.

Susanne und Marc merkt man an, dass sie aus Jugendjahren vorbelastet sind. Die beiden schaffen es, die Kugeln längere Zeit zu jonglieren. Andere Erwachsene tun sich da etwas schwerer: Eine Enkelin muss der Oma erklären, wie diese am besten die Bälle zu werfen hat. „Jonglieren ist irgendwie auch etwas komisch“, meint der Künstler nur trocken.

Mit zwei weiteren Ratschlägen schafft er es, den Anfängern etwas Gefühl für den Ball zu geben. Zum einen lässt er als Zwischenstufe abwechselnd links und rechts die Kugeln senkrecht in die Luft werfen und wieder auffangen. Danach gibt es mit drei Bällen auf dem Boden zu sehen, wann welcher wo hin muss. „Das kann man in der Schule auch auf dem Tisch machen“, scherzt er.

Zum Ende hin werden dann ein paar doch mutiger. Käthe will sich mit drei Bällen probieren, Jolie ist auch noch kräftig dabei. Valentin hat in der einen Stunde ein gutes Gefühl fürs Jonglieren entwickelt, dass es wohl bei ihm nicht mehr lange dauern würde, bis das Bälle-Trio in der Luft bliebe. Den rund 20 Teilnehmern hat es trotz des etwas unsicheren Wetters mit ein paar Regentropfen sehr viel Spaß gemacht – auch weil Ralph Giese ein geduldiger Erklärer ist, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und anschaulich das Gesagte rüberbringt.