Der Chor ist eine Art Familie: Susanne Hoffmann-Rettig im Gespräch

Sie ist das Gesicht des „Goldenen Scharbocks“: Susanne Hoffmann-Rettig. Alle zwei Jahre bringt die Scharbacherin an drei Abenden hunderte von Zuschauern zu dieser Fusion von Chorgesang und Rockmusik in den Überwald. Die ausgebildete Opernsängerin leitet außerdem die Kinderchöre und den Popchor „Crescendo“ der Waldeslust. Wir sprachen mit ihr über ihre Anfänge als Sängerin, die Motivation der (jungen) Mitsänger, ihr „Kind“, den „Goldenen Scharbock“ und – Bohemian Rhapsody.

  • Frau Hoffmann-Rettig, Sie sind seit etlichen Jahren Leiterin von Chören in Scharbach. Was motiviert Sie nach all dieser Zeit jedes Mal aufs Neue, in die Singstunde zu gehen und die (jungen) Sänger zu besonderen Leistungen anzuspornen?

Hoffmann-Rettig: In einer Zeit, in der die Menschen sich am Abend immer öfter nicht mehr von der Couch aufraffen können, ist es einfach schön, sich mit singbegeisterten Leuten im Vereinshaus zu treffen, gemeinsam zu musizieren, und sich anschließend beim Après-Chor zu unterhalten, zu lachen, sich auszutauschen. Gerade für Zugezogene oder allein Lebende ist der Chor eine Art Familie, in der man auch außerhalb der Musik Unterstützung findet. Das Singen kann ganz unterschiedliche menschliche Charaktere und auch Generationen zusammenbringen. Das finde ich spannend. Um diese dann gemeinsam zu besonderen Leistungen anzuspornen, bedarf es einer attraktiven Liedauswahl und einem besonderen Ziel. Das ist unserem Fall der „Goldene Scharbock“. Nach jedem dieser Konzerte konnten wir einen Sängerzuwachs verzeichnen. Das alles steht und fällt aber nicht allein mit mir: Zum einen habe ich eine riesige Unterstützung durch meine Familie und meinen Vorstand, der mir mit großartigem Engagement den Rücken frei hält und für mich jederzeit mit meinen Ideen ansprechbar ist. Zum anderen sind das unsere Sponsoren, ohne deren finanziellen Mittel solche Großprojekte nicht zu stemmen wären. Dieses Gesamtpaket ist es, was mir Spaß macht und mich motiviert, so weiter zu machen.

  • Wie kamen Sie zu Jugendzeiten mit der Musik in Kontakt, wie entstand daraus der Wunsch, die Chorleiter-Laufbahn einzuschlagen? Gab es in dieser Zeit prägende Ereignisse, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

HR: Als Jugendliche habe ich wie fast jedes Kind mit dem Blockflötenspiel in der Schule angefangen, habe dann Hammond-Orgel und die Kirchenorgel in Affolterbach gespielt. Meine große Liebe, den Gesang, habe ich erst mal tatsächlich in meinem Dorfgesangverein, der „Waldeslust Scharbach“, wie die Scharbacher Chöre auch heute noch heißen, und im damaligen Schulchor des Überwald-Gymnasiums gefunden. In diesem Schulchor unter der hervorragenden Leitung von Karlheinz Treusch haben wir anspruchsvolle Chorliteratur kennengelernt und tolle Konzerte auf die Bühne gebracht. Dieses Chor-Singen auf höchstem Niveau war der eigentliche Auslöser für meinen Wunsch, Sängerin zu werden. Eine Chorleiter-Laufbahn einzuschlagen war ganz eigentlich nie mein Wunsch, sie hat sich nur durch Zufall so ergeben. Ich fühle mich immer als eine Sängerin, die vorne steht, da bin ich Profi. Chorleiterin bin ich nur hobbymäßig und es wäre vermessen, meinen großartigen Dirigentenkollegen gegenüber zu sagen, ich sei eine Chorleiterin (schmunzelt).

  • Was sehen Sie als bisheriges Highlight Ihrer Tätigkeit?

HR: Ganz klar die „Night of the Golden Scharbock“. Der erste „Scharbock“ war ein Versuch, ob man Chormusik mit einer Rockband auf der Bühne in Einklang bringen kann. Da dies funktionierte, machten wir weiter. Jedes Event und jeder der drei Abende ist für mich ein Highlight, bei dem mir einfach nur das Herz aufgeht.

  • Welche Strategie wenden Sie an, um weiterhin Kinder und Jugendliche zur Mitwirkung in den Chören zu animieren?

HR: Bei dem Thema Kinder- und Jugendchorarbeit kann man wirklich von „Strategie“ reden. Kinder kommen nicht einfach so mal zum Singen vorbei, schon gar keine Jungs und auch nicht, weil irgendwo ein Werbeflyer liegt. Da muss man wirklich direkt auf sie zugehen, sie ansprechen und sich auch die Zeit nehmen, mal ein Gespräch mit ihnen zu führen. Worauf hätten sie mal Bock? Darauf lasse ich mich ein, versuche die Gesangsgruppen immer wieder neu zusammenzustellen, je nach den jeweiligen Bedürfnissen. Wollen sie mal ein extrem anspruchsvolles A-cappella-Stück einstudieren? Dann proben wir eine sechsstimmige A-cappella-Version der „Bohemian Rhapsody“. Können die Jugendlichen nur am Wochenende? Dann proben wir halt samstags. Das ist sehr aufwendig, aber nur so kann das funktionieren. Diejenigen, die bei einem Scharbock schon mal mitgemacht haben, möchten in der Regel auch beim nächsten Mal wieder in Kostüm und Maske mit auf der Bühne stehen.

  • Wie schätzen Sie sich selbst ein? Als jemand, die auch am letzten Ton feilt, oder als jemand, der auch mal Fünfe gerade sein lässt, wenn der Gesamtklang stimmt?

HR: Für mich ist tatsächlich erst mal das Wichtigste an Chorauftritten, dass dem Publikum klar ist: Denen da vorne auf der Bühne macht das Singen Spaß. Dieser Spaß kann aber auch natürlich nur entstehen, wenn man auf einem gewissen Niveau singt. Es kommen nur Lieder auf die Bühne, die auswendig gehen und bei denen sich der Chor sicher fühlt. Wir verfolgen ein anderes Ziel als ein Chor, der auf Wertungssingen geht und wenige Lieder bis zur Perfektion übt. Da wir auf den Goldenen Scharbock hinarbeiten, müssen wir ein großes Pensum an neuen Stücken auswendig lernen und das bei unregelmäßigen Singstunden. Da muss man einfach das Gesamtkunstwerk sehen, das am Ende herauskommt.

  • Gibt es ein bestimmtes Musikstück, das es Ihnen besonders angetan hat? Warum?

HR: Im Laufe der Jahre hatten wir immer mal Titel, die für mich und meinen Crescendo-Chor besonders waren. Die „Bohemian Rhapsody“, unser erstes wirklich anspruchsvolles Stück, von dem wir nie gedacht hätten, es jemals zu lernen. Als wir es dann drauf hatten, sangen wir sie über Jahre hinweg und bekamen immer großen Applaus dafür. Oder die schwere A-cappella-Version von „Engel“ – auch dieses eine Herausforderung, an der wir aber auch gewachsen sind. Oder „Music“…..

  • Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welchem großen Chorleiter würden Sie gerne mal einen Tag über die Schulter schauen und warum genau diesem?

HR: Da ich durch meine Tätigkeit am Nationaltheater Mannheim schon auf sehr gute Chorleiter im Klassikbereich getroffen bin, würde ich gerne für „Crescendo“ einem guten Chorleiter in diesem Spektrum begegnen. Eine von ihnen ist Stefanie Miceli, die den Bundeschorsieger „Vocalive“ leitet und auch schon bei uns Chorworkshops gemacht hat.

Zur Person: Susanne Hoffmann-Rettig (47) ist mit Jörg Rettig verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder. Die aus Scharbach stammende wohnt ebendort. Nach der Ausbildung zur Sparkassenkauffrau absolvierte sie ein Gesangstudium an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim und ist seit 1999 hauptberuflich Mitglied des Opernchors am Nationaltheater Mannheim. Seit 2002 leitet „Suse“, wie sie von allen genannt wird, den Kinderchor in Scharbach, seit 2006 den Crescendo-Chor. Seit 2010 stemmt sie alle zwei Jahre federführend die Veranstaltung „The Night of the Golden Scharbock“. Nächster Termin ist vom 8. bis 10. Mai 2020. Bei all den kulturellen Veranstaltungen ist Susanne Hoffmann-Rettig froh, ab und zu Zeit für Familie und Garten zu haben.

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Chako Habekost sucht den „Edle Wilde“ im Überwald

Im vergangenen Jahr ließ Comedian Bodo Bach die Peter-Heckmann-Halle vor Lachen erbeben. Jetzt hat der Förderverein des SVA Affolterbach einen neuen Coup gelandet und holt Kabarettist Christian „Chako“ Habekost in den Überwald. Der gastiert am Samstag, 9., November, um 20 Uhr mit seinem Programm „De Edle Wilde“ beim Kabarettabend des SVA. Der Kartenvorverkauf läuft.

Seit Oktober präsentiert Habekost sein neues Programm. Es ist ein weiteres Highlight seiner beeindruckenden Reihe von Erfolgsprogrammen nach „Der Palatinator“, dem Best-Of „HabeKostbarkeiten – ‚s Beschde vum Beschde“ sowie der Weihnachtstrilogie. Mit „De Edle Wilde“ schafft Chako eine Comedy-Safari für Urlaubsweltmeister – natürlich wie immer: uff pälzisch.

In seiner neuen Show macht er sein Publikum kurzerhand zur Reisegruppe und sich selbst zum Tourguide und Safari-Ranger. Ab geht’s also in den Busch der Pointen und Lachsalven, ins Unterholz der kulturellen Vorurteile und nationalen Stereotypen. Eine Comedy-Safari auf der Suche nach dem Edlen Wilden, der überall sein kann: an der Copacabana und im Wasgau, in Laos und Ludwigshafen-Oppau, im Dschungel und im Wedding, im Urwald und im Pfälzerwald.

Der Edle Wilde – das ist das Ideal des von Natur aus guten Menschen, der von den Zwängen der Globa-lall-isierung und des Mainstreams unverdorben in der freien Natur lebt. Er verkörpert den reinen menschlichen Geist und seine positiven Eigenschaften. Dass die Suche nach dieser besonderen Art von Mensch zwangsläufig in der Pfalz und ihren angrenzenden Gebieten enden muss, überrascht keinen, der Chako kennt.

Auf diesem lustigen Safari-Trip in multikulturelle Jagd- und Abgründe entlässt Christian Habekost sein schauspielerisches Talent in die freie Wildbahn: Er schlüpft in zahlreiche Rollen, die man von eigenen Urlaubserfahrungen kennt: Motzer, Schnäppchenjäger, Gefahrensucher, Body-Protzer, Liegestuhl-Reservierer, Studiosus-Besserwisser und All-inclusive-Plastikbändchen-Sammler. Aber natürlich kommt auch der „Frieher hot’s des net gewwe“-Seniorenheld zu Wort.

 

Info: Karten im Vorverkauf gibt es bei der BFT-Tankstelle Rösch in Affolterbach zu 23 Euro und bei Eventim (mit Gebühren).

Museen erlebbar machen: Zwölfte Überwälder Traumnacht am 13. Juli

Diese Nacht verspricht wieder ein Traum zu werden. Am Samstag, 13. Juli, findet von 18 bis 24 Uhr die zwölfte Überwälder Traumnacht an zwölf verschiedenen Stationen statt. Das Programm stellten nun der Geschäftsführer der Zukunftsoffensive Überwald (ZKÜ), Sebastian Schröder, und der Vorsitzende des Museums- und Kulturvereins, Gundolf Reh, vor. Das Geopark-Infozentrum in Aschbach als Treffpunkt hatte eine besondere Bedeutung. Denn der Ort feiert in diesem Jahr 650-jähriges Bestehen, wozu das Wiesental an diesem Abend illuminiert werden soll.

„Kunst, Kultur und Ambiente“ sind laut Schröder auch in diesem Jahr die Schlagworte der Veranstaltung. Das Konzept mit der Museumsöffnung und der dortigen Bewirtung „hat sich bewährt“, sagte er. Der schon bisher eingesetzte Shuttlebus wird seinen Worten nach erweitert. In der Stoßzeit ab 22 Uhr kommt ein drittes Fahrzeug hinzu. Die Besucher können an diesem Abend zu zwölf Stationen in Abtsteinach, Wald-Michelbach und Grasellenbach pilgern.

Der Geschäftsführer hoffte, dass sich wieder genug Freiwillige finden, die über den Klingelbeutel um Unterstützung für die Traumnacht in Form eines Kulturbeitrags bitten. Denn: „Die Veranstaltung bleibt kostenfrei“, betonte er. Die vielen Sponsoren und Partner leisteten ihren Beitrag dazu, dass man in den vergangenen Jahren immer eine schwarze Null schreiben konnte. Die ist auch 2019 wieder das Ziel, gutes Wetter vorausgesetzt. Was es aber bei den vergangenen elf Versionen immer gab. Schröder wies auf die neue gestaltete Homepage für die Traumnacht hin, die durch einen Überwälder Webdesigners erstellt wurde.

Präsentiert werden kulturelle Schätze in lebendiger und anschaulicher Weise. Musikfreunde, Museums- und Kleinkunstliebhaber kommen bei den vielen verschiedenen Programmpunkten in und zwischen den Museen voll auf ihre Kosten. Eine bunte Palette interessanter Künstler, Führungen und kulinarische Köstlichkeiten werden auch die zehnte Traumnacht zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Um alle Stationen bequem erreichen zu können, sind wieder kostenlose Shuttlebusse im Einsatz.

„Wir wollen die Museen erlebbar und die Kultur des Überwalds zum Event machen“, sagte der ZKÜ-Geschäftsführer. Grasellenbachs Bürgermeister Markus Röth freute sich über „die hervorragende Frequentierung“ dieser einzigen sommerlichen Nachtveranstaltung an mehreren Orten. Für ihn ist es einzigartig, dass der Überwald in dieser Form verbunden wird. „Es gibt selten so viel Mobilität zwischen den einzelnen Orten“, freute sich Röth.

Abtsteinachs Rathauschefin Angelika Beckenbach würdigte das besondere Flair und reichhaltige Angebot. Kultur und Kunst verbindet die Kommunen im Überwald, sagte sie. „Wir treten gemeinsam auf“, blickte sie auf das Zusammenwirken der drei Orte. „Wir gehen von 2500 bis 3000 Besuchern aus“, ergänzte Schröder. Die kommen beileibe nicht nur aus den Teilnehmer-Gemeinden, sondern auch von auswärts bis an die Bergstraße und in den Odenwaldkreis.

Die Hausherren in Aschbach sorgen für die ansprechende Wiesental-Beleuchtung und öffnen das infozentrum, wo es neben der Ausstellung zu den Odenwälder Steinen und Steinbrüchen auch Infos zur Ortsgeschichte gibt. Neben dem Männerquartett und dem Projektchor des Gesangvereins tritt auch die Formation „650 Jahre unplugged“ mit Überwälder Musikern auf.

„Wir machen es uns nicht einfach bei der Auswahl der Künstler“, hob Traumnacht-Urgestein Gundolf Reh hervor. Das Augenmerkt liegt darauf, die Gestaltung immer interessant zu halten. Reh ist bereits seit der ersten Ausführung dabei. Die Bedeutung dieser Veranstaltung ist seiner Meinung nach nicht hoch genug einzuschätzen. „Wir zeigen, was der Überwald alles zu bieten hat“, erläuterte er. Die Resonanz egal von Besuchern oder Einheimischen ist jedes Mal positiv.

Programm-Auswahl

Eine schöne Tradition ist bereits die Teilnahme der Sommerspiele Überwald, die an verschiedenen Stationen Ausschnitte ihres neuen Stücks „Michael Hely“ aus der Feder von Adam Karrillon präsentieren (19 Uhr, Ober-Abtsteinach, Pfarrgarten; 20.30 Uhr Hofwiese; 22 Uhr Affolterbach, Gustav-Adolf-Kirche).

Ebenfalls wieder dabei: die „Timeless Blues Band“. Eigentlich, schmunzelte Gundolf Reh, sollte es im Programm keine schnelle Auftritts-Wiederholung geben. „Aber die waren so gut, dass wir sie wieder haben wollten.“

Gesetzt sind die „Bonanzaz“ ab 20.30 Uhr beim Museum für Alte Läden und Reklame in Hammelbach, das an der Traumnacht öffnet.

In Wald-Michelbach tritt das örtliche Musik-Urgestein Ludwig Münch mit seinen „Rockefellers“ am Einhaus auf. „Der macht schon seit 40 Jahren Musik“, weiß Reh. In den letzten Jahren gab es mehrfach die Anregung, ihn mit ins Boot zu holen, was man jetzt tat.

Helmut Kadel auf Quetschkommode und an der Sackpfeife ist ab 19 Uhr am Überwaldmuseum anzutreffen. „Er möchte mit den Zuschauern Lieder singen“, kündigte Reh an. Am Museum gibt es auch wieder Besenbinder- und Stuhlflechter-Vorführungen. Die Union singt gegen 23 Uhr.

Der 90 Jahre alte Posaunenchor im evangelischen Kirchgarten von Wald-Michelbach (19 und 21 Uhr), die Union an der Kapellenruine Hammelbach (22 Uhr) und der MGV Wallonia Wahlen an der Gustav-Adolf-Kirche Affolterbach zur Eröffnung: Auch die Vereine bringen sich kräftig ein.

Die Freifahrten mit der Solardraisine am Bahnhof Ober-Wald-Michelbach starten um 18 Uhr (bis 22 Uhr). Es gibt nummerierte Tickets im Bereich des Bistros B10. Für eine (kostenpflichtige) exklusive VIP-Tour um 17.15 Uhr ist eine telefonische Voranmeldung unter 06207-2049130 nötig.

Ober-Abtsteinach, Pfarrgarten: 19.30 Uhr „Schulzes“, außerdem Kirchenführungen.

Aschbach, Heckenmühle: Dr. Soul & Mr. Blues ab 19 Uhr

Hammelbach, Motorrad-Museum: Führungen, Trial- und Filmvorführungen, Vortrag „30 Jahre Mauerfall“ (21.15 Uhr); evangelische Kirche, Fotoausstellung von Jürgen Busse; Eisenbahnmuseum geöffnet.

Wald-Michelbach, katholische Kirche: Friedensgebet von 20 bis 21 Uhr.

Siedelsbrunn, „Krone“: Ausstellung von Klienten der Systelios-Klinik.

Krönender Abschluss ist die Lasershow auf der Hofwiese Wald-Michelbach ab 23.40 Uhr.

Infos: Alle Programmpunkte auf http://www.ueberwaelder-traumnacht.de

Der Soma-Ausflug ist bei der Kerweredd immer für eine Geschichte gut

Große Sause beim sonntäglichen Kerwenachmittag. Nach dem Fußballspiel der D-Jugend lud der SVA zum Frühschoppen und Familienmittagessen ein. Das wiederbelebte Straßen-Gaudi-Turnier zog danach viele Zuschauer an. Es fand vor etlichen Jahren schon einmal statt und bringt die Teams aus dem ganzen Ort zusammen.

Highlight des heißen Nachmittags: die Predigt im Rahmen der Kerweshow in der Peter-Heckmann-Halle. Kerwepfarrerin Yvonne Jännichen und Mundschenkin Lena Hufler hatten das vergangene Jahr über wieder tief in den Ereignissen des Ortes gegraben und dabei so einiges zu Tage gefördert, was die Betreffenden sicherlich lieber unter dem Deckel gehalten hätten.

Der Tag startete mit dem Kerwegottesdienst von (der echten) evangelischen Pfarrerin Tabea Graichen. Die freute sich über den guten Zuspruch mit 70 Besuchern in der Gustav-Adolf-Kirche. Kerwejugend und Kerweparrerin beteiligen sich mit der Lesung „Hilde Domin, Bitte“. Aus der Bibel kam die Geschichte vom barmherzigen Samariter zum Vortrag, gefolgt von den Fürbitten.

„Musik hält uns zusammen“, betonte Graichen in ihrer Predigt. Sie sei der „Soundtrack unsres Lebens“ und komme etwa in Sport-Hymnen zum Ausdruck. Lieder erinnerten außerdem im Alten Testament an das Volk Israel. „Gott ist nicht nur bei den Siegern“, betonte die Pfarrerin, „sondern erst recht dabei, wenn Lebenswege schwierig sind“. Deshalb, hob sie hervor, „stärkt Singen den Zusammenhalt“.

Viel los war beim Straßenturnier. Vier Mannschaften nahmen teil. Den ersten Platz sicherten sich Gartenweg, Mühlstraße und Salzberg vor der Hauptstraße. Am Roßklingen, Am Hofacker und Hofwiese wurden Dritter vor der Beerfeldener Straße. Ausgespielt wurde ein Wanderpokal, gestiftet von der Kerwepfarrerin. Die Teams wurden von ihren Fans lautstark angefeuert.

Die Gäste wurden erst mit Kaffee und Kuchen verwöhnt, ehe dann die Sportvereinigung die beliebten knusprigen Haxen servierte, um auf die Geschichten und Geschichtchen der Kerwepfarrerin vorzubereiten. So erwischte es die „Übertäter“ nicht auf nüchternen Magen. Jännichen wusste zuerst einmal etwas über ihre Kollegin im Geiste aus der naheliegenden Kirche zu berichten. Denn ein Wandertrip sollte zum Ireneturm gehen, „artete“ dann aber aus und führte unfreiwillig mit glühenden Fußsohlen nach Zotzenbach: „Zugute muss ich halt, sie waren ins Gespräch richtig vertieft und halt am falschen Orte, ä Frau hat halt an manche Tage zu viele Worte“, meinte Jännichen.

Der Ausflug eines Affelbeschers mit dem Moped nach Michelstadt wird diesem lange im Gedächtnis bleiben. Denn wer Gefährt liebt, der schiebt. Erst ruckelte der Untersatz kurz vor der Olfener Höhe, aber „weiter geht’s Buckel nunner, schneller un schneller, man kann ihn kaum sehn, bis nach Hüttenthal, daaa bleibt der Feuerstuhl nun endgültig stehn“. Trotz alledem: „Google Maps hat 15 Kilometer berechnet … ungeloge, soweit hat der nun sei Moped geschobe“.

Der Koffer eines Affelbeschers sollte nicht mit auf den Tagesausflug zum Junggesellenabschied in die Pfalz, aber der Vorgarten als Lagerort war ein schlechter Platz: „Do häwwe ä paar Helde doch den Koffer geklaut, alle Klamotte, auch Unterhose warn weg, einige versaut. Am nächste Tag hat ma dann in ganz Affelboch ein Aufschrei vernumme, denn soi dreckige Klamotte hat ma verstraat im ganze Ort gefunne.“

Der Soma-Ausflug ist bei jeder Kerwepredigt eine Geschichte wert. Dieses Mal wurde ein Hotelbett doch sehr in Mitleidenschaft gezogen, als sich zwei Teilnehmer dort breit machten. „Eine Anzeige vom Hotelier bekamen wir bis dato net ausgesproche, denn ich glaub 2 Füss vom Bett warn zusammegebroche. Aber die Verantwortlichen von der Soma musste am nächste Tag beichte, und beim Herbergsvadder ä Entschädigungszahlung für den Duschvorhang leiste.“ Denn der diente als Decke.

Die Trachtenkapelle Kocherbach sorgte 15 Mann und Frau hoch am Nachmittag für Stimmung. „Kerwe marsch“, „Auf der Kirmes“, „Schützenliesel-“ und „Kuschelpolka“ sowie „Bierwalzer-Potpourri“ versetzten die Gäste vor, während und nach der Kerweredd in Schunkellaune. Früher spielte die Kapelle einen Frühschoppen. Seit drei Jahren wird die Kerweredd umrahmt. Kerwekids und Kindergarten Affolterbach führten später noch ein paar Tänze in der sehr gut besuchten Halle auf.

Am gestrigen Montag war dann Abschiednehmen von der sechstägigen, längsten Kerwe des Überwalds angesagt. Nach dem traditionellen Frühschoppen spielte Alleinunterhalter Harald Walz auf. Zum Mittagessen gab’s noch einmal das traditionelle Wellfleisch. Bei der „Alles muss raus-Party“ purzelten die Preise.

Bild: SVA

SVA-Fußballer auch beim Menschenkicker-Turnier fit

Der Titelverteidiger ist entthront: Das letztjährige Gewinnertrio des Menschenkicker-Turnier war dieses Mal nicht auf dem Treppchen zu finden. „Baller das rein – Instanbul“ siegte bei der großen Gaudi vor „Mein persönlicher Favorit“ und dem CCA-Männerballett „Druffunddewerrer“. Das setzte sich im kleinen Finale ebenso 3:1 gegen die Soma durch wie der Sieger im großen Finale. Sechseinhalb Stunden standen sich die Teams bei schweißtreibenden Temperaturen auf dem Sportplatz gegenüber.

Herzlich willkommen zum Turnier, das der SV am Samstagnachmittag anlässlich der Kerwe durchführte. Der Andrang und der Spaß waren groß: 20 Mannschaften mit fünf Feldspielern und einem Torwart kämpften im überdimensionalen Tippkicker-Feld um den Titel des Kerwemeisters. Hinter dem Sieger verbargen sich die Fußballer der B-Liga-Mannschaft, während der Zweitplatzierte vor allem aus der SVA-Jugend bestand. Übers Männerballett muss man keine Worte verlieren, das macht ja immer eine gute Figur.

Drei Mal griff eine Kerwejugend ins Geschehen ein: aus Affolterbach, Scharbach und Kocherbach. „Team Vikigang“, „Stoanisch United“, „FC Blumenkohl“, „Team Snake“ oder „Hacke Spitze Tor“ lauteten die weiteren illustren Namen der teilnehmenden Mannschaften. Eine Riesengaudi für alle Beteiligten, die sich immer großer Beliebtheit von Weinheim über Abtsteinach und Wald-Michelbach bis nach Wahlen erfreut.

Das Kicker-Turnier, 2015 Jahr das erste Mal durchgeführt, hat – neben den Konzerten – „den besten Zuspruch unserer Kerwe-Attraktionen“, freute sich Jörg Rettig vom SV-Förderverein. Auf dem Sportplatz war es richtig voll. Vier Mal fünf Mannschaften spielten je sieben Minuten in der Vorrunde in ihren Gruppen. Die Finalrunde lief nach dem bewährten K.o.-Prinzip ab. Das alles bei einer Hitze, dass der SVA nachmittags sogar die Beregnungsanlage anmachte, damit die Kinder ihren Spaß hatten.

Später, am Samstagabend, fand die große Party an der Beachbar statt. Beim Relaxen machte sich Strandfeeling breit. Es gab leckere selbst gemixte Cocktails. Bei herrlichem Frühlingswetter wurde es wieder ein langer Abend mit südlichem Feeling. Das DJ Team der „Nacht in Tracht“ verwandelte mit fetzigem Sound das Fest in eine Party-Hochburg. Der Besuch war laut Rettig allerdings „nicht so gut“, ähnlich wie im vergangenen Jahr, als der Samstagabend gegenüber den früheren Veranstaltungen zurückfiel. Bis 2 Uhr dauerte die große Sause an.

Am Abend zuvor hatte die Coverpartyband „Xtreme“ wieder für ein Kerwe-Highlight gesorgt. Über 500 Fans in der Peter-Heckmann-Halle feierten eine heiße, über vierstündige Party bis tief in die Nacht. Das eher jüngere Publikum kam erst zu späterer Stunde zahlreich in die Halle, aber zum Schluss hin war wirklich jeder in Bewegung. Vom Anfang bis zum Ende war die Peter-Heckmann-Halle voll. Keiner machte vor 2.30 Uhr schlapp, als das Licht wieder anging. Um 4 Uhr machten sich schließlich die letzten auf den Heimweg.

„Xtreme“ ist beim SVA immer als feste Größe gesetzt und nicht nur bei der Kerwe ein Garant für eine volle Hütte. Die Coverband, bei der auch wieder Lokalmatador Sascha Fischer aus Wahlen zum Mikro griff, spielt zu allen möglichen Gelegenheiten im Überwald. Die Peter-Heckmann-Halle „ist für uns fast wie das eigene Wohnzimmer“, schmunzelte Bassist Björn Buhl. Man kennt sich, die Leute sind gut drauf, gehen super mit – die Band hat leichtes Spiel. Der SV war „sehr zufrieden mit dem Abend“, so Rettig, „es herrschte eine super Stimmung“.

Mit gleich drei Sängern war die Partyband für alle Songs gerüstet. Neben Fischer auch Lukas Baum für den männlichen Part sowie Jenny Daniele für die weiblichen Stimmen sorgten dafür, dass zusammen mit rasanten Outfitwechseln die gesamte Bandbreite der Party-Hits abgedeckt werden konnte – egal ob das jetzt aktuelle Dance-Charts waren, Rock- und Pop-Stücke, Neue Deutsche Welle oder Schlager. Bastian Ludäscher (Gitarre), Björn Buhl und Simon Protzer (Schlagzeug) sorgten für die treibenden Rhythmen.

„I will survive“ von Gloria Gaynor“ oder „Westerland“ von den Ärzten hatten deshalb ebenso ihre Berechtigung wie ein 90er- oder Malle-, Britney- oder Leserhosen-Medley, Songs von den Toten Hosen, Ärzten, Robbie Williams oder Nena. Zusammen mit Stücken von Queen („I want it all“), Mark Forster („Chöre“) oder AC/DC („Highway to Hell“) der beste Mix, um die Gäste bei Laune zu halten. Das abwechslungsreiche Programm der jungen Musiker, kombiniert mit einer aufwändigen Bühnen- und Lichtshow, machte auch nicht halt vor einem Ed-Sheeran- oder Wolfgang-Petry-Medley.

Bild SVA

Der Affolterbacher Schlagzeuger Frederic Michel ist mit der Band von Sängerin Lea unterwegs

„Wir spielten eine komplett ausverkaufte Tour von 19 Konzerten mit bis zu 3000 Zuschauern pro Konzert. Das ist Wahnsinn“, freut sich Frederic Michel. Der Schlagzeuger aus dem Wald-Michelbacher Ortsteil Affolterbach mit Wohnsitz in Mannheim ist derzeit mit Sängerin Lea und deren Band deutschlandweit mit dem Album „Zwischen meinen Zeilen“ unterwegs und feiert große Erfolge. Er fiebert jetzt schon dem Auftritt beim Weinheimer Schlosspark-Open-Air am 28. Juli entgegen, wenn er sicherlich viele bekannte Gesichter begrüßen kann.

„Das wird auf jeden Fall sehr aufregend“, sagt der 28-Jährige. Denn früher bekam er oft die großen Konzerte in der Heimatregion mit und dachte, „da möchte ich auch irgendwann mal spielen“. Auf den Auftritt Ende Juli „freue mich schon sehr“, betont Michel. Denn sonst schafft er es derzeit „leider viel zu selten, meine alte Heimat und meine Familie zu besuchen“. Einerseits ist es für ihn positiv, wenn es im Job gut läuft, „andererseits würde ich gerne jedes Wochenende vorbeischauen“.

Fred Michel beschallte die heimischen vier Wände bereits sehr früh. Schon als Neunjähriger erhielt er Unterricht an der Musikschule Rimbach. Später folgte Privatunterricht unter anderem durch Lui Ludwig (Uwe Ochsenknecht) oder Flo Dauner (Fantastische Vier). Bereits während des Abiturs buchte er die eigene Band ins Ausland und auf Festivals – und hatte damit viel Erfolg. „So kam die Entscheidung zustande, nach dem Abitur das Hobby zum Beruf zu machen und Schlagzeug zu studieren“, erzählt er.

Durch das viele Organisieren (Konzerte, CD-Produktionen, Veranstaltungstechnik, Managen) war dem 28-Jährigen schnell klar, „dass es zwar um die Musik und das Musikmachen geht und man sein Handwerk, das Instrument, beherrschen muss“ – aber noch einiges mehr daran hängt. Fast noch mehr Zeit als im Proberaum „sollte man auch in die Arbeit drumherum investieren“, hebt er hervor. Deshalb entschied er sich früh dazu, mehrgleisig zu fahren.

Die Beschäftigung mit der Arbeit im Tonstudio und der Thematik, was hier einen guten Studioschlagzeuger ausmacht, war ein Weg. „Ich habe schon immer von einem Proberaum geträumt, der gleichzeitig ein gemütliches Tonstudio ist“, erzählt Michel. Während des Studiums in Mannheim kam nach und nach eins zum anderen „und plötzlich hatte ich ein ausgestattetes Tonstudio für Schlagzeugaufnahmen“. Daraus entwickelten sich Songwriting-Sessions und sogar ganze Bandaufnahmen.

Der nächste Schritt lag recht nahe: eine eigene Live-Produktionsfirma mit Veranstaltungstechnik. „Bumtschack Music Productions“ versorgte die Acts mit für sie zugeschnittenem Material für Konzerte und Tourneen. Damit kümmerte sich Frederic Michel, „obwohl ich am Schlagzeug sitze“, um die bestmöglichste technische und somit musikalische Umsetzung der Konzerte, die von Club-Events mit 200 Zuschauern bis hin zu Festivals mit mehr 10.000 Personen reichten.

Mit seinem Geschäftspartner betreut der 28-Jährige unter anderem eben auch die Musikern Lea(-Marie Becker) nicht nur in der technischen Live-Umsetzung, sondern auch als musikalischer Leiter. „Ich kümmere mich um die musikalische Umsetzung, sozusagen um den Transfer von der Album-Aufnahme zur Bühne“, erläutert Fred diese Tätigkeit. Darüber hinaus ist er bei Lea – wie für einige andere Acts – als Drummer tätig.

Die heute 26-jährige, in Hannover lebende Lea lernte er vor vielen Jahren bei einem kleinen Konzert in Mannheim über einen Freund kennen. Fünf Jahre später „bekam ich einen Anruf ihres Managers, der wiederum ein Schulfreund meines damaligen Keyboarders war“, lacht der Drummer. Die Frage: „Ob ich nicht für sie Schlagzeug spielen möchte, da sie nun einen Plattenvertrag hätte.“ Klar. Seit 2015 arbeitet er mit Lea an der Liveumsetzung ihrer Musik.

Für eine Tournee ist man am Stück zwischen zwei und sechs Wochen unterwegs, weiß der in Mannheim wohnende. Dazu kommen noch die Vorbereitungszeit und die Proben im Vorfeld. „Man ist schon eine gute Anzahl von Tagen unterwegs“, erläutert der Affolterbacher. „Das bringt der Job als Musiker mit sich. Es wird einem nie langweilig“, übt er sich in Understatement. Natürlich müssen Familie und Freunde, also das private Umfeld, mitspielen, weiß er.

Die aktuelle Tour wird sich in einzelnen Abschnitten noch bis Ende des Jahres hinziehen. „Dazwischen werden wir viele Festivals spielen“, sagt Fred Michel. 2020 wird es dann vermutlich mit weiteren Tourneen weitergehen. Das besondere und wirklich sehr seltene bei dieser Produktion ist, „dass sich das gesamte Team außerordentlich gut versteht“, freut er sich. Jeder kann dem anderen voll vertrauen. Daher macht es immer einen Riesenspaß, mit all den Menschen zusammenzuarbeiten. „So ein Team ist schon fast wie eine Familie.“

Frederic Michel aus Affolterbach (28) besuchte die Ulfenbachtal-Grundschule in Wahlen, danach legte er sein Abitur am Überwald-Gymnasium Wald-Michelbach ab. Es folgte ein Kurzstudium an Musikhochschule Hamburg 2012 und später ein Schlagzeugstudium Bachelor of Arts in „Popmusikdesign“, Hauptfach Schlagzeug, an der Popakademie in Mannheim. Michel lebt auch in der Quadratestadt. Er tritt mit Sängerin „Lea“ und der Band am Sonntag, 28. Juli, ab 18.30 Uhr beim Weinheimer Schlosspark-Festival auf. Ebenfalls an diesem Abend auf der Bühne: Max Giesinger, Tom Gregory und Moritz Garth.

Foto: Linde Sobkowiak

Digitale Projekte sind notwendige Investitionen wie Maschinen

Die Chancen der Digitalisierung nutzen, aber den unverzichtbaren persönlichen Kontakt aufrechterhalten: So beschreibt Christian Jöst, Geschäftsführer der gleichnamigen Firma im Wald-Michelbacher Ortsteil, seinen Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Die Wirtschaftsförderung Bergstraße (WFB) hatte in Zusammenarbeit mit der Zukunftsoffensive Überwald und dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Darmstadt Unternehmer aus dem Odenwald zur Infoveranstaltung eingeladen.

Bürgermeister Dr. Sascha Weber bezeichnete in seinen einleitenden Worten die Digitalisierung sowohl im täglichen Leben als auch für die Industrie wichtig. Mit dem leistungsfähigen Breitbandnetz sei die Gemeinde in Sachen Internet gut aufgestellt, sagte er. Bei der Firma Jöst sei die WFB-Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Roadshow – Ihr Weg zur Digitalisierung“ genau am richtigen Ort, denn der Betrieb sei sehr innovativ. Weber erhoffte sich, „dass wir den Odenwald gemeinsam voranbringen“.

In seinem kurzen Abriss der Firmengeschichte erläuterte der Geschäftsführer, dass der Betrieb mit seinen 56 Mitarbeitern in diesem Jahr voraussichtlich einen Umsatz von elf Millionen Euro erwirtschafte. 50 Prozent der Produktion gehen in den Export mit einem weltweiten Kundenstamm. „Der amerikanische Markt gestaltet sich schwierig“, fügte er aus aktuellen Anlass an. Jöst hat sich auf die Entwicklung, die Herstellung und den Vertrieb von Schleifmitteln und –systemen spezialisiert.

In den letzten Jahren, erklärte Christian Jöst, „gehen wir verstärkt in den Reinigungsbereich“. Seit drei Jahren wird eine eigene Maschine zum Schleifen und Reinigen produziert. „Der gigantische Vorteil“, schmunzelte er: „Die kann jeder bedienen.“ 95 Prozent der damit möglichen Arbeiten werden ohne Chemikalien durchgeführt. „Wir bekommen aus der ganzen Welt dafür Anfragen“, freute er sich. „Alles Made in Germany.“ Also langlebig, „aber man braucht viele Schleifmittel“, so Jöst augenzwinkernd.

Digitalisierung schön und gut, meinte er. Aber: Wenn Jöst vom Neckartal bis nach Affolterbach fährt, „ist zwischendurch fünfmal das Handy-Netz weg“. Vom Internet ganz zu schweigen. Hier sieht der Geschäftsführer Handlungsbedarf. Andere europäische Länder machen das selbst in der absoluten Pampa viel besser. Siehe Lappland. In der Einöde „gibt’s vollen Handyempfang und LTE-Netz“.

Auch in anderer Hinsicht ist er froh, nicht auf die Mobilfunk- und Internetriesen angewiesen zu sein. Jöst baut gerade im Gewerbegebiet Ober-Abtsteinach ein neues Vertriebs- und Versandzentrum auf 6400 Quadratmetern und will die beiden Standorte digital verbinden. Von der HSE bekommt er einen VDSL-Anschluss mit 250 Mbit für einen sehr guten Preis, führte er aus. Die Telekom könnte ihm nur 16 Mbit zu Mondpreisen anbieten.

Industrie 4.0, so Jöst, „macht bei unseren Produkten nicht viel Sinn“. Das sei eher etwas für die Großfirmen. Er beleuchtete auch die Nachteile: „Du musst echt aufpassen, was du machst“, wies der Geschäftsführer auf Hackerangriffe hin. Ein Betrieb, forderte er, „muss digitale Projekte ebenso als notwendige Investitionen ansehen wie Maschinen“. Etwa die Handscanner, in die Jöst 60.000 Euro investiert. Sie sind unverzichtbar für eine systematische Lagerhaltung.

Tobias Meudt vom Darmstädter Kompetenzzentrum wies auf verschiedene Möglichkeiten hin, wie sich traditionelle Betriebe im digitalen Zeitalter neu aufstellen können. Das reicht von der Möglichkeit, beim Metzger online den eigenen Rollbraten zu konfigurieren, über den Tischler, bei dem der Massivholztisch ganz nach den Wünschen des Kunden im Internet konzipiert werden kann, bis zum Allrounder, der kleineren Betrieben die tägliche Arbeit wie das Rechnungs- und Mahnwesen abnimmt.

Laut Meudt schwinden langsam die Vorbehalte der Firmen gegenüber der Digitalisierung. Als „größere Aufgabe“ bezeichnete er es, die kleinen Unternehmen auf diese Reise mitzunehmen. Das im April 2016 gegründete Kompetenzzentrum biete seine Leistungen kostenfrei an. Kann das in Darmstadt nicht weiterhelfen, gibt es den Kontakt zu 24 weiteren in Deutschland. Wie etwa beim Thema Handel, das aus der Runde nachgefragt wurde.

„Informieren, analysieren, qualifizieren, umsetzen“, beschrieb Meudt die Aufgaben. Man offeriere Schulungen in einer Lernfabrik, beschäftige sich mit den Themen IT-Sicherheit oder Prozessen und Unternehmen. Er stellte auch die „Wertstromanalyse“ vor, die Verschwendung in den Betrieben erkennen und beheben soll. Schlussworte sprach Marco Stibe, Projektleiter im WFB-Unternehmerservice.

Bild: Vor Ort in den Räumen der Jöst GmbH (v.l.): Sebastian Schröder, Geschäftsführer der Zukunftsoffensive Überwald GmbH, Tobias Meudt, Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Darmstadt, Bürgermeister Dr. Sascha Weber, Gemeinde Wald-Michelbach, Christian Jöst, Geschäftsführer der Jöst GmbH, Marco Stibe, Projektleiter im WFB-Unternehmerservice, und Andreas Furch, Projektmanager im WFB-Unternehmerservice, Kooperationsprojekt Neue Wege. – © WFB