HaJo Karl: Die Faszination Chorsingen motiviert mich

Er ist aus der Chorszene des Überwalds und des Gorxheimertals schon seit Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken: Hans-Joachim Karl. Der 55-Jährige leitet derzeit den MGV Sängerbund Unter-Schönmattenwag, die Union Wald-Michelbach und den Sängerbund Oberflockenbach. Mit diesen heimst er in schöner Regelmäßigkeit Preise bei Wettbewerben ein. Wir sprachen mit ihm über seine Dirigentenjahre, Highlights, Sehnsüchte und die Nachwuchsarbeit.

  • Herr Karl, Sie sind seit etlichen Jahren Leiter von Chören in der Region. Was motiviert Sie nach all dieser Zeit jedes Mal aufs Neue, in die Chorproben zu gehen und die Sänger zu besonderen Leistungen anzuspornen?

Hans-Joachim Karl: Ja, das stimmt, Chöre leite ich jetzt schon seit 37 Jahren. Was mich immer wieder besonders motiviert, ist die Faszination „Chorsingen“: gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten vokale Kompositionen zum Klingen zu bringen, Emotionen aus den Chorstücken zu erwecken. Generell das Miteinander und natürlich der spezielle sehr wandlungsfähige Klang eines Chores.

  • Wie kamen Sie zu Jugendzeiten mit der Musik in Kontakt, wie entstand daraus der Wunsch, die Dirigentenlaufbahn einzuschlagen?

Karl: Angefangen hat alles damit, dass ich, so wie viele Wald-Michelbacher, Instrumentalunterricht beim legendären Musikmeister Rückauer bekam. Damals war er auch der Chorleiter beim MGV Union und in Gadern. Er hat mich dann auch motiviert, die Chorleiterausbildung zu machen. Wie selbstverständlich hat er mich dabei immer unterstützt und dann auch dafür gesorgt, dass ich von ihm den ersten Chor (Frohsinn Gadern) übernommen habe.

  • Gab es in der Zeit als Dirigent prägende Ereignisse, die ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Karl: Die wohl prägendsten Ereignisse sind immer noch die menschlichen Begegnungen. Die gemeinsame Chorarbeit, mit und an den Stimmen der Chormitglieder, macht uns als Team auch zu Freunden. So sind über die langen Jahre viele Kontakte und Begegnungen entstanden, viele sogar andauernd – auch wenn ich einzelne Chöre schon gar nicht mehr leite.

  • Was sehen Sie als bisheriges Highlight ihrer Tätigkeit?

Absolutes Highlight, und da gibt es bei mir keine Zweifel, war die Teilnahme mit dem Frauenchor Oberflockenbach am Deutschen Chorwettbewerb 2010. Ich habe den Chor 1992 gegründet, aufgebaut und dann die Qualifikation zu dem wohl renommiertesten Ereignis des Deutschen Musikrates erreicht.

  • Nach welchen Kriterien suchen Sie Musikstücke heraus, die Sie dann mit den Chören erarbeiten?

Karl: Kriterien gibt es unglaublich viele. Da ist zum ersten die Machbarkeit. Dann ist es mir persönlich sehr wichtig, verschiedene Stilistiken abzudecken (Renaissance, Romantik, zeitgenössisch aber auch Volkslieder und Popsongs). Meiner Meinung nach muss Chorarbeit vielfältig sein – das ist es, was die Sänger schätzen. Wir beschäftigen uns mit allen Arten chorischer Musik. Was dazukommt, ist der stimmliche Anspruch. Kann ich mit dem Stück die Stimmen weiterentwickeln, haben wir schon die sängerischen Voraussetzungen und anderes. Und dann last but not least: Wie passt das Stück in die Programmplanung der Auftritte und Konzerte?

  • Den Chören geht es wie vielen anderen Vereinen auch, es fehlt oft der Nachwuchs. Welche Strategie schlagen Sie ein, um den Fortbestand eines oftmals mehr als 100 Jahre alten Klangkörpers zu sichern?

Karl: Das ist sehr richtig, oft fällt es immer schwerer, qualitativ gute Musik zu gestalten, weil der Nachwuchs fehlt. Deshalb bin ich auch ein klein wenig froh darüber, dass ich in meinen Chören immer noch eine gesunde Altersstruktur habe. Die Rezepte sind so vielfältig wie die Ensembles selbst. Ein allgemeingültiges gibt es nicht. Oft muss man nach dem Scheitern einer Strategie eine andere ausprobieren und nicht ins große Jammern verfallen. Als besonders erfolgreich haben sich in der Vergangenheit Kooperationen mit Schulen, projektbezogenes Arbeiten und ungewöhnliche Auftrittsformen erwiesen. Ein besonderer Aspekt, und da nehme ich uns Chorleiter in die Pflicht, ist aber die qualitativ gute und motivierende Chorarbeit, die stimmlich gute Betreuung der Chormitglieder und spannende Programmauswahl. Das ist das, was die Menschen bewegt, jede Woche zur Probe zu kommen.

  • Wie schätzen Sie sich selbst ein? Als Dirigenten, der auch am letzten Ton feilt, oder als jemand, der auch mal Fünfe gerade sein lässt, wenn der Gesamtklang stimmt?

Karl: Für mich gibt es da kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als auch. Gute technische Beherrschung der Stimme und des Werkes ist die Basis und die Voraussetzung für künstlerische Gestaltung, eine stilistisch saubere Interpretation und vollendetes Klangerlebnis. Das heißt ganz einfach: ohne musikalische Grundlagen keine große Kunst. Aber umgekehrt bedeutet das auch, dass wir am künstlerischen Ausdruck arbeiten müssen und den über all den Basics nicht vergessen dürfen.

  • Gibt es ein bestimmtes Musikstück, das es ihnen besonders angetan hat? Warum?

Karl: Es ist nicht ein einziges, das mir besonders am Herzen liegt, sondern eine ganze Reihe von Werken, die ich in den letzten 37 Jahren uraufführen durfte. Das sind Stücke, die von Komponisten für uns geschrieben wurden. Da ist man zum Teil schon in die konzeptionelle Phase miteingebunden, entwickelt mit den Komponisten die Interpretation und ist zusammen mit den Chören dabei, diese Werke dem Publikum zum ersten Mal zu präsentieren. Dabei entwickelt man als Chorleiter eine sehr intensive Beziehung zu diesen Kompositionen, so wie zuletzt bei der Uraufführung von Wald-Michelbach und Oberflockenbach zusammen mit Alwin M. Schronen. Generell ist es mir sehr wichtig, dass wir für unser Medium Chor immer wieder Kompositionsaufträge vergeben, damit neue Musik für die einzelnen Chorgattungen entsteht.

  • Gibt es ein Lied, das Sie bisher mit ihren Chören noch nicht einstudierten, aber ganz oben auf der Wunschliste steht?

Karl: Ja, das gibt es tatsächlich: eine Komposition von Carl Orff für sechsstimmigen Männerchor. Aber die stimmlichen Anforderungen bedingen ein genaues Abwägen zwischen dem Wunsch der Einstudierung und den technischen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

  • Wenn Sie einen Wunsch freihätten, welchem großen Dirigenten würden Sie gerne mal einen Tag über die Schulter schauen und warum genau diesem?

Karl: dem legendären Wilhelm Furtwängler. Was mich an seiner Arbeit fasziniert, ist die absolute Hingabe, den Willen des Komponisten zu deuten und zu erspüren. Die Interpretation des Werkes über alle kurzfristige Effekthascherei zu stellen, sich selbst nie in den Vordergrund zu drängen, sondern das Werk und das Ensemble.

  • Was schätzen Sie an Ihren Chören besonders und was denken Sie, schätzen ihre Chöre an Ihnen besonders?

Karl: Also was die Chöre an mir besonders schätzen, müssen Sie die schon selbst fragen (lacht). Ich schätze an meinen Ensembles besonders die große Herzlichkeit in den Proben, die uns trotzdem nicht daran hindert, ernsthaft zusammen immer wieder gemeinsam das Optimale aus unseren Stimmen herauszuholen, Neues auszuprobieren und uns gegenseitig auch mal ein Scheitern einzugestehen.

 

Zur Person:

Hans-Joachim Karl ist 55 Jahre alt und wohnt in Wald-Michelbach. Er betreut den Sängerbund Oberflockenbach, die Union Wald-Michelbach und den MGV Sängerbund Unter-Schönmattenwag. Mit seinen Ensembles hat Karl unzählige Erste Preise und Tagesbestleistungen bei Chorwettbewerben in ganz Deutschland und im europäischen Ausland erreicht. Vielfach konnte er schon Sonderpreise für besondere Programmgestaltung und herausragende dirigentische Leistungen erreichen. Juroren bescheinigen seinen Chören immer wieder einen besonderen Klang und die damit einhergehende musikalische Handschrift Ihres Leiters. Neben der Musik liebt Karl die Berge und das Klettern. Besonders die Via Ferrata – die Klettersteige der Dolomiten – haben es ihm angetan.

 

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Austausch bei Windbeuteln über Windkraft

Die Lage ist einfach nur sehr idyllisch. Saftig-grüne Wiesen, dunkle Wälder ringsherum, viel Sonne: So herrlich liegt das Café Bauer im Gassbachtal. Von der Terrasse aus kann man in absoluter Ruhe den Blick über die Odenwald-Landschaft schweifen lassen. Bis er an dem Windrad hängen bleibt, das direkt über dem Waldstück in die Höhe ragt. Ein passender Ort für Landrat Christian Engelhardt, um unter dem Motto „Nachhaltiger Klimaschutz gegen nachhaltiger Landschaftsschutz“ über Windkraft ins Gespräch zu kommen.

Von der Walburgiskapelle aus war die kleine Gruppe zuvor mitten durch die Windenergieanlagen des Kahlbergs hinüber nach Hammelbach gewandert. Engelhardt besorgte sich noch kurz seine Sonnencreme, bevor man Open-Air Platz nahm. Roland Bauer gab dort Infos zum 1965 von seinem gegründeten Café, das er seit dem Jahr 2000 leitet. Spezialität: Windbeutel. Bürgermeister Markus Röth zeigte sich „froh über das Gassbachtal“, das „hochfrequentiert von Touristen“ sei. Die Windkraft sah er im Spannungsfeld zwischen Natur und Tourismus.

Röth war das „schwierige Feld“ bewusst, auf dem er sich bewegte. Denn Diskussionen seien leider „gar nicht großartig sachlich möglich“. An diesem Tag sowieso nicht, denn Windkraftgegner waren zu dem Termin nicht eingeladen. Mit dem BUND Bergstraße und seinem Vorstandssprecher Guido Carl kam allerdings ein expliziter Befürworter dieser Form der Erneuerbaren Energien ausführlich zu Wort.

Im Bereich Kahlberg arbeiteten laut Röth die Gemeindevertretungen von Grasellenbach und Fürth einvernehmlich zusammen. Zusammen mit einer guten Information der Bürger sah der Bürgermeister dies mit als Grund, dass es „eine im Vergleich ruhige Ecke“ sei, wenn es um Proteste gehe. Jedoch gibt es seinen Worten zufolge „sicherlich Dinge, die Anwohner stören könnten“. Deshalb sollte man eventuell auch Nachuntersuchungen ins Auge fassen und über die Abschaltzeiten reden.

„Wenn das mit den Leitungen funktionieren würde“, so Röth, könnten theoretisch 18.000 Haushalte und somit mehr als der gesamte Überwald durch die fünf Windräder mit Strom versorgt werden. „Auf jeden Fall besser als Kohlestrom oder Atomkraft“, postulierte er die Rotoren als eine Art kleineres Übel. Windkraft ist seiner Meinung nach „machbar und sinnvoll, wenn der Odenwald nicht zugekleistert wird“.

Wenn es aber zu viele Anlagen werden, meinte er mit Blick auf den benachbarten Odenwaldkreis, in dem mehr Vorrangflächen als im Kreis Bergstraße ausgewiesen sind, „dann ist der Grundkonsens in der Bevölkerung weg“. Deshalb müsse die Landesregierung auch darauf achten, „dass die Verteilung nicht zu ungleich wird“.

Laut Engelhardt ist die Position des Kreises eindeutig. Oder anders: Er hat keine eigene dazu und unterstützt die Kommunen in ihren jeweiligen Ansinnen, egal wie die jetzt aussehen – ob sie für oder gegen Windkraft ausgerichtet sind. Denn: Diese Energieform leiste ihren Beitrag zum Klimaschutz, aber sei in ihrer Auswirkung doch sehr lokal bezogen, sagte der Landrat. Da die Gemeinden für die Lebensverhältnisse vor Ort zuständig sind, wolle man diesen die Entscheidung überlassen. Denn: Was geschehe, muss in einen demokratischen Prozess einbezogen und „dauerhaft mehrheitsfähig sein“.

Fürths Bürgermeister Volker Öhlenschläger erläuterte, dass man sich im Weschnitztal „dem Thema frühzeitig stellte“, nämlich schon ab 2009. Zum Kalhberg gab es dort ein klares Bekenntnis. Die weitere Entwicklung, betonte er, sollte weitgehend im Konsens mit dem Bürgern gestaltet werden. „Sonst werden wir Schiffbruch erleiden.“ Öhlenschläger ist eine klare Linie, eine ordentliche Steuerung wichtig, „damit die Menschen keine Angst haben“.

Laut dem Gemeindeoberhaupt hat die Anlage auf dem Kahlberg den höchsten Ertrag der fünf ähnlich gelagerten EnBW-Anlagen in Süddeutschland. Gewerbesteuer wird daraus in den ersten Jahren noch keine fließen, da es hohe Abschreibungen aus den Investitionen gibt. Die Pachteinnahmen für die Grundstücke teilen sich beide Gemeinden hälftig. „Wir wollen gestalten“, betonte er, um die weitre Planung nicht über sich ergehen zu lassen.

Der BUND versteht sich laut Carl „als Energiewendeverband“. Der Klimawandel komme viel schneller als erwartet und deshalb müsse zügig gehandelt werden. „Wo ist die Alternative zur Windkraft“, stellte er in den Raum. Es gehe nicht um die Frage, wie viel es sein solle, sondern „wie wenig wir uns noch leisten können“, um den Klimawandel aufzuhalten. Die Menschen, so seine Vermutung, „werden sich daran gewöhnen und in Zukunft ihren Frieden damit machen“.

„Anonyme Bedrohungen dürfen wir uns nicht bieten lassen“

Vor kurzem war ihre Vereidigung als Bundesjustizministerin, gleich danach war Christine Lambrecht beim SPD-Sommerfest in Wahlen zu Gast. Für das hatte sich die SPD-Wahlkreisabgeordnete viel Zeit genommen, um im Vergleich „lauschigen“ Überwald der Hitze des Rieds zu ent- und mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Wir unterhielten uns mit der 54-Jährigen über ihre Vorhaben, den Umgang mit Anfeindungen und die wehrhafte Demokratie.

Frau Lambrecht, hatten Sie denn damit gerechnet, mal Justizministerin zu werden?

Christine Lambrecht: Die Entscheidung der kommissarischen Parteiführung kam für mich sehr überraschend. Allerdings ist das Ressort für mich überhaupt nicht fremd, da ich bereits nach meiner ersten Wahl in den Bundestag 1998 im Rechtsausschuss angefangen und dort Erfahrungen gesammelt habe. Jeden Job, den ich habe, will ich gut machen. In der Politik kommt es immer anders, als man denkt. Deshalb kann ich nur jedem davon abraten, sich auf bestimmtes Amt zu fixieren.

Als ihre Ernennung bekannt wurde, war in manchen Medien von einer „Notlösung“ auf diesem Posten die Rede.

CL: Die Fachverbände sagen, ich bin eine Frau vom Fach. Das ist für mich das Entscheidende. Vielleicht ist es ja für manche langweilig, dass ich mich gut in der Materie auskenne. Ich halte dies jedoch für eine gute Ausgangsposition (schmunzelt). Ich bin kein bunter Vogel, sondern will etwas für die Bürger bewegen und umsetzen. Dafür ist Sacharbeit wichtig.

Welche Themen gehen Sie als Erstes an?

CL: Vor einem Dreivierteljahr wurde auf dem sogenannten „Wohngipfel“ einiges vereinbart. Zwar wurde in der Zwischenzeit schon in den sozialen Wohnungsbau investiert, aber die Verbesserung des Mietrechts ist noch nicht umgesetzt. Es geht darum, dass Mieter in ihren Wohnungen bleiben können und nicht durch ständig steigende Mieten irgendwann ausziehen müssen, weil sie sich die Wohnung nicht mehr leisten können. Drei Gesetzesentwürfe zu diesem Thema hängen im Kanzleramt fest. Ich will jetzt auf die Umsetzung drängen. Kostenfallen etwa beim Handyvertrag sind ein weiteres Verbraucherschutz-Thema, das ich angehen werde. Wir müssen an die langen Kündigungsfristen und automatischen Vertragsverlängerungen dran.

Sie haben bereits in ihrer Antrittsrede deutlich gemacht, dass sie die Demokratie gegen rechts stärken wollen. Wie soll das geschehen?

CL: Es darf in einer Demokratie nicht sein, dass bedroht wird, wer für den Rechtstaat eintritt. Dass Ehrenamtliche ihre Posten nicht mehr ausüben wollen, weil sie Drohungen erhalten, ist ein Alarmsignal. Ich will mir von Betroffenen schildern lassen, wie sie ihre Situation empfinden. Es kann und darf nicht sein, dass durch die Anonymität des Netzes Leute ohne Konsequenzen bedroht werden können. Das dürfen wir uns nicht bieten lassen. Deshalb will ich mir auch anschauen, inwieweit das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ausreicht.

Politiker klagen allgemein darüber, dass die Flut der Hassbotschaften und Drohungen in den vergangenen Jahren zunahm. Stellen Sie auch eine Zunahme statt, seit Sie aus der zweiten in die erste Reihe gerückt sind?

CL: Das ist leider kein Phänomen, das mich nicht erst jetzt erreicht, sondern das gibt es bedauerlicherweise schon viele Jahre. Ich gehe auf jedes sachliche Schreiben sehr gern ein und setze mich natürlich auch mit Bürgern politisch im direkten Dialog auseinander, die anderer Meinung sind als ich. Aber blanke Beleidigungen und Drohungen gehen sofort an die Strafverfolgungsbehörden. Da gibt es keine Toleranz.

Treten Sie als Justizministerin jetzt vorsichtiger in der Öffentlichkeit auf?

CL: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ich achte natürlich auf das Umfeld, in dem ich mich bewege. Aber genauso weiche ich nicht zurück und suche weiter das öffentliche Gespräch.

Sieht man sie angesichts der vielen Amtspflichten in Zukunft weniger im Wahlkreis als früher?

CL: Ich würde es bedauern, nicht mehr so oft in den Odenwald kommen zu können. Allerdings übernimmt Deutschland 2020 die EU-Ratspräsidentschaft und deshalb wird es auch etliche Termine in Brüssel geben. Der persönliche Austausch mit den Bürgern vor Ort ist mir jedoch sehr wichtig und den wird es weiter geben. Denn hier komme ich her, hier sind meine Wurzeln. Es ist ein gutes Gefühl, die Menschen zu treffen, die mich über diesen langen Zeitraum begleitet und unterstützt haben.

Wie hat ihre Familie auf die Ernennung reagiert?

CL: Die freuen sich alle sehr. Meine 77-jährige Mutter reiste sogar zur Amtseinführung mit nach Berlin, mein Sohn lebt sowieso dort. Auch andere Familienangehörige kamen extra in die Hauptstadt. Die Familie ist für mich sehr wichtig, weil sie mich immer wieder auffängt.

Christine Lambrecht, geboren 1965 in Mannheim und in Viernheim wohnhaft, ist seit dem 27. Juni Bundesjustizministerin. Von 2011 bis 2013 war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende und von Ende 2013 bis September 2017 erste Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion. Von März 2018 bis Juni 2019 war Lambrecht Parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium. Sie studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Mannheim und Mainz und arbeitet als selbständige Rechtsanwältin in Viernheim. Seit 1998 ist Lambrecht Mitglied des Bundestages. 1998 und 2002 errang sie ein Direktmandat im Wahlkreis Bergstraße, in den vier folgenden Wahlen 2005, 2009, 2013 und 2017 zog sie über die Landesliste in den Bundestag ein. Bildquelle: Susie Knoll

Artenschutz beim Windradbau: „Wer bedrohte Vogelarten finden will, der findet sie auch“

Wie bestellt fliegt zum Ortstermin ein Schwarzmilan vorbei. „Ich beobachte hier 20 Überflüge pro Tag“, erzählt Dirk Bernd. Nicht nur des Schwarzen, auch seines roten Bruders. Der Artenschutzgutachter aus Lindenfels steht gerade auf einem Feldweg zwischen Weschnitz und Ober-Ostern, unterhalb der Windenergieanlage Kahlberg, von dem aus man eine herrliche Sicht bis zu Schloss Reichenberg, zu Stotz und Range, Richtung Rohrbach mit Lärmfeuer und Morsberg sowie Hammelbach hat.

Dirk Bernd sieht sie alle, die bedrohten Arten. Die auf der roten Liste stehenden Schwarzstörche fliegen bei seinen Untersuchungen mehrmals am Tag vorbei. „Ginge es nach dem Artenschutz, dürfte im Odenwald kein einziges Windrad betrieben werden“, macht der renommierte Fachmann klar. Denn wer will, der findet. Und zwar reichlich. Nicht nur vorbei fliegende Tiere, sondern auch Horste. „Wir haben hier ein Brut- und Nahrungshabitat für Rot- und Schwarzmilan, ein Dichtezentrum mit regelmäßigen Überflügen“, hebt er hervor.

Die Betonung Bernds liegt auf dem Wollen. Er wurde bei seinen faunistischen Gutachten bisher in allen Gebieten fündig, wo vorher bestellte Gutachter der Betreiber so gut wie nichts entdeckt hatten. Auf seinen Untersuchungen basieren im Odenwald sämtliche sogenannten „Weißflächen“ im aktuellen Windkraft-Regionalplanentwurf, wo aufgrund der Gutachten-Ergebnisse die Planungen erst einmal zurückgestellt werden. Heute entscheidet in Frankfurt die Regionalversammlung über diesen Plan. Eigentlich, sagt Bernd, müssten die Windkraft-Planer diese Aufgaben übernehmen. „Aber die könnten ja bei Funden nichts durchbringen.“ Und zu finden gibt es viel.

Dirk Bernd ist in seinem Element, wenn er über seinen Beruf spricht. Man merkt ihm die Sorge um die Natur an. „Es ist extrem, was wir hier kaputt machen“, bedauert er. „Ich mache es für die Sache und hoffe, dass es was bringt.“ Um gleich danach den Finger in die Wunde zu legen: „Unseriöser geht’s kaum“, meint er zur bisherigen Genehmigungspraxis bei Windkraftanlagen, seien es nun Greiner Eck, Stillfüssel oder Kahlberg. „Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet.“

Die fünf Windräder auf dem Kahlberg drehen sich an diesem Tag mit etwa 150 Stundenkilometern, schätzt der Gutachter. 300 sind das Maximum. 2016 beobachtete er hier noch 30 Überflüge des europaweit geschützten Rotmilans an einem Tag. Als dann gerodet wurde, waren die entstandenen Freiflächen ein beliebtes Jagdrevier des Raubvogels. „Die Zahl der Überflüge blieb gleich, aber die Verweildauer stieg auf das Sechsfache an“, beobachtete er.

Mit dem Start der Rotoren begann das große Gemetzel. „Eine Zeitlang geht das noch gut“, weiß der Fachmann. Aber nicht lange. Denn der Rotmilan, an der Spitze der Nahrungskette, „erkennt die Rotoren nicht als Gefahr“, erläutert Dirk Bernd. Er fliegt zwischen ihnen hindurch und spielt unfreiwillig Russisch-Roulette. Mal geht es gut, mal nicht. Eine Tötung des Vogels wird für ihn deshalb billigend in Kauf genommen. „Das ist absolut wiederrechtlich und illegal“, macht er seinem Frust Luft.

Die aktuell 40 und mehr werdenden Windräder im Odenwald „hält keine Rotmilan-Population aus“, warnt er. Die Bestände an Vögeln „werden den Planungen angepasst“, kritisiert der Gutachter. Nicht nur bei diesen: Abstände zu Quartierbäumen der Mopsfledermaus wurden laut Bernd immer mehr verringert, von 5000 auf jetzt 200 Meter. „Sonst könnte man etwa im Spessart überhaupt kein Windrad bauen.“

Dirk Bernd machte auch zahlreiche Brutpaare des Rotmilans im Bereich um den Kahlberg aus. „Die drei am nächsten gelegenen waren ein Jahr später (nach Inbetriebnahme des Kahlberg-Windparks, d.Red.) nicht mehr da“, klagt er an. „Die Projektierer haben keinen davon gesehen“, moniert er. Dabei gehören doch „Rotmilan und Odenwald zusammen“, weist er auf das hohe Vorkommen hin.

Bei Raumanalyen „kann man tricksen“, schildert der Planer. Das betreffende Gebiet wird in bestimmte Raster eingeteilt, die weniger beflogenen werden rausgezogen und für Windradbebauung zur Verfügung gestellt. Nur: „Der Rotmilan hält sich nicht an Flugbahnen und Rasterkästchen.“ Diese Art der Arbeit dient seiner Meinung nach nur dazu, „die Pläne zu realisieren“. Aus Erfahrung weiß Bernd, dass sich Raumanalysen von einem zum anderen Jahr „diametral unterscheiden“. Die Vögel fliegen nicht dahin, wohin sie sollen.

„Wenn einer nichts sehen will, ist immer eine Genehmigung zu kriegen“, schildert der Fachmann. Damit war es einfach, meint der Gutachter ironisch, „kein erhöhtes Tötungsrisiko festzustellen“. Denn dessen Existenz würde das Aus für einen Windpark bedeuten. Da aber genau dieses nach all seinen Untersuchungen besteht, „dürfte hier (und damit meint er den ganzen Odenwald, d.Red.) nicht gebaut werden“.

„Egal wo ich nachgeschaut habe, ich habe immer etwas gefunden“, verdeutlicht Dirk Bernd die existierenden Populationen. Und fügt hinzu: „Ich kann meine Argumentation sehr gut begründen.“ Er arbeite mit den aktuellen Methoden-Standards, dokumentiere seine Sichtungen in der Regel mit Bildern.

Stellt Bernd etliche Überflüge und Horste bedrohter Arten fest, ein anderer, von den Firmen beauftragter Gutachter aber nicht, „folgte die Genehmigungsbehörde dem politischen Druck“, moniert er. Und winkte die Windräder durch. Erst in letzter Zeit ändert sich daran etwas, siehe Weißflächen.

Wobei diese ja auch nicht für alle Zeit aus der Planung sind, sondern nur ein paar Jahre. Was für den Fachmann absoluter Blödsinn ist. „Der Schwarzstorch hält an seinem Revier fest“, betont er. „Der ist eigentlich nie weg.“ Horste werden im Umkreis von ein paar hundert Metern gebaut. Damit sind laut Bernd die Weißflächen Augenwischerei, da sich der Status Quo nicht ändern wird. Außer es werden die Bäume gefällt, wo sich die Horste befinden, wie es vergangenes Jahr am Morsberg bei Reichelsheim geschah. Und selbst dann bauen der Rotmilan oder Schwarzstorch im Umfeld einen neuen Horst, den es dann wieder zu finden gilt.

Info: Dirk Bernd hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: „Windindustrie versus Artenvielfalt – Eine Studie über die Auswirkungen der Windenergienutzung auf Großvögel- und Fledermausarten am Beispiel Odenwald und weiteren Mittelgebirgsräumen“. Man kann es kostenlos als Pdf unter www.muna-ev.com/veröffentlichungen/ herunterladen.

Kahlberg-Schwarzstörche

Die Windräder am Kahlberg „liegen zwischen den Horsten von drei Schwarzstorch-Brutpaaren“, sagt Dirk Bernd. Die gehen an Weschnitz und Ulfenbach zur Nahrungssuche runter und überfliegen dabei regelmäßig die Rotoren. Aufgrund des Flugradius’ der Tiere „müsste man in einem Zehn-Kilometer-Umkreis prüfen“, hebt er hervor. Obwohl der Genehmigungsbehörde Bilder von Schwarzstörchen, sogar von einem Paar aus den Monaten Mai und Juni vorlagen, sei der Windpark in Betrieb gegangen. Begründung: „Die Vögel könnten auf dem Zug gewesen sein.“ Der Gutachter weiß nicht, ob ihn das zum Lachen oder Weinen bringen soll. Denn: „Die Schwarzstörche kommen bereits im März.“ Sein Fazit: „Es wird gebogen und gelogen, um eine Genehmigung zu erhalten.“

Zur Person

Dirk Bernd (47), aus Heppenheim stammend, wohnt seit zwölf Jahren in Lindenfels und betreibt dort ein Büro für Faunistik und Landschaftsökologie. Er erstellt als Gutachter Flächennutzungspläne für Gemeinden, ist für Fauna und Flora in kommunalen Bebauungsplanverfahren etwa für Gewerbe- und Wohngebiete zuständig. Am Kahlberg, im Dreieck zwischen Weschnitz, Grasellenbach und Mossautal, war er für die dortige Bürgerinitiative tätig, als Artenschutzgutachter in Reichelsheim – bei Stotz und Range – ebenso für die Gemeinde wie im Mossautal oder Breuberg. „Ich stehe auf einer Anhöhe und schaue das Plangebiet entlang“, beschreibt der Gutachter seine Arbeit. Das geschieht in einem Umkreis von sechs bis zehn Kilometern mit Fernglas und Spektiv. Zur Dokumentation hat Bernd eine Kamera mit 600mm-Objektiv dabei.

„Der Energiewandel muss intelligent gemacht werden“, fordert er. Man kann nicht einfach zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft ausweisen, „aber nicht wissen, wie das umgesetzt werden soll“, kritisiert er. Die dadurch bisher entstandenen Schäden an der Fauna sind „nachweisbar und erkennbar“. Da technisch an den Windrädern keine Verbesserungen möglich sind, um die Tiere zu schützen, „kann es nur ein Entweder-oder geben“. Dirk Bernd ist der Meinung, „dass wir die Stromwende auch mit Fotovoltaik hinkriegen könnten“. Dazu noch ordentliche Speicher „und es geht kein Vogel daran kaputt“. Für ihn ist es extrem, „was wir hier zerstören“. Er weiß von zwei Fledermaus-Arten, die aufgrund der Windkraft schon zu 90 Prozent ausgerottet sind. Zahlreiche weitere der 24 heimischen Arten sind durch die Windenergienutzung ebenfalls stark gefährdet.

 

Nach zwölf Jahren kehrt der Landkreis Bergstraße in die gemeinsame touristische Vermarktung des Odenwalds zurück

West- und Ost-Odenwald sind wieder vereint. Oder wie es der Landrat des Odenwaldkreises, Frank Matiaske, formulierte: „Alte Liebe rostet nicht.“ Nach zwölf Jahren Pause machen die vier Landkreise mit Odenwald-Anteil in Sachen Tourismus wieder gemeinsame Sache, da der Kreis Bergstraße seine „Auszeit“ aufgab und zum bisherigen Trio zurückkehrte. Dessen Landrat Christian Engelhardt betonte ebenso wie sein Amtskollege die große Bedeutung dieses Schritts, um jetzt als Destination Bergstraße-Odenwald zusammen mit dem Landkreis Darmstadt-Dieburg und dem bayrischen Miltenberg geschlossen auftreten zu können.

Seit Matiaske und Engelhardt im Amt sind, war es ein gemeinsames Vorhaben der beiden, die touristischen Aktivitäten wieder unter einem Dach zu bündeln. Viele Hürden galt es allerdings zu überwinden, bis es jetzt mit der feierlichen Vertragsunterzeichnung soweit war. Um deren Überwindung kümmerte sich federführend Kornelia Horn vom Verein Touristik Service Odenwald-Bergstraße (TSOB). Der Beitritt gilt rückwirkend zum Jahresanfang.

Der Verein überweist die Mitgliedsbeiträge als Zuschuss an die Odenwald Tourismus-Gesellschaft, die das operative Geschäft erledigt, erläuterte Matiaske. In deren Vorstand wurde Engelhardt auf der Mitgliederversammlung als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats gewählt. Nach zwölf Jahren Trennung „kommen wir mit noch mehr Beteiligung zurück“, betonte dieser. Das neue Gebilde deckt sich seinen Worten zufolge „in großen Teilen mit dem Unesco-Geopark Bergstraße-Odenwald“.

„Es kostete viele Gespräche“, meinte Engelhardt. Dicke Bretter waren zu bohren. Er sieht aber in der Wiedervereinigung „eine tolle Chance für den Tourismus“. Dies mit Unterstützung des Landes Hessen, das „den Tourismus größer denken wollte“. Es lässt dafür auch etwas springen: 125.000 Euro. Der Landkreis Bergstraße, so Engelhardt, investiert sogar eine größere Summe: 200.000 Euro jährlich zusätzlich zu den bisherigen Mitteln, die in diesen Bereich flossen.

Der Landrat bezeichnete den Tourismus auf der einen Seite als Wirtschaftsfaktor, auf der anderen aber auch als Quell der Lebensqualität für die Bürger. „Gemeinsam sind wir das Land der Nibelungen“, hob er hervor, von Worms bis hin zu den Siegfriedbrunnen, die sogar im Bayrischen verortet werden. Die Gebiete „wachsen zu einer gemeinsamen Region zusammen“.

Der Mix aus Bergstraße und Odenwald mit ihren jeweiligen Produkten und die vielen Freizeitaktivitäten „machen die hiesige Lebensqualität aus“, so Engelhardt. Bereits im Vorfeld entfaltete Kornelia Horn einige Aktivitäten, was etwa in den Gruppenangeboten zum Ausdruck kommt. Denn Touristen schauen nicht nur auf die örtlichen Angebote, sondern wollen wissen, was in einem Umkreis von 50 Kilometern geboten wird. „Wir zeigen aber auch den Einheimischen, was es alles gibt“, sagte er. Durch die Förderung des Landes „können wir jetzt mehr machen“.

Mit den neuen finanziellen Möglichkeiten, zu denen auch eine Leader-Förderung über 150.000 Euro zählt, werden „ungeahnte Möglichkeiten eröffnet“, freute sich Matiaske. Vor fünf Jahren sei dies noch nicht möglich gewesen. Er zollte Kornelia Horn große Anerkennung. „Sie hat es wirklich hinbekommen, diese Allianz zu schmieden“. Der Odenwaldkreis-Landrat sprach von einer „Win-win-Situation für alle“.

Das Naturerlebnis sei ein „brandaktuelles Thema“, betonte Matiaske mit Blick auf die Grünen-Erfolge oder die „Fridays for future“-Bewegung. Engelhardt ergänzte: „Der Wunsch nach einer nachhaltig entwickelten Umwelt kann hiererfüllt werden.“ Durch die Eingliederung der Bergstraße sei man nun noch breiter aufgestellt.

Engelhardts Worten nach wurden „komplett neue Strukturen geschaffen“. Was aber nicht heißt, dass es unterschiedliche Ansprachen geben müsse: Deshalb wird eine zweite Strukturebene touristischer Arbeitsgemeinschaften installiert, für Bergstraße und vorderen Odenwald. Der Landrat sprach von einem „richtigen Leuchtturm“, der über die einzelnen Destinationen herausstrahlt. Matiaske wies schmunzelnd auf den Zusammenschluss auch beim Tischgetränk hin: Das Premium-Wasser der Odenwaldquelle wird in Oberzent-Finkenbach im Auftrag einer in Heppenheim sesshaften Firma abgefüllt.

„E kommt wieder zusammen, was zusammen gehört“, meinte für den Landkreis Darmstadt-Dieburg Hans-Georg Schöpp als ständiger Vertreter der Landrats. „Der Verbraucher macht nicht vor Landesgrenzen halt“, sagte er. Die Region hat unheimlich viel zu bieten: „Natur, Kultur, Wein, Brauereien“, schmunzelte er. Kornelia Horn zeigte sich begeistert, „welche Vielfalt jetzt angeboten werden kann“. Man wolle nun „an dem fantastischen Angebot weiter arbeiten“.

Der Verein Touristik Service Odenwald-Bergstraße (TSOB) umfasst die Gebietskulisse des hessischen und bayerischen Odenwaldes. Kooperationspartner im badischen Teil des Odenwaldes ist die Touristikgemeinschaft Odenwald. Ziele des Verbandes sind die Erhöhung des Bekanntheitsgrades des Odenwaldes, die Herausstellung der Vorzüge des Odenwaldes als attraktives Reiseziel, allgemeine Imagewerbung für den Tourismus im Odenwald, die Entwicklung und Umsetzung von Marketingkonzepten für den Odenwald, kreis- und länderübergreifende Kooperationen mit anderen Tourismusorganisationen zum Zweck der allgemeinen Tourismusförderung im Odenwald, allgemeine Marktforschung zum Tourismus im Odenwald.

Lizzy Aumeier liest auf bayrisch die Leviten

Mit Lizzy Aumeier sollte sich keiner anlegen, außer er bekommt gerne einen auf den Deckel, dass es nur so scheppert. Die Kabarettistin aus der Oberpfalz ist die Kampfbayerin par excellence, die zum Glück ihre Feindbilder zuhauf im Freistaat findet, sodass sie nicht groß in Baden-Württemberg wildern muss. Horst Seehofer, Florian Silbereisen, Markus Söder oder Alexander Dobrindt zieht sie im Programm „Wie jetzt?“ durch den Kakao.

Aumeier erschlägt sie alle mit ihrem losen Mundwerk, das unaufhaltsam sprudelt, sich selbst überholt. Sie zieht gnadenlos vom Leder, redet sich in Rage, dass die Sätze nur noch so aus ihr raus purzeln. Vor lauter Wut überschlägt sie sich fast in ihrem Furor, verfällt so tief in ihre Mundart, dass die Weinheimer die Ohren spitzen müssen.

„Ich habe gehört, dass ich nuschele“, fragt sie ungläubig nach der Pause in die Menge. Ein lautes „Ja“ schallt ihr entgegen. Zurecht, denn in der ersten Hälfte kam sie etwas schwer verständlich in ihrem flotten, verschluckten Oberpfälzisch rüber. Später hatte dann der ganze Saal viel mehr von ihren Lebensweisheiten, teilweise eher derb unter der Gürtellinie, teilweise einfach nur gnadenlos offenherzig rübergebracht. Wobei mindestens der eine oder andere Gag schon bekannt war.

Wobei Lizzy Aumeier zwei Pluspunkte hat: ihre Musik und ihre Grimassen. Dass sie eine begnadete Kontrabassisten ist, zeigt sie ein ums andere Mal mit Svetlana Klimova, der Konzertmeisterin der Moskauer Philharmoniker und ihrer Nachbarin im bayrischen 500-Seelen-Dorf. Wie die in ihrem russischen Slang in Mundart loslegen muss, ist eine vielbeklatschte Show. Ob Michael Jacksons Thriller oder Vivaldis aufgepeppte Vier Jahreszeiten: Die beiden würden auch als Musik-Duo reüssieren.

Und dann die Grimassen. Aumeier macht sich über Sport 1 lustig, wo nachts die „nackerten Weiber“ zu sehen sind. Damit ins Senderschema passt, müssen die leichtbekleidet eben Sport machen. Auf Zuruf legt das Oberpfälzer Vollweib die wildeste Pantomime hin, dass die Zuschauer aus dem Lachen nicht mehr rauskommen. Fußball, Reiten, Rugby, Tennis: Lizzy lässt die Hautlappen vibrieren und grimassiert sich einen ab.

Überhaupt die Körperfülle und das Altwerden: ein Dauerbrenner in ihrem Programm. „Leider ist der BMI wichtiger als der IQ“, bedauert sie. Der Zug zu Thin Lizzy ist halt abgefahren. Mit zu vielen Kilos hat die 55-Jährige kein Problem. Sie ist nicht dick, sondern die, „die im Kettenkarussell weiter außen fliegt“. Bewegungsmelder statt Schrittzähler lautet zuhause ihre Devise.

Aus ihrer politischen Heimat macht die Oberpfälzerin kein Geheimnis, auch wenn sie einen Abgesang auf die SPD liefert. Zur „Westerland“-Melodie wünscht sie sich die Partie Helmut Schmidts und Willy Brandts wieder herbei, findet kein gutes Haar an Gerhard Schröder und beschwert sich über das Gekrächze von Andrea Nahles, wo die Sozialdemokraten doch jede Stimme brauchen.

Pointiert, bissig, böse, startet Aumeier den ultimativen Rundumschlag, watscht Sophia Thomalla, Jens Spahn, Mesut Özil oder Christinan Lindner ab. Lieblingsfeind: natürlich die Rechten mit ihrer Doppelmoral. Dazu noch der Kurzdurchlauf aller Tatort-Handlungen und ein hämischer Nestle-Klatscher. „Denen ist gelungen, dass in Äthopien in den vergangenen zehn Jahren keiner ertrunken ist“, meint sie zum Grundwasser-Raub.

Ein paar bekannte Gags später (Komasaufen in Baden-Württemberg ist Vorglühen in Bayern, der Traktor auf dem Land vor den Motorradrasern: „Das Safety-Car ist draußen“) richtet sie einige bitterböse Bitten ans Universum: Spahn soll ein Jahr lang nur von Hartz IV leben oder Seehofer einen schwulen syrischen Sozialdemokraten als Pfleger bekommen.

Die Angst des Ablebens vor dem Fernseher mit Florian Silbereisen als letztem Eindruck, ihre Abrechnung mit der MeToo-Debatte oder zwei Wochen Kreuzfahrt für die Senioren, weil das immer noch günstiger ist als zwei Wochen betreutes Wohnen: Mit Lizzy Aumeier gibt’s ein gnadenloses Bashing all dessen, was ihr zuwider ist. Das Lachen ist in der Alten Druckerei quasi der Bordun-Ton des Abends. Rauschender Beifall verabschiedet sie nach der kurzen Zugabe.

Teilhabe und Inklusion verstärkt in den Fokus rücken

Der „Wegweiser für Menschen mit Behinderung“ erfährt eine Neuauflage und bekommt eine andere Bezeichnung. Die fünf Jahre alte Version bedurfte einer Überarbeitung, erläutert der zuständige Kreisbeigeordnete Karsten Krug, gleichzeitig auch Vorsitzender der Kreisteilhabekommission. In Zusammenarbeit mit verschiedenen ehrenamtlichen Gruppierungen aus dem Kreis Bergstraße will man möglichst bis Jahresende die neue Fassung unter Dach und Fach haben. Angedacht ist daneben eine Umbenennung in „Teilhabewegweiser“, um auch sprachlich den inhaltlichen Veränderungen Rechnung zu tragen.

Der Nieder-Liebersbacher Verein „WirDabei!“ kümmert sich dabei um die Koordination der ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe, die bereits vor einem halben Jahr schon einmal zusammenkam. Zwischen sechs und acht Personen von unterschiedlichen Verbänden sind involviert. Krug schaute beim zweiten Treffen vorbei, um sich über den Fortgang zu informieren und Vorschläge aufzunehmen. Abstimmung und Rückmeldung der weiteren Vorgehensweise waren dabei ebenso Thema wie auch die Zeitschiene. Der Wegweiser soll helfen, Benachteiligungen von behinderten Menschen entgegenzuwirken und diese zukünftig zu vermeiden.

„Die ehrenamtlichen Interessensvertreter haben ein ganz anderes Gespür dafür, was enthalten sein soll“, würdigte der Kreisbeigeordnete deren Arbeit. Die Lebenshilfe Lampertheim, der Behindertenbeauftrage aus Heppenheim, Vertreter des Behindertenbeirats Lampertheim, der Elterninitiative Handicap Rodau und des Beteiligungsforums Handicap Viernheim kamen im Rathaus zusammen. „Wir haben umfassend abgefragt“, sagte Krug. Allerdings ist die Arbeitsgruppe für weitere Rückmeldungen dankbar, wenn jemand nicht berücksichtigt oder angefragt wurde (siehe unten).

Im Raum stand laut Krug die Frage, inwieweit Infos zu jedem Rathaus im Kreis in den Wegweiser aufgenommen werden sollen. Denn viele öffentliche Einrichtungen, weiß er, „sind noch nicht barrierefrei“. Es wäre ein großer Aufwand, dies jeweils fürs Einzelobjekt abzuklären, erläuterte er. Hier kam man überein, die jeweilige Telefonnummer der Verwaltung anzugeben und eventuell mit Piktogrammen darauf hinzuweisen, in welchem baulichen Zustand die Rathäuser sind. „Es ist schwierig, jeweils einzeln die konkreten Infos abzubilden“, sagte Krug. Am sinnvollsten sei es für die Menschen mit Handicap, so der Tenor, sich telefonisch dort im Vorfeld zu informieren.

Barrierefreiheit spielt auch bei der Mobilität eine große Rolle. Die Wegweiser-Leser sollen Infos darüber erhalten, „welche Mitnahme-Möglichkeiten es gibt“, so Krug. Egal ob das jetzt für Rollstühle, Kinderwagen, Rollatoren, Fahrräder oder E-Scooter ist. „Manche Busse sind von vornherein gekennzeichnet“, weiß der Beigeordnete. Die Mitnahme von Rollstühlen ist der Regel problemlos möglich, wie die von E-Scootern aber wiederum eher grundsätzliche Probleme aufwirft. Im Schülerverkehr, erläuterte er, ist manchmal eine Mitnahme-Kapazität nicht vorhanden.

Selbsthilfegruppen für Drogen- oder Alkoholabhängige sowie für Betroffene mit Schlafapnoe sollen, eben weil es ein Teilhabewegweiser ist, ebenfalls kurz Erwähnung finden. Thematisiert wurde von den Ehrenamtlichen außerdem, dass es nur in wenigen Kreisorten Ansprechpartner für Behinderte gibt.

„Es ist wichtig, dass wir in der Gesellschaft Teilhabe und Inklusion verstärkt in den Fokus rücken“, hob Karsten Krug hervor. Ihm geht es darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen, „dass jeder seinen Teil dazu beitragen kann, damit Menschen mit Behinderung besser am täglichen Leben teilhaben können“. Der Kreisbeigeordnete will die Thematik auch immer wieder ansprechen und so im öffentlichen Bewusstsein halten.

Für die Betroffenen soll der Wegweiser insofern einen Mehrwert haben, „dass sie wissen, wo sie Informationen, Hilfe und Unterstützung bekommen“. Ganz wichtig sind Krug eine verständliche Sprache und kein Amtsdeutsch, um so die Nutzungsschwelle und Handhabbarkeit zu verbessern. „Wir möchten den besten Ansprechpartner für ein bestimmtes Thema nennen“, ist das Ziel. Dazu: Welche Beratungsstellen sind beim Kreis angesiedelt, wo gibt es rechtliche Infos und wer ist in den Behörden zuständig. Kurz: „Wer kann wen bei was beraten.“

Petra Thaidigsmann von „WirDabei!“ moderierte die Sitzung. Alle Teilnehmer der Runde gaben im Verlauf aus ihren Bereichen Rückmeldungen zu Inhalten des Teilhabewegweisers. Es wurden verschiedene Arbeitsgruppen hierzu gebildet.

Info: Kreisbeigeordneter Karsten Krug, gleichzeitig Vorsitzender der Kreisteilhabekommission, ist für Anregungen unter Telefon 0 6252/15-5400 oder E-Mail buero.krug@kreis-bergstrasse.de erreichbar.