„Diese Aufgabe ist eine große Ehre für mich“

Das Ergebnis war eindeutig: Der Aschbacher Sven Wingerter holte gleich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit für die Nachfolge von Christine Lambrecht als SPD-Bundestagskandidat im Kreis Bergstraße. Der 40-Jährige gehört bereits seit 18 Jahren der Wald-Michelbacher Gemeindevertretung an, 14 Jahre lang dem Kreistag und ist seit 2017 DGB-Vorsitzender im Kreis Bergstraße. Wir sprachen mit ihm über Vergangenes, Gegenwärtiges und Ziele.

OZ: Herr Wingerter, Sie haben gleich im ersten Durchgang mit absoluter Mehrheit die Bundestagskandidatur im Wahlkreis 188 Bergstraße geholt. Wie fühlen Sie sich damit?

Sven Wingerter: Erst einmal überwältigt. Diese Aufgabe ist eine große Ehre für mich. Der Einsatz für gute Arbeit, soziale Sicherheit, für ein gutes Leben – das ist meines Erachtens der Dauerauftrag für jede sozialdemokratische Partei. Die Herausforderungen mögen sich ändern: Klimakrise, Digitalisierung oder jetzt die Corona-Pandemie. Doch gerade solche Prozesse erfordern sozialdemokratische Politik. Das ist eine enorme Verantwortung. Und ich freue mich, dafür das Vertrauen erhalten zu haben.

OZ: Sie treten in große Fußstapfen: Seit 1998 ist der Kreis durch Christine Lambrecht im Bundestag vertreten, aktuell Bundesjustizministerin. Wie wollen Sie einen erfolgreichen Wahlkampf gestalten?

Wingerter: Sigmar Gabriel hat einmal gesagt: Wir müssen dahin, wo es brodelt, riecht und stinkt. Dahin, wo es anstrengend ist. Für mich als Gewerkschaftler ist das selbstverständlich. Ich will nicht „von oben herab“ erklären, was gut für die Leute ist. Vielmehr genau umgekehrt: die Menschen aus den Betrieben, den Unternehmen, den Firmen genauso ernst nehmen wie die Familien mit Kindern, die Jugendlichen und die Senioren. Wir müssen die Kümmerer sein, die sich der konkreten Probleme der Menschen annehmen und dafür echte Lösungen gemeinsam entwickeln. Wahlkampf wird dann erfolgreich, wenn wir erfolgreiche Politik machen und uns dieses Vertrauen erarbeitet haben.

OZ: „Politik für die vielen, nicht für die wenigen“, lautet ihr zentrales Motto. Wie wollen Sie es mit Leben erfüllen?

Wingerter: Es gibt einen enormen Mangel an gegenseitigem Respekt, an Wertschätzung für das, was im Alltag und im Leben geleistet wird. Bis in die politische Mitte hinein werden Menschen gegeneinander ausgespielt. Aufgrund der Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder der sexuellen Orientierung. Wir dürfen das nicht zulassen. Ob das nun die Facharbeiter, Ingenieure und Informatiker sind oder die Handwerker, Erzieherinnen, Krankenschwestern, Pfleger oder Reinigungskräfte. Sie alle sind die vielen in unserer Gesellschaft. Die meisten von uns eint mehr als uns trennt. Als Leistungsträger. Als Menschen, die ähnliche Probleme haben. Mir geht es darum, gemeinsamen Interessen zu betonen und zu vertreten.

OZ: Sie wollen Verteilungsfragen und Steuergerechtigkeit offensiv anzugehen. Wie sehen hierzu Ihre Vorstellungen aus?

Wingerter: Die soziale Ungleichheit in Deutschland hat inzwischen ein unerträgliches Ausmaß angenommen. Einkommen und Vermögen sind extrem ungleich verteilt. Seit Jahren bekommt die große Mitte der Gesellschaft vom steigenden Wohlstand nicht mehr viel ab. Wir müssen dafür sorgen, dass die Einkommen wieder stimmen. Es darf nicht sein, dass über 20 Millionen Menschen in sogenannter atypischer Beschäftigung arbeiten. Hier muss wieder Ordnung auf den Arbeitsmarkt, z. B. durch einen deutlich höheren Mindestlohn, durch allgemeinverbindliche Tarifverträge, durch die Abschaffung sachgrundloser Befristungen. Mies bezahlte Niedriglohnjobs darf es nicht mehr geben. Der Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen muss massiv zurückgedrängt werden.

Für die Steuerpolitik hat die SPD ein Konzept vorgelegt, mit dem wir durch höhere Freibeträge und eine Verschiebung der Grenzsteuersätze 90 Prozent der Menschen entlasten. Ein gleichzeitig höherer Spitzensteuersatz betrifft nur einige wenige. Ein wichtiger Beitrag ist die Wiedererhebung der Vermögenssteuer – auch hier gilt: Betroffen sind überhaupt nur Vermögen ab zwei Millionen Euro,  bei Partnern und Ehepaaren vier Millionen Euro.

OZ: Der Erhalt von Arbeitsplätzen und Klimaschutz gehören für Sie zusammen: Wie wollen Sie das unter einen Hut bekommen?

Wingerter: Klimaschutzpolitik ist Beschäftigungs- und Industriepolitik! Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, maßgeblich entwickelt von Sozialdemokraten wie Hermann Scheer, war die erfolgreichste Wirtschaftspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Folge sind Hundertausende Arbeitsplätze entstanden. Wir müssen allerdings sicherstellen, dass bei dieser gewaltigen Transformation niemand verloren geht. Wenn wir die Unterstützung gut ausgebildeter Facharbeiter für den Klimaschutz wollen, dann müssen wir ihnen auch etwas anbieten. Wenn wir von Menschen verlangen, dass sie ihren Job wechseln, dann geht das nur mit Förderung von guter Arbeit, Weiterbildung und der Wertschätzung bisheriger Berufserfahrungen, der Qualifikationen und des Erhalts der zuvor erarbeiteten Lebensleistung.

OZ: Wie hat Sie ihr schon 20 Jahre währendes Engagement für die Sozialdemokratie in der Entscheidung für die Kandidatur geprägt?

Wingerter: Zunächst wurde ich durch meine Familie geprägt, überhaupt in die SPD einzutreten. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Da war klar: Die SPD ist „unsere“ Partei. Sozialer Aufstieg war mir nicht in die Wiege gelegt. Meine Eltern hatten zwar „nur“ einen Volksschulabschluss, aber ihr Leben lang gearbeitet. Respekt, Wertschätzung und soziale Gerechtigkeit kommen nicht von allein. Sie müssen erkämpft werden. Das geht nur durch politisches Engagement.

In der Kommunalpolitik erlebe ich, wie sehr wir auf Bundespolitik angewiesen sind. Weil uns zum Beispiel notwendige Finanzausstattung für wichtige Investitionen fehlen. Infolge der Coronakrise drohen uns enorme Probleme mit Blick auf Gastronomie und Einzelhandel, aber auch unsere Vereine und das kulturelle Leben. Das zeigt: Städte und Gemeinden müssen konsequent mitgedacht werden.           

Zur Person

Sven Wingerter ist 40 Jahre alt und in Wald-Michelbach aufgewachsen. Er ist evangelisch und mit seinem Mann Markus verheiratet. Nach seinem Abitur am Überwald-Gymnasium Wald-Michelbach machte er seinen Studienabschluss als Magister Artium (M.A.) in Politikwissenschaft sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Philipps-Universität Marburg.

Seit 2013 arbeitet er bei der Darmstadt-Dieburger Nahverkehrsorganisation.

Seit 2017 ist Wingerter Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Bergstraße, der die Interessen seiner acht Einzelgewerkschaften mit über 21.000 Mitgliedern gegenüber der Politik vertritt.

Seit 2003 ist Wingerter Wald-Michelbacher Gemeindevertreter und dort seit 2018 Vorsitzender der SPD-Fraktion.

Dem Kreistag Bergstraße gehörte er von 2007 bis 2021 an und war dort verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion.

In seinem Heimatort Aschbach war er die vergangenen zehn Jahre stellvertretender Ortsvorsteher.

Im SPD-Unterbezirksvorstand ist er seit 2003 tätig.