Die große Freiheit auf der Tromm genießen

Die Malerei hatte es Ingrid Scholz schon als Jugendliche angetan. So blieb es bis heute, „außer“ dass für die Künstlerin die Arbeit an Skulpturen dazukam. Früher, in ihrer Bremer Heimat, radelte sie oft nach Worpswede zur dortigen Künstlerkolonie. „Die hat mich sehr inspiriert und interessiert“, erzählt sie. Paula Modersohn-Becker war ein großes Vorbild. Heute, auf der Tromm, bezeichnet sie es „als großes Glück“, hier zu leben.

Anfang August gibt es normalerweise in jedem Sommer auf der Tromm ein großes Bergfest, „an dem ich mich auch beteiligt habe“, erklärt Scholz. Das fällt in diesem Jahr wegen Corona aus. „Aber auch ohne diesen jährlichen Fixpunkt arbeite ich an mehreren Kunstprojekten“, so die Künstlerin. Deshalb empfindet sie aktuell „nicht das Gefühl, eingeschränkt zu sein“.

Sicherlich am eindrucksvollsten ist von ihren aktuellen Arbeiten die sechs Meter hohe Bikerskulptur. Für sie wurde zuerst ein kleines Modell gefertigt. Denn bei sechs Metern, „muss man sich im Klaren sein, was man wie gestaltet“, schmunzelt die Künstlerin. Am langen Stahlrohr werden – wie bei einer Pusteblume – im oberen Teil der Stange ringsherum kleine Stahlstangen angeschweißt, an deren Enden sich Räder drehen sollen, erklärt Ingrid Scholz den Aufbau.

„Ich experimentiere noch etwas mit dem Material, das zwischen die Speichen geklemmt wird, damit sich die Räder dann im Wind drehen können“, schildert sie weiter. Bei der Arbeit entdeckt sie immer wieder etwas Neues: Speiche, Rad oder Kugellager. Wenn das Werk fertig ist, wird es auf der Skulpturenwiese der Tromm installiert. Der Stein dafür liegt schon bereit.

Aus einem Projekt, das sie vor einigen Jahren in Breuberg realisierte, gibt es noch Aluminiumplatten, erläutert die Wahl-Odenwälderin weiter. Die sind unterschiedlich lang und zu einem U gebogen. In Breuberg wurde daraus eine Art Himmelstürmer. „Im Moment versuche ich noch einen guten Ausgleich zwischen Breite und Höhe der Skulptur zu finden“, erklärt sie. Die Künstlerin überlegt, ob sie die offene Seite mit anderem Metall schließt oder nur mit Strukturen versieht.

Malend verbringt sie viel Zeit vor einem Bild, dessen Vorbild bei Bürgermeister Dr. Sascha Weber im Büro hängt. Es ist abstraktes Werk mit dem Titel „Wald-Michelbach“. Scholz bezeichnet es als sehr optimistisch. „Es reizt mich, einen neuen Rhythmus in der Verbindung von Sonne, Bach und Wald zu realisieren“, schildert sie den Ansatz. Wenn die Schulen wieder geöffnet sind, wird sie an der Grundschule in Unter-Schönmattenwaag fünf Holztürme aufstellen und mit den Kindern neu gestalten.

Dazu kommen noch drei Aufträge. Einmal geht es um die Darstellung von Familie, also Vater, Mutter und Kind. Dafür bekam sie von einem Hammelbacher sehr alte Eichenbalken. „Die liegen nun in unserem Carport“, lacht sie, und werden Eingang in die Skulptur finden. Holz als Material „ist auf der Tromm eigentlich ein Problem“, meint sie. Aber Eichenbalken dieses Alters werden lange halten, denkt Scholz. „Ich verbinde sie auch mit Edelstahl und verknüpfe so alte Materialien mit neuen.“

Zwei ihrer weiteren Aufträge hängen miteinander zusammen. Es geht um Metallskulpturen, die auf einem abgesägten Baumstamm einen Blickfang in einem großen Garten bilden sollen. In einem Fall steht das Konzept fest, erzählt sie: Zwei große Äste, die von dem Stamm links und rechts abgehen, wurden nicht abgesägt und ragen nun aus ihm hervor.

Zwischen ihnen wird ein großer Fisch aus Edelstahlstangen und Aluminiumplatten befestigt – ein Verweis auf den großen Fischteich, der zum Garten gehört. „Wenn diese Skulptur steht, so werden wir sehen, was auf den zweiten Stamm kommt“, lässt sich die Gestalterin überraschen. Denn es soll ja zu diesem Fisch und zum Garten insgesamt passen. In der Natur „fallen mir tolle Sachen ein“, erzählt Ingrid Scholz. Sie liebt es, mit Edelstahl zu arbeiten. Ihr gefällt die Spiegelung in der Metallplatte.

„ich kann die Dinge in Ruhe gestalten und mir Zeit lassen“, gewinnt die Künstlerin der Corona-Entschleunigung auch etwas Gutes ab. Sie hat dann die Muse, sich richtig auf etwas einzulassen und kann dem Werk mehr Konzentration gönnen. „Warum in die Ferne schweifen, wenn es sich auf der Tromm gut leben lässt“, ist ihre Maxime. Es zieht sie nicht in die Großstadt. Scholz schätzt das Arbeiten auf dem Höhenzug. Schöner könnte es nicht sein, meint sie. Eben die „große Freiheit Tromm“ abseits der Zwänge und des Trubels.

Ingrid Scholz stammt aus Bremen und studierte dort an der Kunsthochschule Design. 1974 zog sie mit ihrem Mann Gerold und zwei Kindern in den Odenwald nach Zotzenbach. Scholz studierte dann noch einmal, Kunst und Polytechnik in Kassel. Sie wurde aber nicht Lehrerin, profitiert aber vom zusätzlichen Studium in ihrer Kunst und durch den erlernten Umgang mit Maschinen.

1984 ergab sich die Möglichkeit, ein altes Haus mit einem großen Garten und einer Wiese auf der Wald-Michelbacher Seite der Tromm zu kaufen. Das war die Voraussetzung dafür, sich auf Malerei und vor allem auf Skulpturen konzentrieren zu können. Seitdem lebt Ingrid Scholz hier, führt die Galerie „artstract“ und beteiligt sich am Kunstgeschehen in der Region.

Scholz malte mit Kindern und Jugendlichen im Lernmobil in Viernheim Züge an, beteiligte sich an mehreren Kunstwanderwegen, initiierte mit ihrem Mann den Bau eines Spielortes auf der Tromm, beteiligte sich an verschiedenen Bergfesten sowie hat ihre Wiese und ihren Garten zu einem Skulpturenpark ausgebaut.

Bei schönem Wetter kommen viele Leute auf die Tromm, um die herrliche Natur zu erleben und zu genießen, weiß sie. Ingrid Scholz öffnet gern tageweise ihr Atelier und ihren Garten für kleine Gruppen. Sie bittet aber um Anmeldung unter E-Mail artstract985@gmail.com oder telefonisch unter 06207/6560.