Gerade die Armen trifft es hart

Kerala, schält sich aus der Erzählung von Pater Sudeesh heraus, ist im Vielvölkerstaat Indien – trotz seiner 35 Millionen Einwohner – ähnlich ländlich geprägt wie der Odenwald. Deshalb ist dort die Corona-Lage auch um einiges besser als in den Metropolen Mumbai oder Neu-Delhi. Die Ausgangssperre trifft aber alle 1,3 Milliarden Einwohner hart, berichtet der 39-jährige Pfarrvikar aus der Pfarrgruppe Überwald. Wobei auch dort die auf dem Land besser wegkommen, da die Häuser und Grundstücke größer sind.

Das Virus, hat der Karmeliter-Pater von Berichten aus der Heimat erfahren, wurde vor allem durch indische Arbeiter aus China, Italien und Dubai eingeschleppt. Derzeit sind im südwestindischen Bundesstaat lediglich 127 Erkrankte registriert, weiß. Von anfangs 430 Infizierten sind schon um die 300 wieder genesen, teilt er erfreut mit, dass die strengen, von der indischen Zentralregierung ergriffenen Maßnahmen Wirkung zeigen.

Allerdings stehen 30.000 Personen unter Beobachtung, sind teilweise in Quarantäne. Die werden, so Pater Sudeesh, in regelmäßigen Abständen von Mitarbeitern des Gesundheitsamts zu Hause besucht. „Andere Bundesstaaten sind viel stärker betroffen“, erläutert er. Es gilt eine strenge Ausgangssperre. „Die Leute dürfen nur zum Einkaufen oder für Arzttermine raus“, schildert der Kirchenmann die Situation.

Die Städte und Gemeinden kümmern sich um die Lebensmittelversorgung. Ob Reich oder Arm: Alle bekommen die gleichen Rationen. Allerdings kommen die nur bei den Einheimischen an. Es gibt aber, so der Pater, viele Wanderarbeiter und Tagelöhner, die durch die Ausgangssperre außerhalb ihrer Region in Großstädten gestrandet sind und nicht zurück dürfen. Die trifft es besonders schlimm.

Wieder andere sitzen im Ausland fest und dürfen nicht zurück. „Die sind in einer sehr schwierigen Lage, ohne Verdienst und ohne Medikamente“, macht er auf die Not der Leute aufmerksam. Nach aktuellem Stand soll der komplette Lockdown des öffentlichen Lebens noch bis Ende April anhalten, erläutert Sudeesh.

Die Krise sieht der im Hirschhorner Kloster wohnende Pater in seinem Heimatland erst am Anfang. „Die Infiziertenzahlen steigen noch an“, erzählt er. Er fragt sich, ob die Kommunen länger als zwei Monate die Lebensmittel-Versorgung der Bevölkerung gewährleisten können. „Was ist, wenn sich das Virus noch weiter ausbreitet“, stellt Sudeesh in den Raum.

In Kerala, berichtet der Inder, gibt es eine gute ärztliche Versorgung, die Regionalregierung arbeite effizient. In anderen Bundesstaaten sei dies manchmal nicht gegeben. Aktuell herrschen in seiner Heimatregion Temperaturen von 35 bis 40 Grad ohne Regen. Die etwas Betuchteren haben Ventilatoren und Klimaanlagen, „aber für Arme ist die Situation schwierig“, macht aufmerksam.

Wie in Deutschland auch sind die Leute auf dem Land etwas besser dran. „Die können raus, bauen ihr eigens Gemüse an, alles ist nicht so dicht gedrängt.“ Zwar gibt es keinen Maßnahmen-Flickenteppich wie hierzulande. Aber Sudeesh erzählt, dass in jedem Bundesland verschiedene Kulturen und Sprachen existieren. Teilweise gibt es einen christlichen Bevölkerungsanteil wie in Kerala, manchmal auch einen muslimischen gegenüber dem Gros der Hindus.

„Zuhause geht es allen gut“, weiß der 39-Jährigen aus Telefonaten. Ein zwischenzeitlich erkrankter Verwandter, der sich in Dubai mit Corona ansteckte, ist wieder gesund. Allerdings darf er nicht nach Hause, da alle Flugverbindungen gekappt und die Grenzen dicht sind. „Eine solche Situation haben wir noch nie erlebt“, macht sich Sudeesh Sorgen um die Zukunft. Wie seine Mitpatres, etwa Pater Cyril aus Mörlenbach oder Joshy aus Hirschhorn, steht er in ständigem Kontakt mit der Heimat.

„Ich fühle mich sehr wohl Deutschland“, betont der Karmelitermann. Verglichen mit seiner Heimat gibt es trotz Beschränkungen noch viele Freiheiten. „Ich darf rausgehen“, nennt er eine davon. Was er auch gerne nutzt. Der Kontakt zu den Katholiken im Überwald geschieht derzeit allerdings meist telefonisch.

„Ich mache Telefonseelsorge“, erläutert Sudeesh. „Die älteren Menschen freuen sich über meinen Anruf“, hat er festgestellt. Er kennt einige von ihnen durch seine dreijährige Tätigkeit in der Region gut und weiß, bei wem er zwischendurch mal nachfragt. Sollte Bedarf an persönlichen Trauergesprächen sein, steht er – mit dem nötigen Mindestabstand – dafür natürlich auch zur Verfügung.                               tom

 

 

 

Pater Sudeesh Joseph (39) stammt aus Thodupuzha im südwestindischen Bundesstaat Kerala mit seinen 35 Millionen Einwohnern. Mit 16 Jahren trat er ins dortige Karmeliterkloster der Thomasprovinz ein. Vor fünf Jahren kam er nach Deutschland, seit drei Jahren wohnt er mit vier anderen Karmeliter-Brüdern im Kloster Hirschhorn. Pater Joshy George Pottackal ist katholischer Pfarrer im hessischen Neckartal und wird in Hirschhorn sowie Neckarsteinach unterstützt von Pfarrvikar Pater Linto Thekkekunnel Paily. Sudeeshs Vorgänger als Pfarrvikar im Überwald war Pater Cyril Thundathil, heute Pfarrer von St. Bartholomäus Mörlenbach und Weiher. Fünfter im Bunde ist Pater Sijoy Thevarakatt, heute Pfarrer von Hl. Kreuz Bad Wimpfen, einer hessischen Exklave des Dekanats Bergstraße, und vor 2010 ebenfalls Pfarrvikar im Überwald.