„Musikalisch rennt uns nichts weg“

„Alles Mist“ ist die erste Reaktion von Hans-Joachim Karl, wenn es um die Corona-Auswirkungen auf das musikalische Leben in der Region geht. Natürlich geht die Gesundheit vor, betont der Dirigent von drei Chören: dem MGV Sängerbund Unter-Schönmattenwag, der Union Wald-Michelbach und dem Sängerbund Oberflockenbach. „Musikalisch rennt uns nichts weg“, erklärt er. Auf einem anderen Blatt steht aber die Chorgemeinschaft. „Die Gruppe muss zusammen bleiben“, erklärt Karl.

Seine drei Chöre setzen verschiedene Ideen um, um in Zeiten der sozialen Distanz miteinander in Kontakt zu bleiben, erläutert der Dirigent. Bei der Union wird per Videochat telefoniert. „Wir haben in den vergangenen Wochen alles ausprobiert, was auf dem Markt ist“, lacht er. Skype, Zoom – die Möglichkeit sind unendlich. Die Oberflockenbacher veranstalten eine Hitparade. Jeder darf sich einen Musiktitel wünschen, der dann auch – für alle vor dem Schirm – gespielt wird.

Eine Idee des dortigen Mit-Chorleiters Alexander Schmidt macht im Sängerkreis die Runde: Für ein Kochevent kauft jeder Teilnehmende die gleichen Zutaten, wählt sich in den Videochat ein und dann wird am Herd losgelegt – unterschiedliche Ergebnisse vorprogrammiert. Die Union in Wald-Michelbach wiederum verbindet eine langjährige Freundschaft mit dem „Coro Arnica“ aus Laveno-Mombello in der Lombardei, einer von Corona besonders heimgesuchten Region.

Mit den italienischen Freunden vom Lago Maggiore möchte HaJo Karl ein ganz besonders Projekt verwirklichen: Jeder, auf deutscher wie auch lombardischer Seite, singt „in Quarantäne“ zuhause vor dem Computer ein italienisches Lied ein. Dann wird es von Julius Rückert zu einem großen Männerchor-Stück zusammengefügt. Es gab zwar auch den Versuch, dass alle gemeinsam einsam loslegen, „aber das funktionierte technisch nicht“, erklärt er.

„Zum Glück geht es uns allen gut“, schreibt Giampiero Volante vom lombardischen „Coro Arnica“ unserer Zeitung. Der ist mit der Wald-Michelbacher Union verschwistert. Volantes Heimatstadt Laveno Mombello liegt seinen Worten zufolge ein wenig außerhalb des norditalienischen Gebiets, wo die ersten Corona-Fälle auftraten. „Die Provinz Varese profitierte von den schnellen Eindämmungsmaßnahmen des italienischen Staates, wodurch nicht viele Corona-Fälle auftraten“, teilt er mit.

Allerdings macht die Ausgangssperre den Menschen immer mehr zu schaffen, weiß Volante. Die Chormitglieder und nicht nur sie versuchen immer in Kontakt zu bleiben – entweder per Chat oder über Videokonferenz. Auf diese Weise halten sich alle auf dem Laufenden, wie es ihnen geht – „und was sonst so noch im Leben passiert“. Not macht erfinderisch: Der Coro Arnica versuchte sich an einer Art virtuellem Chor als WhatsApp-Audionachricht, was bei den Mitgliedern auf viel Interesse und Mitwirkung stieß.

„Mir fehlt das wöchentliche Miteinander“, geht es Karl wie den Kollegen auch. Aktuell ist er zwar beruflich durch Meetings eingespannt, aber sobald es die Freizeit zulässt, will er Übungsstücke einsingen, um sie dann den Sängern an die Hand zu geben. Entweder als CD in den Briefkasten oder gleich elektronisch per E-Mail – wie es eben heutzutage notwendig ist.

„Wenn wir wieder loslegen können, wird das dann nicht bei null sein“, hofft er auf das häusliche Engagement der Chormitglieder. Karl hat sich schon Gedanken gemacht, wie ein Neustart aussehen könnte. Eine Chorprobe in kleinen Gruppen könnte funktionieren, stellt er sich vor. Dann würden an einem Abend zwar nicht alle zusammenkommen, aber abwechselnd alle zwei bis drei Wochen immer ein paar. „Dann fallen die Chöre nicht auseinander“, hofft der Dirigent.

Bevor Corona kam, „hatten wir verschiedene Themen vor der Brust“, schaut der Chorleiter aufs Arbeitspensum. Wenn es nicht gerade ein Jubiläumskonzert wie in Schönmattenwag war, dann wurden die Dinge nur verschoben, aber nicht abgesagt. Etwa das Nordlichter-Projekt der Union. Karl ist bei diesem schon ziemlich mit dem Einsingen der Übungs-CD durch. Es werden jeweils ein klassischer Song und ein Popstück aus einem Land aufgeführt. Aus Finnland zum Beispiel „Sunrise Avenue „und ein Volkslied. „Sobald es wieder möglich ist, machen wir es“, nimmt er sich vor.

Der Sängerbund Oberflockenbach hatte eine Konzertreise nach Innsbruck geplant, erläutert HaJo Karl. Auch diese soll nachgeholt werden, wenn wieder Reisefreiheit herrscht. Der MGV Unter-Schönmattenwag wollte eigentlich Anfang Juni mit einem großen Konzert sein 145-jähriges Bestehen feiern. Da dieses aber nicht stattfinden darf, überlegt der Dirigent zusammen mit dem Vorsitzenden Christian Jöst einen besonderen Ersatz.

Wenn es klappt, dann würden unter Beachtung der entsprechenden Vorschriften vom Chor oder ein paar Mitgliedern einige Lieder eingesungen. Die könnten dann per CD im Ort verteilt werden. Oder über einen Bekannten des Chorleiters per Online-Radiosendung das Volk erreichen. E-Mail oder Facebook-Stream sind weitere Möglichkeiten. „Das Jubiläum soll in Erinnerung bleiben“, wünscht sich Karl.

Seine Zielrichtung ist klar: „Wir lassen den Kopf nicht hängen.“ Viel schlimmer als nicht auftreten oder proben zu können, „wäre, dass einer krank wird“, macht der Dirigent klar. „Es gibt derzeit Wichtigeres“, nämlich die Gesundheit, betont er. Da müssen Chorproben und Auftritte eine gewissen Zeit zurückstehen.