Aus einem holprigen Start wurden 25 Jahre

Vor 25 Jahren war die Ordination des evangelischen Pfarrers Jörg Michas, für die Christen in Siedelsbrunn und Kreidach zuständig. Wir sprachen mit ihm über seinen Werdegang, seine Motivation, bewegend Momente und anstehende Projekte.

Herr Pfarrer Michas, seit ihrer Ordination sind 25 Jahre vergangen: Hätten Sie damals schon an eine solch lange Zeit gedacht?

Jörg Michas: 25 Jahre sind ein langer Zeitraum. Die große Beteiligung der Gemeinde am Jubiläumsgottesdienst habe ich als besondere Wertschätzung empfunden. Bei aller Feierlichkeit, ich habe auch noch die Anfänge gut im Kopf. Damals sind viele angehende Pfarrerinnen und Pfarrer nicht sofort in den Dienst ge- oder nur mit eingeschränktem Dienstauftrag übernommen worden. Aber mein Ordinationswort stammt aus Psalm 25, aus dem auch mein Konfirmationswort stammt: „Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ Und so sind aus einem holprigen Start 25 Jahre geworden.

Was bewog Sie, diesen beruflichen Weg einzuschlagen?

Michas: Der Trotz. Mein Elternhaus hätte es sicher begrüßt, wenn ich den vorgezeichneten Weg in ein Bankhaus in der Nachbarstadt gegangen wäre. Aber es war mehr als der Widerstand gegen elterliche Zielvorstellungen. Von ihnen habe ich alle erdenkliche Freiheit und Unterstützung erfahren.  Der Trotz, obwohl ich Pfarrer geworden bin, liegt anders. Ich hätte auch Jura oder Medizin studieren können und glaube, an beiden Berufen hätte ich viel Freude gehabt. Wobei ich tatsächlich zwei Semester bei den Medizinern saß und dann meine Vorliebe für ethisch-theologische Fragestellungen mich wieder in den ursprünglichen Fachbereich wechseln ließ. Da ich auch handwerklich einigermaßen geschickt bin, hätte ich sicher auch dort arbeiten können. Ich habe diesen Beruf also nicht gewählt aus Verzweiflung, weil ich nichts anderes hätte machen können, oder aus einem inneren oder äußeren Ruf heraus, der ideologisch nichts anderes zugelassen hätte, sondern trotz oder obwohl es andere Möglichkeiten gegeben hat. Ich finde den Trotz eine gute Motivation.

Gab es jemals Momente oder Ereignisse, die Sie an ihrer Entscheidung zweifeln ließen?

Michas: „Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel“, mit diesem Zitat Bertrand Russels könnte ich mich fein rausreden. In der Tat war es ein langer Weg bis hinein in die berufliche Praxis, der immer wieder Stolpersteine hatte. Und der Selbstzweifel hat etwas Zerstörerisches. Ich weiß um viele, die es begrüßen würden, wenn ich sie besuche. Leider gelingt das nicht so, wie es wünschenswert ist.

Würden Sie im Rückblick diese Wahl so noch einmal treffen?

Martin Luther hat einmal sinngemäß gesagt, dass niemand mehr als 15 Jahre Kinder unterrichten soll. Die 15 Jahre habe ich überschritten und im Nachhinein könnte der vorhin angesprochene Trotz auch anders ausfallen, obwohl ich meinen Beruf aufgrund der Vielfältigkeit liebe. Und wer kann schon von sich sagen, dass er fürs Beten bezahlt wird?

Was ist Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Es gibt so viele positive Erinnerungen, dass sie zu nennen quasi eine Abstufung anderer Ereignisse wäre. Eins aber kann ich sagen: Es ist die Begleitung von Menschen. Wir brauchen alle Support am Lebensanfang, am Ende und besonders dazwischen. Wenn ich das leisten kann, empfinde ich es als eine große Gnade Gottes.

Woraus bezogen/beziehen Sie in all dieser Zeit ihre Motivation, ihre Inspiration jeden Tag aufs Neue?

Letzte Woche hatte ich furchtbar schlechte Laune, auch das gibt es bei Pfarrern. Abends führte mich mein Weg in die Singstunde des Kirchenchores, der sich trotz meines Mitsingens bisher nicht aufgelöst hat. Und dann passierte etwas, was ich immer wieder in meinem beruflichen Alltag erlebe:  Mit dem gemeinschaftlichen Erleben macht sich eine innere Ruhe breit. Das ist wie eine Reset-Taste. Dann kommt man wieder zu sich und zu Gott. Der Alltag wird unterbrochen und die Sachzwänge der Gegenwart verlieren an Gewicht.  Der Geist Gottes weht ja bekanntlich, wo er will.

Wie haben Sie die Menschen in ihren Gemeinden kennengelernt?

Als Pfarrer stehen ihnen meistens die Türen offen. Das gilt auch für den Überwald. Es ist leicht, hier Kontakte zu knüpfen und sich beheimatet zu fühlen. Zugleich ist es notwendig, eine gewisse Distanz zu wahren. Ich möchte nicht nur Begleitung sein, sondern auch kritisches Gegenüber. Für alles Mitwirken der Gemeinde, aller Haupt- und Ehrenamtlichen und besonders des Kirchenvorstandes bin ich äußerst dankbar. Und zum Glück habe ich Kolleginnen und Kollegen in der Nachbarschaft, evangelische und katholische, die sich als Schwestern und Brüder im Glauben erweisen. So wird pastoraler Dienst erst möglich.

Haben Sie für die kommende Zeit bestimmte Projekte, die Sie angehen wollen?

Nichts beschäftigt uns so sehr wie das Coronavirus. Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit dieser Pandemie eine große Herausforderung für uns als Kirche ist. Wir bewegen uns da zwischen dem Bedürfnis, Gottes frohe Botschaft lebendig zu vermitteln, und der Verantwortung für die Menschen, die uns anvertraut sind. Wir haben den geplanten Kinderbibeltag in Siedelsbrunn abgesagt, weil viele Eltern besorgt sind. Natürlich hoffen wir, dass möglichst bald die geplanten Veranstaltungen durchgeführt werden können. Ich denke an Ostern, aber auch die Konfirmationen.

Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ich bin seit Jahren besonders engagiert in der Kinder- und Jugendarbeit unserer Kirche. Mit einigem Stolz können wir in Siedelsbrunn auf einen wirklich intakten Kindergottesdienst blicken. Das Zentrum ist für mich der Gottesdienst. Ich versuche die Predigt, wie es der Schweizer Theologe Karl Barth einmal gesagt hat, mit der Bibel in der einen und der Zeitung in der anderen Hand zu gestalten. Wenn jeder aus dem Gottesdienst einen Satz oder ein Empfinden mit nach Hause nimmt, der froh stimmt oder nachdenklich, der trägt und die Verbindung mit Gott suchen lässt, war meine Arbeit nicht vergeblich.

 

Berufliche Werdegang Jörg Michas

1982                 Abitur in Mühlheim an der Ruhr

1982-1991       Theologiestudium in Marburg und Heidelberg

1991-1992       Studium der Diakoniewissenschaft in Heidelberg

1992-1994       Vikariat in Mörlenbach, anschließend Spezialvikariat als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Mission und Ökumene in Frankfurt

1997-1999       Pfarrer in Heppenheim

2000-2003        Pfarrer in Mörlenbach (0,5 Stelle)

Seit 1. August 2003     Pfarrer in Wald-Michelbach (Siedelsbrunn)