Eine bluesige Naturgewalt

Die Frau ist eine Naturgewalt. Wenn Shakura S’Aida tief Luft holt und dann ihren Blues ins Mikro hört, kann man sich ihrer Bühnenpräsenz nicht entziehen. Sie vermag es im Café Central Weinheim, ihre Stimme sehr schmeichelnd, ruhig einzusetzen, dann aber wieder loszuröhren, als gäbe es kein Morgen. Die Beyond Blue Connection zusammen mit dem Verein creActiv setzte mit diesem Konzert die Blues- und Jazz-Tradition in der Location fort.

Ob Blues, Rock, Soul oder sogar funkige Anklänge: Shakura S’Aida vermag es mit ihrer Band, allen Stücken ihren Stempel aufzudrücken. In Brooklyn geboren, aber in der Schweiz aufgewachsen, steht sie mit ihrem singenden Schwyzerdütsch gleich im Kontakt mit dem Publikum. Für die Fans eher älteren Semester im bestuhlten vorderen Teil des Saals ist es sicherlich praktisch, in ihrer Muttersprache empfangen zu werden.

Allerdings ist die ungewohnte Bestuhlung im Café Central trotzdem ein Hemmschuh, dass die fetzige Stimmung aufkommen könnte, wie sie ohne möglich wäre. Denn Shakura S’Aidas Musik geht in die Beine, verlangt nach Tanzen – was aber höchstens an den Seitenrändern oder im hinteren Bereich möglich ist. Die Sängerin lässt sich davon aber nicht beirren. Mit einer Engelsgeduld schafft sie es, das Publikum getrennt nach Männlein und Weiblein zum Mitsingen zu animieren.

„Are you doing alright?“ entfaltet erst in der deutschen Nachfrage „Also wirklich, geht’s euch gut oder nicht?“ die entsprechende Reaktion. Wie überhaupt Shakura S’Aida mit ihrem sympathischen Singsang und Mischmasch der Sprachen sofort einen Draht zu den Leuten hat. Begeisterter Applaus nach den Stücken, auch wenn die Zuhörer etwas träge beim Mitsingen sind, macht deutlich, dass ihre Adaption der Songs bestens ankommt.

Wenn die Bluesfrau mit marokkanischen Wurzeln, heute in Kanada lebend, vorn loslegt, kommt sie mit ihren kurzen Haaren und dem Glitzerfummel sowie der Power-Stimme wie eine Mischung von Grace Jones und Aretha Franklin rüber. Ihr eindringliches, rauchiges, tiefes Organ steht in bester Tradition von Gospel- und Soul-Größen, von denen die Künstlerin als Vorbilder Etta James, Billie Holiday und Nina Simone nennt.

Die „Queen of Rock and Soul“, wie es in einem fetzigen Stück zu hören ist, lässt auch ihren Mitmusikern genug Platz, sich mit ihrem Können auf vier und sechs Saiten sowie an den Schlagzeug-Stöcken auszuzeichnen. Sie nimmt sich gesanglich zurück, was aber lange nicht heißt, dass nicht mehr Shakura S’Aida im Mittelpunkt des Geschehens wäre, wenn sie die anderen anfeuert, über die Bühne wirbelt, mit ihren weitausholenden Gesten ständig in Bewegung ist.

Kein Wunder also, dass sie seit 2008 reihenweise Preise der Szene einheimste. Erst bei der International Blues Challenge, dann die Auszeichnung als beste Sängerin des Jahres mit dem Marple Blues Award 2011 in ihrer Wahlheimat Kanada und mit dem Independent Music Award als beste Bluesmusikerin des Jahres.

In ihren Anfangsjahren als Musikerin war sie die Frontfrau der 13-köpfigen Formation „Kaleefah“, bevor sie ihre Solo-Karriere startete. Shakura S’Aida arbeitete auch als Backgroundsängerin für Rita MacNeil und Patti Labelle sowie mit Jazz-Größen wie Jimmy Smith und Ruth Brown zusammen. Die Nominierung für zahlreiche Juno Awards belegt ihre eindrucksvolle musikalische Tätigkeit.

„Blueprint“, „Brown Sugar“ oder „Blues in G minor: 4 Woman“ lauten ihre bisherigen Produktionen, von denen an diesem Abend einiges zu hören ist. Auch vom Album „Time“ bringt sie ein paar Stücke, ebenso von dem in Arbeit befindlichen, noch unbetitelten. Mit dem wird es im ersten Set etwas ruhiger, was der Stimme der herrlich auf Schwyzerdütsch parlierenden Sängerin fast nicht gerecht wird – auch wenn sie dabei eine große Intensität ausstrahlt, dass man in den ruhigen Momenten eine Stecknadel fallenhören könnte. Bestes Beispiel: das eindringliche „More than you know“ von ihrer Ikone Billie Holliday. Das widmet Shakura S’Aida den Geburtstagskindern im Raum und schafft damit einen sehr emotionalen Moment.

Ihr Ding sind eher die powervollen Stücke, die sie vorantreibt, bei denen sie in ständiger Interaktion ist, sodass es klingt, als ob im Café Central ein großer Gospel-Gottesdienst abgehalten wird. Der Rhythmus geht ins Blut. „In mir ist alles, Rock, Blues, Soul“, sagt sie von sich. Um lachend hinzuzufügen: „Wie in einem Schweizer Praliné.“ Das wird mit viel Musik drumherum nach und nach ausgepackt.

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