Cain lebt im Muddy’s den Blues

Besser hätte das Timing nicht sein können. Exakt am 94. Geburtstag des leider vor vier Jahren verstorbenen B.B. King kam mit Chris Cain einer seiner größten musikalischen Bewunderer in den Muddy’s Club. Der zelebrierte eine ganz große Hommage an den unvergessenen „King of the Blues“, der mit seinem Gesang und Gitarrenspiel eine Fangemeinde auch weit außerhalb seiner Musiksparte erreichte.

Unvergessen ist das letzte Konzert der Blues-Größe in der Mannheimer SAP-Arena 2006. Gesundheitlich schon angeschlagen, faszinierte er 81-jährig immer noch mit seinem Gitarrenspiel. Die Beine machten nicht mehr so richtig mit, aber die Finger waren schnell wie eh und je. Die Verehrung für einen der größten Musiker seiner Zeit zeigte sich auch am Besuch im Muddy’s. Denn Chris Cain spielte dort zum ersten Mal – und somit war es nicht unbedingt zu erwarten, dass der Keller so voll sein würde.

Doch den 63-Jährigen nur auf B.B. King zu reduzieren, würde ihm Unrecht tun. Der Gitarrist und Sänger aus San José hat’s schon ganz allein drauf, durch sein Spiel und seinen Gesang die Menge zu begeistern. Er beherrscht sein Instrument mit allen Facetten, lässt es ganz leise fast nur zirpen, um dann im gleichen Song loszubrettern, dass den Gästen in der ersten Reihe die Hosenbeine flattern.

Die Affinität zu B.B. King war Cain quasi in die Wiege gelegt. Er hatte einen Blues-begeisterten Vater, der ihn bereits mit drei Jahren zu einem Konzert mitnahm. Zu Hause lief ständig die Musik von Größen der Blues- und Jazzszene. Mit acht Jahren brachte er sich das Gitarre spielen selbst bei. Daneben lernte er auch Klavier, Bassgitarre, Klarinette und Saxofon.

Seit 1987 veröffentlichte der Kalifornier ein gutes Dutzend Alben. 2018 wurde Chris Cain für den Blues Music Award in der Kategorie „Gitarrist“ nominiert. Joe Bonamassa zählt ihn zu seinen liebsten und „kriminell unterbewertesten Blues-Spielern aller Zeiten“. Den Beweis liefert der so Gelobte ohne Probleme in Weinheim ab. Cain lebt und schwitzt den Blues mit allen Poren, arbeitet sich an ihm ab, tänzelt und trippelt über die Bühne, ist voll in seinen Soli drin, dass die Intensität an seinen Gesichtszügen erkennbar ist.

Seine Band mit Luca Giordano an der Rhythmus-Gitarre, Walter Cerasani (Bass), Jan Korinek (Keyboard) und Lorenzo Poliandri (Drums) bekommt ebenfalls breiten Raum, um ihre Künste zu zeigen. „Whole Lotta“ heißt der Opener, bei dem die Vier ohne Cain bereits schon einmal in einer Form losrocken, dass es Lust auf mehr macht. Die Profis halten dem Meister an den sechs Saiten den Rücken musikalisch frei, sodass der sich total austoben kann.

Apropos sechs Saiten: Plötzlich waren es bei „Sweet 16“ nur noch fünf, weil eine riss. Aber das fiel außer den Zuschauern in den ersten Reihen keinem auf. Denn Chris Cain spielte ohne Unterbrechung nahtlos weiter, kompensierte das Fehlen perfekt, ließ sich nichts anmerken. Er gönnte sich keine Pause bis zur Pause. Denn ein Ersatzinstrument hatte er nicht dabei.

Wie überhaupt die Fünf zeigten, dass sich mit wenig Equipment viel Musik machen lässt. Ein schmal gehaltenes Drumset, Gitarre, Bass, dazu noch das Keyboard mit einem fetten Hammondorgel-Sound: Fertig war die Zusammensetzung für einen vollen Klang. Das erste Stück als Instrumental-Anheizer im Rücken, hat Chris Cain leichtes Spiel. Mit Schlabber-Hemd über dem Bäuchlein, Stoffhose, Slippern und seinen grauen Haaren schlurft er auf die Bühne, um dann nahtlos loszulegen.

„Me and my Baby“ rotzt der 63-Jährige auf seiner Gibson runter, als gäbe es kein Morgen. Schnell gibt’s den ersten Zwischenapplaus. Von den leisen Tönen, bei denen man eine Stecknadel fallen hören könnte, bis zur jaulenden Gitarre mit einem ekstatischen Cain: Der Musiker beherrscht sie alle, die verschiedenen Spielarten des Blues. An seinen Grimassen lässt sich ablesen, wie vertieft er ist, während der Schweiß die Wangen herunter rollt.

Die eher stoische Rhythmus-Fraktion ordnet sich dem Spiel des Chefs auf der Bühne unter. Bis auf einen: Jan Korinek mit den vollen, schwingenden, schwebenden Hammond-Tönen bildet einen melodiösen musikalischen Kontrapunkt. Der Alt-Hippie setzt ein ums andere Mal eigene Akzente, hebt die Songs mit seinen Einlagen aus einem möglichen Einheits-Blues hervor. Die Interaktion zwischen Keyboard und Gitarre ist das Salz in der Suppe.

Ob „Why I sing the Blues“, „Guess Who“, „Drinkin‘ Tequila“ oder „Helpin‘ Hand“: Chris Cain sorgt mit seiner Band für einen fetzigen, vielleicht etwas kurzen Blues-Abend im Muddy’s, der eine würdige Hommage an den großen B.B. King bietet. Der Mann aus San José darf gern ein zweites Mal nach Weinheim kommen….        tom

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