Wo Geschirr draufsteht, sind auch Lampen drin

Es sind wahre Raritäten, die Gabi Michel-Mieslinger im Geschirrdepot beherbergt. Wobei der Name eigentlich dem Inventar nicht gerecht wird, denn Bilder, Küchengeräte, Lampen oder Bügeleisen sind auch in der ehemaligen Feuerwache im Raum hinter der Fahrradwerkstatt zu finden. Michel-Mieslinger zaubert aus dem oberen Regal einen alten Tauchsieder hervor. Nebendran steht ein Rowanta-Infrarotgrill, gefolgt von einem Muffin-Maker. Natürlich nicht zu vergessen die gefühlt tausenden von Tassen.

Start des Geschirrdepots war 2015 im ehemaligen Schulhaus von Aschbach, erinnert sich die Siedelsbrunnerin. Das war auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsankünfte, als die Menschen mit nichts in Deutschland ankamen. Die Grundausstattung durch den Kreis „reichte bei Weitem nicht“, erläutert sie. Auf einen Spendenaufruf hin sprudelte das Geschirr nur so. Zuerst deckten sich die Migranten mit Haushaltswaren, Geschirr und Dekoartikeln ein, um ihr neues Zuhause wohnlicher zu machen.

Inzwischen kann jeder der möchte, zwei Mal in der Woche in die Pestalozzistraße 15 kommen, um entweder ausrangierte Gegenstände vorbeizubringen oder auch welche gegen eine Spende zu holen. „Wir sind für alle Bürger offen“, betont Michel-Mieslinger. Das aber natürlich „in haushaltüblichen Mengen“ und nicht, um danach ganze Services auf dem Flohmarkt zu verschachern.

Die 53-Jährige weiß von ganz unterschiedlichen Gründen, etwas abzugeben oder zu holen. Sie hat bei der Arbeit schon ganz besondere Erlebnisse gemacht. So deckte sich ein junges Ehepaar für die Taufe mit Geschirr ein, weil es sich dieses nicht leisten konnte. Eine andere junge Frau holte Tassen, weil die Kinder in ein Alter kamen, als sie mit zerbrechlichem Geschirr hantierten. Dann gibt es noch diejenigen, die ein bestimmtes Service geerbt haben und nachschauen, ob es nicht noch andere Stücke davon gibt.

Da ist das Paar mit der ersten gemeinsamen Wohnung oder der Student aus Mannheim, der sich seine Bude einrichtet. „Es spricht sich ganz langsam rum“, hat Michel-Mieslinger festgestellt. In spe hat sie vor, die Öffnungszeiten auch auf Facebook publik zu machen, „weil sich dort viele ihre Infos holen“. Etliches läuft sowieso über Mund-zu-Mund-Propaganda.

Positiv für den Bekanntheitsgrad war kürzlich das AWO-Fest am Feuerwehrgebäude, weil dadurch viele Interessierte reinschauten. Bei den Jüngeren stellt sie sogar einen gewissen Wiedererkennungsfaktor fest. Tenor: „Das stand doch bei der Oma in der Küche.“ Zufrieden ist Michel-Mieslinger mit dem Zustand der abgelieferten Waren: „fast alle gut bis sehr gut“, meint sie.

Ob etwas fehlt? „Backbleche“, meint die Ehrenamtliche wie aus der Pistole geschossen. Und gleich danach: „Große Töpfe werden auch immer gesucht.“ Aber sonst kann sie über nie klagen, was sich auch an diesem Nachmittag zeigt. Da kommen zwei ältere Damen vorbei und schauen sich die Kaffeeservices an, ein Ehepaar bringt diverse Überbleibsel einer Wohnungseinrichtung vorbei.

Lampen gibt’s en masse, Tassen bis zum Abwinken, Teller in allen Variationen, dazu Plastik-Aufbewahrungsboxen oder Kaffeeservice. Bei den Gläsern herrscht in den Standardausführungen ein kleiner Mangel. „Nicht jeder will das Bier aus dem Weinglas trinken“, scherzt Michel-Mieslinger. Für den stilechten Gerstensaft-Genuss hat es jedoch den Humpen mit dem Logo einer längst nicht mehr existierenden Brauerei. Wie auch nebenan der Jubiläumsteller einer Firma liegt, die schon längst ihre Pforten geschlossen hat.

Hinter ein paar Tassen zieht sie einen alten Stich von München heraus, wie auch auf dem anderen Tisch ein paar Bilder mit Tiermotiven stehen. Dazu fällt der Siedelsbrunnerin die Geschichte ein, dass sie ein Bild aus einer Haushaltsauflösung an die Wand hängte. Als später ein Ehepaar vorbeikam, erkannte die Frau das von ihr vor Jahren gemalte und verschenkte Motiv. Klar, dass sie es mitnahm.

Für die Igelpflegestelle in Ober-Mumbach, einen Ableger der Igelburg Mossautal, sammelt Michel-Mieslinger einzelne Tellerchen und Schälchen, damit die Tierchen daraus problemlos trinken können. „Die haben die Waren schon zwei Mal abgeholt“, freut sie sich. Einzelne Deckel gehen an einen Abnehmer, dessen Vater drechselt und sie als Verschluss für seine Kreationen braucht.

Mit eine der größten Lieferungen dürfte das Geschirr einer ehemaligen Gaststätte gewesen sein. 150 Kaffeekännchen, Zuckerstreuer und Kaffeeservices gingen ohne Umwege an ein junges Ehepaar, das ein alternatives Café aufmachte. „Die haben sich gefreut wie die Schneekönige“, sagt sie. Goldrandgeschirr wird separat aufgehoben. Das kam etwa bei der AWO-Feier zum Einsatz, um Einweggeschirr zu vermeiden. „Wir wollen davon wegkommen“, betont sie. Wer das ebenfalls möchte, kann es auch für seine Zwecke ausleihen.

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