Gankino Circus bringt die Tromm zum Muhen

Das war ein Schlagzeugsolo für die Geschichte. Selbst für Trommer-Sommer-Verhältnisse, bei denen das Außergewöhnliche die Normalität ist, dürfte der Gankino Circus ein Highlight gewesen sein, über das noch lange gesprochen wird. Die westmittelfränkischen Kabarettisten und Musiker reißen die Zuschauer im Hoftheater von den Sitzen, heimsen Standing Ovations und begeisterten Applaus ein, der nicht enden will.

Und das mit einer Performance, die nicht nur musikalisch virtuos, auf höchstem Niveau ist, sondern auch ein Feuerwerk an anarchischem Klamauk, abgeschossen aus vollen Rohren auf die schon quietschenden Lachmuskeln der Besucher an diesem besonderen Samstagabend auf der kalten Tromm. Die Kälte merkt zum Schluss eigentlich keiner mehr, so sehr wabert die Luft nach dieser Nonsens-Kanonade, den die vier großen Kleinkünstler abfeuern.

Albern Ralf Wieland, Simon Schorndanner, Maximilian Eder und Johannes Sens schon im ersten Set ihres Programms herum wie die Jungs im Kindergarten, aus dessen Zeiten sie sich in der Metropole Dietenhofen bereits kennen, so geht’s nach der Pause in einer Weise ab, dass das Auge kaum folgen kann und die Ohren nicht mehr wissen wohin.

Daran hat, ohne das Können und den Witz der anderen schmälern zu wollen, vor allem einer Anteil: Schlagzeuger Johannes Sens. Der parodiert in einer Weise die oft ausufernden, unnötigen und eintönigen Drum-Soli bei Rockkonzerten, dass es einfach zum Wegschmeißen ist. An seiner Schießbude mutiert der Franke im Odenwald zum Tier aus der Muppets-Show, spielt sich selbst immer mehr in Rage, feuert sich an, flippt völlig aus und reißt das Heft der Musik an sich, während seine Kompagnons – gespielt – völlig fassungslos daneben stehen.

Dabei hatte alles so gemächlich begonnen. Aus der fränkischen Provinz kommen vier Musiker in die hessische, fühlen sich gleich heimisch, weil vieles so vertraut vorkommt. Alle sehen sie auch irgendwie nach Provinz aus. Johannes Sens hängt ein Trikot vom TV Dietenhofen mit der Nummer 8 an die Wand, das später noch eine wichtige Rolle spielen wird. Er verkörpert ein wenig den Typ gefrusteter Sozialarbeiter, der in der Freizeit die musikalische Sau rauslässt.

Gitarrist Ralf Wieland ist den 70ern stehengeblieben: Jeansjacke, bordeauxfarbene Hose, Hardrock-Café-T-Shirt kennzeichnen den Halbglatzenträger. Simon Schorndanner verkörpert eher den Typ 68er-Lehrer: hellblaues Hemd, geschmacklose Krawatte und helle Stoffhose, später noch gepaart mit einem farblich abgestimmten Sakko, ziehen den Spott seiner Kameraden auf sich. Der Klarinettist kommt gern in den Odenwald, weil er hier mit seinen Klamotten nicht auffällt, meint die Truppe.

Waldschrat Maximilian Eder mit Hut, Vollbart und langen Haaren ist im wirklichen Leben Bauer. Sein Gehstock wird dahingehend erklärt, dass ihm der Bulle beim Besamen einen Schubs gab und er sich den Oberschenkel verstauchte. Die deftige, nicht jugendfreie Zote von Sens gibt’s aber gleich hinterher. Xylophon und Akkordeon spielt er auf jeden Fall tierisch gut.

Was die vier im Anschluss bieten, ist ein musikalisches Feuerwerk zusammen mit Provinz-Witz. Damit sind sie natürlich im Überwald genau richtig, denn was den Franken ihr Dietenhofen, ist den Hessen ihre Tromm. Wenn Wieland vorschlägt, einen bestimmten Begriff doch zu googeln, schiebt er quasi nahtlos hinterher, „ihr habt ja eh kein Netz hier oben“. Alltag pur eben, hier wie dort. Man weiß augenzwinkernd, was Sache ist.

Wie auch der Song über die Ereignislosigkeit in Dietenhofen. Sechs Wochen auf dem Marktplatz sitzen und es passiert nichts? „Das kennt ihr doch bestimmt“, ruft Wieland in die Menge. „Wir saufen bis zum Umfallen und fallen so schnell nicht um“, lautet eine Textzeile. Nicht Neues in der Provinz. Die Städter sind bei fünf Bier besoffen, auf dem Land ist derjenige dann der Fahrer, weil alle anderen noch viel mehr intus haben.

Fränkische Volksmusik vs. Gankino-Sound: Die Gegenüberstellung von Dreiviertel- und Elfachtel-Takt ist herrlich. Wie überhaupt es die vier meisterlich beherrschen, Elemente aus ihrer Heimat mit flotten Balkanelementen aufzupeppen, daraus fast schon ein jazzig-angehauchtes Weltmusik-Stück machen. Vor allem Schorndanner auf Klarinette und Saxofon tut sich dabei das eine aufs andere Mal virtuos hervor, wenn er die Finger über die Tasten flitzen lässt.

Was in moll beginnt, wird im Laufe eines Songs zu feurigem Dur, sieht Wieland eine beinahe Flamenco-konformes Solo zaubern, während Akkordeon und Saxofon kräftig dagegen halten. Dazwischen ein paar Frotzeleien, ein paar Scherze auf Kosten der Überwälder, die den Franken aus der tiefsten Provinz aber keiner übel nimmt – und fertig ist ein denkwürdiger Auftritt, bei dem es der Gankino Circus es sogar schafft, das versammelte Auditorium zu Eders finnischem Fjäll-Rindvieh-Lied muhen zu lassen.

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