Viel Wehmut am letzten Öffnungstag des Stoewer-Museums

Als Manfried Bauer kurz vor 18 Uhr die Stoewer-Fahne vor dem Museum abhängt, geht im Überwald eine Ära zu Ende. Mehr als 17 Jahre lang stellte der geborene Stettiner die Exponate des früher drittgrößten deutschen Autobauers aus – zusammen mit den Produkten der damaligen Schwesterfirma, Näh- und Schreibmaschinen sowie Fahrräder. Jetzt verkauft der 78-Jährige sein Lebenswerk – nach Stettin, wo vor 160 Jahren die Ursprünge der Firma Stoewer lagen und diese bis 1945 ihren Sitz hatte.

Dort bekommen die Exponate im technischen Museum der 400.000-Einwohner-Stadt einen eigenen Teil und sind auf der doppelten Fläche wie bisher zu finden. Dies und die Begeisterung der Polen an der eigenen Industriegeschichte machten es Bauer leichter mit der Zusage. Außerdem steht er beim Aufbau, der im Spätjahr starten soll, als Berater zur Seite, und ist somit noch einige Zeit in der Nähe seiner „Schätze“, der er seit 30 Jahren sammelt.

„Alle Versuche, die Sammlung in Deutschland zu lassen, sind ergebnislos verlaufen“, bedauert Bauer. Dass alles bald verladen wird, „verdränge ich noch ein bisschen“, sagt er. Dass sich der Zeitplan inzwischen nach hinten verschoben hat, sieht der Sammler als positiv: „Dann habe ich mehr Zeit für die Vorbereitung und kann noch ein paar Lackarbeiten machen.“ Denn da ist er sehr preußisch: „Ich will alles perfekt übergeben.“

Am letzten Öffnungstag gab es einen „Run“ ohne Ende. Da bekam der 78-Jährige noch einmal Zuspruch ohne Ende für seine besondere Sammlung mit noch mehr ideellem als finanziellem Wert. Die Gäste drängten sich von 10 Uhr morgens an in die ehemaligen Bankräume, um die Raritäten in Augenschein zu nehmen, die Bauer in all den Jahren auf der ganzen Welt zusammensuchte.

Und eben weil er auf allen Kontinenten tätig war, darf er seine Sammlung mit Fug und Recht die weltgrößte an Stoewer-Exponaten nennen. Da ist etwa der Oldtimer unter den Oldies, der C2 von 1913 mit seinen 26 PS und 75 Kilometern Höchstgeschwindigkeit. Den holte der Sammler 1999 aus England zurück.

Oder der blaue Rennwagen, der 1931 auf der IAA in Berlin stand. Über den wie auch seine anderen sechs Fahrzeuge sprudelt es aus dem 78-Jährigen nur so heraus. Er ist quasi eine wandelnde Stoewer-Enzyklopädie selbst für die kleinsten Details und wird sein Wissen auch dem neuen Museum in Stettin zur Verfügung stellen.

Über den Open-Air-Rennwagen weiß er unter anderem, dass der damals vom Fleck weg an einen Nürnberger Stoewer-Händler verkauft wurde, dessen Schwester Rennen fuhr. Das Gefährt war damals technischer Vorreiter mit Vorderrad-Antrieb und Alu-Karosse. Weil Anni Minatz, so hieß die Schwester, wohl ziemlich klein war, wurde die Rückwand des Fahrersitzes nach vorn gezogen und eine kleine Seitentür eingebaut. Zum Leidwesen von Bauer: „Wenn ich das Ding heute fahre, habe ich die Knie am Kinn“, grinst er.

Egal, wer vorbeikam: Das Bedauern war groß, dass das Museum Deutschland verlässt. Vor 20 Jahren, macht der passionierte Sammler deutlich, wäre das für ihn überhaupt keine Alternative gewesen. Aber die Rückbesinnung Stettins auf seine Wurzeln als Stoewer-Stadt, wo vor 160 Jahren die Ursprünge der Firma lagen, erleichterte ihm die Entscheidung.

Vor kurzem, erzählt er, wurde das frühere Stoewer-Nähmaschinenwerk saniert. Natürlich fragte man für Details den Fachmann. Der war begeistert: „Das Haus atmet wieder den Geist von Stoewer.“ Deshalb betont der Wahl-Überwälder auch: „Es kam nur Stettin in Frage. Sonst hätte ich hier noch weitergemacht.“

Nicht nur die Stoewer-Freunde aus ganz Deutschland, von Hamburg bis nach Wien, schauten zum letzten Mal im Odenwald vorbei. Bauer begrüßte auch ein paar Mercedes-Konstrukteure, die ihm über den Achtzylinder „Löcher in den Bauch fragten“. Und ein paar Angehörige der Gründerfamilie, so Bernhard Stoewers Enkelin Jutta Barkmann.

Jedem Abschied wohnt irgendwo auch ein Neuanfang inne, weiß Bauer. Den einen roten Stoewer-Wagen, sein „Dienstfahrzeug“, kann er noch drei Jahre nutzen, seine gesammelten Unterlagen über die Firma kommen erst im kommenden Jahr nach Stettin. Da der Sammler natürlich in jeden der Schritte involviert ist, bedeutet das einen nicht ganz so schmerzlichen Abschied auf Raten von den über 900 Exponaten aus dem Museum.

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