Der Blues ist Erja Lyytinen bei weitem nicht genug

Mit ihr geht die Post im Gewölbekeller ab. Zwar „nur“ für eineinhalb Stunden, aber die reichen, damit die finnische Gitarristin und Sängerin Erja Lyytinen das Publikum im „Muddy’s Club“ um den Finger wickelt. Das tut sie nicht im Alleingang, sondern mit einer bestens gelaunten Band, aus der vor allem Hammond-Spieler Kasperi Kallio ein ums andere Mal heraussticht, wenn er auf den vielen schwarzen und weißen Tasten der Meisterin auf den sechs Saiten Paroli bietet.

„Lover’s Novel“ heißt ihr erstes Stück, für das die 40-Jährige gleich viel Vorschussapplaus einheimst. Schon die ersten Töne machen klar, dass allein der Blues für Lyytinen bei weitem nicht genug ist. Dieses musikalische Korsett ist viel zu eng für die filigrane Künstlerin auf ihren Gitarren, die aufgrund ihrer zierlichen Gestalt fast schon überdimensional wirken. Auf dem glitzernd-blauen Sechssaiter spielt die Finnin mit Bottleneck eine eingängige Slidegitarre, weshalb sie auch gerne mit Bonnie Raitt verglichen wird.

Ein sehr rockiger Blues ertönt, der den dieser Musikrichtung oft innewohnenden Puristen-Schwermut sofort vergessen lässt. Kasperi Kallio, der zusammen mit Tatu Back (Bass) und Iiro Laitinen (Drums) fürs musikalische Fundament zuständig ist, gibt hier gleich mit den dominanten Orgelklängen den Ton an, sorgt für das mächtige, melodiöse Fundament der Songs, wenn er à la Jon Lord seine Hammond im Hintergrund schweben lässt, genau in den richtigen Momenten mit seinen Einsätzen einen dichten Soundteppich erzeugt.

Erja Lyytinen ist schon das dritte Mal im „Muddy’s“, lässt sie die Gäste in ihrem finnischen Deutsch wissen. Kallio dagegen „ist neu im ersten Gang“, radeberecht sie augenzwinkernd, und will damit sagen, dass der Kollege mit seinem roten Instrument heute Premiere in Weinheim feiert. Die Finnin gibt sich als Musikerin zum Anfassen, die in der Pause geduldig am Merch-Stand Fragen beantwortet und für ihre neue Scheibe „Another World“ wirbt, sodass aus angesetzten 20 Minuten schnell eine halbe Stunde wird.

„Black Ocean“ macht die Zuschauer mit einer anderen Seite der rockenden Blueserin bekannt. Sie kann auch ganz getragen, leise, balladesk. Zu schwebend-sphärischen Keyboard-Klängen zaubert Lyytinen ein wunderbar-gefühlvolles Solo in den Keller, kostet jede Saite bis zum Letzten aus. Soundtechniker Olli Huttunen darf sich gleich doppelte Glückwünsche abholen. Zum einen bringt er die Band sehr differenziert und extrem gut hörbar rüber, sodass die Töne sitzen, zum anderen bekommt er zum 40. Geburtstag gleich noch ein „Happy-Birthday“-Ständchen gesungen.

Warum die sympathische Finnin als „Best Guitarist“ beim European Blues Awards 2017 ausgezeichnet wurde, zeigt sie im Anschluss unter anderem bei „Hard as Stone“. Das ist sehr eingängig mit Hitqualitäten, groovt mit seinem schweren Refrain in die Menge und zeigt sie einmal mehr in Höchstform. Bei „Miracle“ agiert das Quartett quasi bluesbefreit, kommt frisch, fröhlich, verspielt rüber und erntet viel Beifall.

Wenn dann ein ruhiges Stück wie „Slowly burning“ erklingt, überrascht die Gitarristin mit einer ganz neue Seite: In dem klassischen Bluesstück kommt ihre ausdrucksstarke Stimme richtig volltönend zur Geltung und zeigt, dass sie auch eine hervorragende Sängerin ist. Zart zupft sie die Töne an, nur vom Klacken des Schlagzeugstocks belgleitet, um dann übergangslos in die Vollen zu gehen. Sehr emotional, ausufernd, exzessiv ist dieser Song, in dem Erja Lyytinen alle Spielarten des Blues unterbringt.

Die Mischung macht es: „Another World“, Titelstück des neuen Albums, ist ein klassischer AOR-Song mit schweren Hammond-Klängen und klaren Gitarrenstrukturen. „Snake in the Grass“ bietet einen wummernden Stampfer, inklusive eines angedeuteten Battles zwischen Gitarre und Hammondorgel. Mit leisen Klängen, fast schon Country-Americana-like, geht es unaufhaltsam dem Schluss zu, bei dem die Finnin noch einmal alles herausholt, was ein gutes Konzert ausmacht. „Cherry Overdrive“ taucht tief in den dunklen Blues ab, „Wedding Day“ fetzt los, als ob es kein Morgen gäbe. „Rockin‘ Chair“ schließlich sieht die Gäste voll einbezogen in einen vielstimmigen Chor, wechselweise auf Finnisch, Englisch und Deutsch. Die Zugabe ist selbstredend und wird lautstark gefordert.

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