„Der Giersch tut so viel für uns“: Heilkräuter-Fachfrau Martina Tolnai

Der Startschuss für die Beschäftigung mit Wildkräutern fiel vor 15 Jahren. Damals hatte Martina Tolnai, gerade nach Olfen gezogen, ein Kochbuch in der Hand, worin sich Rezepte genau mit diesen Zutaten fanden. „Zwei Jahre lang habe ich nach den entsprechenden Pflanzen gesucht“, lacht sie im Rückblick. Denn sie wusste nicht, dass die benötigten Wildkräuter nur einen Teil des Jahres wachsen und blühen. Nach und nach „war ich immer mehr begeistert, was die alles machen und können“, erläutert sie.

Heutzutage ist sie so fundiert in dem Thema drin, dass sie es zum Beruf gemacht hat und Vorträge als Heilkräuter-Fachfrau anbietet. Wie etwa jetzt beim Sport- und Gesangverein Scharbach, der auf dieses Angebot eine große Resonanz hatte. Die Referentin bekam sehr viele positive Rückmeldungen. Ihre selbst hergestellten Produkte wie eine schwedische Kräutermischung, Ringelblumen-Einreibung oder Kapuzinerkresse-Essig fanden dankbare Abnehmer.

Wie auch ihre kleinen Ratgeber zu den einzelnen Pflanzen, in denen sie ihr Wissen zusammenfasst. Sie gibt landläufig Unkraut genannten Gewächsen, die aber ganz besondere Eigenschaften haben und damit völlig verkannt sind, damit ein Podium. Giersch, Brennnessel, Schafgarbe oder Löwenzahn stellt Tolnai ausführlich vor und gibt wie beim Vortrag auch Tipps, wie die Kräuter eingesetzt werden können und wo sie am besten helfen.

Das Wissen um die Heilkraft der Pflanzen ist ein uraltes und hochaktuelles, denn 80 Prozent der Weltbevölkerung bedienen sich daran und stellen ihre individuellen Heilmittel selbst her, erzählt Tolnai. Nur in der „zivilisierten“ Welt scheine es verloren gegangen zu sein und werde lieber auf chemisch hergestellte Mittel zurückgegriffen, bedauert sie.

Giersch ist etwa ein Allrounder. Er enthält Vitamine, auch Spurenelemente von Eisen, Kupfer, Mangan oder Titan. Er ist blutreinigend und stoffwechselanregend, erklärt Tolnai dem interessierten Publikum. Sie charakterisiert das Kraut als „Meister der Säfte und des Fließens“. Dazu noch bei Rheuma, Verdauungsbeschwerden, Gicht, oder Husten und Lungenleiden einsetzbar. Ein Alleskönner.

„Der Giersch tut so viel für uns“, betont die Referentin. „Er macht klar, hell und zentriert, ist vital.“ Nicht zuletzt ist die Pflanze auch essbar, was sich anhand der mit Giersch belegten Pizza an diesem Abend probieren ließ. Als „optimal für die Gartenecke“ bezeichnet ihn Tolnai. Allerdings „darf man ihn nicht aus dem Eimer rauslassen“, sonst wuchert das Wildkraut alles zu.

Den Huflattich lernte die Heilkräuter-Fachfrau als letzten kennen. „Ich wusste vorher sein Geheimnis nicht“, erläutert sie. Denn er blüht zuerst, dann geht die Blüte kaputt und erst später zeigen sich die Blätter. Der Löwenzahn hat sie besonders beeindruckt, „weil er so einfach und bescheiden ist“. Es müssen nicht immer „die Großen und Tollen sein“, meint sie. Es sind oft die unscheinbaren Pflanzen, die das Besondere in sich tragen. Die vielseitig verwendbare Pflanze „kann einfach in den Mund gesteckt oder auf den Salat gezupft werden“.

Als „sehr nierenheilend“ charakterisiert Tolnai die Brennnessel. Von den Inhaltsstoffen her sieht sie das Kraut in der Evolution als ganz dicht am Übergang zwischen Pflanze und Tier. Als „so einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig“ beschreibt die Kräuterfrau ihre Herangehensweise an die Herstellung der Elixiere. So wie das aus Beinwell und Kastanie, die sie zusammen sechs Monate in Alkohol einlegt.

„Ich möchte Menschen auf unkomplizierte Weise der Natur wieder nahe bringen und meine eigene Begeisterung für alles, was da wächst, weitergeben“, formuliert sie als ihr Ziel. Es geht ihr darum, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst, die Mitmenschen und die Natur mit all ihren großen und kleinen Wesen. Dies vermittelt sie auch in Seminaren.

Interessierte können bei Tolnai von März bis Oktober ebenfalls eine Ausbildung zur Heilkräuter-Fachfrau machen. Sie vermitteln dann das Wissen, „wonach ich schauen muss, um überhaupt in der Natur etwas zu finden“. Auch geht es darum, zu welcher Familie die einzelnen Pflanzen gehören. Ihr Wissen hat sie zumindest in Scharbach sehr anschaulich vermittelt. Einer der wenigen Männer unter den Zuschauern sagte beim Rausgehen: „Das war sehr kurzweilig, immer auf den Punktgebracht und nicht langatmig.“

1962 im „Schwobeländle“ geboren, machte Martina Tolnai zuerst eine Krankenschwesterlehre und arbeitete danach viele Jahre im OP, später im ambulanten Pflegedienst und in einer psychosomatischen Klinik. 2006 absolvierte sie die Ausbildung zur Heilkräuterfachfrau bei Susanne Rüland, 2008 eine Fortbildung bei Susanne Fischer-Rizzi (Wildniswissen). Ab diesem Jahr gab sie auch parallel Ausbildungen zur Heilkräuter-Fachfrau, zuerst an einer Heilpraktikerschule, später auch privat. 2009/2010 folgte die Ausbildung bei Marlies Bader in systemischer Homöopathie und ritueller Räucherkunde.

2013 unternahm sie den Schritt in die Selbständigkeit und hat diesen nie bereut. „Es ist ein großes Geschenk, wenn das Hobby zum Beruf wird“, sagt sie. 2014/2015 schloss sich eine Ausbildung zur Wildnis-Pädagogin an. Martina Tolnai wohnt mit ihrem Mann Karl-Michael Zimmermann in Brensbach-Affhöllerbach. Mehr unter www.ringelblume-und-co.de

Löwenzahn

Neun Mal mehr Vitamin C und 40 Mal mehr Vitamin A als im normalen Salat befinden sich laut Martina Tolnai in Löwenzahn. Außerdem enthält die Pflanze drei Mal mehr Eisen als Spinat, dazu Spurenelemente von Kalzium, Natrium Kalium und Kieselsäure. Der Löwenzahn schwemmt durch seine Bitterstoffe Harnsäure und Schlacken aus dem Körper und behebt Darmträgheit. Er wirkt gegen Allergien, Leber- und Krebs-Erkrankungen, besitzt krebshemmende Carotine und Flavonide.

Mit der Pfahlwurzel zieht er ausgewaschene Nährstoffe nach oben. Seine Samen sind Nahrung für Kleinvögel, die Wurzel eine Kinderstube für Regenwürmer. Die Blüte dient als Bienenweide, Erdbeeren gedeihen in seiner Umgebung besser. Die Frühlingswurzel mit dem bitteren Cholin sorgt für den Fettabbau aus dem Gewebe, im Herbst ist mit Inulin ein zuckerfreies Kohlenhydrat zu finden, womit sich Löwenzahl gut als Diabetiker-Gemüse eignet. Gerade im Frühjahr bietet es sich an, mit einer Schüssel in den Garten zu gehen, den Salat einfach von der Wiese zu sammeln und als Löwenzahn-Salat zuzubereiten.

 

 

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