Ein 100 Jahre alter Blick ins Schlafzimmer von Weber Nicklas

„Den Mann hab’s ich noch gekannt“, ruft ein älterer Zuschauer erstaunt aus, als Dr. Manfred Göbel ein Bild vom Ellenbacher Ortseingang aus dem Jahr 1908 zeigt. Zeitlich dürfte das hinhauen, denn der Betreffende auf dem Motiv von Friedrich Maurer ist vielleicht um die 30, der Besucher der Buchvorstellung um die 80 – somit könnten sich die Wege von beiden irgendwann in den 1950er Jahren überschnitten haben. „Leben und Arbeiten im hessischen Odenwald“ heißt Göbels 128-seitiger Bildband, in dem er 160 spektakuläre und teilweise unveröffentlichte Fotografien des bedeutenden Heimatforschers und Arzts zusammentrug.

Zur Vorstellung präsentierte sich die Bücherscheune so voll wie bisher noch nie bei einer Lesung – was sicherlich auch der ausführlichen Vorbesprechung in der OZ geschuldet sein dürfte. Gerade die Älteren freuten sich darauf, den Odenwald noch einmal so zu sehen, wie er vor 100 Jahren aussah und wie sie ihn – zumindest in Teilen – auch noch aus ihrer Kindheit kannten. Die erste Auflage von Göbels Buch ist bereits verkauft, wie er erfreut vermeldete, die zweite ist in Druck.

Dass gerade 1907 dieses besondere Interesse am Odenwald von Weschnitz bis Michelstadt, von Ober-Ostern bis Hammelbach, von Langenthal über Hirschhorn bis Eberbach erwachte, führt Göbel auf die 25-Jahr-Feier des 1882 gegründeten Odenwaldklubs zurück. Aus diesem Anlass gab es damals eine Wanderung auf die Neunkirchner Höhe – und mit diesen Bildern startet auch das erste Album, erläutert er den interessierten Zuhörern.

Maurer, selbst OWK-Mitglied, bestückte parallel auch in Darmstadt das Odenwald-Museum (das leider während der Brandnacht im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde). Der Darmstädter Oberbürgermeister war zu dieser Zeit in Personalunion Gesamt-OWK-Vorsitzender, der Bürgermeister Chef das Darmstädter Ortsvereins – somit alles eine große Familie. Die Vereinszugehörigkeit dürfte dem Fotografen auf dem Land Tür und Tor geöffnet haben, schätzt Göbel. Anhang der Motive wird deutlich, dass es Maurer immer wieder an die gleichen Orte zog. Auf der Alme in Ober-Ostern entstanden allein 62 Bilder, in Weschnitz 43 und in Hammelbach 27.

Er zeigte den Alltag der Bevölkerung, das wirkliche Leben, nicht die Hochglanz-Motive, die sonst in der damaligen Zeit entstanden. Genau das ist das Außergewöhnliche an der fotografischen Arbeit des Heimatforscher, die sie so wertvoll für die heutige Betrachtung macht, erklärt Göbel. So dürfen die Gäste einen Blick ins Schlafzimmer von Weber Nicklas werfen. Oder Familie Arnold in der Hammelbacher Straße von Weschnitz beim Mittagsessen vor mehr als 100 Jahren zuschauen. „Dass wir solche Bilder haben, ist sensationell“, freut sich der Hobby-Historiker.

Die Rückbesinnung auf die „gute, alte Zeit“ war zu dieser Zeit groß angesagt, weiß der Referent aus Groß-Zimmern. Der OWK befasste sich stark mit der Volkskunde, weil der Wandel durch die Industrialisierung viele alte Bräuche in Vergessenheit geraten ließ. „Ganze Berufsfelder starben aus“, erläutert Göbel. Es ging Maurer darum, den Wandel zu dokumentieren und die Vergangenheit festzuhalten.

Dabei scheute er auch nicht davor zurück, Bilder nachzustellen, heute würde man von „faken“ reden. Berufen, die kaum noch praktiziert wurden, schuf er anhand seiner Fotos ein Denkmal. Der Mediziner hatte dabei zwei Vorgehensweisen: Entweder er stellte alle Arbeitsschritte eines Berufsbildes auf einem Bild zusammen oder er schoss ganze Bilderserien.

Vereinsfest, Festkommers, Hochzeit, Kommunion oder Soldat: Das waren zu dieser Zeit die „normalen“ Fotomotive. Aber Alltagssituationen, Dorfbewohner in ihrer Privatwohnung oder bei der Arbeit: Dass solche Szenen heute erhalten sind, „verdanken wir Friedrich Maurer“. Wie etwa die Kinder im Hiltersklinger Weg von Hammelbach, die angesichts des fremden Mannes mit seiner Kamera zusammengelaufen sind. Diese Einblicke „sind ein wahrer Schatz“.

Da Anfang des 20. Jahrhunderts das Eisenbahnnetz voll (und besser als heute) in den Odenwald hinein ausgebaut war, konnte Maurer von Darmstadt aus alle Ecken und Enden erreichen. Er reiste nach Michelstadt (weiter mit der Odenwaldbahn nach Eberbach und von dort nach Hirschhorn), konnte die Überwaldbahn nach Wald-Michelbach nehmen oder hatte die Gesprenztalbahn nach Reichelsheim zur Verfügung.

Die Motive von früher lassen die Augen der Senioren strahlen: Hier die „Äppelquetsch“ auf der Alme, da das Eichenrindenklopfen („Rennekloppe“) in Schönbrunn bei Wald-Michelbach, dort Knopfdreher, Brunnenmacher, Zunderschwammklopfer, Schachtelmacher, Zigarrenmacher, Schindelschnitzer oder Nagelschmied: Maurers Werk ist ein wahrer Fundus für Freunde der Regionalgeschichte und bietet einen unbezahlbaren Blick auf das, was schon lange nicht mehr ist. Eben die „gute, alte Zeit“.

Info: „Leben und Arbeiten im hessischen Odenwald“, herausgegeben von Manfred Göbel, zeigt auf 128 Seiten rund 160 spektakuläre und teilweise unveröffentlichte Fotografien des bedeutenden Heimatforschers und Arzts Friedrich Maurer (1852-1939), der den Odenwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchstreifte und dabei das entbehrungsreiche Leben der Handwerker und Gewerbetreibenden in den Dörfern eindrucksvoll ins Bild setzte. ISBN: 9783954009640, Sutton Verlag 2018, 19,90 Euro.

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