„Visions of Atlantis“ und „Evergrey“ bestreiten die Symphonic-Metal-Night im Café Central

Die Vorband klaut dem Topact etwas die Show? Das passiert immer mal wieder. „Leaves Eyes“, die im vergangenen Jahr ebenfalls im Café Central begeisterten, liefen auf der Tour mit „Kamelot“ den Symphonic-Metallern fast den Rang ab. „Visions of Atlantis“ machten ihre Sache bei der jetzigen „Symphonic Metal Night“ in Weinheim ebenfalls so gut, dass die Headliner von „Evergrey“ da zumindest in punkto Auftreten und Performance nicht ganz rankamen.

Das fängt schon beim Outfit an: Hier die frische, junge Band mit dem Gesangsduo Clémentine Delauney und Michele Guaitoli, das sich auf der Bühne die Bälle zuspielt und sichtlich harmoniert, den direkten Kontakt mit den Fans sucht. Dort die Frontreihe mit drei Männern mittleren Alters, Bandgründer Tom S. Englund, Henrik Danhage und Johan Niemann in Waldschrat-Look, die ihren Set eher wortkarg runterrotzt und nach acht Songs Schluss macht.

Mastermind hinter „Visions of Atlantis“ ist der österreichische Schlagzeuger Michael Caser, einziges noch verbliebenes Gründungsmitglied. Die Band bewegt sich irgendwo zwischen Power und Symphonic Metal und schwimmt damit auf der allgemeinen Nightwish- oder eben auch Leaves Eyes-Welle, mit denen die Visionäre auch schon auf Tour waren. Fast alle Songs sind als Duett arrangiert. Die hohe, manchmal elfengleiche Frauenstimme und das kräftige Männerorgan bilden einen reizvollen Kontrast.

Genau das macht die Stücke auch sehr eingängig und melodisch. Christian Douscha (Gitarre) und Herbert Glos (Bass) tragen bei „The Deep & the Dark”, „The Last Home“ oder „Return to Lemuria“ vom aktuellen Album dazu bei, dass die Zuschauer ihren Spaß haben, für eine Vorband ungewöhnlich viel Applaus spenden und kräftig mitgehen. Beim nächsten Mal, verspricht Clémentine Delauney, „werden wir mit einer neuen CD kommen“. Denn die ist gerade in Arbeit.

„Ritual Night” oder „The Grand Illusion“ sind zwei weitere Lieder aus dem Repertoire, die durch ihre melodiöse Struktur gut ins Ohr gehen. Einziges Manko, das es aber bei einigen Bands aus dem Symphonic-Metal-Genre gibt: Die Keyboards werden eingespielt. Das macht die Songs natürlich genau strukturiert, lässt wenig Raum für Improvisation. Aber „Visions of Atlantis“ ist da in guter Gesellschaft. Das machen auch die bekannten „Kamelot“ oder „Beast in Black“ leider so.

Evergrey nicht. Wobei das Tasteninstrument im Sound- und Lichtgewitter erst einmal seinen Platz verteidigen muss. Um im Laufe des Konzerts allerdings dann manchmal fast zu penetrant aufzutreten, wenn komplette Kinderchöre eingespielt werden. Die wummernde Double-Bassdrum deckt teilweise auch das Gitarrenspiel zu und vermischt die einzelnen Songs zu einem großen Brei, dem dadurch des Öfteren die Unterscheidbarkeit fehlt. Schade eigentlich, denn die Schweden haben es musikalisch natürlich durchaus drauf, sonst hätten sie in den vergangenen 25 Jahren nicht bereits über zehn Longplayer veröffentlicht.

„The Atlantic“, gerade frisch in die Plattenläden gekommen, erreichte die höchste Albumplatzierung seit Bestehen der Band. Es ist allerdings auch deutlich härter als frühere Einspielungen in anderen Musiker-Kombinationen. Denn das Personalkarussell drehte sich bei der Band extrem schnell und führte 2014 fast zur Auflösung. „A Silent Arc“, der Opener, besticht auf der Studioaufnahme durch seine Komplexität, ist aber live etwas undefiniert.

„Weightless“ wiederum ist ein gutes Beispiel für das Mehr an Düsternis und Härte gegenüber früher. Tief gestimmte Gitarren ziehen den Sound ordentlich runter. Live dominiert unfreiwillig genau diese dunkle, düstere Seite der Musik. Was aber bei den Besuchern durchaus gut ankommt. Es fliegen die Haare, es wippen die Köpfe. Die Songstrukturen sind relativ übersichtlich, was das Headbanging erleichtert. Der dreistimmige Gesang, garniert mit ein paar Gitarrensoli, ragt aus der von grellen Lichtblitzen erhellten Düsternis heraus.

Wenn dann die klaren Gitarren fehlen, der prägende Gesang, dann wird es natürlich deutlich schwieriger, den richtigen Zugang zu finden. Die fünf Musiker tun auch wenig dafür. Ein kurzer Satz, welcher Song gespielt, sonst aber ein Song nach dem nächsten: Da fehlt ein wenig die Interaktion. Vielleicht ist die Band ja mehr Zuschauer bei ihren Konzerten gewöhnt, auch wenn das Café Central für ein Konzert dieser Musikrichtung ziemlich gut gefällt war. Aber das ist kein Grund so griesgrämig rüberzukommen.

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