Flattermänner lieben den Schmetterlingsgarten

Das Insektensterben beherrscht aktuell die Medien. „Es ist nachweisbar, es ist messbar und spürbar“, sagt Fachmann Siggi Winkler aus Weiher, der sich schon seit 50 Jahren mit dem Thema beschäftigt, Schmetterlinge beobachtet und züchtet. Auch wenn im Odenwald die Welt noch einigermaßen in Ordnung ist, kann jede noch so kleine Maßnahme helfen, den Bestand zu sichern. Wie etwa der „Schmetterlingsgarten“ von Claudia Felske, den sie in den vergangenen Jahren in der Scharbacher Mooswiese anlegte.

„Den Garten habe ich vor dem Haus der Kuhwiese abgetrotzt“, erzählt „Fenna“ Felske. Im ersten Jahr baute sie eine kleine Terrasse und versuchte Gemüse anzubauen. Den Rest der Wiese ließ die Scharbacherin „einfach mal wachsen“ und schaute, was sich entwickelt, wenn das Gras nicht ständig gemäht oder abgesenst wird. Im zweiten Jahr waren das die Sumpfdotterblumen, das Mädesüß und die Engelwurz, die wilde Möhre, Buschwindröschen, Miere, Malven, Glockenblumen.

Felske pflanzte parallel Stauden Sträucher und Bäume. Die Brombeerecke wurde definiert, die wilden Himbeeren durften sich ausbreiten. Die Insektenvielfalt stellte sich im dritten Jahr ein. „Es zogen vermehrt Schmetterlinge ein“, beobachtete sie, dazu die Zauneidechse und Massen von Marienkäfern. Im vierten Jahr fingen sich die Stauden an zu vermehren.

Der Garten macht nicht viel Arbeit, erläutert sie. Denn man muss nur einzelne Sektionen bearbeiten und das meiste einfach sich selbst überlassen. Eigentlich ist das Sensen tabu. Nur Sortieren und vorsichtiges Abräumen der toten Blätter und Staudenstängel im späten Frühjahr ist erlaubt. „Doch leider wird dies als Faulheit oder Unordentlichkeit ausgelegt“, bedauert die Scharbacherin. „Doch seit wann ist denn die Natur ordentlich?“, fragt sie rhetorisch.

Die Engelwurzstaude liefert im Sommer als Doldenblütler Pollen und Nektar für Biene und Schmetterling und dient im Winter als Unterschlupf für Wildbienen, sofern sie stehen gelassen wird. Ein mögliches Winterlager für den Zitronenfalter ist ein Brombeergebüsch, etwas feucht durch den Bachbereich. Totholz und Kompost bilden Lebensraum für zahlreiche Insekten. Besonders Marienkäfer freuen sich, unter der Rinde einen Platz zu finden. Auch die Zauneidechse und der Zaunkönig haben hier ihre Nische gefunden.

In einem Schmetterlingsgarten müssen Brennnessel, Brombeeren, Himbeeren, Totholz und Blühstauden miteinander verwildern, rät sie. Außerdem: „Im Winter alles stehen lassen.“ Genau das ist laut Felske das ausschlaggebende Kriterium. Denn wenn im November alles abgesenst und verbrannt wird, lösen sich damit auch die Eier und Raupen der Schmetterlinge in Rauch auf. „Es muss verwildern“, betont sie. Der Schmetterlingsgarten wird erst im Juni richtig schön. Dann sind auch die meisten Insekten geschlüpft, die als Raupe oder Eier überwintert haben.

Felske sehen mit Besorgnis, wie wenige Insekten im Vergleich zu ihrer Kindheit heute noch zu sehen sind. Das bestätigt auch Winkler: „Die Biomasse ist in den letzten 30 Jahren um etwa 75 Prozent zurückgegangen“, weiß er. Er kennt 100 Arten von Tagschmetterlingen, von denen 32 im Odenwald bestätigt werden konnten. „Vor allem die Älteren wissen noch, welche Insektenpampe wir früher auf der Windschutzscheibe unserer Autos hatten“, schmunzelt er.

Seine soziologischen Studien macht der 70-Jährige seit 30 Jahren für eine Arbeitsgemeinschaft, die beim Frankfurter Senckenbergmuseum angesiedelt ist. Prof. Josef H. Reichholf veröffentlichte im Herbst 2017 eine Studie, in der er den Artenschwund bei Schmetterlingen dokumentierte und wissenschaftlich untermauerte, so der Weiherer.

Winkler warnt: „Etliche Arten sind in dieser Zeit bei uns verschwunden.“ Im Odenwald schätzt Winkler jedoch, dass der Rückgang „nur“ etwa 30 Prozent beträgt. Und: „Es ist kein plötzlich aufgetretenes Ereignis.“ Bereits vor 30 Jahren gab es Anzeichen dafür. Als Gründe nennt der Fachmann: Biotopverlust, Veränderungen in der Landwirtschaft, Kreiselmäher, mehrmalige Mahd im Jahr (die keine Entwicklung mehr zulässt), Düngung, Pestizide, Zersiedelung der „freien Landschaft“, Verlust von Brachflächen oder extensiv bewirtschaftete Flächen.

Von den Pestiziden wisse man mittlerweile, dass viele als insektenunschädlich eingestufte Herbizide das Orientierungssystem und die Fortpflanzungsdynamik stören. Seit Jahrzehnten gibt es im Weschnitztal Ehrenamtliche, die mit ihren Studien den Wissenschaftlern zuarbeiten und die Entwicklung dokumentieren. Neben Winkler zählen dazu auch die Hobbyentomologen Reinhold Pfeifer/Rimbach und Peter Gehrisch/Ellenbach.

Wir können den Insekten helfen durch…

  • Verzicht auf Insektizide, besonders Neonicotinoide, Herbizide
  • keine extensive Beweidung landwirtschaftlicher Flächen
  • Düngeminimierung, Düngeverzicht
  • Ankauf von Flächen durch die öffentliche Hand oder Naturschutzverbände als „Trittsteine“
  • Schaffung von Ackerrandstreifen, Belassen von Böschungen und Wegerainen (die oft ungedüngt sind…)
  • Pflanzung von Sträuchern an Waldrändern, Belassen von Sträuchern, Hecken, Flora an Waldrändern
  • Anlage von Feldholzinseln mit insektenfreundlichen Arten
  • Augenmerk auf Eichen, Weiden und Pappeln (beherbergen die meisten Insektenarten)
  • kleine verwilderte Bereiche/Ecken in Gärten, Belassen sogenannter „Unkräuter“ in Gärten und in der freien Landschaft
  • Einsaat von Blühwiesen oder Sommerflieder in Gärten als Insektenmagnet
  • Erhaltung und Pflege der Obstbäume/Streuobstwiesen, Mistelbekämpfung
  • Verzicht auf „Exoten“ im Garten (z.B. Buchsbaum), Anpflanzung von Blühpflanzen wie Fenchel, Lavendel u.a.
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