Bei der Musik-Kombi bekommt Graf Dracula Zähneklappern

Den Spruch muss sich die Band aus Transsilvanien, der Heimat Graf Draculas, patentieren lassen: „Kommt ruhig näher, wir beißen nicht“, fordert Sänger Robert Rusz die Zuschauer in der Live-Music-Hall mit Nachdruck auf, doch nicht so weit weg von der Bühne zu stehen. Der Shouter von „Dirty Shirt“ hat damit auch Erfolg, die Gekommenen trauen sich und werden nicht enttäuscht. Was die achtköpfige Truppe aus Rumänien abliefert, lässt vor Staunen den Mund offen stehen.

Party, Folklore, Gypsy, Metal: So beschreibt die schon vor mehr als 20 Jahren gegründete Truppe ihr musikalisches Spektrum. Kein Wunder, dass sie mit dieser wilden Kombination schon den zweiten Platz beim „Wacken Battle 2014“ machte. Fast schon orientalische Anklänge mischen sich mit harten Gitarrenriffs von Cristian Balanean und Dan Petean, zweistimmiger Gesang und Growls treffen auf Geigenklänge von Cosmin Nechita, Klaviertöne auf eine Double-Bassdrum von Vlad (wie passend) Toca, die sich den Gehörgängen einprägt.

Das Ganze ist gepaart mit einer riesigen Spielfreude, der auch der etwas überschaubare Besuch nichts anhaben kann. Die Jungs lassen sich davon nicht beirren, ziehen ihre Show ab, machen oben Party ohne Ende und spielen sich die Finger wund. Dan „Rini“ Craciun, als zweiter Sänger für die hohen Töne zuständig, macht sich außerdem den Spaß, einen selbstgebrannten, transsilvanischen Schnaps im Publikum auszuschenken.

Da stellt sich dann unwillkürlich die Frage, ob die acht Leute oben auf der Bühne genau deshalb so gut drauf sind, weil sie ein paar Schluck davon genommen haben – oder weil sie einfach einen Riesenbock auf ihre Musik haben. Es war eindeutig das Zweitere, auch wenn beim Nippen klar wird, warum Craciun so hoch singt: Das Getränk raspelt die Stimmbänder frei.

Die Rumänen sind derzeit auf „European Letcho Drom-Tour“ mit ihrem aktuellen Album „Letchology“, der fünften Scheibe in der Bandgeschichte. Balkan-Folk mit ein paar Rap- und Funk-Elementen, dazu moderner (Hardcore-)Metal-Sound beeindrucken auf allen Werken. Die Band fetzt aber nicht nur los, sondern hat ein gutes Gespür für melodiöse Rhythmen und eingängige Songstrukturen, die die heftigen Growls von Robert Rusz damit etwas weichspülen.

Wären die acht Jungs nicht aus Rumänien, sondern aus Großbritannien, würden sie durchgängig englisch texten statt auch in ihrer Muttersprache zu singen, hätten sie bestimmt schon einen gewaltigen Exotenbonus in der sonst so weichgespülten Rockszene,  gäbe es sicherlich schon den ganz großen Hype. Denn Dirty Shirt macht in punkto Folk-Einfluss bei den Hardrock- oder Metalsongs kaum etwas anderes als die Abräumer von Nightwish oder Leaves Eyes – nur dass die sich eher auf keltische und nordische, hierzulande bekanntere und griffigere Melodien, konzentrieren.

Auf dem neuen Werk „Letchology“ geht’s nicht nur stimmlich, sondern auch rein instrumental flott zu. „Letcho Drom“ ist schon fast symphonisch, E-Gitarre, Geige und Keyboard bilden einen dichten Soundteppich. Bei „Palinca“ wird der Metal-Anteil deutlich hochgeschraubt. „Freak Show“ vom vorigen Album ist eine der härtesten Nummern, bei der die Ohren schlackern.

Folkloristisch, wie man sich klischeetypisch die große rumänische Familienfeier vorstellt, mit fast schon klassischem Tenor-Gesang, Chorelemente, ein Akkordeon aus dem Keyboard von Mihai Tivadar gezaubert, hier noch ein paar Bläser dazu, ein Battle Geige-Gitarre: Dirty Shirt spielt so druckvoll, extravagant, ausdrucksvoll, dass keiner stillstehen kann.

Dass harte Rocker auch die traurigen Töne drauf haben, zeigen die acht bei „Pretty little heart“, das im rumänischen Original natürlich etwas anders heißt. Kurz mal ein symbolisches Tränchen verdrückt, dann knallt das Schlagzeug los, die tiefer gestimmten Gitarren gehen ab. Pause vorbei. Die Crossover-Musik von Dirty Shirt macht extrem viel Spaß, ist kurzweilig und geht ab. Die Band sollte man mal live gesehen und noch besser, auch gehört haben.

Werbeanzeigen