Dr. Winckler besuchte die Kranken mit dem ersten Auto im Ort

Der Überwald war früher in punkto medizinische Versorgung nicht gerade reich gesegnet. Bis 1829 gab es im Dorf keine Apotheke. Der erste praktische Arzt, Dr. Eduard Willmann, siedelte sich erst 1875 an. Aber die Landbevölkerung war ja gewohnt, für sich selbst zu sorgen. Motto: „Nur die Harten kommen in den Garten.“ Am prägendsten für die Wald-Michelbacher Ärztelandschaft war Dr. Johannes „Jean“ Winckler, der ab 1892 bis ins hohe Alter in der Ludwigstraße 92 in der selbst erbauten Praxis wirkte. Sohn und Enkel folgten ihm nach.

Ende des 18. Jahrhunderts war die Bevölkerung des Überwalds dafür bekannt, sich lieber durchzubeißen als Medizin in Anspruch zu nehmen. Während der Zugehörigkeit zur Kurpfalz musste sie auf einen Arzt verzichten. Zentschulheiß Haag schrieb damals dem Oberamt, dass die Untertanen „lieber das Äußerste abwarten, als durch die Medizin ihre Körper schwächlich machen zu wollen“. Außerdem sind die Leute nicht vermögend genug, „einem Doktor eine Besoldung zu geben“ (weil sie schon sowieso viele Steuern zahlen müssen, wird nebenher erwähnt). „Sie wollen sich ihrer Natur, die ihnen schon vielmals geholfen hat, überlassen“, heißt es weiter im Schreiben von 1774.

Im Großherzogtum Hessen, zum dem der Überwald 1803 kam, gab es sogenannte Sanitäts- oder Physikatsbezirke. Wald-Michelbach gehörte zu Lindenfels. Nach der Teilung des Bezirks durch die Medizinalverwaltung war die Voraussetzung für die Gründung einer Apotheke gegeben. Eberhard Gottlieb Wider erhielt 1829 die Konzession zur Errichtung, weiß der Vorsitzende des Überwälder Museums- und Kulturvereins, Gundolf Reh.

Der erste Physikats(amts)arzt war Dr. Stubenrauch. Wegen der weiten Entfernung war in Zeiten ohne motorisiertes Fortbewegungsmittel der Weg nach Lindenfels natürlich anstrengend und zeitraubend. Deshalb konnte man aus Wald-Michelbach die Physikatsärzte bei leichteren Erkrankungen und Unfällen nicht beanspruchen. In den einzelnen Orten gab es deshalb oftmals einen „Chirurgus“. Franz Bach in der Kirchgasse ist um 1800 überliefert, danach sein Sohn Nikolaus.

„Nach langem Bemühen“, so Reh, gelang es der Gemeinde, 1875 den ersten praktischen Arzt in den Ort zu holen: Dr. Eduard Willmann. Der wurde von den 20 ärztlich zu betreuenden Gemeinden subventioniert: mit 600 Mark im Jahr. Er wohnte zuerst im Haus Marquard in der Ludwigstraße und dann in der früheren Post. 1881 wurde Willmann sogar zum Kreisassistenzarzt in Heppenheim, aber mit Sitz in Wald-Michelbach, ernannt. Er starb 1893 und wurde auf dem evangelischen Friedhof beerdigt. Mit ihm begann die ununterbrochene Reihe von praktischen Ärzten im Ort.

Dr. Jean Winckler war der zweite Arzt, der sich in Wald-Michelbach niederließ. 1892 baute er das Haus Ludwigstraße 92 als Praxis und Wohnhaus. Anfangs noch mit einer Kutsche, versorgte er als Landarzt den Überwald. In der Scheune gab es einen Heuboden, einen Stall und eine Remise für die Kutsche. Das Bild mit dem Automobil Marke Brennabor zeigt Dr. Winckler mit Chauffeur August Arnold II. im Hof, weiß Günther Roßbach, der Enkel des Chauffeurs. Zu dieser Zeit war es das einzige Automobil in Wald-Michelbach. Daneben gab es nur noch ein Motorrad von Tierarzt Dr. Schrauth.

Nach Dr. Jean Winckler folgten sein Sohn Dr. Georg Winckler, dann dessen Sohn Dr. Hans Winckler und Ehefrau Dr. Edith Winckler als praktische Ärzte. Ende der 1960er Jahre wurde ein Anbau notwendig, damit die Praxis neuen Anforderungen gerecht werden konnte. Sie wurde Ende der 1980er Jahre von Dr. Thomas Schlegelmilch und Jörg Maletz übernommen. Nach genau 100 Jahren Bestehen, 1992, wurden die Räumlichkeiten an den Pflegedienst Weiß-Reh vermietet, da die Ärzte in eine neue Praxis mit moderner Ausstattung umzogen.

Als Besonderheiten des Hauses nennt Gundolf Reh die sehr aufwändige Dachkonstruktion mit innenliegendem Dachkandel. Die Küche befand sich ehemals im Untergeschoss. „Die Speisen wurden mit einem Aufzug in das Erdgeschoss befördert.“ Über dem Stall befindet sich noch heute die Kutscherstube. Der Stall wurde umgebaut und mit allem versehen, was man in der Frühzeit des Automobils brauchte. So wurde zum Beispiel eine Kompressoranlage eingebaut.

Kutscher August Arnold II. fuhr anfangs auch das Automobil von Dr. Winckler. Irgendwann besann sich der Arzt darauf, dass er das Fahrzeug auch selbst führen könnte, erlernte die Einstellungen des Gas-Luft-Gemischs und bewegte seitdem sein Automobil allein. Der Kutscher wurde daraufhin entlassen. Er stammte aus der Michelstraße und war der Großvater des heutigen Gemeindevertreters Günther Roßbach.

 

Chronologie

1875: Der erste praktische Arzt Dr. Eduard Willmann lässt sich in Wald-Michelbach nieder.

1892: Dr. Johannes „Jean“ Winckler erbaut das Wohnhaus mit Praxis in der Ludwigstraße 92

1937: Auf Druck der Nazis darf Jean Winckler nicht mehr praktizieren. Zuvor führte er längere Zeit die Praxis gemeinsam mit seinem Sohn Georg.

1963: Übernahme der Praxis durch Dr. Hans Winckler

1966/1967: Praxisanbau

1992: Vermietung des Gebäudes an den Pflegedienst Weiß-Reh

Der erste Tierarzt, ein Herr Sehrt, ließ sich 1890 in der Gemeinde nieder, gefolgt von schnell wechselnden Veterinären. 1913 kam Dr. Schrauth hierher, der bis 1959 wirkte.

Einen Zahnarzt erhielt Wald-Michelbach mit dem Dentisten Niklas erst in den 1920er Jahren

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