Bergbauaktivitäten führten 1910 zum Bau des Bahnhofs in Unter-Waldmichelbach

Der untere Bahnhof war in den Anfangsjahren der Überwaldbahn noch gar keiner. Erst um 1910 herum mauserte sich das Gelände in Unter-Wald-Michelbach zu dem Ensemble, wie es unterhalb der Polizei heute noch mit dem Jugendzentrum und dem kommunalen Kino besteht. Quasi schon immer da und auch noch längst nach Ende des Bahnbetriebs in Betrieb war die „Wirtschaft zum Bahnhof“ der Familie Lammer. Das Gebäude ist heute noch in Familienbesitz und beherbergt das „Red“. Sogar die Lizenz aus früheren Jahren hängt im Gasthaus.

Im Zuge des Baus der Überwaldbahn zwischen 1899 und 1902 wurde zuerst der obere Bahnhof gebaut, wo heute der Halt der Solardraisine ist, weiß Gundolf Reh vom Überwälder Museums- und Kulturverein. Weiter unten gab es zunächst nur eine Laderampe und ein kleines Behelfsgebäude. Als die Bergbauaktivitäten zunahmen und das Schlerf-Unternehmen für Bürsten, Besen und Putzmittel expandierte, stieg der Bedarf, auch dort Waren verladen zu können.

Ursprünglich nur als Haltepunkt geplant, erforderten die Manganerz-Transporte eine eigene Bahnverwaltung. Von 1908 bis 1911 erfolgte der Bau. Eine Verlade- und Trocknungsstation wurde eingerichtet. Die Erze kamen per Seilbahn aus dem Bergwerk bei Seckenrain und wurden dann an dieser Stelle umgeladen. Alte Fotos davor und danach zeigen die Umwälzungen, die der Bau der Station mit sich brachte.

Eine Denkschrift aus dem Jahr 1894 hat einen ungeahnten aktuellen Bezug. Sie widmet sich dem Bahnbau zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach. Die früheren Bürgermeister wollten damit die Region voranbringen, die aufgrund der abgeschiedenen Lage wirtschaftlich zurückzufallen drohte. Das sind laut Reh Belege dafür, „dass sich die Geschichte immer wiederholt“. Denn auch heutzutage fühlt sich der ländliche Raum abgehängt und befürchtet einen wirtschaftlichen Niedergang.

Mit abnehmenden Personenaufkommen verlor das Gebäude seine Bedeutung. Noch während der Bahnbetrieb lief, wurden die Wohnungen an die Familien Müller und Weiß vermietet. Irgendwann war dann auch Schluss mit dem Fahrkartenverkauf. Nachdem der letzte Gütertransport im Jahr 1994 über die Bühne gegangen war, wurde die Strecke Richtung Mörlenbach aufgegeben. Schon 1985 hatte man die Gleise Richtung Wahlen abgebrochen.

Lange Zeit nur als Wohnhaus genutzt, fand in den 1990er Jahren im ehemaligen Bahnhof das Jugendzentrum sein neues Domizil. Mit der Bahnhofshalle hat es eine besondere Bedeutung. „Hier entstand der Badminton-Verein Wald-Michelbach“, erläutert Reh. Quer durch den Raum wurde ein Netz gespannt und gespielt.

Die Wirtschaft Lammer direkt angrenzend Richtung Ortsmitte „gab es schon vor der Bahn“, erzählt er. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Früher betrieb die Familie außerdem eine große Metzgerei mit angeschlossenem Schlachthaus. Die Holzvertäfelungen und der Saal „sehen aus wie damals“, sagt Gundolf Reh. Nebenan war die Kistenfabrik Schlink. Dieses Gebäude gibt es heute nicht mehr, „aber die Gattersäge steht noch frei im Raum“, berichtet er.

Auf der anderen Straßenseite existierte früher der „Pfälzer Hof“ der Familie Rebscher, Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut. Lange Zeit befanden sich dort Metzgerei und Gaststätte, heute ist dort noch die Metzgerei Peter zu finden. Das Wirtschaftsgebäude wird heute vom Azurit-Catering genutzt. Hinten dran liegt die ehemalige Emichs-Mühle, 1919 von Heinrich Schlerf gekauft. Sie war zuvor lange als Mahl- und Sägemühle und zwischenzeitlich auch zur Lederfabrikation verwendet worden.

Ein Bild aus früheren Zeiten, vom Hohenstein aus aufgenommen, eröffnet einen eindrucksvollen Blick in die damalige Zeit. Die Hessische Hölzerfabrik Schlerf, die spätere Coronet, erblickte zu dieser Zeit das Licht der Welt. Die eigentliche Produktion wurde Anfang 1920, zunächst mit sechs Personen, aufgenommen. 2005 ging dieser wichtige Teil der Industriegeschichte im Überwald mit der Insolvenz der Coronet zu Ende.

Überwaldbahn

  • Bau der Strecke 1899-1902
  • Eröffnung des Bahnhofs Ober-Wald-Michelbach 1902
  • Bau des Bahnhofs Unter-Wald-Michelbach 1908-1911
  • Gründung der Hessischen Hölzerwerke Schlerf 1919
  • Ab 1971 hießen die Hölzerwerke „Coronet Schlerf“, ab 1991 „Coronet Werke“
  • Letzter Personenzug 1983
  • Schließung der Güterstrecke Unter-Wald-Michelbach – Wahlen 1984, Demontage der Gleise 1985
  • Letzter Güterzug Wald-Michelbach – Mörlenbach und Schließung der Strecke 1994
  • Reaktivierung als Solardraisinenbahn 2013
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