Heiße Musik im heißen Café Central

Es dampft im Café Central. Aus zwei Gründen: heiße Sounds von „Lacuna Coil“ und heiße, verbrauchte, schwitzige Luft, weil keine Fenster geöffnet werden (dürfen?) und weil es wohl keine Lüftung gibt. Für die italienische Metal-Band um Frontfrau Cristina Scabbia weniger ein Problem, für manche Fans eher. Die müssen ab und zu mal nach draußen zum Luftschnappen. Was sie aber drin geboten bekommen, entschädigt: Die Mailänder beweisen eindrucksvoll, warum sie zur Speerspitze ihres Landes in ihrem Musik-Genre gehören.

Einerseits sehr melodisch, dann aber wieder metallisch bis hin zu den harten Death Metal-Growls von Andrea Ferro, deckt die Band ein ziemlich weites Spektrum an musikalischen Einflüssen ab. Das zeigt sich auch an der Bandbreite des Publikums. Da sind die eingefleischten Rocker dabei, aber auch etliche junge Leute, die die Band mit ihren am Zeitgeist angelehnten Songs anspricht. Von Alltagsklamotten bis hin zu Metal-Shirts von Iron Maiden ist alles vertreten.

Dazu kommen noch ein paar Relikte der wilden 70er Jahre, bereits etwas verlebt aussehend, denen man abnimmt, dass sie schon mit Ozzy Osbourne um die Häuser gezogen sind, angereichert mit ein paar ganz „normalen“ Fans, denen man mit Designerbrille, grau meliertem Haar und modischem Haarschnitt nicht unbedingt die Vorliebe für die härteren Töne ansieht. Sie alle eint, dass sie auf die Musik des Quintetts abfahren. Der Saal im Café Central ist vollgestopft bis oben hin, sodass selbst der hintere Eingang mit Bar ziemlich belagert ist.

Nach verhaltenem, sehr melodischem Beginn, bei dem die Personen auf der Bühne aufgrund der andauernd wechselnden Scheinwerfer kaum zu erkennen sind, geht’s in die Vollen. Der Kontrast zwischen der sanften Alt-Frauenstimme und dem männlichen Reibeisenorgan macht die Besonderheit aus. Leise, akustische Momente werden abgelöst von brachialen Krachern, aber auch einprägsamem zweistimmigen Gesang.

Im Gepäck hat die Band neben dem vor zwei Jahren entstandenen Album „Delirium“ auch die neue Live-DVD „119“, die genau am Auftrittstag erscheint. Dass die (englischsprachigen) Songs nicht nur in Italien eine begeisterte Fan-Schar finden, sondern auch in der Sauna des Café Central, zeigt sich bereits bei den ersten Klängen. Die Gäste gehen bis in die letzten Reihen mit, singen, klatschen, bis der Schweiß in Strömen läuft, und sind von der professionellen Performance beeindruckt.

Denn „Lacuna Coil“ hat‘s nicht nur musikalisch drauf, die Band bietet auch was fürs Auge. Die Instrumentalisten sind, Gothic-Einflüssen angelehnt, weiß-gruselig geschminkt, was mit zunehmendem Konzert in der Hitze ins Fließen kommt. Als „definitly a hot show in every way“, einer im wahrsten Sinne des Wortes heißen Show, bezeichnet Cristina Scabbia augenzwinkernd den Auftritt. Das kleine Energiebündel, in rotem Kleid ein Blickfang, gibt den Songs, so heavy sie auch sein mögen, den mit ihrem Organ einen melodiösen Anstrich. Wohl nur wenige Bands vollführen derart virtuose Ausschläge in alle Richtungen und verbinden sie mit einem sehr druckvollen Sound, der im Saal sehr gut rüberkommt.

Dass sich selbst so bezeichnende Death- und Nu-Metaller auch ganz sanft können, zeigt die Ballade „When a dead man walks“. Die war im Vorfeld von den Fans auf Facebook stark nachgefragt worden, deshalb fand sie jetzt auch ihren Niederschlag im Live-Programm. „My Wings“, „Blood, Tears, Dust“ oder „Tight Rope“ sind andere Stücke, die das Vorurteil absolut widerlegen, bei der Musik der Truppe könnte es so heftig zugehen, dass kaum noch ein paar zusammenhängende Töne zu erkennen wären.

Im Gegenteil: Was „Lacuna Coil“ in Weinheim präsentieren, ist für Metal-Begriffe fast schon mainstreamtauglich. Die Growls werden eher dezent eingesetzt, passen sich in die Songstruktur ein, wechseln sich mit Gesangduetts ab. Gründungsmitglied Marco Coti Zelati (Bass, Gitarre, Keyboard), der neue Schlagzeuger Ryan Blake Folden und Gitarrist Diego Cavallotti sorgen für den instrumentalen Unterbau, der manchmal fast ein bisschen geleckt rüberkommt.

Treibende Rhythmen, eine wummernde Double-Bassdrum, filigrane Gitarrenriffs: Die Band zeigt, warum sie schon mehrmals nach Wacken verpflichtet wurde und bereits die ganz Großen der Szene auf deren Tour begleiten durfte. Die Musiker wiederum sind jedes Jahr aufs Neue beeindruckt, wie das Publikum mitgeht, die Songs schon beim ersten Ton erkennt und kräftig mitsingt. „Ohne euch wären wir gar nichts“, gibt es deshalb ein großes Lob von Scabbia.

Zu hören gibt’s ein Best-of der vergangenen mehr als 20 Bandjahre: „One Cold Day”, „Heaven‘s a Lie“ oder „The House of Shame” sind da ebenso dabei wie das 2006er Depeche Mode-Cover „Enjoy the Silence”, das den Italienern viel Aufmerksamkeit verschaffte. „Nothing Stands in Our Way“ heißt es ganz zum Schluss, als letzte Zugabe. Schweren Herzens mussten dann die Fans doch zu später Stunde den Weg nach Hause antreten – zwei Stunden super Musik reicher.

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