Die Mundharmonika schluchzt, weint und jubiliert im Muddy’s

Der Meister an der Mundharmonika ist zu Gast. Paul Lamb, der seine „King Snakes“ als Begleitband dabei hat, zeigt im „Muddy’s Club“, welche Töne er dem nicht alltäglichen Instrument zu entlocken vermag, treibt den Blues seines Quintetts damit ein ums andere Mal an, begeistert die Zuschauer im Gewölbekeller mit seinem virtuosen Spiel, bei dem er teilweise scheinbar ohne Luftholen auskommt. Die Fans wissen, was sie an dem 63-Jährigen haben, war er doch vor zwei Jahren das letzte Mal hier.

Der Beginn ist eher gemächlich. Zwei ältere Herren schlurfen, aus dem Publikum kommend, sich angeregt unterhaltend, auf die Bühne, nachdem sie sich vorher noch kurz über den kuscheligen Club ausgetauscht hatte. Der eine schnappt sich die Gitarre, der andere die Blues Harp. Hätte Paul Lamb nicht die braun getönte Sonnenbrille auf, könnte man meinen, er wäre gerade gemütlich von der Couch aufgestanden. Sein dunkelblaues Outfit mit Satinanklang kommt einem Schlafanzug doch recht nahe.

Chad Strenz an Gitarre und Gesang ergänzt dein Eindruck einer Altherrencombo, wenn er mit dem grünen Hemd und brauen Sakko in Cord-Look gemächlich den Sechssaiter überstreift. Dazu noch Bassist Rod Demick, ebenfalls älteren Semesters, und fertig ist die Ü60-Band. Weit gefehlt. Die älteren haben es voll drauf. Während des ersten Songs kommen noch Schlagzeuger Mike Thorne und Gitarrist Ryan „Junior“ Lamb mit hinzu, die den Altersschnitt erheblich drücken.

Sie alle eint die Lust am Blues, ob jetzt Jung oder Alt. Die Band ist tief drin in der Musik, versteht sich blind. Die Lamb(ert)s, Vater Paul und Sohn Ryan (geboren 1986), bilden dabei das musikalische Rückgrat. Wenn der eine auf der Mundharmonika, der andere auf der Leadgitarre, das Thema zweistimmig spielen, schallen die Blues-Songs volltönend bis in den letzten Winkel des Gewölbekellers.

Während im Hintergrund die eher monotonen Töne von Bass und Schlagzeug wummern, spielen sich vorn die beiden die Töne zu. Paul Lamb lässt seine Harp schluchzen, weinen, wimmern, ächzen, aber auch jubilieren und fast trällern – so viele Facetten vermag er seinem Instrument in einem einzigen Lied zu entlocken. Sein Sohn hält kräftig dagegen.

Wenn man den Briten so spielen hört, wird klar, warum sein aktuelles Album „Live at the Royal Albert Hall“, vor einem Jahr in ebendiesem Londoner Konzerthaus aufgenommen, von der Kritik so enthusiastisch gelobt wurde. Er verschmilzt förmlich mit seiner Blues-Mundharmonika. „Mr Lamb‘s Groove Walk“ oder „Jumpin‘ Little Judy“ sind solche Stücke, bei denen sich Familie Lamb die musikalischen Bälle zuspielt, dass im Publikum die Beine und Füße merklich anfangen zu zucken. Der eine oder die andere traut sich schon zu tanzen.

Strenz steuert dazu die passende Stimme zu, die man ihm nach dem äußeren Anschein gar nicht zutrauen würde – ein erdiges Organ, das den schwermütigen Südstaatenblues nach Süddeutschland transportiert. Bevor es aber doch zu depressiv wird, haut die Band danach einen fetzigen Chicago Blues raus, bei dem Lamb junior seine Finger auf der Gitarre spielen lässt, sodass begeisterter Zwischenapplaus aufbrandet. Das Faible für Sonnenbrillen im dunklen Gewölbekeller scheint beide zu einen.

Vater Paul kann auf der Bühne kaum stillstehen. Selbst wenn er nicht gerade der Mundharmonika die höchsten Töne entlockt, ist er immer in Bewegung, animiert die Zuschauer links und rechts im Gewölbe. Irgendwann wird es ihm auf den zehn Quadratmetern Spielfläche zu eng und er wechselt kurzerhand in den Zuschauerraum. Während hintendran die Band einen Zahn zulegt, presst er noch den letzten Fetzen Luft aus dem hintersten Winkel der Mundharmonika, holt gefühlt fünf Minuten lang ohne zu atmen alles aus dem Instrument heraus, um sich danach im Beifall der Gäste zu sonnen.

Der Blues ist ja für alle Stimmungen gut. Einmal gibt er den tiefsten Weltschmerz wieder, dann, in seiner fröhlichen Fassung, schreit er himmelhoch jauchzend die ganze Freude des Musikers raus. Lamb überholt sich teilweise beim Spielen fast selbst, wenn er den Rhythmus immer weiter vorantreibt. Zwischendurch gönnt er sich mal eine Verschnaufpause, während die Band ein Stück allein runterfetzt.

In der Pause und nach dem Konzert, das natürlich nicht ohne Zugabe enden darf, zeigt sich Paul Lamb als Musiker zum Anfassen, der gerne eine seiner zahlreichen CDs signiert. Im Mittelpunkt steht dabei die neueste Aufnahme, aber in seiner Karriere hat der 63-Jährige schon etliche Silberlinge auf den Markt gebracht, die des Öfteren Preise einheimsten. In schöner Regelmäßigkeit lieferten die King Snakes das „UK Blues Album des Jahres“ ab.

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