Tollkühne Männer auf ihren alten knatternden Kisten beim MSC Ulfenbachtal

Das herrliche Wetter sorgte für einen Besucherrekord bei der 16. ADAC Johann-Philipp-Jöst-Gedächtnisfahrt des MSC Ulfenbachtal. Sowohl an den verschiedenen Stationen als auch am Vereinsheim waren viele Schaulustige zugegen, um den tollkühnen Männern auf ihren alten knatternden Gefährten zuzuschauen und sie anzufeuern. „Das war wohl die am besten besuchte Classic Enduro seit der Neuauflage“, freute sich der MSC-Vorsitzende Uwe Gam. „So doll war es noch nie.“

Hunderte Gäste ließen an den Bewirtungs- und Treffpunkten die Kasse klingeln. An der Auffahrt bei Otmar Walter ballten sich die Interessierten, auch bei Franz Walter im Finkenbacher Weg war Highlife. In der letzten Runde „trafen sich hier Fahrer und Besucher zu Benzingesprächen“, lachte Gam. Denn um Zeit geht es bei diesem Event eigentlich nie, mehr um das Happening.

Dass Classic schrauben bedeutet, ließ sich des Öfteren an der Strecke oder den Wertungsstationen beobachten. Immer mal wieder musste am fahrbaren Untersatz das eine oder andere Teil auf Vordermann gebracht werden. Kein Wunder, denn oftmals sind die zweirädrigen Oldtimer älter als die Fahrer selbst. Auf stolze 63 Jahre brachte es das älteste Motorrad, eine DKW. Wobei: Die „menschlichen“ Oldtimer waren 20 Jahre älter.

Um die 100 Mitglieder des MSC Ulfenbachtal sind bei der ADAC-Gedächtnisfahrt voll gefordert. Die Enduro Classic rief der MSC anlässlich seines 50-jährigen Bestehens 2001 wieder ins Leben. Seit 2003 findet sie regelmäßig jedes Jahr statt. Fahrer aus ganz Europa sind ganz wild auf die Teilnahme, weiß Gam. Doch nur 140 dürfen an den Start. 190 wollten dieses Mal. „Jeder will teilnehmen, der Rang und Namen hat“, unterstreicht er das Renommee der Veranstaltung. Wegen Platz, Zeitrahmen und Fahrerlager muss der MSC aber das Starterfeld begrenzen.

Das Gelände im Überwald bietet eine der schönsten Enduro-Strecken in Deutschland, sind sich die Teilnehmer einig. Was da rund um den Ort fährt, an Korsika, Ludwigsdorf und Flockenbusch vorbei, über Stock und Stein in der Wüstenbach, liest sich wie ein „Who’s who“ der ehemals erfolgreichen Cracks auf zwei Rädern mit ihren alten Motorradmarken, bei denen jedem Fan das Herz aufgeht.

Die BMW-Geländemotorräder sind darunter noch die bekanntesten, die bei der Enduro-Classic in Schimmeldewog loslegen. Java, Laverda, Bombardier, Maico, Sachs, Simson, Hercules, Puch sind weitere Exoten, gefolgt von KTM, MZ, SWM, Moto Monini oder Bultaco. Allen ist eines gemein: Sie müssen vor 1980 gebaut sein.

Mindestens genauso so alt wie ihre Untersätze sind auch die tollkühnen Männer auf ihren fahrbaren Kisten. Den Vogel schießen Hermann Schnurr und Burchard Lenz ab, die das Alter ihrer Zweiräder locker toppen. Beide sind 83 Jahre alt und bekamen damit auch Preise als älteste Teilnehmer. „Der Hermann Schnurr ging schon 1958 bei uns auf die Strecke“, erinnert sich Gam.

60 Jahre Motorradsport im Überwald: eine Seltenheit und eine Auszeichnung wert. Schnurr hatte sogar zum Jubiläum eine alte Plakette von damals mitgebracht. Ein passionierter Schrauber, der mehr Benzin als Blut in den Venen hat und der nach wie vor seine Honda XL 185 beherrscht. Wie ihn gibt es einige, die seit 50, 60 oder mehr Jahren dem Motorsport im Gelände verfallen sind.

Die sehr anspruchsvolle Strecke fordert von Fahrer und Gefährt alles. Die lange Trockenheit sorgte für viel Staub. Eine durchgehende braune Schicht legte sich in den 25-Kilometer-Runden auf Fahrer und Gefährt. Zum Glück gab es nur einen Unfall, so Gam. Der ging glimpflich aus, der Gestürzte aus den eigenen Reihen kam mit einer Gehirnerschütterung davon.

Schimmeldewog zählt neben Isny und Zschopau zu den drei renommiertesten deutschen Enduro-Strecken. „Selbst die aus Isny sagen loben uns“, freut sich Gam. Kein Wunder, dass Teilnehmer aus Belgien, Italien, Kroatien, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden an den Start im Überwald gehen. Etliche deutsche Meister und viele weitere namhafte Fahrer belegen die internationale Bedeutung der Veranstaltung in Schimmeldewog

„Das Highlight ist die Geländefahrt“, betont Gam. Denn auf dem 25-Kilometer-Rundkurs gibt es nur 500 Meter Asphalt. Der Rest geht durch die Prärie, durch Feld, Wald und Wiesen im stetigen Auf und Ab. „Wir haben 98 Prozent Waldwege“, hebt Gam hervor. Das Wertungssystem ist komplex, macht aber auch deutlich, dass beim Wettbewerb viel Gaudi dabei ist.

Es gibt 14 verschiedene Klassen. Jeder Fahrer hat noch vor dem Start 200 Strafpunkte auf dem Konto. Davon werden Fahrer- und Motorradalter abgezogen. Sprich 100 Punkte, wenn beide 50 alt sind. Fährt ein 30-Jähriger eine 40 Jahre alte Maschine, sind es nur 70. Der Jungspund muss dann diese 30 Punkte in den Sonderprüfungen wieder aufholen. „Die Alten sind also klar im Vorteil“, schmunzelte Gam.

Einer wie der 70-jährige Peter Neumann. Der gewann als Motorradgeländesportler mit der Nationalmannschaft 1975 und 1976 die Internationale Sechstagefahrt. Neumann wurde vier Mal in Folge Europameister und erkämpfte sich drei Mal die Deutschen Meisterschaft. 1972 war er erstmals Mitglied der bundesdeutschen Trophy-Mannschaft. All seine Erfolge holte er auf Zündapp. Mit einer solchen Maschine nahm er auch in Schimmeldewog teil.

Die Sonderfahrt erstreckt sich auf 1,4 Kilometer. Zu den Aufgaben zählt auch, in 20 Sekunden die alte Kiste zu starten und abzufahren. Auf der Cross-Strecke bedeutet jede gefahrene Sekunde einen Strafpunkt. Wer dann am Ende die wenigsten Zähler auf seinem Konto hat, gewinnt seine Klasse. Zusätzlich müssen vier (für Gespanne und über 70 Jahre alte Fahrer drei) Runden à 25 Kilometer in maximal je 90 Minuten absolviert werden. Laut Gam dient das aber lediglich als Zuverlässigkeitsprüfung.

Wie bei den anderen Oldtimern auch müssen die Fahrer absolute Spezialisten für ihre Maschinen sind. „Alles muss selbst angefertigt werden“, erklärt der Vorsitzende. „Teile gibt es dafür keine mehr.“ Für den MSC ist der Event eine Herkulesaufgabe. Denn kaum ist die eine Veranstaltung vorbei, steht die des kommenden Jahres in den Startlöchern. „Bis Ende Oktober muss beim ADAC der Termin für 2019 gemeldet sein.“ Sieben Streckenmarschalls sichern die Strecke und reparieren sie bei Bedarf auch. Bereits im Vorfeld sind die Mitglieder gefordert, alles zu bepfeilen, abzustecken und auszuschildern.

MSC-Fahrer: Luigi Mocchetto (Klasse 1), Gernot Walter, Martin Novak, Christopher Teppich (alle Klasse 2), Dirk Kohl, Peter Hinz (Klasse 3), Stephan Jöst (Klasse 4), Uwe Zwerenz, Patrick Stay (beide Klasse 5), Hans-Stephan Jöst (Klasse 7), Marcel Sauer (Klasse 10), Frank Koser (erster Platz Klasse 11).

Tagesschnellster: Rolf Nikolai, schnellste Runde in der Sonderprüfung: Stephan Jöst

Älteste Fahrer: Hermann Schnurr und Burchard Lenz (beide 83 Jahre)

Ältestes Motorrad: DKW RT 175 GS von Axel Konstroffer/Saarwellingen aus dem Jahr 1955.

Folgende teilnehmende Damen wurden ausgezeichnet: Karin Spiegel und Monika Lambertz

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