Azurit-Veranstaltung: Achtsam sein und das eigene Tun hinterfragen

„Wir müssen achtsam sein und unser Tun hinterfragen“: Diese zentrale Botschaft „haben alle mitgenommen“, stellte Jutta König fest. Die Referentin aus Wiesbaden sprach auf Einladung der Azurit-Seniorenzentren Rothenberg, Kortelshütte und Gras-Ellenbach im Haus des Gastes vor Altenpflegeschülern, aber auch bewährten Pflegekräften. Die Fachfrau wird für Gutachten, Beratung und Seminare zum Thema Pflege bundesweit angefragt und ist daneben auch Sachverständige vor Gericht.

Die Einladung ging an die Azurit-Kooperationspartner, Altenpflegeschulen und Heidelberg, Mosbach, Erbach, Weinheim und Bensheim, aber auch die schon im Beruf Tätigen und die eigenen Mitarbeiter. Auf diese Weise zählte man 230 Teilnehmer, freute sich der Leiter der beiden Rothenberger Häuser, Jörg Wehrle, in seiner Begrüßung. „Halt vor Gewalt“ ist jedes Jahr Thema des Azurit-Aktionstages im Oktober, sagte er. Damit will die Gruppe für das Thema Gewalt in der Pflege sensibilisieren, verdeutlichte Wehrle.

„Wir möchten als Unternehmen die freiheitsentziehenden Maßnahmen auf null setzen“, erläuterte Wehrle die Motivation. Was bisher geschehe, „ist nicht immer im Sinne der Bewohner“. Den Menschen, betonte er, „steht Freiheit zu“. Er ist überzeugt: „Es geht auch ohne freiheitsentziehende Maßnahmen.“ Wenn es etwa bei einem Pflegebedürftigen den Gerichtsbeschluss gebe, dass die Seitenteile des Bettes hochgestellt werden sollen, „hinterfragen wir das und führen es in Absprache mit Ärzten und Angehörigen erst einmal nicht aus“. Ähnliches gelte für den Einsatz von Psychopharmaka.

Die Azurit-Häuser seien offene Einrichtungen, hob Wehrle hervor. Wenn die Bewohner beschäftigt seien, „dann sind sie auch ausgeglichen und laufen nicht weg“, ist der Heimleiter überzeugt. Deshalb sei es wichtig, sich intensiv um die Menschen zu kümmern. Es gibt einen „bindenden Verhaltenskodex zum Thema Halt vor Gewalt“ für die Beschäftigen in den 80 Einrichtungen der Gruppe, sagte er.

Jutta König, Gerichtssachverständige und Fachfrau auf den Gebieten Straf-, Zivil- und Sozialrecht, vermittelte den Teilnehmern zu Beginn eine Definition von Gewalt. „Das kann schon verbal beginnen“, betonte sie. Etwa durch Reglementieren, Bestimmen, Macht oder Druck ausüben. „Man muss eine eigene Haltung zu diesem Thema entwickeln“, forderte sie, „und die Pflegenden dafür sensibilisieren“.

Ihr ist jedoch auch klar, „dass man leider manchmal die Freiheit der Gepflegten beschränken muss“. König erläuterte für solche Fälle die rechtlichen Rahmenbedingungen, in welchen Fällen dies möglich ist. „Jede Auffälligkeit hat ihren Grund“, hob sie hervor. Deshalb müssten die Pflegekräfte „die Menschen in ihrem Verhalten verstehen“. Zu diesem Zweck sei die Kenntnis der Biografie wichtig. Es gehe darum, das Handeln nachvollziehen zu können. „Wir dürfen jemandem nicht sagen, er soll sitzen bleiben, wenn er unbedingt aufstehen will, sondern müssen ergründen, warum er das tun will“, fügte sie ein Beispiel an.

Laut ihrer Aussage hat das Thema Gewalt in der Pflege „nichts mit dem Personalmangel zu tun“. Wichtig sind laut König die Handelnden. „Es braucht nicht viele Pflegekräfte, sondern wenige mit Hirn“, brachte sie es auf den Punkt. Gute Pflege sei nicht „eine Frage der Quantität“. Die Referentin freute sich über die vielen interessierten Rückfragen aus dem Publikum. Ob Jung oder Alt: Alle müssen achtsam sein, gab König den Teilnehmern mit.

Eine Afterwork-Party mit DJ Steven Sun unter dem Motto „Gepflegt feiern im Odenwald“ schloss sich an. Cocktailbar und Grillbuffet waren nach dem langen Vortragsnachmittag zuerst stark belagert, ehe es dann zurück in die Halle ging. In der Pause hatten die Teilnehmer an der Challenge „1min.care“ mit dem Motto „Applaus für die Pflege“ teilgenommen.

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