Baby-Boom-Bu Franz Kain babbelt ohne Punkt und Komma

Er ist der „Baby-Boom-Bu“. Und weil er einer von so vielen ist, hat auch ganz, ganz viel zu erzählen. Was der Weinheimer Kabarettist Franz Kain in der Nibelungenhalle vor einem begeistert mitgehenden Publikum mit einer Ausdauer und Intensität tut, dass die Zuschauer vor allem im ersten Set kaum zum Luftholen und kaum aus dem Lachen heraus kommen. Es ist auch zu schön, sich alles realitätsnah vorzustellen, was der Meister der dialekt-ischen Wortspiele so alles raushaut und wen er dabei genüsslich durch den Kakao zieht.

Ein Blick ins Publikum verrät, dass vor allem gleichgesinnte Gleich- und Höheraltrige der Einladung des veranstaltenden Kneipp-, Kur- und Verkehrsvereins gefolgt sind. Die Generation 50 plus XXL kann mit Kains Verklärung dessen, was alles Mal war und nicht mehr sein wird, besonders viel anfangen. Sein launiges Programm ist eine Hommage an die Jugendjahre in den 70ern und 80ern, mit vielen Zitaten, was es damals gab, heute nicht mehr gibt – oder zum Glück noch nicht gab.

Alle politisch Korrekten der heutigen Zeit bekommen mit Nachdruck ihr Fett weg. Der 53-Jährige sagt eben noch mit Nachdruck Mohrenköpfe oder Zigeunerschnitzel, ohne dass ihn sein schlechtes Gewissen plagt. Der frühere Sarottimohr als heutiger Magier der Sinne – nichts für ihn. Den findet er unmöglich und spricht dabei seinen Besuchern aus der Seele.

Dialekt und Hochdeutsch: Kein Wunder, dass die Integration nicht klappt, vermutet der Kabarettist. Wer Junge lernt und „Bu“ hört, wer einen Guten Tag wünscht und ein „Un‘ wie“ entgegengeschleudert bekommt, wer sich mit Auf Wiedersehen verabschiedet und ein „Alla“ empfängt, muss wohl an sich zweifeln.

Verklärt werden wortreich die Kinderjahre, als die vielen Babyboomer nachmittags vom Spielen aus dem Wald nach Hause kamen – „wie der Almabtrieb“. Doch die Masse hat ihren Schattenseiten: Die Rente ist sicher? Kain muss übers Norbert Blüms Äußerung aus den 80ern nur laut lachen. Er wird wohl als Selbständiger arbeiten, bis er ins Gras beißt. Apropos: Auch das Sterben hat seine lustigen Seiten, macht er deutlich, auch wenn manchmal das Lachen im Halse stecken bleiben will.

Des Deutschen liebstes Kind, das Auto, verzeichnet mit drei Millionen im Jahr deutlich mehr Neuzulassungen als es Geburten gibt, ist die Baby-Boom-Zeit vorbei. Der in Monnem geborene Woinemer schwelgt in Erinnerungen ans Zehner-Wassereis, den Commodore 64, den Videospieler oder das Telefon mit Wählscheibe. Kain überholt sich dabei ständig fast selbst, ist immer in Bewegung, gestikuliert, springt von einem Thema zum nächsten, haut die Pointen raus, dass die manchmal ein paar Sekunden brauchen, um sacken zu können.

Deutlich entschleunigt kommt der Kabarettist aus der Pause. Wehmütig-verklärt seine Schilderungen des musikalischen Jugendzeit mit „Franz und Heiner – die Enterteiner“, eher sorgenvoll der Blick nach vorn aufs lebenslange Arbeiten. Kain schaltet einen Gang zurück, die Gags kommen nicht mehr im Sekundentakt, es wird ruhiger in der Nibelungenhalle. Aber nur so lange, bis er wieder einen Kracher bringt und die Lacher über den Tischen schweben.

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