Luna-Großeinsatz gegen den kleinen Kocherbacher Kartoffelkäfer

Gerhard Ader hat einen kleinen Feind. Dieser ist gerade mal einen guten Zentimeter „groß“ und mit seinen schwarzgelben Streifenpanzer „eigentlich hübsch anzuschauen“, findet der Biologe. Doch der Leptinotarsa decemlineata („Zehnstreifen-Läufer“) ist ein gefürchteter Schädling. Landwirte und Hobbygärtner müssen den Kartoffelkäfer alljährlich bekämpfen, um größere Ernteausfälle zu verhindern. Deshalb steht auch Ader diesen Sommer zwei bis drei Mal pro Woche auf einem zwei Hektar großen Kartoffelacker, den der Verein für nachhaltige Landwirtschaft (Luna) aus Kocherbach im zweiten Jahr bewirtschaftet.

„Das ist ein Bamberger Hörnchen, eine alte Kartoffelsorte, die den Käfern offenbar besonders gut schmeckt“, erklärt Ader und deutet auf ein dunkleres Kraut. „Durch den großen Verlust an Blattfläche kann die Kartoffelpflanze nicht mehr genügend Nährstoffe für die Knollen ausbilden“, erklärt der 65-Jährige das Problem des starken Befalls. Gefräßige Käfer und nimmersatte Larven können ganze Ernten gefährden, sofern man nicht konsequent gegen sie vorgeht. Besonders in warmen Sommern vermehren sich die Schädlinge rasch.

Ursprünglich stammt der Kartoffelkäfer aus Colorado, weshalb er auch unter dem Namen „Colorado Beetle“ oder „Ami-Käfer“ bekannt ist. Von dort gelangte er Ende des 19. Jahrhunderts durch Schiffstransporte nach Europa. Ohne natürliche Fressfeinde breitete er sich ungehindert aus. Um der Plage in Deutschland beizukommen, formte sich 1935 der Kartoffelkäfer-Abwehrdienst (KAD). Man verteilte Kartoffelkäfer-Fibeln an Schulen und rief zur Kartoffelkäfer-Bekämpfung auf.

2018 fühlt sich „Karl Kahlfraß“, wie er zu DDR-Zeiten auch genannt wurde, auf der Kocherbacher Höhe sichtlich wohl. Vier weitere Vereins-Mitglieder und freiwillige Helfer durchstreifen unermüdlich die Reihen. Geduldig pflückt der „Kocherbacher Kartoffelkäfer-Abwehrdienst“ (KKAD) mal eine winzige Larve im Anfangsstadium, mal einen ausgewachsenen Käfer von den Blättern.

Als eine „fast meditative Tätigkeit“ erlebt Vereinskassenwart Klaus Oberle den regelmäßigen Dienst im Feld. Der IT-Fachmann genießt sowohl die „sportliche“ Herausforderung des Absammelns als auch die Gelegenheit für ein Schwätzchen zwischendurch. Denn immer wieder bleiben neugierige Spaziergänger am Wegrand stehen und stellen Fragen. „Wir erklären dann, dass Luna hier Bio-Kartoffeln anbaut“, sagt der Affolterbacher, „und dass das eben mehr Aufwand als herkömmliche Landwirtschaft bedeutet.“

Das Absammeln per Hand ist zwar mühsam und zeitintensiv, aber immer noch eine der effektivsten und natürlichsten Methoden im Kampf gegen die Kahlfresser. Denn Spritzmittel zu vermeiden ist eines der zentralen Anliegen von Luna. Der Verein setzt sich außerdem dafür ein, den jahrzehntelangen intensiven Einsatz von Gülle auf den Feldern zurückzudrängen sowie Flächen in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuführen und die Artenvielfalt der Region zu erhalten.

„Wir liegen mit unseren Themen im Trend“, glaubt Gerhard Ader, der ein zunehmendes Interesse an der Arbeit des Vereins registriert – und das nicht nur bei älteren Spaziergängern, die im Gespräch mit leuchtenden Augen von ihren Kindheits-Erinnerungen auf deutschen Kartoffeläckern erzählen. So stieß beispielsweise auch das letztjährige Vereinsfest auf große Resonanz.

Zahlreiche Besucher freuten sich über die erste eingebrachte Ernte in Form von Kartoffelpuffern und -suppe. Ganz nebenbei wurden den Gästen ihre Fragen rund um nachhaltige Landwirtschaft beantwortet. „Eine schöne Gelegenheit, den Besuchern bewusst zu machen, dass nachhaltiger Anbau von Nahrung im Odenwald möglich ist“, resümiert Ader.

Auch dieses Jahr ist wieder eine Erntefeier geplant. Damit der Verein wieder eine gute Kartoffelernte einfahren kann, müssen die Kartoffelkäferjäger noch einigen gefräßigen Schädlingen den Garaus machen. „Wer sich für einen freiwilligen Helfer-Einsatz interessiert, ist  jederzeit willkommen“, so Klaus Oberle.

Interessierte können sich unter E-Mail info@luna-kocherbach.de melden und auf der Webseite http://www.luna-kocherbach.de über weitere Tätigkeiten des Vereins informieren.

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