Dhalias Lane im Hoftheater Tromm: Keltischer Folk in seiner höchsten Vollendung

Der Beifall will kaum verstummen, die Zugabe-Rufe ebenso nicht: Was die Folk-Bank „Dhalias Lane“ im schwül-heißen Hoftheater bietet, reißt die Besucher von den Sitzen, bringt sie zum Klatschen, Jubeln, Ausflippen und sogar Tanzen. Zweieinhalb Stunden lang gibt es keltischen Folk, Mittelalterstücke und eigene Lieder mit einer Spielfreude und auf einem solch hohen Niveau, dass den Gästen manchmal vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Wenn der wieder geschlossen war, setzt frenetischer Beifall ein.

Rainer Burgmer auf diversen Flöten, Božena Woitasky auf der Geige und Berk Demiray (Gitarre) sind absolute Meister ihrer Instrumente. Unterstützt werden sie von Sofia Glaser aus Beerfelden, die mit ihrer eindrucksvollen Stimme etlichen Songs einen ganz besonderen Klang verleiht und darüber hinaus noch für die Percussion zuständig ist. Dass Burgmer und Demiray schon weit mehr als zwei Jahrzehnte gemeinsam auf der Bühne stehen (früher bei Wild Silk), lässt sich am quasi blinden Zusammenspiel erkennen.

„Jiggle Jig“ ist so ein Stück, bei dem es die Zuschauer nicht kümmert, dass es im Saal doppelt so warm ist wie draußen. Viel Platz ist zwar nicht zum Tanzen, weil das Hoftheater aufgrund des großen Andrangs ziemlich eng bestuhlt ist. Aber ein paar Meter finden sich doch, auf denen zu den fetzigen Klängen von Flöte, Geige und Gitarre die Beine von sich geschleudert werden können.

Gleich danach gibt’s was zum Abkühlen: „Down by the sally gardens“ haben Burgmer und Demiray vor Urzeiten von der irisch-schottischen Band Clannad gehört. „Da stand die kleine Schwester neben der Bühne, die immer zu den Refrains rauf durfte“, erinnert sich Demiray. Die wurde später selbst weltbekannt. Ihr Name: Enya. Erst nur mit akustischer Gitarre und der volltönenden Stimme von Sofia Glaser, setzt später erst die Geige ein, nimmt die Melodie auf, um dann an die Flöte weiterzugeben. Ein Gänsehaut-Lied.

„The Ships are sailing“ ist als Song wie ein großes, schwerfälliges Segelschiff. Es dauert lange, bis es in Fahrt kommt, aber dann. Die musikalischen Wellen schlagen hoch. Geige und Flöte liefern sich ein packendes musikalisches Duell, Rainer Burgmer entlockt seinem Instrument die unmöglichsten Töne, verknotet fast die Finger  bei seinen virtuosen Tönen. Die vier spielen sich in einen wahren Rausch. Die beste Methode, um nach einer Pause zum Abkühlen und Runterfahren Hunger auf viel mehr Musik zu machen, die vom Sitz haut.

Eher getragen melancholisch geht es in die zweite Hälfte. Dass Dhalias Lane auch historisch kann, zeigt die Adaption eines Stücks aus der westfälischen Liederhandschrift des 16. Jahrhunderts. Das bietet Berk Demiray die Gelegenheit, seine Fertigkeiten  auf der akustischen Gitarre zu zeigen, während Sofia Glaser mit ihrer vollen Stimme die ganze Tragik einer Frau rüberbringt, die ihre fünf Söhne auf die Suche nach dem auf See verschollenen Mann schickt. Diese kommen dabei um, der Mann kehrt zurück…

„Lifeline“, ein eigener Song der Gruppe, hat zwar auch einen ernsten Hintergrund, wird aber immer flotter und präsentiert sich von der Geige dominiert. Božena Woitasky, gerade aus der Babypause zurück, kann hier aufs Neue ihre virtuosen Künste mit dem Bogen demonstrieren. „Ein eigenes Tänzlein“, das einem magischen Ort in der Provence gewidmet ist, hat im Anschluss unverkennbar keltische Einflüsse.

Wer schon bisher gemeint hatte, er habe alle Fertigkeiten auf den Instrumenten gesehen, wird nun eines besseren belehrt: Es qualmt der Geigenbogen, es kommen die fingerfertigen Hände von Burgmer ins Rauchen, als er sie ein ums andere Mal über den Flötenhals  in einer Schnelligkeit gleiten lässt, dass einem beim Zuschauen fast schwindlig wird.

In den Überleitungen zwischen den Songs erfährt man nicht nur etwas über die Lieder, sondern auch  über die Musiker selbst. Etwa wie Burgmer und Demiray früher aus Leverkusen in die Folk-Hochburg Köln pendelten, um dort die angesagten Bands zu hören. Oder wie der Flötenkünstler immer noch etwas ungläubig auf die eigene Karriere zurückschaut. „Vor 30 Jahren hätte ich mir nie träumen lassen, mal hier raus in den Garten  zu gehen und dann die eigene Musik zu hören.“ Und doch: „Es ist Wirklichkeit geworden.“

Sehr lebendig gestaltet sich auch die Vorgeschichte zu „Paddy’s“. Das handelt von einem irischen Auswanderer, der in den 1860er Jahren in den amerikanischen Bürgerkrieg gerät und gleich beim ersten Einsatz ein Bein verliert. Sein „Lamento“ mit Gesang von Sofia Glaser kommt aber keineswegs tragisch, sondern eher flott-fetzig rüber.

Einen Gassenhauer haben sich die Musiker zum Ende hin aufgehoben. Der ganze Saal darf nach  Frauen und Männern getrennt und später zusammen einstimmen, wenn „Greensleaves“ angespielt wird. Ein Klassiker schlechthin, erst nur von der Gitarre, dann auch von der Flöte  begleitet. Etwas mehr geht noch  immer: Die Musiker spielen sich im folgenden keltischen Dreier-Set förmlich in Ekstase.

Eine Flöte ist Rainer Burgmer nicht mehr genug, er spielt gleich zwei gleichzeitig. Die Hände zun schon weh vom Klatschen. Demiray zupft sich die Seele aus dem Leib und die Geige erklingt in höchsten Tönen.  Ein perfekter Schluss, dem genauso logisch Zugaben folgen. Aber alles hat ein Ende. Das zelebrieren die vier mit einem Ausmarsch wie früher die Spielleute: Burgmer schnappt sich den Dudelsack, die anderen ihre Instrumente und dann geht es lauthals quer durch den ganzen Saal in den Vorraum. Frenetischer Jubel inklusive.

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