Bitterböse bayrische Balladen: „30 Jahre Wellküren“ beim Trommer Sommer

Wenn sich Moni in Rage redet, dann gibt es kein Halten mehr. Minutenlang lässt sie kein gutes Haar an der bayrischen Politik, an den Zuständen auf der Welt im Allgemeinen, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, ihr Dialekt wird immer gnadenloser, dass die Zuschauer die Ohren spitzen müssen. Was die eine im Bunde der drei „Wellküren“ beim Auftritt auf der Tromm liefert, ist eine Show für sich, gegen die die hintersinnigen Lieder auf den Volksmusik-Instrumenten manchmal fast verblassen. „30 Jahre Wellküren“ hieß es zum Abschluss des diesjährigen Kultursommers – was für ein Finale.

Voll gepackt ist der Saal des Hof-Theaters, kaum ein freies Plätzchen ist mehr zu ergattern. Es hat sich auch nach Hessen herumgesprochen, was die drei Schwestern aus dem oberbayerischen Oberschweinbach im Landkreis Fürstenfeldbruck Bissiges zu bieten haben, wie sie sich teils hintersinnig-vorsichtig-feingeistig, teils brachial-direkt-eindeutig den Ereignissen und Exzessen auf der Welt widmen.

Die Well-Schwestern sind dabei in guter Gesellschaft. Nicht nur, dass alle 15 Geschwister zumeist mehrere Instrumente beherrschen, mit den „Biermösl Blosn“ in Gestalt von drei Brüdern zeigen sie, dass die satirische Aufbereitung des Erlebten (und das ist gerade in Bayern einiges) Stoff hergibt für eine fulminante Tour de Force durch die Niederungen und Tiefen der heutigen Zeit.

Wenn dabei die Zuschauer des Öfteren mit offenem Mund dasitzen, ist das aber nicht nur den kunstreichen Wortverdrehungen und verbalen Ausfällen geschuldet, sondern auch dem verzweifelten Versuch, dem bayrischen Idiom zumindest in Ansätzen Herr – oder in diesem Fall Frau – zu werden. Ab und zu zählt allein der olympische Gedanke, wenn eine der drei in Fahrt kommt und in ihrem Furor gegen alles und jeden loswettert.

Wenn sie nicht gerade singen, wird es bei den Schwestern bitterbös. Von wegen verbale Wellness. Konzentrierte Aufmerksamkeit ist angesagt, um die gesammelte Schar von Gemeinheiten zu erfassen, die in einem Wortschwall sondersgleichen ausgestoßen werden. Ob es die freistehende Badewanne des Limburger Bischofs ist, die Verfehlungen von Heimatschutzminister Söder oder der Vergleich des großen Trumps mit dem kleinen Trumpi in Bayern sowie deren Gier nach Abgrenzungen: Moni Well redet sich in Rage, dass die Schwestern Bärbi und Burgi nur kopfschüttelnd daneben stehen können.

„Was grenzt an Dummheit? Mexiko und Kanada“ ist da nur die logische Konsequenz in ihrem Denken. Und die Erkenntnis, dass es noch nie eine erfolgreiche Mauer gab. Allerhöchstens die italienische Abwehr- im Fußballspiel gegen Deutschland. Es schreien doch im Moment die am lautesten danach, die sie am längsten hatten, stichelt sie bitterböse nach Osten. Um sich dann gleich beim Publikum einzuschleimen: Gegen den dortigen Dialekt sei „Hessisch ein Hochgenuss“.

Musikalisch weiß man nicht, wo einem der Kopf steht, so schnell ist die Abfolge der diversen Melodien und Stilarten auf den verschiedenen Instrumenten. Auf Ukulele, Harfe, Tuba, Posaune, Gitarre, Hackbrett, Saxofon und Nonnentrompete gibt‘s Schlager, Jazz, Filmmusik, Mozart und natürlich Stubnmusik zu hören, die klassische bayrische Empfängnisverhütung. Wobei die Eltern damit wohl spät anfingen, meinen die Schwestern aufgrund der großen Kinderschar schmunzelnd.

Die Bayernhymne nach einem bunten Melodien-Potpourri hat natürlich in Hessen nicht die übliche Wirkung. Es steht keiner auf wie bei den Heimspielen. Herrlich Burgis Bekenntnis, immer und überall „ein guter Verlierer“ zu sein: Was sie schon alles unters Volk gebracht, schildert sie gern dem aufmerksam lauschenden Publikum. Sechs Gitarren, dazu den Verstand, ihr Herz und ihre Unschuld hat sie schon verloren.

Das Kinderlied vom „Kuckuck“ wird ein dreistimmiges Kanon-Erlebnis, bei dem sie sich schier in Ekstase singen, um dann ganz gesittet mit einem zarten „Simsalabimbambasaladusaladim“ zu enden. „Wenn Männer im Trainingsanzug die Bundesliga im Fernsehen anschauen, glauben die, sie treiben Sport“ heißt es zwischendurch als Seitenhieb aufs vermeintlich starke Geschlecht, dem aber genauso als Wiedergutmachung ein Lied gewidmet wird. Quasi als Dank dafür, dass es ihre Männer so lange mit den Well-Schwestern ausgehalten haben.

Seitenhiebe gibt’s aber auch in schwesterlicher Liebe: Burgi ist Meisterin im Verlieren, Bärbi hat für alles Globuli, bei Moni muss im Falle des Ablebens die Schwertgosch extra erschlagen werden. Lifestyle-Mamis, Transit-Zonen, der eigene Migrationshintergrund mit Wurzeln in Südtirol und Schottland, Facebook, Thermomix oder die Beschwernisse des Alterns: Es gibt nichts, was vor dem Spott der Schwestern sicher ist.

Es ist dann zwar nicht High Noon auf der Tromm, aber spät und vor allem kalt: Die schlotternden Kabarettistinnen kommen zum Schluss und zum Höhepunkt. Das Stubnmusical ist eine bitterböse Abrechnung mit den autoritären Herrschern, egal ob aus Bayern, Russland oder Ungarn. Zur Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“, herrlich schräg auf der Nonnentrompete gespielt, wird über Windkrafttrassen-Chaos oder verfehlte Schulpolitik philosophiert, um dann fatalistisch zu meinen: „Wenn sie nicht bald sterben, regieren sie noch weiter.“

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