Beim Trommer Sommer war Günther Lindner mit seinem Papiertheater „Die drei kleinen Schweinchen und der Wolf“ zu Gast

Wer nur ein Bilderbuch zur Hand hat und daraus eine spannende, 45-minütige Geschichte stricken will, der sollte auch schauspielerisch begabt sein. Und das ist der Berliner Günther Lindner auf jeden Fall. Mit seinem Papiertheater „Die drei kleinen Schweinchen und der Wolf“ nach dem bekannten englischen Märchen war er beim Trommer Sommer zu Gast und fand seine begeisterte kindliche Zuhörerschaft.

Auf die Bühne tritt ein Mittfünfziger, der verschämt-kokett erst einmal sein schütteres Haar aus der Stirn streicht und dann nach seinem Hut schaut. Mit Hemd und Jackett bekleidet, heimst er, im ersten Moment etwas schüchtern auftretend, gleich viel Vorschussapplaus ein. Unter dem Arm hat er ein großes Buch mit wenigen Seiten. Das wird schnell am Tisch arretiert und aufgestellt. Und sofort geht es mit dem Aufschlagen direkt hinein in die Geschichte.

Das Buch klappt sich auf und gibt den Blick frei in die heile Schweinchen-Welt, in der die Mutter die drei nervigen Bälger nach einer Woche Regenwetter an die frische Luft setzt, weil sie die Streitereien darüber, wer wem die Kartoffeln weggefressen hat, nicht mehr ertragen kann. Also fast wie im richtigen Menschenleben. Schon hier wird die Wandlungsfähigkeit des Manns vom „Theater oN“ am Prenzlberg (was für „ohne Namen“ steht) deutlich. Tief-brummend gibt er das älteste Schweinchen, kieksend-vorsichtig das jüngste, keifend die Mutter.

In die weite Welt geschickt, sind die drei erstmal vorsichtig. Die weite Welt öffnet sich aber schon einmal mit weiteren Buchseiten. Es tut sich ein gelbes Rapsfeld auf, in das sich dann der älteste Filius hinaustraut. Es kommt, was kommen muss: Eine selbst gebaut Strohhütte bietet nicht genug Schutz vor dem gierigen und hungrigen Wolf, der so seinen Abendtisch deckt.

Nicht viel anders geht es dem mittleren Schweinchen, das sich immerhin eine Reisighütte im Wald gebaut hatte. Aber auch hier: Gegen das Magenknurren des Räubers ist kein Kraut gewachsen. Was mit Pusten nicht geht, funktioniert mit Niedertrampeln. Und wieder landet ein Schweinebraten im Bauch des Nimmersatts. Es ist eine Freude, Günther Lindner beim Wechsel zwischen den verschiedenen Figuren und Stimmen zuzuschauen. Die lässt er dazu noch vor den Hintergrundbildern zappeln und zetern, während er aus seinen Papier- und Buchvorlagen alle möglichen Gegenstände formt.

Die volle Aufmerksamkeit seiner kleinen Zuschauer ist ihm gewiss, wenn Lindner praktisch jede Bewegung kommentiert, ein Rübenfeld, einen Apfelbaum oder ein Riesenrad aus dem Hut zaubert. Dazu noch die Figuren am Rand, die er voll komödiantischen Talents mit den jeweiligen Dialekten fast überzeichnet. Sachse, Berliner oder Böhme sind schnell in ihrer Ausdrucksweise zu erkennen und bringen Farbe ins Spiel.

Wie auch Schweinchen Nummer 3, das schlussendlich dafür sorgt, dass dem Wolf gehörig der Appetit vergeht. Es baut sich nicht nur ein Steinhaus, das Pusten und Trampen wiedersteht. Nein, es erweist sich auch noch als so schlau und gewitzt, dass der Böse letztendlich daran verzweifelt. Jede List wird mit einer Gegenlist beantwortet, sodass der Räuber langsam, aber sicher verzweifelt. Sehr zur Freude der Kinder ist das Schweinchen immer einen Schritt voraus.

Als der Wolf dann noch vom Riesenrad fällt und sich mit Bauchschmerzen in den Wald trollt, ist die Befriedigung groß, dass mal wieder das Gute siegte. Mit der Konsequenz, dass das jüngste Schwein jetzt natürlich Riesenrad fahren über alles liebt und jedem die Geschichte erzählt, wie es den Wolf überrumpelte.

Irgendwie vermittelte der Berliner Lindner mit seinem Stück dann doch ein Stück schwäbische Mentalität: „Schaffe schaffe Häusle baue“ kann durchaus von Vorteil sein. Dazu noch ein bisschen Bauernschläue und Gewitztheit: Fertig ist die Kombination, mit denen sich den Widrigkeiten im Leben begegnen lässt. Mit viel Leichtigkeit, Charme und schauspielerischer Brillanz erzählte er die Geschichte vom Sieg der Klugheit über die Dummheit und erweckte auf beeindruckende Weise die bunt bemalten Figuren und die Papier-Szenerie zu faszinierendem Bühnenleben.

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