NOVO-Gründung: Kreis Bergstraße und neun Odenwald-Kommunen kümmern sich um medizinische Grundversorgung

Die kommunale Arbeitsgemeinschaft für eine bedarfsgerechte und nachhaltige Sicherung der medizinischen Grundversorgung ist unter Dach und Fach. Gestern unterzeichneten im Abtsteinacher Rathaus die Vertreter von neun Gemeinden und des Kreises Bergstraße die interkommunale Zusammenarbeit NOVO (Netzwerk ortsnahe Versorgung Odenwald). Sie tritt zum 1. Juli in Kraft und hat vorerst eine Laufzeit von fünf Jahren.

Landrat Christian Engelhardt, der mit der Ersten Kreisbeigeordneten Diana Stolz vor Ort war, wies auf die Wichtigkeit des Punktes hin. „Wenige Themen interessieren so sehr wie die eigene Gesundheit“, sagte er. Dauerhafte und langfristige Perspektiven für den ländlichen Raum sind laut Engelhardt gefragt. Der demografische Wandel und der Ärztemangel seien absehbare Probleme, die man rechtzeitig angehen müsse.

Der Landkreis habe deshalb bereits im August 2016 dazu eingeladen, das Thema Gesundheitsversorgung anzugehen. Daraus sei NOVO entstanden. Eigentlich ein kommunales Netzwerk, in das aber Leistungsanbieter aus dem Gesundheitsbereich mit eingebunden werden können. Zuerst einmal stand die Bestandsaufnahme im Vordergrund: „Wo gibt es Probleme, eine Arztpraxis wieder zu besetzen, wo besteht die Gefahr der Abwanderung?“ Der Landrat war erfreut darüber, dass aus den ursprünglich vier jetzt neun beteiligte Kommunen wurden.

Engelhardt formulierte als Kernbotschaft, dass sich die Unterzeichner der „Verantwortung für die eigene Region stellen“, obwohl sie originär gar nicht dafür zuständig seien. Denn die gesetzliche Zuständigkeit für den Gesundheitsbereich liege bei der kassenärztlichen Vereinigung. Die Stärke liegt dabei in der Gemeinsamkeit. Jeder allein könne nicht allem gerecht werden. Dem Landrat zufolge geht es darum, „eine dauerhafte wohnortnahe Versorgung aufzubauen“.

Diana Stolz habe das Thema „zu einer Herzensangelegenheit gemacht“, leitete Engelhardt über. Die so Gelobte gab das Kompliment zurück: „Die Idee kam vom Landrat.“ Sie äußerte ihre Freude darüber, dass diese so schnell „Anklang bei den Kommunen gefunden hat“. Nicht ohne Grund war Lindenfels die erste beteiligte Gemeinde, als dort das Krankenhaus geschlossen wurde. Der Handlungsdruck stelle sich durchaus unterschiedlich dar, erläuterte sie.

Es habe in den vergangenen Monaten bereits Gespräche zwischen den Bürgermeistern und Vertretern des Gesundheitswesens gegeben, sagte Stolz. Damit wollte man erfahren, „was in die Vereinbarung rein soll“. Bereits im November sei der Kreis in Vorleistung gegangen und habe eine Stelle geschaffen. Am 13. September soll eine Auftaktveranstaltung in Fürth zusammen mit Sozialminister Grüttner stattfinden.

Die zuständigen Ministerien begleiten laut Stolz den Prozess sehr wohlwollend und sparen nicht mit Lob: für die konzeptionelle und untereinander abgestimmte Handlungsweise, die in dieser Form „landesweit einmalig“ sei. Wie die Kreisbeigeordnete sagte, ist die jetzige Unterzeichnung „noch nicht das Ende des Wegs“.

Sowohl kreis- als auch länderübergreifend liefen Richtung Odenwaldkreis und Metropolregion weitere Gespräche. „Damit die Zusammenarbeit nicht an Kreis- und Landesgrenzen endet“, betonte sie. Die bisherigen Kontakte „lassen sich gut an“, freute sich Stolz. E gebe bereits viele offene Türen in dieser Hinsicht.

In der Vereinbarung sind laut Stolz zwölf Kernpunkte enthalten. Einer davon ist die älter werdende Gesellschaft zusammen mit einer älter werdenden Ärzteschaft. Schon jetzt seien die Hausärzte im Kreis Bergstraße im Schnitt 54 Jahre alt, die Fachärzte 52 Jahre – in Wald-Michelbach sogar noch älter. Laut der Prognosen fehlen im Jahr 2030 im Kreis Bergstraße 103 Hausärzte, sagte sie.

„Wir müssen uns jetzt dem Thema stellen, bevor die Problematik akut wird“, hob Stolz hervor. Das funktioniere am besten unter Verzahnung der Ressourcen, „damit nicht jede Kommune allein vor sich hin werkelt“. Der Kreis koordiniere und stelle die Kontakte zu den Partnern her. Denn gerade die Facharztansiedlung „muss nicht jede Gemeinde allein stemmen“.

Wichtig ist Stolz zufolge auch die Klärung, „wer für was zuständig ist“. Denn der ärztliche Bereitschaftsdienst sei noch zu wenig bekannt. Weiterhin geht es um die Verzahnung des stationären und ambulanten Bereichs. Die Rekrutierung von Nachwuchsmedizinern habe man in zwei Projekten bereits angegangen, sagte sie. Im Sommer schnupperten die ersten Studenten Praxisluft auf dem Land. Ziel sei es, die jungen Mediziner vor Ort zu halten und nicht in die Großstädte abwandern zu lassen.

Abtsteinachs Bürgermeister Rolf Reinhard hob im Namen seiner Kollegen die Wichtigkeit der Vernetzung im Odenwald hervor. Aus eigener Erfahrung wisse man im Ort, wie schwierig es sei, den Nachfolger für einen Hausarzt zu finden. „Wir haben mit viel Glück jemand bekommen“, sagte er. Die kreis- und länderübergreifende Zusammenarbeit muss seiner Meinung nach hochgehalten werden. Denn Abtsteinach sei das beste Beispiel, wie es derzeit schon laufe: „Wir werden notärztlich von Weinheim aus versorgt“, sagte er.

Aus den Erfahrungen heraus solle man dem Land Hessen Rückmeldungen geben, „damit die Politik reagieren kann“, so Reinhard. Auch die kassenärztliche Vereinigung gelte es einzubinden. Die kommunale Zusammenarbeit ist laut dem Bürgermeister elementar, um so befürchtete Probleme wie den Facharztmangel erst gar nicht entstehen zu lassen. Er hoffe, „dass alle anderen auch mitspielen“, sagte der Rathauschef. „Wir brauchen es dringend.“

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