Mit dem Nachtwächter Theo Reichert auf Tour durch Wald-Michelbach

Der heftige Guss mitsamt Gewitter gegen 19 Uhr hatte noch zu sorgenvollen Blicken nach oben geführt. Und zu ein paar Absagen von ängstlicheren Zeitgenossen. Als dann aber die Nachtwächter-Führung von Theo Reichert um 21 Uhr am Einhaus startete, herrschte herrliches Wetter – und entsprechend war die Zahl der Interessierten dann doch größer als zunächst gedacht. Reichert brachte in einer zweistündigen Tour den Gästen die Besonderheiten der Überwald-Gemeinde nahe.

„Eigentlich gibt’s gar keine Odenwälder mehr“, verblüffte er seine Zuhörer. Um dann gleich die Erklärung hinterher zu schieben: Nach dem Dreißigjährigen Krieg sei die Landbevölkerung durch Hunger und Pest quasi „ausgerottet“ gewesen. Die noch verbliebenen acht Prozent wohnten in Städten wie Erbach. „In den Dörfern war keiner mehr da“, erläuterte er. Allerlei weiteres Wissenswertes, kleine Anekdoten, Trauriges, aber auch Erstaunliches wusste Reichert aus der Geschichte zu berichten.

Ein Nachtwächter, erläuterte Reichert zu Beginn, sang nicht unbedingt deswegen, weil es ihm so viel Spaß machte. Sondern weil er seinen „Chefs“ verdeutlichen wollte, dass er aktiv seinen Dienst tat, „nicht besoffen im Graben lag“ oder – noch schlimmer – dass sich Feinde in der Stadt aufhielten und ihn bereits gemeuchelt hatten. Auch zur Kleidung hatte er Interessantes zu berichten: Dienten die Beinlinge in früheren Zeiten zum Schutz vor Stichwaffen, so verloren sie mit Aufkommen der Schusswaffen ihre Bedeutung. Dass sie den Wald-Michelbacher Nachtwächtern, bis 1913 unterwegs, trotzdem sehr hilfreich waren, lag an einem vierbeinigen Umstand: „Sie boten Schutz vor bissigen Bauernhunden“, so Reichert.

Der Nachtwächter wusste gleich am Startpunkt von einem Odenwälder Exportschlager des 18. Jahrhunderts zu erzählen: dem Einhaus. Das sei als Weiterentwicklung des fränkischen Haustyps auf den langen, schmalen Grundstücken der Region gebaut worden. Der Kurpfälzer Kurfürst wollte Reichert zufolge damit für bessere hygienische Bedingungen bei seinen Untertanen sorgen. Die lebten nämlich bis dahin oftmals in sumpfigem Gelände mit dem Vieh unter einem Dach. Krankheiten waren vorprogrammiert.

Nach dem heutigen Draisinen-Bahnhof war ein weiterer Stopp bei den fünf während des Bahnstreckenbaus gefundenen Steinkreuzen entlang der Strecke zur Kreidacher Höhe. Um sie rankten sich viele Geschichten, sagte Theo Reichert. Weil sich dahinter die Galgenhöhe befinde, könnten es Sühnekreuze gewesen sein. Anhand der Straße „Im Weidenklingen“ verdeutlichte er, was die Endung -klingen bei Orts- oder Gemarkungsnamen versinnbildliche: nämlich das vom Haupt- abzweigende Nebental mit einer sauberen Quelle. Das Wort stamme wohl aus dem Althochdeutschen.

Dass es im Odenwald viele Fichtenkulturen gibt, ist Reichert zufolge indirekt dem Eisenabbau in früheren Jahrhunderten geschuldet. Für dessen Schmelze brauchte man viel Holzkohle. „Fünf bis sechs Kilo für eine Faust voll Eisen“, so die Relation. Ergebnis: „Der Waldbestand war 1750 bis auf fünf Prozent der Fläche weg.“ Da die Wiederaufforstung mit der eigentlich Odenwald-typischen Buche zu lange gedauert hätte, kam die schnell wachsende Fichte zum Einsatz.

Zum Abschluss der interessanten und lehrreichen Tour ging’s bei den beiden Kirchen um die Religion. Waren die Konfessionen anderswo klar nach Dörfern getrennt, so war dies in Wald-Michelbach nicht möglich. Denn mit Auflösung des Klosters Lorsch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts seien aufgrund von dessen Schulden neun zuvor ans Bistum Mainz verpfändete Höfe in dessen Besitz übergegangen, der Rest von Wald-Michelbach an den Heidelberger Kurfürsten.

Im Nachklapp der Reformation wurde die Kurpfalz evangelisch und somit trafen im Überwald beide Religionsgemeinschaften direkt aufeinander, führte Reichert aus. Doch die sonst eher streitlustig gesinnten Konfessionen lebten hier ab Beginn des 18. Jahrhunderts einträchtig zusammen. „1710 wurde es den Katholiken erlaubt, in der evangelischen Kirche ihre Gottesdienste zu feiern“, so der Nachtwächter.

Info: Weitere Nachtwächter-Führungen in Wald-Michelbach gibt es immer freitags: am 7. Juli, 21 Uhr, 11. August, 20.30 Uhr, 15. September und 13. Oktober, jeweils 20 Uhr. Anmeldungen unter Telefon 06207-94240 oder E-Mail info@ueberwald.eu.

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