Gemeinsames Fastenbrechen während des Ramadans im Wahlener Ditib-Gemeindezentrum

Der Uhrenvergleich machte deutlich: Der Zeitmesser von Imam Adem Ardahli ging zwei Minuten nach. Punkt 21.30 Uhr sollte an diesem Tag sein Ruf zum Ende des täglichen Fastens im Ramadan erklingen, den die Muslime am Wahlener Ditib-Gemeindezentrum bereits sehnlich erwarteten. Denn die Tage im Juni sind lang – und damit auch die Zeit, in der nicht gegessen und getrunken werden darf.

Traditionell wird mit einer Dattel oder einem Schluck Wasser das Fastenbrechen begonnen, erklärt der Vereinsvorsitzende Ismail Dogru. Suppe, Hauptspeise und Süßigkeiten schließen sich an, gefolgt von einem türkischen Schwarztee. An diesem Abend ging es mit einer Suppe aus Reis, Getreide und Kichererbsen los, gefolgt von einem traditionellen Dönergericht mit Reis, dazu Melone und Früchtekompott und danach etwas Süßem in Form von Baklava. Zwischendurch sprach der Imam ein „Brotgebet“, laut Dogru dem christlichen Tischgebet vergleichbar.

Das Fasten während des Ramadans sei eine der fünf Säulen des Islam, betonte er. Allerdings, machte der Vereinsvorsitzende deutlich, nehmen an ihm nur gesunde Muslime teil. Wer Medikamente nehmen müsse, krank sei, schwer körperlich arbeite, Leistungssport treibe oder schon älter sei, müsse ebenso nicht mitmachen wie die Kinder.

Wer nicht fastet, der sei gehalten, „ein Almosen zu leisten“ und an eine bedürftige Familie zehn Euro zu spenden. Pro Tag. Wichtig ist es, „dass das Geld direkt den Menschen zugute kommt – und nicht etwa der Vereinskasse“. Wer sich als gesunder Mensch einen Ausrutscher leistet und das Fasten ohne Not bricht, der muss dann doppelt so lange, also 61 Tage, fasten. Deshalb sagt Dogru auch, dass eine gute Portion Selbstdisziplin notwendig ist: „Entweder man macht es richtig oder man lässt es bleiben.“

Bei der sogenannten „Al-Kadr-Nacht“, der 27. Nacht im Ramadan, wird dann unter allen Muslimen gesammelt, um die Summe einem sozialen Zweck zu spenden. 2017 ist diese „Nacht der Bestimmung“ am 21. Juni. Dann übernimmt die Gemeinde die Bewirtung, während sich an den anderen Abenden – wie auch jetzt beim ersten öffentlichen Fastenbrechen nach Beginn – jeweils ein paar Familien zusammentun und die Gäste bewirten.

180 dürften es an diesem Abend gewesen sein, schätzte Dogru. Es werden immer zahlreiche gegenseitige Einladungen ausgesprochen. „Man hungert den ganzen Tag und freut sich dann auf diese Stunde.“ Das gemütliche Beisammensein nach dem Essen schätzt er besonders, weil es dann Gelegenheit gibt, sich mit Bekannten auszutauschen, die man sonst wenig sieht. Das Teravi-Gebet, das der Imam nur im Ramadan hält, beschließt den Tag.

„Die ersten drei Fasten-Tage sind relativ schwer“, sagt Dogru. Doch dann stelle sich der Körper drauf ein. Allerdings sei das Fasten „bei der großen Hitze wie vor einigen Tagen schon etwas grenzwertig“, meinte er. Denn man dürfe ja zwischen Sonnenauf- und -untergang auch nichts trinken. Bei der aktuellen Wetterlage lässt es sich aber ganz gut durchhalten.

Dogru sieht neben dem Glaubensaspekt auch eine gesundheitliche Bedeutung: „Fasten tut dem Körper gut und entgiftet“, betont er. Der ständige Konsum werde dadurch etwas gezügelt. Ein gesunder Mansch trage keinen Schaden davon. Ist es besonders heiß, sei Mundausspülen oder Gesicht waschen erlaubt. Neben dem Fasten gehören zu den fünf Säulen des Islam: Gottes Namen kennen in Form eines Gebets, fünf Mal am Tag beten, einmal im Leben Mekka besuchen und jedes Jahr ein Vierzigstel seines Vermögen als Almosen geben.

Beim Fastenbrechen sind schon seit mehr als zwei Jahren traditionell syrische Flüchtlinge aus dem Überwald dabei, die bei der Ditib ein Glaubens-Zuhause gefunden haben. Um die 40 dürften es an diesem Abend gewesen sein, schätzt Dogru. „Wir helfen bei Behördengängen, stellen Kleidung zur Verfügung oder unterstützen bei der Suche von Verwandten in der Türkei“, verdeutlicht er das Engagement des Vereins.

Ganz wichtig ist dem Vorsitzenden die Aussage, „dass beim Fastenbrechen die Politik außen vor bleibt“. An den Abenden „ist hier jeder nur Muslim“.  Denn natürlich gebe es unter den Teilnehmern vielfältige politische Ansichten – wie wenn Deutsche auf einer Kerwe zusammenkommen, schmunzelt Dogru. Sollte das Gespräch doch mal auf ein heikles Thema kommen und werde hitziger, „unterbinden wir das“.

 

Die türkisch-islamische Union Ditib im Überwald hat etwa 220 Mitglieder, so der Vorsitzende Ismail Dogru. Dazu kommen noch die zahlreichen Angehörigen. In der Bauhof-Verlängerung bei Wald-Michelbach (Bruchwiesen) hat man ein Grundstück gekauft, um dort ein neues Gemeindezentrum zu errichten. Der Bauantrag ist in Vorbereitung, Dogru rechnet mit einem Start der Arbeiten im kommenden Frühjahr. Das zweistöckige Gebäude wird seinen Worten nach kein Minarett, sondern eine Kuppel haben.

Der 1981 gegründete Verein ist seitdem in Wahlen beheimatet und vielfältig im kulturellen Leben des Überwalds präsent, betont er. So etwa als Teilnehmer beim Hammelbacher Straßenfest am 15. Juni, beim Wald-Michelbacher Gassenmarkt oder im christlich-islamischen Dialog. Man erfahre viel positive Resonanz aus der Bevölkerung. Dogru bedauert deshalb auch die negativen Schlagzeilen über den Ditib-Dachverband, die vor kurzem durch die Medien gingen. „Uns geht es um den Glauben“, hebt er hervor.

 

 

 

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