Die Büchse der Pandora soll nicht noch weiter geöffnet werden: Bürgerinitiativen wollen Windräder auf dem Flockenbusch bei Schönmattenwag verhindern

Wehret den Anfängen: Nachdem schon der Windpark am „Stillfüssel“ (bisher) nicht verhindert werden konnte, wollen die Bürgerinitiativen nun weitere Rotoren auf Wald-Michelbacher Gemarkung mit aller Macht ausschließen und dabei alle Hebel in Bewegung setzen. Die Zielrichtung geht noch weiter: „Für einen Odenwald ohne Windkraft“ lautete die Forderung bei der Protestwanderung von Unter-Schönmattenwag zum Gebiet Flockenbusch, wo auf hessischer Seite drei und auf badischer bei Brombach sieben Windräder entstehen könnten.

So steht es – zumindest auf Hessen bezogen – im Entwurf des Regionalplans Erneuerbare Energien vom Regierungspräsidium Darmstadt, der sich aktuell noch in der Offenlage befindet und gegen den Einwendungen eingereicht werden können. Es wurde von den Rednern wiederholt die Furcht geäußert, dass mit der Verabschiedung des Plans Tür und Tor für eine Zubetonierung des Odenwalds mit Windenergieanlagen (WEA) geöffnet werden könnte. Von theoretisch 400 bis 500 Masten war die Rede.

Über 100 Windkraftgegner hatten sich trotz des nassen, ungemütlichen Wetters auf die vier Kilometer lange Strecke zum über 400 Meter hohen Breuningsberg gemacht. Dort könnten auf einem Grundstück des in Neckarsteinach wohnhaften Barons von Warsberg drei Windräder entstehen, wenn der Plan Wirklichkeit wird. Nur ein paar Meter weiter, auf badischer Seite, sieht der Eberbacher Flächennutzungsplan weitere sieben Anlagen auf der Gemarkung des Stadtteils Brombach vor.

Die sind dann zwar vom Ulfenbachtal aus kaum zu sehen, würden aber von Rothenberg und Kortelshütte im Odenwaldkreis die nächsten auf dem gegenüber liegenden Odenwald-Hügel bedeuten. In den beiden Höhen-Orten fürchtet man schon jetzt eine nahtlose Windrad-Perlenkette vom Greiner Eck bis hin zum Stillfüssel.

„Nur 15 Meter entfernt von unserem Standort würde eine 250 Meter hohe WEA entstehen“, verdeutlichte Schönmattenwags Ortsvorsteher Hans-Dieter Martin die Dimension. „Und links hinter mir ganz in der Nähe weitere zwei“, machte er den betroffenen Wanderern klar, die mit Blick nach oben nur dichte Baumkronen wahrnahmen. Auf dem Breuningsberg hatten die BI-Organisatoren für die Veranstaltung eine ganze Reihe von Campingzelten aufgestellt, damit die Wanderer im Trocken sitzen konnten. Dazu gab es Kuchen und diverse Getränke für diejenigen, die eine knappe Stunde den Berg hinauf gelaufen waren.

Mit dem „Stillfüssel“ wurde laut Martin „die Büchse der Pandora“ geöffnet. Und das, obwohl sich Windräder wirtschaftlich nicht rechneten. Deshalb ist es für ihn unbegreiflich, „dass eine Bank bei der Finanzierung noch mitmacht“. Der Ortsvorsteher freute sich, dass durch den Besuch des designierten Bürgermeisters Dr. Sascha Weber auch seitens der Gemeinde deutlich gemacht werde, dass keine weiteren Rotoren gewünscht werden. Das Problem: Die Fläche liegt auf Privatgelände. „Der Baron bekommt einen Windpark, wenn er einen Betreiber findet“, so Martin. Deshalb müsse zuallererst die Aufnahme des Gebiets in den Regionalplan verhindert werden.

Der Odenwald ist dem Ortsvorsteher zufolge „ein windschwaches Gebiet“. Noch dazu wehe immer öfters nur ein laues Lüftchen. „Im Januar, sonst einer der windstärksten Monate, ging eine Woche lang gar nichts“, so Martin. Er machte deutlich, dass sich die 2011 gegründete Bürgerinitiative Ulfenbachtal nicht per se gegen Windkraft ausspreche, „sondern nur dort, wo sie keinen Sinn macht“. Eben auf den Odenwald-Hügeln.

In diese Kerbe hieb auch Vera Krug von BI Gegenwind Siedelsbrunn. Auch wenn sich die Gemeinde dagegen ausspräche, „ist es nicht so einfach, Windräder zu verhindern“. Im Entwurf des Regionalplans sei Wald-Michelbach von fünf WEA „eingekesselt“. Sie rief deshalb dazu auf, Einwendungen zu schreiben. „Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen.“ Es sei wichtig, dass die BI immer wieder in der Öffentlichkeit präsent sei.

Deshalb soll es laut Krug ab diesen Donnerstag jede Woche eine Demonstration durch Wald-Michelbach geben, kündigte sie an. Um 17 Uhr geht es an der Ecke Schulstraße los. Von dort soll sich der hoffentlich große Protest-Zug bis zum Rathaus bewegen. Den Bürgerinitiativen geht es darum, möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Info: Die BI Gegenwind Siedelsbrunn und Ulfenbachtal laden ein zur Informationswanderung auf den „Stillfüssel“. Diese findet am Sonntag, 21. Mai, um 11 Uhr statt. Treffpunkt ist in Siedelsbrunn am Wegkreuz „Zollstock“. Gast ist der Vizepräsident des Verbandes deutscher Naturparke, der ehemalige Landrat Matthias Wilkes.

Für Richard Leiner ist die einzig wirksame Maßnahme gegen den Klimawandel die Energieeinsparung. „Der größte Beitrag zum Klimaschutz wäre es, Urlaub in Deutschland zu machen statt ins Ausland zu fliegen“, sagte er. Deshalb leistet seinen Worten zufolge der Odenwald viel mehr für die Vermeidung von Kohlendioxid-Ausstoß, wenn er als Urlaubsgebiet propagiert statt mit Windrädern zugepflastert werde.

Der Heidelberger Geograf ging bei seinem Vortrag während der Kundgebung oberhalb des Flockenbusch auch darauf ein, dass Windenergieanlagen überhaupt nicht die Leistungsfähigkeit besäßen, um es mit konventionellen Kraftwerken aufzunehmen. Zwischen 1700 und 2000 Rotoren bräuchte es, um das Großkraftwerk in Mannheim zu ersetzen – und dann müsste auch noch ständig Wind gehen.

Diese Analyse brachte ihn zum Schluss, „dass Deutschland komplett beim Klimaschutz versagt“. Denn obwohl sich die Ökostrom-Produktion in den vergangenen Jahren verdoppelt habe, sei der Kohlendioxid-Ausstoß in der Stromwirtschaft nicht gesunken. „Wie kann man nur den Blödsinn glauben, durch ein paar Windräder im Wald den Klimawandel aufhalten zu können“, meinte er drastisch.

Leiner wies auf die seiner Auffassung nach negativen Auswirkungen der Windkraft-Nutzung hin. So gebe es Menschen, die unter den Schallimmissionen leiden, sagte er. Außerdem sinke der Immobilienwert in den betroffenen Gebieten. Und schließlich gebe es „einen signifikanten Zusammenhang“ zwischen dem Einbruch bei Touristenzahlen und der Nähe von Windrädern.

Es ist laut dem Geografen daneben ein Mythos, dass die Wertschöpfung in der Region bleibe. „Ein Großteil geht an die Projektierer“, sagte er. Die Kontrollmechanismen sind laut Leiner nicht mehr gegeben. Denn „die bisherigen Anwälte der Natur haben die Seiten gewechselt“. Er sah eine große personelle Verflechtung von Behörden, Betreibern, Verbänden und früheren Naturschützern. Deshalb wertete er die Bürgerinitiativen als wichtiger denn je. Sie seien „die größte Protestbewegung, die Deutschland je hatte“.

Leiner wies darauf hin, dass es sich beim Odenwald um eine einzigartige und schützenswerte Natur handle. Es sei aber nie kartiert worden, welche schützenwerte Arten dort vorkämen. Weshalb jetzt die Windkraftgegner in der Beweispflicht seien, „dass es sie dort gibt“. Bis vor kurzem sei dies noch Konsens gewesen, jetzt wurde seinen Worten zufolge alles ins Gegenteil umgekehrt.

Wenn die Vorrangflächen im Regionalplan erst einmal ausgewiesen sind, „wird es echt schwer Windräder zu verhindern“, meinte er. In Baden-Württemberg seien sogar die Landschaftsschutzgebiete durchlässig. Dort dürften Ausschlussflächen überhaupt nicht mehr ausgewiesen werden, sondern nur Vorranggebiete. „Alles, was der Windkraft im Weg stand, wurde abgeschafft“, so Leiner. Und das gegen den erklärten Willen der Kommune.

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