Wolpertinger spielen in Gras-Ellenbach Folklore und Folk von Fredl Fesl bis zu Stones

Wer schon 30 Jahre zusammen auf der Bühne steht, der genügt einfach nur sich selbst. Da wird selbst der Duo-Partner manchmal lediglich zum Beiwerk, wenn sich der eine, Adax Dörsam, in seinen Fingerverknotungen auf der halbakustischen Gitarre verliert und sich der andere, Matz Scheid, bei diversen Wortspielen fast die Zunge verknotet. Beide zusammen als „Wolpertinger“ auf der Bühne der Nibelungenhalle sind ein Erlebnis in Wort und Musik, das sich nur schwer in eine Kategorie einordnen lässt.

Wie die beiden da nebeneinander auf den mit braunem Stoff bezogenen, etwas durchgesessenen und in die Jahre gekommenen Stühlen sitzen, die direkt aus dem Foyer geklaut sein könnten, würden sie auch trefflich auf die Empore der Muppets-Show mit den ewig grantelnden Opas passen. Der eine mit weißen Haaren und ebensolchen Bart, der andere mit undefinierbarem Knautschhut als Tarnung für den schon nach hinten gerückten Haaransatz.

Dazu noch Klamotten, die auch gut zuhause ins Wohnzimmer beim Fernsehschauen auf der Couch passen würden. Fehlt nur noch die Joggingshose. Matz Scheid mit seinem Karohemd erweist sich ebenso als zeitloser modischer Trendsetter, der vor 30 Jahren stehen geblieben ist, wie Adax Dörsam mit seinem Westernoutfit, gnadenlos gekontert mit diversen bayrischen Accessoires.

Ebenso gewagt wie der klamotteske Rest ist auch die musikalische Auswahl. Unter den Begriff „Folk“ lässt sich eben alles Mögliche zusammenfassen. Bayerische Folklore ist die bekannte Ansammlung von schwer verständlichen Urlauten, die dann ihren besonderen Touch bekommt, wenn sich hintergründiger Humor à la Fredl Fesl darunter mischt.

Folk ist aber das, was die US-Amerikaner darunter verstehen. Beziehungsweise Country und Western von Johnny Cash mit „Folsom Prison“ nebst jazzigen Elementen oder mit „Dead Flowers“ ein Song der Rolling Stones. „Moonlight, Midnight“ von Peter Rowan, der auch für Greatful Dead Lieder beisteuerte, bildet dann wieder einen Ausflug in die Bluegrass-Szene.

Viel Wortwitz, hintergründiger, schwarzer Humor, die Kunst, sich und den anderen auf die Schippe zu nehmen, sind dabei das Grundgerüst der beiden Wolpertinger. Ob sich Dörsam und Scheid als Analogie zum Namen das Ziel gesetzt haben, möglichst viel Unvereinbares unter einen Hut zu bekommen, um damit ebenso zu widerlegen, dass dies eigentlich unmöglich zu kombinieren ist wie es den Scharaden-Vogel eigentlich nicht gibt?

Wie auch immer: Zumindest gesanglich outen sie sich im eigenen Werk als Wolpertinger, lassen aber auch Georg Kreisler, Ludwig Hirsch, Anton Karas oder Fredl Fesl im ersten Set zu Wort und zu Ohr kommen. Immer getragen von der schnippischen, frechen Moderation des Frontmanns vom Odenwälder Shanty Chor, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

Wobei er sich bei den Gras- und Grasellenbachern am Anfang etwas die Zähne ausbeißt, als er die zum Mitsingen bewegen will. „Das klingt noch etwas klerikal“, witzelt Scheid bei zuerst sehr getragenen Einsätzen. Es klappt erst mit fortwährender Dauer, aber dann umso besser, sodass sich im Hintergrund ein vielstimmiger Chor bildet, wenn er denn dazu aufgefordert wird, den Refrain zu gestalten.

Die „Ghost riders in the sky” von Stan Jones verortet Matz Scheid gleich als Plagiat des wilden Rodensteiner Heers aus dem Odenwald. Der „Umgang“ als traditionelle Weise aus dem München des 19. Jahrhunderts während der Fronleichnamsprozession ist ein krasser Gegensatz zum vorherigen „Moonlight“, bei dem sich beide auf ihren Gitarren gegenseitig hochschaukeln.

Vor allem Dörsam zeigt hierbei filigran, dass er ein Meister auf den sechs Saiten ist, der sich ein ums andere Mal kräftigen Applaus abholt. Da sitzt jeder Ton, ob er nun die Gitarre jammern, jodeln, jauchzen oder jubeln lässt. Und das in einer Weise stoisch, wie sein Gegenüber als Kontrapart die verbale Inkontinenz kaum in den Griff bekommt. Etwa wenn Matz Scheid wortreich den Saal dazu auffordert, beim „Jammertal Blues“ von Manfred Maser sich selbst gehen zu lassen, mitzujammern: „Das befreit total“, meint er, und macht es schluchzend gleich vor.

Dass bei der Persiflage auf die „Wanderer“ ein paar vom Odenwaldklub im Saal sitzen, kratzt den Entertainer nicht. Da die seiner Aufforderung, doch während des Songs eine rauchen zu gehen, nicht nachkommen, müssen sie eben die bitterböse Satire über „Wochenend‘ und Sonnenschein“ über sich ergehen lassen.

Der „Ritter Hadubrand”, bei dem selbst Schlappgosch Scheid vor den verdrehten Strophen und Reimen eines Fredl Fesl kapitulieren muss, ist dann der Abschluss des bairisch-folkloristischen Teils. Danach packt Dörsam die Gitarre-Harke aus und durchkämmt fingerfertig die südamerikanische Latino-Musikszene. Optimal als letztes Stück in Szene gesetzt, kommen die beiden bei einem begeisterten Publikum natürlich ohne Zugaben – darunter „Dark Hollow“ von den Grateful Dead“ – nicht nach Hause.

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