Beim Verein LUNA in Affolterbach: Vorträge zur EU-Landwirtschaftspolitik in Theorie und Praxis

Beim Infoabend des Vereins LUNA (Landwirtschaft Umweltverträglich Nachhaltig Artgerecht) gab es Infos aus der Theorie und aus der Praxis. Im Dorfgemeinschaftshaus referierte der Historiker Dr. Sascha Weber über „EU-Agrarpolitik und die Auswirkungen auf den ländlichen Raum“. Interessant für die Landwirte, aber auch für die Gemeinde sind die aktuellen Fördermöglichkeiten zur Entwicklung des ländlichen Raums aus dem EU-Programm Entwicklungsplan für den ländlichen Raum (EPLR). Danach erzählte Biolandwirt Christian Zimmermann aus Beerfelden von der Umstellung seines Hofes auf einen Bio-Betrieb.

An der aktuellen EU-Landwirtschaftspolitik ließ Weber kein gutes Haar. Die sei „ähnlich konfus“ wie vor 100 und mehr Jahren, als kleinstaatlicher Protektionismus vorherrschte. Mit Blick in die Runde meinte er, dass noch viele Gäste die Zeit der kleinen und mittleren Bauernhöfe miterlebt hätten, die in den 1990er Jahren nach und nach aufgebeben wurden. Laut dem Referenten werden immer noch 38 Prozent des EU-Haushalts für die Förderung der Landwirtschaft verwendet, „obwohl nur fünf Prozent der Menschen dort arbeiten“.

„Die EU betreibt eine deutliche Agrarprotektion“, führte Weber aus. Mit ein Grund, warum die eher freihandelsorientieren Briten bei der EWG-Gründung Mitte der 1950er Jahre außen vor blieben. Er zeichnete die Entwicklung von den 1880er Jahren bis hin zur Entwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) Anfang der 1960er Jahre nach. Diese war immer geprägt von Abschottung, um die eigenen Landwirte zu unterstützen.

Die GAP hatte Weber zufolge aber nicht den gewünschten Erfolg. Denn Intensivierung und technische Modernisierung sowie Produktions- und Preisgarantien führten zu Überproduktion. Folge waren ein steigender Anteil am EU-Haushalt für GAP, um die Überproduktion zu stark subventionierten Preisen am Weltmarkt zu verkaufen. Was bedeutete: die GAP-Kosten stiegen, die Einnahmen der Bauern sanken.

Die GAP-Reform 1992 sollte mehr Markt ermöglichen, ging dem Referenten zufolge aber nach hinten los. Denn die Folgen waren höhere EU-Ausgaben, mehr Bürokratie, das Sterben kleiner Höfe und weniger Markt. Statt Extensivierung habe es eine Intensivierung gegeben – mit negativen Auswirkungen auf den Weltmarkt.

Es folgten in den Jahren 2003-2005 und 2013 zwei weitere Reformen, die ebenfalls nur begrenzte Erfolge hatten. Hintergrund der ersten sei vor allem die Stabilisierung der EU-Ausgaben mit Blick auf die Osterweiterung und dem dortigen größeren Agrarsektor gewesen. Ein Kritikpunkt von Weber: Die Maßnahmen führten dazu, dass vor allem Großbetriebe von den Zahlungen profitierten. Er ging auch noch auf die Nitratbelastungen der Böden durch die Landwirtschaft ein. Eine angeregte Diskussion mit vielen Nachfragen schloss sich an.

Über seinen Betrieb im Beerfelder Walterbachweg und die Umstellung auf Bio-Kriterien sprach Christian Zimmermann. Er hatte auch einige Produkte aus dem Hofladen zur Verkostung mitgebracht, von deren Qualität sich die Besucher in der Pause überzeugen konnten. Zimmermann ist „Milchviehhalter aus Leidenschaft“. Er hat 70 Fleckviehkühe mit weiblicher Nachzucht im Stall. 2009 wurde der Betrieb auf Bio umgestellt, was eine gewisse Übergangszeit bedeutete.

Wie Zimmermann den Besuchern im Dorfgemeinschaftshaus erläuterte, werden die Milchkühe ab 2008 nur noch homöopathisch behandelt. Ab dem Spätjahr 2010 durfte er dann seine Milch mit dem Zusatz Bio verkaufen. Die Kühe stehen auf 54 Hektar Land, wovon 23 Hektar Kurzgraswiesen sind. Zusätzliche fünf Hektar stehen als Herbstweide zur Verfügung. Durch die Verwendung von Weidetränken muss der Bio-Landwirt nicht mit Tankwagen auf die Wiesen fahren.

Seitdem er auf Bio-Milch umgestellt hat, rechnet sich laut Zimmermann die Milchviehhaltung wieder. Denn er bekommt 54,31 Cent für den Liter. Pro Hektar beweideter Fläche kommt er auf 8350 Liter pro Milchkuh. Weil er große Weideflächen zur Verfügung hat, gibt es dem Landwirt zufolge weniger Trittschäden. Weswegen Zimmermann sagt, dass das Weidesystem dem Betrieb Arbeit, Zeit und Geld spart. Es bedeute „ein Stück Lebensqualität“.

Für Zimmermann und seine Familie hat sich die jährliche Arbeit verändert. Die Kurzgraswiesen muss er nicht mehr nachmähen, sondern nur noch nachsäen. Denn die Kühe dürfen schon im Februar, wenn das erste Grün zu sehen ist, nach draußen. Eine Melkpause gibt es nicht. Außerdem kommt ein Bulle mit auf die Weide, damit alle Kühe trächtig werden. Die Kälber kommen in der Regel von Ende Dezember bis Ende März auf die Welt.

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