Wie geht’s weiter mit dem „Ländlichen Raum“?: Entwicklungsprozesse müssen von unten heraus entstehen

„Perspektiven für den ländlichen Raum“ hatte das Evangelische Dekanat Bergstraße seine Veranstaltung überschrieben, zu dem es in die Nibelungenhalle eingeladen hatte. Eruiert werden sollte, wie es angesichts des demografischen Wandels und des Ausblutens der Dörfer „auf dem Land“ weitergehen soll und kann. Referenten waren Landrat Christian Engelhardt sowie der „zupackende Landexperte“ und ehemalige Pfarrer Ulf Häbel. Klar wurde eines: Patentrezepte gibt es nicht, selbst mit der richtigen Medizin ist es schwierig, die Symptome zu kurieren. Wichtig ist aber, überhaupt etwas zu tun, sich zu organisieren, anzupacken, und sich nicht dem Siechtum hinzugeben.

Die Begriffe Ländlicher und Ballungsraum „sind eine Frage des Maßstabs“, meinte Landrat Engelhardt. Aus Frankfurter Sicht sei alles im Umkreis ländlich, vom Vogelsberg aus betrachtet wiederum erscheine der Landkreis Bergstraße als gut angebunden und versorgt. Unter den vier Regionen Ried, Bergstraße, Neckartal und Odenwald sei letztere mit einer nicht so guten Infrastruktur gesegnet. „Daraus ergeben sich bestimmte Herausforderungen.“

Die gefühlte Entfernung, so Engelhardt, sei in der Ebene oftmals kleiner als in der Hügellandschaft mit ihren vielen Kurven und engen Straßen. Die Anbindung „entscheidet aber oft über Zu- oder Wegzug“, meinte er. Dadurch gebe es auch Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung. Häuser stehen leer, die Infrastruktur verschwindet, Schulen müssten schließen: Laut Engelhardt Rahmenbedingungen, unter deren Einfluss gestaltet werden müsse.

„Aus Schwächen müssen wir Stärken machen“, forderte der Landrat. Denn im ländlichen Raum gebe es noch den örtlichen Zusammenhalt, viel Fläche, intakte Natur und Ruhe. Das wüssten gerade junge Firmen aus dem IT-Bereich zu schätzen, die nicht einen Standort im Ballungsraum benötigten. Dazu sei die touristische Infrastruktur noch ausbaufähig, meinte er mit Verweis auf die Pfalz. „Viele Nachteile des ländlichen Raums lassen sich durch technische Entwicklung ausgleichen“, sagte er. Hierzu sei die Infrastruktur für den Datentransport ganz entscheidend.

In Planung ist laut Engelhardt das Modellprojekt Raumordnung (Moro) unter dem Titel „Vision Bergstraße“. Hier soll erarbeitete werden, was den Bürgern in der jeweiligen Region besonders wichtig ist. Und zwar nicht von oben herab, sondern von unten. „Die Politik sollte sich an solch langfristigen Konzepten nicht allein versuchen“, betonte er, sondern in Zusammenarbeit mit den verschiedenen örtlichen Akteuren auf die Ziele verständigen: „Damit der ländliche Jahr im Jahr 2030 so aussieht, wie ihn sich die Menschen vorstellen, die hier leben.“

Der Landrat hob gleichzeitig hervor, „dass wir uns nicht gegen die Megatrends stemmen können“, sondern nur mit ihnen arbeiten könnten. Die Entwicklungsprozesse im ländlichen Raum müssten von unten heraus entstehen, sagte Engelhardt. Mit Blick auf die ärztliche Versorgung hob er das veränderte Berufsbild junger Mediziner hervor, dem man Rechnung tragen müsse – und die zurückgehenden Bevölkerungszahlen. Ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in Lindenfels könnte auch Satelliten haben, meinte er. Und eine Facharztpraxis müsse nicht stationär an einer Stelle sein, sondern tageweise in verschiedenen Orten.

Was sie denn aus dem Referat des Landrats mitgenommen hätten, fragte Dekan Arno Kreh im Anschluss Peter Bauer, Heinz Fischer und Gerald Keßler. Letzterer, Vorsitzender des Kneipp-, Kur- und Verkehrsvereins, verwies auf die ärztliche Versorgung, die gerade in einem Kurort wichtig sei. Daneben erwähnte er den ÖPNV, der sich in Richtung benachbartem Odenwaldkreis als sehr schlecht darstelle.

Für Peter Bauer, der sich ehrenamtlich um Fahrradstrecken in der Region kümmert, hängt vieles am Geld. Die finanzielle Ausstattung der Gemeinden „ist eklatant schlecht“, sagte er. Der ländliche Raum müsse besser ausgestattet werden, forderte er. Er machte ein „unglaubliches Engagement“ durch das Ehrenamt aus, weshalb es gelte, „gegen schlechte Rahmenbedingungen anzukämpfen“.

Für Heinz Fischer von der Wirtschaftsvereinigung Überwald ist die Ansiedlung von Hightech-Unternehmen nur eine Seite der Medaille. „Wir müssen auch auf die traditionellen Handwerksbetriebe blicken“, forderte er. Die wiederum seien viel an der Bergstraße tätig und müssten sich durch Nadelöhr B38 kämpfen – weswegen er die Ortsumfahrung Mörlenbach als dringend notwendig ansah. Den Fortbestand des Steinbruchs Mackenheim betrachtete er als wichtig in Bezug auf die damit verbundenen 200 Arbeitsplätze.

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