Mit der Datenbrille der Wald-Michelbacher Firma Adtance gibt’s den richtigen Durchblick

Selbst Landrat Christian Engelhardt, nach eigener Aussage ein „technikaffiner Mensch“, kam bei der Firma Adtance nahe der Igena ins Staunen. Denn was ihm dort von Sven Arnold, der zusammen mit seinem Bruder Nils die Firma leitet, erläutert wurde, gibt es laut dessen Worten in dieser Form ganz selten zu finden. Engelhardt besuchte im Rahmen des Innovationstags zusammen mit Marco Stibe von der Wirtschaftsförderung Bergstraße (WFB) den Betrieb mit seinen 16 Mitarbeitern in Wald-Michelbach, München und Essen.

Angefangen hat alles mit einer Support-Lösung für die Autoindustrie. Aufgrund der zahlreichen technischen Neuerungen „kann ich nicht laufend Monteure auf eine Schulung schicken“, so Arnold. 90 Prozent der Arbeiten könnten diese abdecken, aber manchmal brauche es halt auch Hilfe von außen. Mit der Datenbrille „Smart Glass“ gibt es diese. „Der Monteur setzt die Brille auf, bekommt eine neunstellige Nummer, ruft bei Ford an, die dortigen Mitarbeiter loggen sich mit dieser auf der entsprechenden Webseite ein und können dann durch die Brille sehen, was erledigt werden muss.“

„Wir haben weltweit die schnellste Übertragungstechnik“, zeigte sich Arnold stolz über die Errungenschaft seiner Firma. Es gebe nur 0,4 Sekunden Differenz, somit könne die Arbeit in Echtzeit gesteuert werden und der Monteur habe die Hände frei. Das Ganze gibt’s dann auch in verschiedenen Sprachen, denn Daten lassen sich ebenfalls auf die Brille übertragen. Sollte also jemand in Shanghai Hilfe aus Deutschland benötigen, so wird dies laut Arnold hier eingetippt und mittels Google Translator dort auf Chinesisch ausgespuckt. Die Sicherheit spielt dabei eine große Rolle. „Wir haben eigene Hausserver und verschlüsseln jede Session“, betonte Arnold. Dazu gibt es drei deutschlandweite Rechenzentren.

Die Idee zur jetzigen Firma kam den Brüdern Ende 2014, erläuterte Arnold auf eine Frage des Landrats. Schon während des Informatikstudiums hatten sie eigene Firmen. Die Kunden hätten immer beklagt, direkt vor Ort sein zu müssen. „Wir haben Ende 2014 angefangen zu experimentieren“, so der Geschäftsführer, um diese Wege vermeiden zu können. Design und Entwicklung der Brillen erfolgen in den USA, sagte er, die Fertigung in Shanghai. Adtance nehme jeweils ein festes Kontingent an Datenbrillen ab.

Nach der Firmengründung im März 2015 „haben wir alles noch einmal komplett verworfen“, sagte er. Mitte des Jahres kam dann das Produkt mit einer niedrigeren Latenzzahl wieder auf den Markt. Erste Kunden seien etwa Anwaltskanzleien gewesen, die mit Mandanten in Shanghai zusammenarbeiteten. „Der Anwalt vor Ort setzt die Brille auf“, erklärte Arnold das Vorgehen, und von Deutschland aus könne dann Rücksprache gehalten und alles in Augenschein genommen werden.

Laut dem Geschäftsführer strebt Adtance ein „organisches Wachstum“ an. Dazu gehöre auch, mit eigenen Mitteln zu arbeiten. Peu à peu soll die Erweiterung vorangehen. Derzeit belegt man 320 Quadratmeter in der Pfalzgasse, für 700 bis 750 gibt es auf dem Gelände Platz. „Wir können das Gebäude noch einmal in der gleichen Größe anbauen“, so Arnold.

Im Auftragsportfolio hat Adtance bereits jetzt klangvolle Namen: Pro7/Sat1 etwa, Airbus oder MAN. Auch in den Bereich der Virtual Reality dringt die Firma vor. So wolle ein Fahrstuhlhersteller aus Berlin sein Schulungscenter erweitern. Dafür würden Fahrstuhlräume in 3D entwickelt, „damit man sich darin bewegen kann“. Vertriebspartner gebe es in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Tschechien, sagte Arnold. Derzeit expandiere man gerade in die USA. Für Engelhardt ist das Geschäftsfeld ein „unglaublicher Markt“, wie er beeindruckt sagte.

Adtance beschränkt sich laut Arnold dabei vor allem auf das Kerngeschäft und entwickelt die Webportale, über die die Datenbrillen-Kommunikation läuft. Natürlich geht das nicht ohne leistungsfähige Partner. So kann der Brillenhersteller innerhalb von zwei bis drei Wochen 20.000 Stück liefern. Den dort verwendeten, eigens hergestellten Intel-Chip „dürfen wir als einzige in Deutschland selbst reparieren“, so Arnold. Die verschiedenen Workflows wiederum würden durch die Kunden entwickelt. „Wir brauchen fast keine Installationen und kommen um fast jede IT drumrum“, betonte er.

Eine solche Firma „erwartet man nicht unbedingt in Deutschland“, geschweige denn in einer eher ländlich geprägten Region wie dem Überwald, war der Landrat mehr als angetan von Adtance. „Das Arbeitsumfeld muss stimmen“, entgegnete Arnold, der im Nachbarort wohnt. Das Problem in der hiesigen Region seien die Fachkräfte, weswegen man auch die weiteren Büros in den beiden Großstädten unterhalte. Zentrale ist aber im Überwald. Zwecks Ausbildung sei man als entsprechender Betrieb an der Dualen Hochschule in Mannheim gelistet, hob er hervor.

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